Das Gelände der ehemaligen Dynamitfabrik im Jahr 1952 – wenige Jahre später wollte die Stadt Bensberg hier einen Forschungsreaktor bauen.

Ein Atomreaktor in Refrath? Oh ja: Auf dem Gelände der Dynamitfabrik Kosmos wäre fast einer der ersten Forschungsreaktoren Deutschlands entstanden. Doch die Bürger verhinderten den Bau und am Rande des Königsforsts wurde etwas völlig anderes gebaut. Eine Geschichte aus dem neuen Refrather Bildkalender.

Anfang der 1930er-Jahre ließ sich auf dem Gelände der ehemaligen Dynamitfabrik Kosmos die SA mit ihrer „Schule Claus Clemens“ nieder. Die „Schule“ war benannt nach einem „Märtyrer“ der Bewegung, der bei Unruhen in Bonn erschossen worden war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte die Firma Genske dort Dachpfannen und Bimssteine her. Der Bims wurde aus dem Neuwieder Becken herangeschafft.

Mitte der 1950er-Jahre entstand der Plan, am Rande des Königsforstes einen Atommeiler zu Forschungszwecken zu bauen. Er sollte zunächst am Mauspfad im Bereich der Erker Mühle, also auf Kölner Gebiet, errichtet werden. Das trieb die Menschen in der Stadt auf die Straße. So kam es zu der Idee, das alte Kosmos-Gelände zu nutzen.

1956 erwarb die Stadt Bensberg das Gelände und spekulierte auf Arbeitsplätze und Gewerbesteuer. Aber auch hier erregte die Aussicht auf einen Atommeiler in der Nachbarschaft die Gemüter.

Am 13. Juli 1956 verwarf eine große Bürgerversammlung, einberufen vom Heimatverein unter maßgeblicher Mitwirkung des 2. Vorsitzenden Peter Bürling, die städtische Planung. Der Plan scheiterte, der Reaktor ist später in Jülich gebaut worden.

Nachdem der Refrather Heimatverein und Bürger des Umlandes die Errichtung dieses Meilers verhindert hatten, protestierten sie 1959 erneut erfolgreich – diesmal gegen den Bau einer Kunststoff-Fabrik.

Bald darauf erwarb die Kongregration der Dominikanerinnen von Bethanien dieses Areal. Im Kölner Raum sollte ein Kinder- und Jugenddorf entstehen, in der familienähnlichen Konzeption der bereits seit 1947 bestehenden Einrichtungen der Dominikanerinnen in den Niederlanden.

Dies kam den Wünschen des Kölner Erzbischofs Kardinal Josef Frings, des damaligen Kölner Sozialdezernenten Dr. Brisch sowie des Bensberger Stadtdirektors Wagener und des Bürgermeisters Dr. Müller-Frank und auch der regionalen Jugendämter entgegen. Im Rahmen eines Architekten-Wettbewerbs erhielt Prof. Gottfried Böhm den Zuschlag für seine Konzeption.

Mit der Ankunft von Schwester Consolata und zwei weiteren Schwestern am 9. Juli 1962 begann in Refrath das Leben und Wirken einer neuen Schwesterngemeinschaft am Rande des Königsforstes. In für heutige Verhältnisse unvorstellbarer Dürftigkeit lebend, bereiteten diese Schwestern den Baubeginn des Kinderdorfes vor.

Foto: Archiv des Kinder-u. Jugenddorfes

Am 4. Mai 1965 setzten die Schwestern, Stadtdirektor Wagener und Bürgermeister Dr. Müller-Frank den ersten Spatenstich. Am 9. Mai 1966 folgte die Grundsteinlegung der Kloster- und Kinderdorfkirche durch Dechant Berger von St. Nikolaus in Bensberg.

Die Belegung der über 100 Plätze des Dorfes mit Kindern begann bereits im November 1967. Am Palmsonntag, dem 7. April 1968, zog eine schon größer gewordene Gemeinschaft von Kindern und Schwestern und wenigen Mitarbeiterinnen zur ersten Eucharistiefeier in die neue Kirche ein.

Seit den Gründerjahren hat sich im Laufe der Zeit natürlich auch der Jugendhilfebedarf geändert, was ein sehr differenziertes Angebot erforderlich macht. Neben den klassischen Kinderdorffamilien gibt es daher auch Außenwohngruppen für Jugendliche, heilpädagogische Wohn- und Tagesgruppen sowie dem aktuellen Bedarf entsprechende Förder- und Betreuungsangebote.

Alte und neue Ansichten von Refrath: Kalender 2020

Viele weitere spannende Einblicke in die Lokalgeschichte bietet der Bildkalender „Alte und neue Ansichten aus Refrath“. Monat für Monat werden Aufnahmen von gestern und heute nebeneinander gestellt, jeweils versehen mit kurzen Infos. So kommt zum Beispiel das Kickehäuschen vor, das gerade zugebaut wird, oder die Vürfelser Kaule, die, einst schattige Lindenallee, heute zum Gladbacher „Autobahnzubringer“ geworden ist.

Der Kalender kostet 12 Euro, erhältlich ist er

  • in der Johannis-Apotheke (Siebenmorgen 18)
  • in der Dubbelju Manufaktura (Siebenmorgen 41)
  • bei Hans Peter Müller (E-Mail: hpmueller06@web.de).

Quellenhinweise:

  • Geurts, Hilden, Ommer, Stahl, Das Erbe des Erzes Bd. 3, Schriftenreihe des Berg. Geschichtsvereins, Bd. 49, 2006
  • Wolfram Bell, Die Dynamitfabrik „Kosmos“ in der Lustheide, Berg. Kalender 1999, S. 175f
  • Sr. Monika vom Kinderdorf  Bethanien

Hans Peter Müller

ist Lehrer im Ruhestand und war lange Jahre Vorsitzender des Bürger- und Heimatvereins Refrath. Als Heimatforscher und Autor arbeitet er die Geschichte des Ortsteils auf.

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2 Kommentare

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  1. Interessante Geschichte. Das war mir nicht bekannt.
    Und zeigt, dass Bürgerinitiativen schon damals erfolgreich gegen den Wahn so mancher städtischer Planungen waren.