Sex auf Kommando, Hormonspritzen, unzählige Ultraschallkontrollen: Der Weg zum gemeinsamen Kind ist für Anna und Tim aus Bergisch Gladbach sehr mühsam. Als es nach einem Jahr des Versuchens nicht klappt, beginnt eine mehrjährige Maschinerie aus Diagnostik und Therapien. Die persönliche Geschichte eines Paares mit Hintergrundinfos von einem Reproduktionsmediziner.
Für Anna stand immer fest, dass sie einmal eine Familie gründen und Kinder haben möchte. Irgendwann einmal. Das Irgendwann verschiebt sich weiter in die Zukunft. Nach einigen Jahren Beziehung äußert ihr Partner Tim seinen Kinderwunsch. Zu diesem Zeitpunkt passt es für Anna irgendwie nicht. Sie ist an einem Punkt ihrer Karriere, an dem sie sich zu verantwortlich fühlt, um längere Zeit zu pausieren.
„Total bescheuert“, sagt Anna heute. Denn aus jetziger Sicht ist dadurch wertvolle Zeit verloren gegangen. Als sie 37 ist, fühlt sie sich bereit für ein Kind. Es sei ein schöner Moment für ihre Beziehung gewesen, als sie sich beide einig waren bei ihrem Kinderwunsch. Was das Paar aus Bergisch Gladbach damals nicht weiß: Es wird noch über vier Jahre dauern, bis ihr Kind geboren wird.
Hinweis der Redaktion: Die Namen haben wir geändert, um die Anonymität zu wahren.
„Wir sind da ganz locker ran gegangen“, erinnert sich Anna. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis hatten viele bereits Kinder. Hier und da hat es auch einige Zeit gedauert, bis es geklappt hat. „Aber darüber spricht man allenfalls im engeren Umfeld.“
Ich wollte unbedingt, dass es auf natürlichem Weg klappt…
Als Anna nach einem knappen Jahr noch nicht schwanger ist, rät die Frauenärztin ihr zu verschiedenen Untersuchungen, etwa um eventuelle Hormonstörungen festzustellen. Außerdem empfiehlt die Ärztin ihr, sich bei einer Kinderwunschklinik beraten zu lassen. „Mich hat das in totale Panik versetzt.“
Dabei geht es offenbar vielen Paaren so wie Anna und Tim – die Nachfrage nach Kinderwunschbehandlungen jedenfalls ist seit Jahren hoch, Tendenz steigend.
Aufbereitete Spermien werden zum Zeitpunkt des Eisprungs direkt in die Gebärmutter eingebracht.
Eizellen und Spermien werden nach einer hormonellen Stimulation und der Entnahme mehrerer Eizellen aus den Eierstöcken im Labor zusammengebracht. Einer oder mehrere der sich daraus entwickelnden Embryonen wird anschließend in den Uterus eingesetzt.
Ergänzend zur IVF wird bei eingeschränkter Samenqualität im Labor ein einzelnes Spermium direkt in eine Eizelle injiziert.
Die gängigsten Verfahren der Kinderwunschbehandlung
Insemination (IUI)
IVF (In-vitro-Fertilisation)
ICSI
1982 wurde in Deutschland das erste Kind geboren, das per In-vitro-Fertilisation (IVF) entstanden war. Seit 1997 dokumentiert das Deutsche IVF-Register Kinderwunschbehandlungen. Seitdem kamen hierzulande mehr als 400.000 Kinder durch IVF zur Welt.
In den frühen Jahren führte IVF nur in zehn bis 15 Prozent der Fälle zur Geburt eines Kindes. Inzwischen hat sich die Erfolgsquote deutlich gesteigert: Pro Embryotransfer liegt die durchschnittliche Geburtenrate bei circa 25 Prozent.
Sex auf Kommando
Anna ist zu dem Zeitpunkt aber noch nicht bereit dafür, eine Kinderwunschklinik aufzusuchen: „Ich wollte unbedingt, dass es auf natürlichem Weg klappt.“ Sie setzt sich und ihren Partner unter Druck. Tim sieht das gelassener: „Entspann dich mal, das wird schon“, habe er gesagt, erinnert sich Anna. Die Stimmung zwischen den beiden ist gereizt.
Die Frauenärztin kontrolliert per Ultraschall den Zeitpunkt des Eisprungs. „Und dann hieß es: Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um Sex zu haben“, berichtet Anna. Als Tim beruflich unterwegs ist, reist Anna hinterher, „um den perfekten Moment nicht zu verpassen“.
Wenn er Alkohol trinkt, ist sie sauer und besorgt, dass sich das negativ auf die Zeugungsfähigkeit auswirken könnte. „Ich war richtig zwanghaft. Das war nicht mehr schön und hat uns unser Sexualleben vermiest.“
Schwanger wird Anna weiterhin nicht. Als nächstes verschreibt die Frauenärztin ihr ein Medikament, das die Reifung von Eibläschen fördert und den Eisprung auslöst. Anna nimmt es drei Zyklen lang. Leidet unter anderem unter Hitzewallungen. Bevor sie überhaupt einen Schwangerschaftstest machen kann, setzt bereits die Monatsblutung ein. Wieder nicht schwanger.
Der Weg zur Kinderwunschklinik
Nach etwa eineinhalb Jahren der erfolglosen Versuche entschließt sich das Paar, doch in die Kinderwunschklinik zu gehen. „Wir wollten uns erst einmal nur beraten lassen“, erzählt Anna. Eine Ärztin habe zu ihr gesagt: „Das wird auf natürlichem Weg nicht mehr klappen, nach so vielen Versuchen auch mit medikamentöser Unterstützung – und in Ihrem Alter.“ Bei Anna stünden bereits die Wechseljahre bevor.
Auch bei der Kinderwunschbehandlung sinkt die Erfolgsquote mit steigendem Alter, bei Frauen zwischen 40 und 43 Jahren auf durchschnittlich zehn Prozent, danach noch weiter.
Das erklärt Heribert Kentenich, der beinahe ebenso lange in der Reproduktionsmedizin tätig ist, wie in Deutschland IVF eingesetzt wird, nämlich seit 1984. Der Gynäkologe wuchs in Bergisch Gladbach auf, seit Mitte der 1960er Jahre lebt und arbeitet er in Berlin, unter anderem am von ihm mitgegründeten „Fertility Center Berlin“.
Eine Operation wird nötig
Bei Tim und Anna ergibt die Diagnostik, dass die Kinderlosigkeit nicht an Tims Zeugungsfähigkeit liegt, sondern möglicherweise mit der Endometriose und Myomen (gutartige Gewebewucherungen) zusammenhängt, die bei Anna festgestellt und operativ entfernt werden.
Aus dem Kinderwunsch wurde fast schon ein Kinderzwang
Trotzdem probieren Tim und Anna nach der Operation erneut eine Weile, auf natürliche Weise schwanger zu werden. Erfolglos. Mit der Kinderwunschbehandlung in der Klinik können sie ohnehin erst starten, bis die Kostenfrage geklärt ist und die Zusagen dafür erhalten hat. Anträge müssen gestellt, Widersprüche gegen Ablehnungen eingereicht werden.
Die Sache mit den Kosten
Die private Krankenversicherung von Anna bezahlt drei Versuche zur Hälfte – die andere Hälfte würde die Beihilfe übernehmen. Aber nur, wenn Anna und Tim verheiratet wären. „Wir haben zwischenzeitlich überlegt, ob wir deswegen heiraten sollen“, sagt Anna.
Heribert Kentenich kritisiert die finanzielle Unterstützung von Paaren mit Kinderwunsch – angefangen damit, dass überhaupt nur heterosexuelle Ehepaare davon profitieren können. „Und selbst dann, wenn ein Mann und eine Frau verheiratet sind und die Krankenkasse die Hälfte der Kosten übernimmt, bleiben die Paare immer noch auf Kosten von rund 1.500 Euro sitzen.“
Bei Tim und Anna werden es am Ende etwa 3000 Euro sein. Sie entscheiden sich gegen eine Hochzeit, erhalten aber eine „Förderung von Maßnahmen der assistierten Reproduktion durch den Bund und das Land Nordrhein-Westfalen“, wie es im schönsten Verwaltungsdeutsch heißt.
Zerrissen zwischen Beruf und Behandlung
Und dann kann es endlich losgehen. Anna nimmt „sehr teure Medikamente“, um mehrere Eibläschen heranreifen zu lassen. Elf Tage lang muss sie sich selbst Spritzen setzen – zu vorgegeben Zeiten, die in einem Spritzenprotokoll festgehalten sind.
„Wahnsinn“, sagt Anna und schüttelt den Kopf, als sie heute dieses Protokoll in den Händen hält. „Manchmal war ich im Auto, auf dem Weg zur Arbeit. Dann habe ich am Straßenrand angehalten, um mir eine Spritze in den Bauch zu jagen.“
Ich habe mich gefühlt, als würde ich etwas ganz Zerbrechliches in mir tragen
Während dieser Zeit muss sie immer wieder in die Kinderwunschklinik. Zur Blutentnahme und um im Ultraschall die Größe der Eibläschen zu kontrollieren. So sollte der ideale Zeitpunkt für die Eizellen-Entnahme festgestellt werden. „Ich habe mich so zerrissen gefühlt, weil ich so oft während der Arbeitszeit in die Klinik gehetzt bin. Das war eine große Belastung.“
Ob der Erfolg auch wegen dieser Belastung ausbleibt, weiß Anna nicht. Aber: „Manche Frauen produzieren acht bis zwölf Eizellen. Bei mir war es keine einzige.“ Es folgen weitere Versuche mit weiteren Medikamenten, zusätzlich zu den Spritzen. Sie enden alle „ohne brauchbare Eizelle“, wie sie handschriftlich in den Spritzenprotokollen notiert.
Und dann, beim 4. Versuch, reifen doch noch drei Eizellen heran, die Anna in der Klinik operativ entnommen werden. Anschließend folgt die „Zusammenführung“ von Annas Eizellen mit Tims Samenzellen, wie es im Therapieplan heißt. Danach werden die befruchteten Eizellen im Labor „weiterkultiviert“.
Von der Eizelle zum Embryo
Fünf Tage nach der Entnahme findet der „Embryotransfer“ statt: Zwei Embryonen werden über einen dünnen Katheter in Annas Gebärmutter eingesetzt. Nun heißt es 15 Tage abwarten. „Ich habe mich gefühlt, als würde ich etwas ganz Zerbrechliches in mir tragen“, sagt Anna.
Einer der beiden Embryonen nistet sich ein. Als sie per Mail einen positives Schwangerschaftsergebnis erhalten, können Tim und Anna ihr Glück kaum fassen. Doch nach wenigen Tagen setzen bei Anna Blutungen ein. „Ich war völlig verzweifelt und dachte, ich hätte das Kind verloren.“ Ein Ultraschall bringt Entwarnung: „Sie sind noch schwanger“, sagt der Arzt. Er stellt ein Hämatom hinter der Fruchthöhle fest. Zusätzliche Medikamente sollen eine Fehlgeburt verhindern. Anna wird krankgeschrieben.
In der 13. Schwangerschaftswoche kommt sie wegen heftiger Blutungen ins Krankenhaus. Anna ist voller Angst. Doch dem Fötus geht es weiterhin gut. Anna bleibt sechs Wochen im Krankenhaus. „Nach jedem Ultraschall war ich erleichtert. Und zumindest etwas beruhigt.“ Die Sorge um ihr ungeborenes Kind begleitet sie bis zur Geburt.
Psychologische Begleitung

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Inzwischen ist das Kind von Anna und Tim fünf Jahre alt und ihr größtes Glück, wie beide sagen. Auch wenn sie diesen Weg immer wieder gehen würden: „Die psychische Belastung war enorm“, findet Tim. Vor allem, weil nie klar war, ob es klappen und wie lange es dauern würde.
„Wir waren sehr angespannt. Aus dem Kinderwunsch wurde fast schon ein Kinderzwang. Es war anstrengend, das zu begleiten“, sagt Tim. Häufig habe er sich bei den Arztgesprächen wie ein Zuschauer gefühlt. „Da gab es wenig Blickkontakt der Ärzte mir gegenüber. Ich habe mich oft nicht wahrgenommen gefühlt.“
Anna hingegen wurde von Beginn der Kinderwunschbehandlung an psychotherapeutisch begleitet, von einer Psychologin, die mit der Klinik kooperiert. Dabei sei es viel um das Thema Akzeptanz gegangen, berichtet Anna.
Erfolg und Enttäuschung
Die psychologische Begleitung ist auch ein wichtiger Aspekt der Kinderwunschbehandlung bei Heribert Kentenich. Denn so hoch die Erfolgsrate inzwischen auch ist – häufiger ist der Arzt mit der Enttäuschung seiner Patient:innen konfrontiert. Denn: Obwohl 30 bis 35 Prozent aller Embryotransfers in einer Schwangerschaft resultieren, kommt es häufig zu Fehlgeburten.
Ich konnte mir nicht vorstellen, diese Tortur noch einmal durchzumachen
Fragen danach, wie die Paare mit solchen Verlusten umgehen, wie damit, wenn es nicht geklappt hat, und ob sie sich auch ein Leben ohne Kind vorstellen können, stehen daher immer wieder im Mittelpunkt der Beratung.
Anna hätte sich ein kinderloses Leben nach eigener Aussage nur schwer vorstellen können. Daher habe sie sich zwischendurch auch darüber informiert, welche Möglichkeiten es noch gegeben hätte. Eine Adoption wäre schwierig geworden – wegen ihres Alters und weil Tim und sie nicht verheiratet sind.
Eizellspende im Ausland
Anna informierte sich über die Möglichkeit einer Eizellspende im Ausland. Denn in Deutschland ist die Eizellspende verboten. Geregelt ist das im Embryonenschutzgesetz von 1990, ursprünglich dazu gedacht, den Missbrauch menschlicher Embryonen zu verhindern.
Kentenich hält das Gesetz medizinisch, psychologisch und ethisch für überholt: „Zahlreiche psychologische Studien zeigen, dass für ein Kind vor allem die Beziehung zu den Eltern entscheidend ist, bei denen es aufwächst. Solange die stabil ist, kann es in der Regel gut damit umgehen, wenn es später über seine Abstammung aufgeklärt wird.“
Insbesondere bei Frauen über 40, wenn die Eizellen häufig der Grund dafür sind, dass sie nicht schwanger werden, könne die Behandlung mit einer fremden Eizelle die Chancen deutlich erhöhen, erläutert Kentenich: Bei einer Behandlung mit ihren eigenen Eizellen liegt die Geburtenrate pro Versuch nur bei knapp einem Prozent. Bei einer Behandlung mit fremden Eizellen steigen die Chancen auf 30 Prozent.
Eigentlich haben sich Anna und Tim mehrere Kinder gewünscht, auch weil sie selbst mit Geschwistern aufgewachsen sind. „Aber ich konnte mir nicht vorstellen, diese Tortur noch einmal durchzumachen“, sagt Anna. Zu groß sei ihre Angst vor einer weiteren Schwangerschaft und dem langen Weg dorthin gewesen. „Und ich hatte die Sorge, unserem Kind während dieser Zeit nicht gerecht zu werden.“
Ein weiteres Kind ist inzwischen längst kein Thema mehr für die beiden. „Wir sind dankbar und glücklich, dass wir ein gesundes Kind haben.“
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Mir tun Anna und Tim leid. Wieviel einfacher wäre es wohl für sie gewesen, wenn bei Anna die Endometriose usw Jahre vorher entdeckt und behandelt worden wäre.
Das ist eine Krankheit, auf die viel mehr geachtet werden sollte. Ich kenne leider einige Fälle aus dem Bekanntenkreis, bei denen es mehrere Jahre, und einige Arztwechsel, gedauert hat, bis alleine die richtige Diagnose, nämlich Endometriose, feststand.
Die, meiner Ansicht nach, heftigste Reaktion einer Ärztin war dabei folgende: “Oh, Sie haben stärkere Regelschmerzen als noch vor ein paar Jahren? Dann trinken Sie doch Mönchspfeffertee, das hilft dagegen und entspannt.”
Keine genauere Untersuchung, GARNICHTS. Nach Wechsel zu einer anderen Ärztin wurde, beim Ultraschall, sehr schnell ein großes Myom festgestellt und der Verdacht der Endometriose ausgesprochen, was sich dann schließlich bei der OP bestätigt hatte.