Rothbroich am Rande von Schildgen. Hier könnte ein Mischgebiet entstehen. Quelle: Google Maps

Das Ehepaar Vera und Michael Düsing hat den Weg eines offenen Briefes an Bürgermeister Lutz Urbach gewählt, um seine Bedenken zu einem möglichen Mischgebiet am Rande von Schildgen auszudrücken. Wir dokumentieren den Brief im Wortlauf.

Sehr geehrter Herr Urbach,

im Zuge der Flüchtlingszuweisung haben Sie uns Schildgener als aufgeschlossen gegenüber Veränderungen und pragmatisch erlebt. Wir haben sowohl die Schildgener Flüchtlinge in Haus Pohle als auch die in Katterbach untergebrachten Menschen mit großem Bürgerengagement aufgenommen und mit großer Hilfe betreut, oft in Krisensituationen mit Unterstützung Vieler innerhalb weniger Minuten. Veränderungen sind für uns also nichts Neues und werden dann, wenn sie sinnvoll sind, gerne angenommen.

Dies gilt aber nicht für den neuen Flächennutzenplan, denn dessen Sinnhaftigkeit erschliesst sich auch nicht auf den zweiten Blick. Auch wenn wir durch den neuen Flächennutzenplan weit weniger betroffen sind, als andere Ortsteile, ist die aktuelle Planung für Schildgen unverständlich. Eine Veränderung nur um de Änderung willen nützt niemandem.

Im Mittelpunkt des Interesses der Bürger steht zu Recht die Ausweitung der Gewerbeflächen im Osten der Stadt. Gleichwohl gibt es auch in anderen Ortsteilen kleinere Änderungen zugunsten von Misch- und Gewerbeflächen, die schlicht nicht nachvollziehbar sind.

Wir wohnen in Schildgen in der Gemarkung Rothbroich am Ende des Ortes Richtung Odenthal. Alle Änderungen im FNP in Schildgen und angrenzenden Ortsteilen wurden zugunsten von Wohngebieten vorgenommen – hier am Rande des Naturschutzgebietes jedoch nicht, vielmehr wird hier neues Mischgebiet ausgewiesen.

Die Altenberger-Dom-Straße ist bereits heute stark verkehrsbelastet, weil bei Stau auf der A1 ein erheblicher Teil des Verkehrs über die Ausfahrt Burscheid den Weg durch Odenthal und Schildgen nimmt. Eine Rechtsabbiegerampel an der Schlebuscherstrasse gekoppelt an die Fussgängerampel gibt es als einfache regulatorische Maßnahme ebenso wenig wie davor eine stationäre Geschwindigkeitskontrolle ab dem Hoverhof Richtung Ortszentrum.

An diesem Ende des Ortsteils Schildgen in der Gemarkung Rothbroich befindet sich auf der einen ( rechten) Seite der Altenberger-Dom-Strasse eine relativ dichte reine Wohnbebauung ( im FNP dennoch braun M dargestellt), dahinter ( also nicht anschließend ) befindet sich das Gewerbegebiet Zum Scheider Feld. Auf der anderen Seite ist anschließend an die Wohnbebauung eine landwirtschaftliche Nutzfläche, die an das Naturschutzgebiet an der Dhünn grenzt.

Diese wird nun neu im neuen FNP SC 5 b rot umrandet teilweise als Mischfläche ausgewiesen, also offenbar mit der Absicht, dort Gewerbe anzusiedeln, unmittelbar angrenzend an die ausgewiesene Wohnbebauung. ( Quelle der links abgebildeten Grafik: Stadt Bergisch Gladbach, Vorentwurf zum neuen FNP, Stand August 2016, hier: Ausschnitt ) Vorher war landwirtschaftl. Nutzfläche ausgewiesen.

In der Begründung wird hierzu angeführt, dass diese Fläche von 1,5 ha der vorhandenen Nutzung angepasst werde. ( Quelle: Begründung zum Vorentwurf, S. 121 unten/ S.122 ).

Vorhandene Nutzung in diesem Bereich ist Wohnbebauung und Landwirtschaft, denn das Gewerbegebiet Zum Scheider Feld beginnt eben nicht unmittelbar an der Altenberger-Dom-Strasse, sondern ein gutes Stück oberhalb der Altenberger-Dom-Straße und hinter einer Reihe von in zweiter Linie gelegenen Wohnhäusern mit einem Höhenunterschied von 26 m zur Altenberger-Dom-Strasse.  Ausserdem nicht auf dieser Seite der Strasse, sondern gegenüber. Auf der linken neu beplanten Seite ist derzeit das Feld eines Bauernhofs ( Hoverhof ) und setzt sich als solche landwirtschaftliche Fläche bis Osenau fort.

Sc5b, Teilfläche mit Blick auf das Naturschutzgebiet (Wald).

Zwischen der Fläche Sc5b und dem Ortsende liegt links als landwirtschaftl. Betrieb der Hoverhof. An beiden Seiten der Strasse landwirtschaftliche Nutzflächen. Die an der rechten Seite liegende Gaststätte ist schon lange aufgegeben, die Gebäude verfallen. Interessenten scheint es trotz der recht großen Fläche nicht zu geben.

Gegenüber soll neu ein P&R entstehen – man fragt sich, wofür, fahren doch die meisten mit dem Auto direkt zur Endhaltestelle der 4 in Schlebusch, wenn sie denn den ÖPNV nutzen.

Die derzeitige Nutzung als landwirtschaftliche Nutzfläche dient den Belangen des Naturschutzes an der Dhünn noch am relativ besten. Das sieht man wohl auch so, scheint aber keine Konsequenzen ziehen zu wollen. Zitat aus der Begründung zum neuen FNP, Seite 101:

Die derzeit reale Ackernutzung der Fläche Sc5 lässt nur ein geringes Konfliktpotential zu den Schutzzielen des FFH-Gebietes erkennen.” Dennoch soll genau diese Fläche zum Mischgebiet und damit zu einem weit höheren Konfliktpotential zu den Natur-Schutzzielen des FFH-Gebietes werden.

Eine Ansiedlung von Gewerbe – auch zur Nahversorgung der Bevölkerung – ist an dieser Stelle umweltfeindlich, viel zu nah an der Wohnbebauung, überflüssig und wird mit nur 1,5 ha sicher nicht zur Schaffung von wesentlichen Arbeitsplätzen führen.

  • Das an der Dhünn gelegene Naturschutzgebiet beherbergt u.a. Rot-Milane, die über dem Acker ihre Kreise auf der Suche nach Beute ziehen. Ausserdem sehen wir – auch über dem Acker- Zwergfledermäuse, Mäusebussarde, Grünspechte, Falken, Käuzchen und viele andere Vögel – alles geschützte Arten. Der Waldsaum wurde schon in den letzten Jahren durch Rodungen ein gutes Stück nach hinten verlagert. Eine Aufforstung erfolgte nicht. Gerade dieser Acker wird teilweise im neuen FNP als Mischgebiet ausgewiesen.(Sc5b) Eine Bebauung der jetzigen landwirtschaftlichen Nutzfläche würde das Revier der geschützten Arten weiter erheblich einschränken. Naturschutzgebiete für Vögel können nicht auf ein Waldstück begrenzt werden, sondern müssen angrenzende Freiräume haben.
  • Die neue Fläche ist zu klein, um wesentliche Einnahmen aus Gewerbesteuer zu erzielen oder eine spürbare Anzahl von Arbeitsplätzen zu schaffen. Im übrigen hat das Gewerbegebiet Zum Scheider Feld keinen unmittelbaren Bezug zu der neu beplanten Fläche, ist auch noch gar nicht voll ausgenutzt, weil offenbar kein Interesse besteht. ( a. ISEK 2030 zum Stadtbezirk 1: Schildgen Nord hat 2,4 ha ungenutzte Gewerbefläche ). Eine Anpassung der linken Seite der Altenberger-Dom-Strasse an die vorhandene Nutzung besteht eben nicht im Ausweisen von Mischgebieten, sondern allenfalls in der Verlängerung der Wohngebiete. Auf der linken Seite befindet sich ab der Schlebuscher Strasse lediglich 1 kleinerer Gewerbebetrieb ohne nennenswerte Emissionen ( Spedition Weyer ), dann folgen Wohnhäuser, dann Felder, dann der Hoverhof, dann Felder. Auf der rechten Seite befindet sich am Anfang 1 kleinerer Handwerksbetrieb ( Dachdecker Schwidder ), ansonsten Wohnhäuser ( auch Mehrfamilienhäuser ) bis zum Ortsende, nachdem die Gaststätte Cramer seit Jahren aufgegeben ist.

Der bereits heute starke Durchgangsverkehr in Schildgen ist gerade noch erträglich. Dies wird sich ändern und  eine verschärfte Lärmbelästigung der Anwohner darstellen, wenn die neue Fläche gewerblich bebaut würde. Die ausgewiesene Fläche grenzt unmittelbar an Wohnbebauung an. Viele Bürger in Schildgen sind wie wir aus Köln und Leverkusen hier hin gezogen, weil ländliche Besiedlung typisch und Ruhe ein wesentlicher Aspekt war.

  • Der demografische Wandel hat bereits viele Familien mit Kindern angezogen und wird sich weiter entwickeln, da gerade in Schildgen durch den Generationenwechsel noch viele Wohnungen/Häuser in den nächsten Jahren zum Verkauf stehen werden. Hierfür ist ein gewisses Mass an Attraktivität und Sicherheit erforderlich, das durch weitere Gewerbeflächen im/am Ort gefährdet wird. Bis Osenau liegen auf beiden Seiten unbebaute Felder und prägen die Landschaft mit Freiräumen und entsprechendem Erholungswert. Die Strecke von Schildgen nach Altenberg ist eine beliebte Fahrradtour, an der wegen der ebenen Radwege und der längeren ununterbrochenen Strecke auch Kinder teilnehmen können. Auch der Jakobsweg führt hier entlang und wird von Wandergruppen genutzt. Die Ansiedlung von Gewerbe an der beabsichtigten Stelle wird das Verkehrsaufkommen massgeblich erhöhen und dieses Freizeitvergnügen beeinträchtigen. Wenn hier schon umgeplant wird, sollte man das Freiraumkonzept unter dem Aspekt Naherholung betrachten – kleine Parkanlagen, Spielplätze etc. sind Mangelware hier. Das würde sich in die vorhandenen Flächen Landwirtschaft und Naturschutz einfügen.
  • Sollte dem Entwurf die Erwägung weiterer Flächen für die Nahversorgung zugrunde liegen, ist auch dies nicht erforderlich.

„Nahversorgung”

Die „Nahversorgung im engeren Sinne“ umfasst das „Angebot von Gütern des täglichen Bedarfs, vor allem von Lebensmitteln, auch von Dienstleistungen, das zentral gelegen und fußläufig zu erreichen ist“. Zur „Nahversorgung im weiteren Sinne“ gehört ein „(u)mfassendes Angebot an Waren, in der Bandbreite von kurz- bis langfristigem Bedarfsbereich, aber auch von öffentlichen und privaten Dienstleistungen (Bank, Post, Gastronomie, Schulen, medizinische Versorgung, Kultur etc.)“. ( Quelle: Wikipedia )

In Schildgen gibt es bereits eine fast beispiellose Ansiedlung von Geschäften, die auch von Bewohnern aus Schlebusch frequentiert werden. Neben kleinen Fachgeschäften gibt es drei grosse Supermärkte/Discounter und in Osenau wurde vor wenigen Jahren ein weiterer Discounter eröffnet.

Wir haben Schulen, Kindergärten, eine Postfiliale, 2 Banken, 2 Kirchen, Cafes, 2 Sportgeschäfte, einige Bäcker, Bekleidungs-und Schuhgeschäfte, Getränkehandel mit Lieferservice, Sportstätten, viele Restaurants, Apotheken, Ärzte. Es gibt für einen so kleinen Ort bereits jetzt ungewöhnlich viele Handwerksbetriebe, z.B. alleine 7 Dachdeckerbetriebe, 3 Änderungsschneider, 4 Tischler etc.

Hier ist beim besten Willen kein weiterer Bedarf zu erkennen. Wurden in den letzten zwei Jahren neue Geschäfte eröffnet, wechselten diese rasch den Besitzer oder wurden wieder geschlossen, weil kein weiterer Bedarf besteht. Was allerdings fehlt, sind Erholungsmöglichkeiten im Freien.

Der neue FNP dient also in diesem Punkt Sc 5 b nicht den Interessen der Allgemeinheit. Ob es Partikularinteressen gibt, die von dieser Änderung profitieren würden, können wir nicht beurteilen.

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Vera Düsing

Wir sind vor knapp 20 Jahren wegen der schönen Landschaft von Köln nach Schildgen gezogen. Ich bin Rechtsanwältin und habe weiter in Köln gearbeitet. Der Erhalt der Landschaft und der Naturschutz liegen mir besonders am Herzen.

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1 Kommentar

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  1. Die Verkehrssituation in Schildgen auch an der Leverkusener Straße ist jetzt schon fast unerträglich. Wir sind auch vor über 20 Jahren von Köln nach Schildgen gezogen wegen der Ruhe. Die ist leider schon lange dahin. Bei uns auf der Leverkusener Straße brettern die Lkw’s den ganzen Tag und die Nacht durchs Dorf. Selbst Nachts hat man keinen Ruhe mehr, von dem morgendlichen Stau und abendlichen Stau mal ganz abgesehen.
    Mit freundlichen Grüßen
    P. Cremer