Alexander Schmitz war eine Viertelstunde zu früh in dem Restaurant am Marktplatz. Das war kein Zufall. Er machte das immer so, wenn er eine Verabredung hatte. Er wollte damit dem Klischee begegnen, dass sich der eine Verspätung erlauben konnte, der sich für bedeutsamer hielt. Und bei ihr schien es ihm besonders wichtig, dass er ihr nicht überheblich oder unbescheiden vorkam.

Hielt er sie nicht wie einen flüchtigen Vogel in der Hand, der durch eine unbedachte Bewegung vertrieben werden konnte? Aber was hieß hier in der Hand? Zwar wusste er, dass sie kommen würde. Wenn er so weit war, war eigentlich noch nie etwas schiefgegangen. Doch bei ihr war er sich insgesamt seltsam unsicher.

Der Kellner hatte ihm ein Glas griechischen Rotwein auf den Tisch gestellt. Nichts Besonderes. Aber die Farbe war wichtig. So sah alles romantischer aus. Wenn sich auch alles am helllichten Tag abspielte. Ein lauschiger Abend wäre natürlich besser gewesen. Aber davon wollte sie nichts wissen. Wie ein scheues Reh, dachte er. So war sie ihm auch vorgekommen, als er sie von hinten in der Fußgängerzone sah. Schlanke Fesseln an hohen Beinen, die zur Flucht bereit waren.

Die anderen waren nie so gewesen. Bodenständiger oder praller, auch von anderen begehrt. Das hatte dazu geführt, dass er seinen Aufenthaltsort wechseln musste. Weil er schon zu bekannt geworden war.

Gut, der Ortswechsel hatte auch mit seiner Arbeit zu tun. Er war froh, dass er hier die Stelle bekommen hatte. Obwohl sie ihn unendlich langweilte. Den ganzen Tag nichts zu tun als nur die Eintretenden zu beobachten oder wenigstens den Anschein zu erwecken, während er mit seinen Gedanken ganz woanders war. Damit sich die Kunden sicher fühlten.

Wenn die dunkelhaarige Dralle an der Fotokasse neben seinem Standort erschien, erlaubte er sich manchmal ein Schwätzchen mit ihr. Das war die einzige Abwechslung in der Ödnis. Allenfalls ergab sich gelegentlich ein Lichtblick durch eine Kundin, die ihm wegen ihrer Gestyltheit oder ihrer zur Schau getragenen Reize ins Auge stach.

Doch er wollte nicht wieder seine Stelle verlieren, weil der Chef unzufrieden damit war, dass er seine Arbeit vernachlässigte, was auch immer das heißen mochte. Da er ja sowieso nie zu einer regelrechten Tätigkeit kam. Der Sinn dieser Jobs blieb ihm immer verborgen. Aber er brauchte sie, da das Arbeitslosengeld nicht ausreichte, um ihm eine angemessene Kleidung und einigermaßen passende Restaurantbesuche zu erlauben.

Wenn er an ihre Fesseln und an ihre Waden dachte, ging es ihm wie einem Kunstliebhaber mit der Mona Lisa. In der Fußgängerzone war er ihnen wie ein aufgeregter Täuberich gefolgt. Ein Täuberich, der auf der Jagd nach Schönheit war.

Ihn widerten die orangeweißen Absperrungen an, hinter denen die brutalen Greifarme des Baggers in den städtischen Böden herumwühlten, die sowieso schon von Kabeln und Röhren geschunden waren. Vor kurzem noch hatten ihm die Schatten der Bäume Trost gespendet, wenn er sich auf dem Weg zu seiner ungeliebten Arbeit befand. Und auf dem Rückweg hatte er manchmal das Glück, dass er auf einer der grünen Rundbänke neben einer kleinstädtischen Schönheit sitzen durfte, die seinem geübten Charme schon bald zu verfallen schien.

Sie war gerade von einer dieser schmierigen Matten, die man auf die aufgerissene Erde gelegt hatte, von einer Seitenstraße in die Hauptstraße eingebogen, als er ihre unglaublichen Beine vor sich auftauchen sah, gleich neben ein paar dieser aufdringlichen Baulampen in Gelb und Rot. Aus einem bunten Kleid wuchsen diese Beine heraus, zart, grazil und unverdorben. An allerlei erinnerten sie ihn, obwohl er nicht hätte sagen können, an was.

Vorher hatten ihn die Flicken im Pflaster an seine eigene Vergangenheit erinnert. Immer wieder war er gezwungen, sie zu übertünchen. Und es blieben Flecken wie der hässliche Asphalt in ihm zurück. D

er ausländische Steinschneider mit seinen Ohrenschützen und das durchdringende Schneidegeräusch vermittelten ihm ein Gefühl von Fremdheit. Sollte diese Ungemütlichkeit auch seine Zukunft bestimmen? Er selber hätte an seinem ungeliebten Arbeitsplatz keine Ohrenschützen oder einen Walkman tragen dürfen. Er musste immer nur hinschauen und hinhören, obwohl es so wenig zu sehen und zu hören gab. Jetzt entführte ihn der Blick auf diese Beine sofort in eine andere Welt. Dort konnte er seine Einsamkeit vergessen.

Diese Beine! Er brauchte Abwechslung. Und schön musste sie sein. Wie diese Schuhe verführerisch auf das Pflaster klopften! Als er dabei war, die Schönbeinige zu überholen, wehten ihm die lockig-welligen Haare der Frau eine angenehme Ergänzung in den Blick. Das Gesicht darunter aber erschien ihm merkwürdig fremd. Er war noch dabei, es in seine Welt einzuordnen, als sie diesen Satz von sich gab, der ihn einerseits erstaunte, andererseits zu einem schnellen Handeln veranlasste, wie es bei ihm selten vorkam.

„Ich habe keine Kraft mehr.“

Hatte sie es nicht halb zu ihm herübergesprochen? Wie in Trance ergriff er ihren linken Arm, um sie festzuhalten. Sie geriet ins Stolpern. Er fasste mit seinem linken Arm um sie herum. Nun beugte sich ihr Körper so nach vorne, dass sich ihr rechter wohlgeformter Busen genau in seine geöffnete Hand hineinschmiegte. Zufall?

Im gleichen Moment aber standen die beiden Alten neben ihnen. Mit wutverzerrten Gesichtern.

„Das ist ja eine Unverschämtheit! Wir haben alles genau beobachtet. Eine versuchte Vergewaltigung. Am helllichten Tag.“

Der Mann hob seinen Schirm und hielt ihn drohend gegen Alexander. Helle Empörung stand auf seiner Stirn.

„Aber da haben Sie sicher etwas missverstanden.“

Alexander horchte aufmerksam auf die sanfte Stimme, die ihm da zur Seite stand.

„Wir saßen dort vor dem Cafe und haben alles genau beobachtet. Wollen Sie, dass wir die Polizei rufen? Wir haben ein Handy dabei. Immer. Für alle Fälle.“

Nur zögernd ließen sie danach von ihrem Vorhaben ab. Kopfschüttelnd begaben sie sich wieder an ihren Platz vor dem Cafe, nachdem die Schönbeinige ihren gewaltsamen Schutzversuch abgelehnt hatte.

Alexander war so fasziniert von ihr, dass er ihre Rede nur halb mitbekam. Und es musste doch weitergehen. Eissalon! Er lud sie zum Eissalon in der Nähe des Bahnhofs ein. Erstaunlicherweise willigte sie sofort ein.

***

Als er sich mit seinem Vornamen Alexander vorstellte, war sie lediglich Frau Lichtenberg für ihn. Um Gottes Willen nicht aufdrängen! Schnell wiederholte er seinen Vornamen und setzte seinen Nachnamen hinzu.

„Was darf ich für Sie bestellen, Frau Lichtenberg?“

„Sie haben mir geholfen, Herr Schmitz. Deshalb lade ich Sie ein.“

„Das kann für mich auf keinen Fall in Frage kommen.“

Das habe ich noch nie geduldet. Wobei er sich diesen Satz verkniff. Er musste sich jetzt ganz auf die Gegenwart konzentrieren. Obwohl er ihre Beine nicht sehen konnte. Sie waren ja unter dem runden Tischchen verschwunden. Damit sie nicht merkte dass er sie da suchte, schaute er ihr fest in das sanfte Gesicht, das ihn wieder ein wenig irritierte.

Sie sträubte sich dann auch nicht länger gegen seine Einladung. Er bestellte bei dem Kellner mit der Windstoßfrisur einen Amarenabecher für sie. Für sich ein kleines gemischtes Eis mit Sahne.

Sie bedankte sich noch einmal bei ihm für seine spontane Hilfe, als sie zu stolpern drohte.

„Wie konnten Sie meine Situation so rasch einschätzen, dass Sie mir genau im richtigen Augenblick zu Hilfe kamen?“

„Na, ich habe doch gehört, was Sie gesagt haben.“

„Gesagt? Habe ich etwas gesagt?“

„Es wurde Ihnen doch offensichtlich übel oder schwindlig. Sonst hätten Sie das doch nicht gesagt.“

„Aber was? Ich weiß nicht, was ich gesagt habe.“

Sie schaute ihn mit einem erstaunten Lächeln an, welches ihn wiederum seltsam berührte. Er konnte das Gefühl, das in ihm hochstieg, nicht richtig einschätzen.

***

Erwin hätte sie nie so genau beobachtet. Da war sie sich sicher. Wie oft hatte sie sich das gewünscht. Zum Beispiel ihre Traurigkeit bei der Geburt ihres Neffen, sie waren schon drei Jahre verheiratet, die kleinen Fingerchen, die großen Augen, warum schaute er nicht in ihre Augen, wenigstens ihre Traurigkeit hätte er doch wahrnehmen können.

Als Marketingmann hatte er sie wie ein Marketingmann umworben. Er sprach von ihrem Kleid, ihrer Figur, ihren Haaren, und sie war auf seine Bewunderung für sie abgefahren. Erwin war damals einfach auf sie zugekommen und hatte ihr den Hof gemacht. An dem lauen Abend in dem Gartenrestaurant, das sie mit ihrer Freundin Ursula besuchte.

Und schon damals hatte er dieses Wort benutzt, das sie heute ganz anders verstehen würde. Zerbrechlich. Ja, er hatte sie zerbrochen. Aber erst später, erst allmählich. Und sein Tonfall war anders gewesen. Überhaupt der Tonfall. Der hatte seine ganze Verführungskunst ausgemacht. Der Tonfall der Bewunderung. Da konnte er alles sagen, was er wollte.

Der Tonfall bog alles hin. So dass zerbrechlich fast wie ein Verdienst klang. Auf jeden Fall eine bewundernswerte weibliche Eigenschaft, die sie zu einem feinen Wesen stilisierte, das sie sicher auch teilweise war, aber eben nur teilweise. Was sie sonst noch war, interessierte ihn offensichtlich nicht.

Aber der hier bewunderte sie mit keinem Wort. Sie war sich bewusst, dass sie stattdessen ihn bewunderte, und dass sie das selber genoss. Wie liebenswürdig er redete und sich benahm! Wie interessant er erzählen konnte! Und wie aufmerksam er ihr Stolpern beobachtet hatte und ihr beigesprungen war! Aber konnte sie ihm trauen? Und dann dieses  Bäuerlich-Naive, das sie gleichzeitig an ihm feststellte.

Wie anders war Erwin gewesen! Wie gerne hätte sie ihn bewundert! Aber sie kam gar nicht dazu. Seine Tatkraft nahm ihr vieles ab. Und diese Tatkraft zeigte sich ja auch in seinen geschäftlichen Erfolgen. Da ihr Sinn aber nach allem anderen als Geschäftlichem stand, war auch da kein Platz für Bewunderung. Sie hätte sich Bewunderung auf einem Gebiet gewünscht, das etwas mit Abenteuer oder Enthusiasmus zu tun hatte. In seinem Beruf und gesellschaftlich hatte er immer Erfolg,

Nur auf einem Gebiet wollte sich der Erfolg nicht einstellen. Sie bekamen kein Kind. Obwohl sie das beide wollten. Sie hatte deswegen ein schlechtes Gewissen, obwohl nie klar wurde, wessen „Schuld“ es war. Aber irgendwie ahnte sie gleichzeitig, dass dazu ein Stück Liebenswürdigkeit von Erwins Seite fehlte, ein wenig Charme, etwas weniger Präzision.

Als sie dann entdeckte, dass Erwin ein Verhältnis mit seiner Sekretärin hatte, war es nur noch ein kurzer Schritt bis zur Scheidung. Mittlerweile war die gegenseitige Entfremdung so weit fortgeschritten, dass es keinen von ihnen mehr ins Mark traf. Später erfuhr sie, dass Erwin mit seiner neuen Frau zwei Kinder hatte. Sie gewöhnte sich schnell an ihre neue Situation. Bis sie von ihrer Krankheit erfuhr.

***

Als der Kellner das Glastellerchen mit dem Eis und den Amarenabecher auf das Tischchen stellte, warf er Alexander einen Blick zu, den dieser fast als Unverschämtheit empfand.

„’Ich habe keine Kraft mehr’, haben Sie gesagt“, meinte er nach einer Pause, in der er den Ärger über den Kellner in sich hineinstopfte.

„Das war ja wohl ein Hilferuf, oder?“

„Ach das!“ Nun lachte sie ein Lachen, als sei sie ein junges Mädchen.

„Das bezog sich doch auf die Bettler.“

„Auf die Bettler? Das verstehe ich nicht.“

Er musste in diesem Moment so ein verdutztes Gesicht aufgesetzt haben, dass sie wieder ihr lautes Mädchenlachen von sich gab, dieses Mal noch lauter als vorher.

„Es werden doch immer mehr. Ich meine, in der Fußgängerzone. Verstehen Sie?“

Wieder nach einer kurzen Pause nickte er, dann immer eifriger.

„Jaja, Sie haben Recht. Da müsste was gegen unternommen werden.“ Ein Schatten huschte über ihr Gesicht.

„Unternommen? Wie meinen Sie das?“

Er merkte, dass er etwas Falsches gesagt hatte, und versuchte, den Eindruck zu verwischen, den seine Bemerkung bei ihr hinterlassen hatte.

„Na, ich meine, das kann doch kein Mensch auf die Dauer aushalten.“

Nun war sie wieder fröhlich und nahezu eifrig.

„Sehen Sie, das ist es, was ich meine. Und wir? Wir leben in Saus und Braus, und unternehmen nichts dagegen.“

In Saus und Braus? Lebte er in Saus und Braus?

Er brauchte sich keine Antwort zu überlegen, da sie fortfuhr, nun etwas ernster geworden:

„Ich halte es einfach nicht mehr aus, dass ich diese Menschen nicht retten kann.“

Dieser Gedanke war ihm noch nie gekommen. Die Bettler waren einfach da. Weil sie so ihren Lebensunterhalt verdienten, wie er mit seinem öden Job. Vielleicht hatten sie sogar mehr Einnahmen als er. Aber diese Frau fühlte sich offensichtlich verantwortlich für sie. Hatte sie so viel Geld? Dann sollte sie doch machen! Als er in ihr Gesicht schaute, kamen ihm aber wieder andere Gedanken. Der machte das offensichtlich Kummer. So ein Satz! „Ich halte das einfach nicht mehr aus!“

Als würde ihr die Anwesenheit der Bettler körperliche Schmerzen bereiten. Diesem kostbaren Körper! Nein, dagegen musste man einschreiten. Die hatte sich da in etwas verrannt.

„Aber dafür brauchen Sie sich doch nicht verantwortlich zu fühlen. Das ist eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Und manche nützen das Bettlertum auch aus. Sie haben es in Wirklichkeit gar nicht nötig. Oder setzen das Erbettelte in Drogen um. Einem Obdachlosen habe ich einmal eine Wohnung besorgt. Nachdem er sich schon mehrere Wohnungen angeschaut hatte, die ich für ihn aufgetan hatte, unterschrieb er den Mietvertrag und ward danach nie wieder in der Wohnung gesehen. Ich weiß auch, warum. Sie war zu weit von seinem Bettelplatz entfernt. Und so nahm er nicht mehr genügend Geld für seine Drogen ein.“

„Ach, das haben Sie erlebt? Das finde ich ja toll, dass Sie sich für solche Menschen einsetzen.“

***

Alexander sonnte sich in ihrem Lob, obwohl er gerade gelogen hatte. Bertold hatte ihm diese Geschichte erzählt. Wie mit so vielem aus Bertolds Leben schmückte er sich damit wie mit einem geliehenen oder abgelegten Kleidungsstück.

Bertold merkte das gar nicht. Er lebte mit seinen Gedanken in einer ganz anderen Welt. Als bekannter Kunsthistoriker reiste er von Vortrag zu Vortrag und von Ausstellung zu Ausstellung. Auf einer Ausstellung war es auch gewesen, wo Alexander ihn kennengelernt hatte. Und dort nahm ihre Freundschaft ihren Anfang. Eigentlich auf Grund eines Missverständnisses. Das aber hatte in den abgehobenen Sphären Bertolds solche Spuren hinterlassen, dass er nie auf die Idee gekommen wäre, Alexander zu misstrauen.

Ab und an hatte Alexander sein Jagdrevier ins Ludwig-Museum in Köln verlegt. Weil er festgestellt hatte, dass dort sehr reizvolle Frauen verkehrten. Und bei Vorträgen hatte er sich ein bestimmtes Vokabular gemerkt, mit dem er diese Damen beeindrucken konnte.

Damals hielt Bertold einen Vortrag über den Surrealisten Salvador Dali. Als er die Zuhörer aufforderte, Fragen zu stellen, begeisterte ihn Alexanders Frage, woher Dali die Malweise der Alten Meister kenne. Einen Vortrag über deren delikate Hintergründe hatte Alexander einige Tage vorher im Wallraff-Richartz-Museum gehört, als er sich dort mit der üppigen Kunstfreundin Karin verabredet hatte, um sie nachher auf den üblichen Verführungsweg zu bringen.

Bertolds Faszination von Alexanders Frage sollte niemals enden und gab ihm Gelegenheit zu langen Privatvorträgen über Vorbereitung von Malgründen und Farben und Unzahlen von Pinselstrichen. Sie war Ursache und Beginn einer merkwürdigen Freundschaft, die schließlich dazu führte, dass Bertold Alexander häufig seine Wohnung für die Dauer seiner Abwesenheit zur Verfügung stellte. Wenn er ihm die Schlüssel gab, wusste er und nahm es in Kauf, dass Alexander dort seine Schäferstündchen mit seinen Anbeteten hatte. Bertold selber hatte für das andere Geschlecht wenig übrig, aber das bedeutete nicht, dass seine Freundschaft mit Alexander unbedingt ihr feierliches Finale im Schlafzimmer erleben musste.

***

Gelogen oder nicht, darauf kam es jetzt nicht an. Der erste kleine Haken saß offensichtlich. Nun musste Alexander vorsichtig das Gespräch weitersteuern, bis zu dem Punkt, den er anpeilte. Dann fiel ihm das mit der Rettung der Welt ein. Das hatte einmal ein alter Bekannter von Bertold zu diesem gesagt, als sie sich in einer Kneipe nach einem Klassentreffen gesehen hatten.

„Man kann aber nicht die ganze Welt retten. Dazu ist man auch nicht verpflichtet. Deshalb brauchen Sie kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn Sie sich nicht um die Bettler kümmern.“

„Das finde ich aber süß von Ihnen. Darüber werde ich nachdenken. Ich hatte nämlich wirklich ein schlechtes Gewissen. Die sitzen da in ihrem Elend, und ich bin auf dem Weg zu Cloppenburg, um mir einen neuen Kaschmir-Pullover zu kaufen.“

Er dachte bei dem Wort nur daran, wie sich ihre Brüste angenehm durch die dünne Wolle hindurch bemerkbar machen würden.

Sollte er sie bei dem im Moment verschobenen Einkauf begleiten? Sie bei der Anprobe mit Lobeshymnen beglücken? Nein, das war wohl doch zu aufdringlich. Lieber den üblichen Weg zur nächsten Verabredung einschlagen! Aber Vorsicht! Die da war doch irgendwie etwas Besonderes. Bewunderung ist immer der erste Schritt. Bewundern oder bewundern lassen. Das ist fast egal. Bei der ist die aktive Bewunderungsmethode aber delikat. Nehmen wir lieber die andere. Sich bewundern lassen.

„Italienischer Eissalon! Das wahre Italien liegt doch eigentlich in Sizilien.“

„Kennen Sie Sizilien?“

„Was heißt kennen? Ich habe einmal ein paar Monate dort verbracht. Mit Wandern.“

„Wandern in Sizilien! Und gleich ein paar Monate!“

Geht doch! Gleich hatte sie angebissen. Und nun erzählte er von Sternennächten, von Ziegenhirten, vom Alleinsein, vom Fastverdursten, vom unglücklichen Sichverlieben und von romantischen Gedichten. Er verschwieg natürlich, dass das schon ewig lange her war. Und er verschwieg, dass es sich auch bei dieser Geschichte um eine handelte, die ihm Bertold erzählt hatte, einschließlich von dessen Gefühlen, die er selber mit einer seltenen Begabung nachvollziehen und sogar ausschmücken konnte.

Und da war die Gelegenheit:

„Sie können wunderbar von Sizilien erzählen. Davon möchte ich gerne mehr hören.“

Ihre Augen strahlten. Den Glanz nahm er dankbar wahr. Er bezog ihn auf sich. Dabei merkte er, dass in diesen Augen noch etwas anderes war, was ihm nicht ganz geheuer vorkam.

***

So saß er an diesem Spätnachmittag in dem preiswerten, aber sich gediegen gebenden Restaurant und sah durchs Fenster auf das Porphyrpflaster des weiträumigen Marktplatzes. Hier war es noch nicht durch das kalte neue Betonpflaster ersetzt worden, das sich bemühte, alle Unebenheiten auszugleichen. Das alte Pflaster hatte vielleicht etwas Verlogenes an sich, weil es eine Gemütlichkeit vortäuschte, die es in Wirklichkeit längst nicht mehr gab.

Doch was trat durch das neue an seine Stelle? War die Kälte, die von ihm ausging, ehrlicher? Vor allem wurde darüber gemunkelt, dass es von der Firma eines Ratsherrn verlegt wurde.

All das vergaß er, als sie plötzlich in der Tür stand, ihn mit ihren Augen entdeckte, die ein wenig von ihrem Ernst verloren zu haben schienen. Er sprang auf und half ihr aus dem leichten Mantel, hängte ihn an den Haken. Er wusste, wie wichtig das auch in Zeiten der Emanzipation war. Trotz aller Gegenrede, auch von Frauen.

„Möchten Sie auch einen Rotwein, Frau Lichtenberg?“ fragte er sie, während sie die Speisekarte studierte, die er ihr zeigte.

„Ich stehe mehr auf Weißwein. Warten Sie, ich glaube, ich bestelle ein Moussaka. Dazu möchte ich einen Retsina. Den habe ich in Griechenland auch immer sehr gern getrunken.“

Moussaka ist gut. Nicht zu viel und nicht zu schwer, dachte Alexander. Aber ob ein herber Retsina eine gute Vorbereitung ist? Naja, vielleicht kann man später dann, in der Wohnung, auf einen anderen Wein umsteigen. Bertolds Abstellkammer bot da reiche Möglichkeiten.

„Sie reisen gerne nach Griechenland? Auch ein schönes Land. Aber Sie wollten mehr von meiner Sizilienreise wissen?“

Etwas abrupt der Übergang. Aber das musste jetzt sein. Sie würde es schon schlucken. Und so schien es auch.

„Wissen Sie, dass ich dort bestohlen wurde, fast mein ganzes Geld?“

„Nein! Erzählen Sie!“

Schon saß der Haken wieder. Er bewunderte sich selber wegen dieser Gabe, Bertolds Geschichte so umzuerzählen, dass sie nicht merkte, vor wie vielen Jahren das passiert war, dass sie nicht merkte, dass er sie nicht selber erlebt hatte, und dass sie von einem jungen Mann handelte, der Anfang der Sechziger per Anhalter unterwegs war. Sie durfte auch nicht merken, dass er nie in der Lage gewesen wäre, so bedürfnislos und ohne Komfort zu reisen. Innerlich schüttelte es ihn bei diesem Gedanken. Kreative Phantasie wandelte die Jugendherberge um in eine kleine, aber feine Pension in einem von der Mafia beherrschten Palermo.

„Waren Sie schon einmal auf Sizilien?“

Mit dem Wort „auf“ zeigte er in einer Art gewandt-gebildeter Kennerschaft, dass ihm die Tatsache, dass es sich bei Sizilien um eine Insel handelte, stets geläufig war. Vor Beginn seiner Karriere war ihm „in Sizilien“ selbstverständlich gewesen. Doch das war lange her.

In den Mittelpunkt seiner Erzählung stellte er die Vernehmung bei der Polizei, die primitiven Verhältnisse, die dort herrschten. Gerade wollte er zur Jagd auf den Täter übergehen, dessen Pistolentasche in der Pension gefunden wurde, als zwei Frauen an ihrem Tisch auftauchten, die Frau Lichtenberg fröhlich begrüßten.

„Wir wollen nicht stören“, meinte die eine sogleich, eine blonde Schlanke mit einem Pferdeschwanz.

„Nein“, setzte die andere hinzu, eine leicht schwitzende Dicke, „wir wollten dich nur noch mal an den Stand morgen auf dem Markt erinnern. Du kommst doch, oder?“

„Natürlich komme ich.“

Frau Lichtenberg lächelte wieder ihr feines Lächeln.

„Also, bis morgen!“

„Bis morgen!“

Bevor die beiden Frauen das Restaurant verließen, warfen sie noch einen langen Blick auf Alexander. Er fühlte sich fast wie an den Pranger gestellt.

„Das sind Freunde von Amnesty“, erklärte Frau Lichtenberg Alexander, als sie weg waren.

„Was ist Amnesty?“ rutschte es ihm heraus, was er gleich darauf bereute.

„Sie kennen Amnesty nicht? Die Menschenrechtsorganisation?“

Ihr Tonfall und ihr Gesichtsausdruck hatten sich geändert. Nun erzählte sie ihm von ihrem Engagement und dem Stand, den sie morgen auf dem Markt aufbauen würden. Um über die neusten Gefolterten und ungerecht Eingesperrten auf der ganzen Welt zu informieren.

„Ich war schon ein wenig deprimiert. Und Sie haben mir eigentlich wieder Mut gemacht, als Sie mich in der Fußgängerzone ansprachen.“

Hatte er sie angesprochen? Ihm brach ein wenig der Schweiß aus, als sie ihn fragte, ob er nicht auch Lust hätte, bei Amnesty mitzumachen. Er musste doch wieder auf seine Sizilienerzählung zurückkommen, um dann in die Weiche zur Einladung in seine Wohnung einzubiegen. Was hieß seine Wohnung? Egal.

Irgendwie schaffte er es dann doch noch, über das Stichwort Polizei auf seine Palermogeschichte zurückzukommen. Doch hatte er den Eindruck, als höre sie nur halbherzig zu.

„Stellen Sie sich das vor, wir sitzen in dem Jeep der Carabinieri und fahren durch die abgerissensten Viertel von Palermo, schauen in schaurige Hinterhöfe hinein, wo uns die Menschen mit Fäusten bedrohen. Dort hängen Wäscheleinen quer über den Hof, und kleine Kinder spielen im Dreck……“

Sie bewunderte seinen Sinn fürs Abenteuerliche. Aber: Hatte er das wirklich alles erlebt? Ach, warum nicht!

„Diese Kirche müssten Sie sehen. San Giovanni degli Eremiti…..“

Sie bewunderte die Geläufigkeit, mit der den schwierigen Namen der Kirche aussprach. Wenn sie wüsste, wie lange er zu Hause vor dem Spiegel daran geübt hatte!

„..die bloßen rosa Kuppeln und die exotischen Glocken der Yuccapalmen  im Hintergrund….“

Sie bewunderte seine gestohlenen farbigen Schilderungen. Gleichzeitig schlich sich aber, ihr selber kaum bewusst, ein winziger Verdacht ein, dass da etwas nicht ganz stimmte.

Er dachte bei den rosa Kuppeln an etwas ganz anderes.

Als er dabei aus dem Fenster schaute, erschrak er. Die lange Gestalt in dem hellen offenen Mantel, die eilig am Fenster vorüberschritt. War das nicht Bertold? Unsinn! Er wollte doch auf Vortragsreise in Frankfurt sein.

Etwas verunsichert, setzte er seine Erzählung fort, schwärmte von den mosaikbesetzten Säulen im Kreuzgang des Klosters Monreale bei Palermo. Erinnerte sich an den Diavortrag, in dem Erwin ihm die Kunst der Normannen auf Sizilien vorgestellt hatte.

Und dann stand er plötzlich an ihrem Tisch.

„Hallo, Alexander!“ hörte er seine raue Stimme.

„Du hier?“

„Ja, aus der Reise wurde leider nichts. Irgendwelche internen Querelen des Museums.“

Mit einem Blick auf die Frau neben Alexander:

„Ich bin aber in Eile. Kannst mir gleich den Schlüssel mitgeben.“

Alexander zog umständlich einen Schlüssel aus der Hosentasche und überreichte ihn seinem Freund. Der verabschiedete sich sofort. Alexander beschlich ein peinliches Gefühl. Als hätte man ihm in der Öffentlichkeit die Hose heruntergezogen. Er sah, wie Frau Lichtenberg die Szene mit weit offenen Augen verfolgt hatte. Hatte sie ihn durchschaut? Erstaunlicherweise stellte sie gar keine Frage nach Bertold. Und er wusste absolut nicht, welche Erklärung er ihr geben sollte. Er sah ihren Augen auf einmal an, dass die Wahrheit seiner Geschichten ihr schon im Ansatz offen liegen würde.

Sie schwieg lange. Dann hörte er drei Sätze aus ihrem schönen Mund, die ihn wie Keulenschläge trafen. Und trotzdem überfiel ihn nach jedem einzelnen Satz blitzschnell eine Flut von Gedanken.

„Ich muss dir etwas sagen.“

Sie duzte ihn. Ein freudiges Erschrecken. Eine unverhoffte Nähe tat sich auf. Auf der anderen Seite: Wollte er diese Nähe überhaupt? Verpflichtete sie nicht? Eine Verpflichtung, die er nicht wollte. Er kam nicht dazu, sie zu fragen, was sie ihm sagen wollte.

„Ich habe dich auch belogen.“

Schon wieder dieses unverhoffte Du. Aber „auch“! Hatte sie seine Lügen und seine Taktik durchschaut? Aber mit welcher Selbstverständlichkeit sagte sie das! Seine Anonymität war aufgehoben. Als hätte ihm jemand seine Tarnkappe vom Kopf gerissen.

„Was ich dir gesagt habe über den Grund meiner Kraftlosigkeit, stimmt nicht. Es waren nicht die Bettler. Der Grund ist ein ganz anderer. Das heißt, manchmal nennt man etwas als Grund, was nicht falsch ist. Es dient aber dazu, den eigentlichen Grund zu verschleiern.“

Er wagte es nicht, nach diesem eigentlichen Grund zu fragen. Die Situation schien ihm völlig aus dem Ruder gelaufen zu sein.

Sie machte eine Pause, in der sie ihm tief in die Augen blickte und leicht seine Hand berührte.

„Ich habe Krebs.“

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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1 Kommentar

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  1. Die Erzählung regt zum Nachdenken an und man kommt zu dem Schlluß, daß man oft seine Meinung revidieren muß über Mitmenschen. Und dann muß man ein- oder aussortieren.