Mitarbeiter des Marien-Krankenhaus Bergisch Gladbach demonstrieren für eine bessere Ausstattung

Wer heute noch Krankenpfleger mit Leib und Seele ist, hat wenig zu lachen. „Eigentlich wollen wir den Patienten Fürsorge, Nähe und Zuwendung geben. Aber im Alltag schaffen wir nurdie nackte Basisversorgung“, sagt Markus Küster, seit über 30 Jahren „im Pflegegeschäft“ und jetzt Mitarbeitervertreter am Marien-Krankenhaus (MKH).

In allen Krankenhäusern Deutschlands seien die Pflegestationen dramatisch unterbesetzt, die Fachkräfte massiv überbelastet. Dadurch werde ein Teufelskreis in Gang gesetzt: der Beruf wird immer unattraktiver, es findet sich immer weniger Nachwuchs, die Belastungen steigten, die Qualität sinkt. Eine Spirale nach unten, aus dem Küster nur einen Ausweg sieht: Mehr Geld. Und zwar sehr viel mehr Geld.

Bundesweit versucht gerade das Pflegepersonal, auf seine Lage aufmerksam zu machen und die Politik zu einem Einsehen zu bewegen. Am MKH, aber auch am Vinzenz-Pallotti-Hospital und am Evangelischen Krankenhaus machten die Mitarbeiter vor wenigen Tagen mit einer Protestversammlung vor den Klinkpforten Rabatz.

Das Marien-Krankenhaus – ein Musterbeispiel

Markus Küster, Mitarbeitervertreter am MKH

Grund genug, sich die Verhältnisse genauer anzuschauen. Dabei ist das Marien-Krankenhaus nur ein Beispiel, „in den anderen 2000 Krankenhäusern in Deutschland sieht es genauso aus“, ist Küster überzeugt. Und das ist ihm ganz wichtig: Die Kritik richte sich nicht an die Krankenhausträger oder das Krankenhaus selbst. Sondern an die Politiker, die gerade mal wieder über ein Krankenhausreformgesetz debattieren.

Die Zahlen für das MKH hat Küster genau im Kopf. Von den 640 Angestellten arbeiten rund 400 Personen in der Pflege; da die meisten davon Teilzeit arbeiten entspricht das gut 200 ganzen Stellen. Und das sei einfach viel zu wenig.

Die Gewerkschaft Verdi hatte die Praktiker in den Krankenhäusern befragt und errechnet, dass bundesweit 162.000 Stellen fehlen, davon 70.000 in der eigentlichen Pflege, 92.000 im medizinisch-technischen Dienst. Umgerechnet auf das Marien-Krankenhaus wären das 80 Vollzeitkräfte, davon knapp die Hälfte direkt in der Pflege. Eine Zahl, die Küster für realistisch hält.

Am 24. Juni zur Gesundheitsministerkonferenz will Verdi mit einer
neuen Aktion auf die Fehlstände aufmerksam machen. Dazu sollen Mitarbeiter
bundesweit für jeden der 162.000 fehlenden Pfleger ein Nummer hochhalten.
An das MKH hat die Gewerkschaft 95 numerierte Karten geschickt,
an das EVK 108, an das VPH 60. Mehr Infos zum „Bündnis für Pflege”

Auf jedem Stockwerk fehlen drei Hände

Hinzu kommt, dass auch die vorhandenen Stellen längst nicht alle besetzt sind, weil Fachkräfte nur sehr schwer zu finden sind. „Bei uns liegen etwas 15 Stellen brach, das sind bei zehn Pflegestationen 1,5 Kräfte pro Stockwerk, die fehlen.“

Viele Dinge dürfen nur examinierte Kräfte machen

Personal und Patienten im MKH spüren diese Defizite ganz konkret, erläutert Küster anhand des Dienstplans:
Im Nachtdienst ist häufig nur noch eine examinierte Krankenschwester auf dem ganzen Stockwerk im Dienst.
Im Spätdienst, war jede Station früher mit drei bis vier Köpfen besetzt, darunter zwei ausgebildete Schwestern. Heute sind es insgesamt nur noch zwei Köpfe.
Der Frühdienst, früher mit vier bis sechs Kräften ausgestattet, werde jetzt zum Teil nur noch mit einer einzigen examinierten Schwester gefahren. Und die ist es, die im Zweifel für alles verantwortlich ist.

Kein Wunder, dass viele Pfleger erschöpft sind, Burn-Out-Syndrome zeigen und immer mehr Mitarbeiter für längere Zeit ausfallen. „Das hohe Berufsethos reißt noch vieles raus, aber irgendwann geht es nicht mehr – es fehlt einfach die Erholung“, berichtet Küster.

Fallkostenpauschalen führen zum „Durchschleusen” der Patienten

Bei der Frage nach der Ursache gibt es eine klare Antwort: Seit der Einführung der Fallkostenpauschalen sei der Kostendruck auf die Krankenhäuser gewaltig gestiegen.   „Es geht nur noch darum, die Patienten möglichst schnell durchzuschleusen“, kritisiert Küster das „Falsch-Anreiz-System“.

Unter diesem Kostendruck sei vor allem im Pflegebereich gespart worden. Denn die Ärztegewerkschaft Marburger Bund habe ihre Klientel besser verteidigen können: „Ohne Ärzte geht es nicht, heißt es immer. Und nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass es auch ohne die Pflege nicht geht.“

Mitglieder der Ethik-Gruppe bei einer Teambesprechung am MKH

Zu wenig Geld heißt schlechte Gehälter, zu wenig Leute, zu große Belastung. Und das bei Arbeitszeiten, die viel zu häufig nachts oder am Wochenende anliegen. Es bedeutet wachsende Ausfälle und eine schwindende Verlässlichkeit der Dienstplanung. Sogar die gesellschaftliche Anerkennung, beobachtet Küster, nimmt ab. Nur die Anforderungen, sei es durch die Dokumentationspflichten oder Hygieneregeln, steigen.

Wer will diesen Beruf noch ausüben?

Umso schwerer wird es für die Kliniken, qualifizierten Nachwuchs zu finden. Nach wie vor bildet das MKH pro Jahr 25 Krankenschwestern und Pfleger aus. Doch bewarben sich früher bis zu 300 junge Menschen auf diese Stellen, so sind es jetzt nur noch 40 oder 50. Damit können zwar alle Plätze besetzt werden, aber immer mehr Auszubildende halten die Belastungen nicht aus. Und von den engagierten guten Nachwuchsleuten flüchten viele bald, an die Hochschulen oder in andere Berufe.

Was die Politik bietet

Was hilft? Geld, viel Geld. Im derzeit vorliegenden Entwurf für das Krankenhausreformgesetz werden den Krankenhäusern 660 Millionen Euro geboten. Hört sich viel an, gesteht Küster an. Und fängt an zu rechnen: pro Jahr wären das 220 Millionen; aufgeteilt auf die 2000 Klinken im Land kämen davon beim Marien-Krankenhaus gerade mal genug für eineinhalb bis zwei Stellen an.

„Ein Tropfen auf dem heißen Stein, der deutlich zeigt, um was für eine Farce es sich bei dieser Debatte handelt“, sagt Küster mit Wut in der Stimme.

Pflegerinnen des MKH machen auf die schwierige Lage aufmerksam

Statt dessen bräuchten, diese Zahlen stammen von Verdi, die Krankenhäuser acht Milliarden Euro. Eine ganz schön große Stange Geld. Genau hier sei die Politik gefordert, Flagge zu zeigen, den Wählern zu erklären, was sie unter einer sozialen Gesellschaft verstehen – und die entsprechenden Entscheidungen zu treffen.

Das zusätzliche Geld müsse dann sehr gezielt und zweckgebunden eingesetzt werden, um die Arbeit der Krankenschwestern und Pfleger wieder attraktiver zu machen, fordert Küster:

Die Arbeit muss wieder Spaß machen; wir wollen ja etwas mit den Menschen machen!“

Nur dann könne man auch das Nachwuchsproblem lösen.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

2 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Eine gegenseitige Unterstützung zur Vertretung gemeinsamer Interessen müsste noch weiter gefördert werden. Was macht ein Arzt, wenn keine Pfleger mehr da sind? Würde er die Pflege zusätzlich leisten, und gleichzeitig seinen eigentlichen Beruf 100% gerecht werden? Jede Berufsgruppe ist gleich wichtig. Daher sollten Interessen stärker gemeinsam vertreten werden. Ein hoch auch auf alle Pflegehelfer, die die wenigen Fachkräfte, die noch da sind, unterstützen. Ein hoch auch an alle Hauswirschafter, Reinigungskräfte, Angehörige und Ehrenamtliche, dem sozialen Dienst ..
    einfach alle Beteiligten!

  2. Die Aufgaben der Pflegefachkräfte sollten mehr Akzeptanz und Anerkennung in der Geselltschaft finden.Es kann nicht sein, dass Pflegefachkräfte die doppelte Belastung erfahren und Grundpflege und Behandlungspflege gleich verteilt durchführen müssen.
    Hier kommen die Pflegeassistenten ins Tun, die der Pflegefachkraft grundpflegerische Tätigkeiten abnehmen um diese in ihrer Funktion zu entlasten.Wobei sich die Pflegefachkraft auf die korrekte Durchführung der grundpflegerischen Massnahmen von den Pflegeassistenten verlassen muss und drauf vertrauen wiil , dass die Pflegeassistenten Krankenbeobachtung und Dokumentation beherschen.Deshalb sollten die Pflegeassisten besser ausgebildet und honoriert werden.
    Die Auszubildenden sollten mehr Praxisbegleitung in der Ausbildung erfahren um ihr Tun zu festigen und von einander gemeinsam zu lernen.
    Pflege ist ein toller Beruf mit Zukunft. Ich bin seit 18 Jahren dabei und allein die Professionalität die man an den Menschen bringt mit der Absicht den Gesundheitsprozess zu erhalten macht viel Spaß und befähigt mich vom gemeinsamen Tun zu lernen.