In einer ergreifenden Feierstunde ist Philomena Franz die Ehrenbürgerwürde der Stadt Bergisch Gladbach verliehen worden. Bürgermeister Frank Stein zeigte in seiner Laudatio auf, warum die Auschwitz-Überlebende und lebenslange Verfechterin von Liebe und Aussöhunng, diese Auszeichnung mehr als verdient hat. Eine besonderes Kompliment erhielt die 99-Jährige jedoch von zwei anderen Ehrenbürgern.

Kurz und knapp fiel die formale Begründung von Bürgermeister Frank Stein aus, warum Philomena Franz diese höchste Auszeichnung der Stadt Bergisch Gladbach erhalten sollte, und zitierte dabei das Ortsrecht: weil sie sich „außerordentlich um das Ansehen und Wohl der Stadt verdient gemacht hat“.

Wie sie das gemacht hat, dazu holt der Bürgermeister weiter aus, schildert ihren Lebenslauf und die Schlussfolgerungen, die sie daraus gezogen hatte, „die Hölle auf Erden“ überlebt zu haben.

Porträt

„Ich musste für Himmler singen“

Philomena Franz ist Sinti, Musikerin, Tänzerin, Autorin. Und Auschwitz-Überlebende. Zweimal flüchtet sie aus dem KZ, wird zum Schein hingerichtet, entgeht nur knapp der Gaskammer. Im Gespräch mit dem Bürgerportal schildert die künftige Ehrenbürgerin der Stadt Bergisch Gladbach Szenen aus ihrem Leben, die auf drastische Weise zeigen, welches Grauen die Nazis über ihre Familie gebracht haben.

Es ist zu spüren, wie intensiv sich Stein in vielen Gesprächen mit Philomena Franz auseinandergesetzt hat. Sie selbst verzichtet auf einen Redebeitrag, aber ihre Gedankenwelt wird in dem, was Stein über sie berichtet und wie er sie zitiert, sehr plastisch.

Wir dokumentieren die Laudatio des Bürgermeisters im Wortlaut:

Bürgermeister Frank Stein. Foto: Thomas Merkenich

Sehr geehrte Frau Philomena Franz, liebe Gäste dieser Feierstunde, heute habe ich die Ehre, einem besonderen Menschen unserer Stadt die höchste Auszeichnung zu verleihen, die es in Bergisch Gladbach gibt: das Ehrenbürgerrecht.

Nach der Satzung über Ehrungen und Auszeichnungen durch die Stadt Bergisch Gladbach kann das Ehrenbürgerrecht Persönlichkeiten verliehen werden, „die“ – ich zitiere – „sich um das Ansehen und Wohl der Stadt Bergisch Gladbach außerordentlich verdient gemacht haben. Abgestellt wird auf die Würdigung des gesamten Lebenswerkes. Die außerordentlichen Verdienste müssen weit über das übliche Maß hinausgehen“.

Für den Rat der Stadt Bergisch Gladbach sind bei Frau Philomena Franz alle Anforderungen erfüllt und er hat daher am 1. Juli 2021 einstimmig die Verleihung beschlossen. 

Anlässlich ihres Geburtstages im Jahr 2020 habe ich Frau Philomena Franz das erste Mal persönlich kennenlernen dürfen – sie hat mich tief beeindruckt. 

Sie ist für mich eine in höchstem Maße bewundernswerte Frau. Bei allem, was ihr und ihrer Familie zugefügt wurde, die Liebe und nicht den Hass in den Mittelpunkt zu stellen, zeugt von ungeheurer menschlicher Größe. 

„Wenn wir hassen, verlieren wir. Wenn wir lieben, werden wir reich.“

Was für ein Satz! Philomena Franz wiederholt diesen Satz gerne. Sie selbst ist ohne Hass. Erstaunlich! 

Wir nehmen Rückschau, um diesen Satz ein wenig verstehen zu können. 

Sie, verehrte Frau Franz, wurden 1922 in einer renommierten Sinti-Musikerfamilie, die schon seit Jahrhunderten in Deutschland lebt, geboren. Sie wuchsen in Oberschwaben, dann in Stuttgart mit neun Geschwistern auf. Ihr Großvater war ein berühmter Cellist. Sie standen schon als kleines Kind, im In- und Ausland auf der Bühne, sangen und tanzten mit großem Erfolg in der Kapelle Ihres Großvaters.  Ihre Familie hatte Auftritte u.a. in der Liederhalle Stuttgart, im Lido in Paris und im Berliner Wintergarten.

Die Feierstunde wird von Lev Gordin (Cello) und Roman Salyutov (Klavier) gestaltet; Philomena Franz genießt die Stücke von Ernest Bloch und Max Bruch sichtbar. Foto: Thomas Merkenich

Die Ausgrenzung und Verfolgung erfolgte schon unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers. Als sogenannte „Nicht-Arier“ galt für Ihre Familie, dass Sie sich nicht mit sogen. „Deutschblütigen“ mischen durfte. Was für ein Wahnsinn, der in diesen Worten zum Ausdruck kommt. Dann wurden ihnen die Pässe abgenommen. 

Die Menschen in Ihrem Lebensumfeld wussten das schon und nicht wenige haben diese offene Diskriminierung – das gehört zur Ehrlichkeit im Umgang der Vergangenheit – gar nicht abgelehnt. Manche waren dagegen, waren aber machtlos und hatten Angst. Eine furchtbare Zeit. deren Schrecken wir Nachgeborenen nur erahnen können.

Zur Schule gehen durften Sie nicht mehr. Ihre Familie war mit Berufsverbot belegt. 

Sie wurden in Bad Cannstatt bei Stuttgart zur Zwangsarbeit in einer Rüstungsfirma verpflichtet – bis zu Ihrer Verhaftung 1938. An diesen Tag haben Sie sich erinnert sie sich wie folgt:

„Ich bin frühmorgens weggegangen. Wir mussten um sechs Uhr anfangen in der Fabrik. Ich stand gerade am Fenster, habe ein wenig Luft geschnappt. Da sehe ich unten die Männer. Ein Schock. Ich wusste in diesem Augenblick: Die holen dich jetzt. Handschuhe aus, Kopftuch ab. Dann stieg ich in das Auto ein. Ich hatte noch meine Arbeitskleider an. Mehr tot war ich als lebendig. Es ist sehr schwer, die Gefühle zu beschreiben. Es war so grausam, so maßlos traurig …“

Sie wurden an diesem Tag nach Auschwitz deportiert. Weitere Qualen, Demütigungen und Ängste folgten. Sie haben die Hölle auf Erden erlebt. 

Foto: Thomas Merkenich

Auch mit der Befreiung 1945 war Ihr Leben nicht plötzlich glücklich und leicht. Noch einmal ein Zitat:

„Ja, dann stand ich da. Da kam mir zuerst einmal die Frage ins Bewusstsein: Wo sind meine Leute? Wer lebt noch? Lebt meine Mutter noch? Lebt mein Vater noch? Jetzt bin ich allein. Wildfremd stand ich da. Ich habe mich verloren gefühlt.“ 

Werte Gäste, wer weiß, wie eng, wie tief gerade in der Familie von Frau Franz der Zusammenhalt ist, der kann den Schmerz von Frau Philomena Franz ein wenig ermessen, als sie nach und nach erfuhr, dass fast alle Familienangehörigen umgekommen waren. Außerdem war Frau Franz gesundheitlich stark angeschlagen. Sie schrieb dazu:

 „Ich bin übrig geblieben aus der Hölle. Ich habe noch eine Pflicht zu erfüllen. Ich möchte noch so viel vermitteln, wie ich kann. Ich habe eine Verantwortung dafür, weil ich in die Abgründe der menschlichen Seele geschaut habe. Gott hat nur gewollt, dass ich überlebt habe, damit ich es vermitteln kann.“

Als gläubige Christin sind Sie überzeugt, dass Gott sie auch deshalb habe überleben lassen und sehen darin einen Auftrag, ihre Erfahrungen als Opfer der NS-Verfolgung weiterzuvermitteln.

Und: Sie hatten dann nach allem, was geschehen war, noch die Kraft und die Liebe gehabt, zu heiraten und fünf Kindern das Leben zu schenken: Romani, Roska, Peter, Rinaldi und Toska. Jetzt haben Sie schon große Enkel. 

Ihr Mann starb früh und auch diesen Schicksalsschlag haben Sie bewältigen müssen.

Nach dem Krieg wurden Sie die erste Sinti-Schriftstellerin Deutschlands. Sie beschrieben zum einen speziell das Leben der Sinti. Sie sehen sich als „Zigeunerin“ und fühlen sich einer Bevölkerungsgruppe angehörig, die grundlegend anders sei als die Umgebungsbevölkerung: „Wir denken anders. Wir fühlen anders“. So umschreiben Sie das.

Sie schrieben aber auch Ihre Erlebnisse an den Holocaust nieder: das Leben im Lager, die physischen und psychischen Qualen. Bekannt wurde vor allem Ihre Autobiografie „Zwischen Liebe und Hass, Ein Zigeunerleben“.

Foto: Thomas Merkenich

Mit Ihren Werken haben Sie sich sehr um die Erinnerungskultur verdient gemacht – speziell auf das Schicksal der Sinti und Roma im Nationalsozialismus bezogen – . Dies ist auf dem Hintergrund bemerkenswert, weil das nationalsozialistische Verbrechen an Sintize, Sinti, Romnia und Roma noch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verleugnet wurde.

Erst 1982 wurde in Deutschland der Völkermord an den Sinti und Roma offiziell anerkannt. Es war auch danach noch ein weiter Weg, über die Verfolgung und die dahinter liegenden Schicksale zu sprechen und darüber zu informieren. Zudem: Die Aufarbeitung der Geschichte mit dem Ziel der angemessenen pädagogischen Vermittlung, dauerte noch viel Jahre. 

In ihrer Rolle als Zeitzeugin ist Frau Philomena Franz jahrzehntelang in Bildungseinrichtungen und Medien aktiv gewesen. 

Vor allem in Schulen, Volkshochschulen, Universitäten und Kirchen, aber auch in Talkshows und Radiosendungen. Sie konnten dabei durch Ihren unnachahmlichen Erzählstil gerade bei jungen Menschen das Interesse an der Vergangenheit wecken und nachhaltig fördern, auch in Bergisch Gladbach; der Stadt, die dann zu Ihrer Heimatstadt wurde.

Ihre Botschaft:

„Wir Überlebenden sind gezeichnet. Aber eines hat mich mein Leben gelehrt: Wenn wir hassen, verlieren wir. Wenn wir lieben, werden wir reich.” 

Da ist dieser Satz wieder und nun können wir seinen Sinngehalt besser verstehen.

Die Bereitschaft zur Versöhnung ist zentral. Immer wieder ermutigt Frau Philomena Franz, Fremdes kennen und verstehen zu lernen. Sie kämpft für Verständigung zwischen den Menschen – seien es Sinti, Roma, Juden, Deutschen, egal, welcher Herkunft – und vermittelt in vielfältiger Weise, dass Toleranz aus dem Herzen wachsen muss. 

Foto: Thomas Merkenich

Nie hat sie den Glauben und die Hoffnung an das Gute im Menschen verloren – trotz ihrer unvorstellbaren Erlebnisse -. 

Die NS-Zeit mit ihren Grauen war – leider – kein einmaliger Unfall der Geschichte und auch kein politischer Zufall. Viele nachfolgende Ereignisse in der Geschichte auf unserem Planeten bis in unsere Gegenwart hinein lassen uns dies wissen. 

Auch heute ist Hass, Grausamkeit, Demütigung, Ausgrenzung, Betrug – kurz: das Böse eine Realität. Auf der anderen Seite sind wir Menschen fähig zu Liebe und Freundschaft, zu Empathie und Hilfsbereitschaft, also fähig zum Guten. Wir haben beide Möglichkeiten in uns. Wir müssen uns entscheiden, auf welcher Seite wir stehen und wohin wir uns entwickeln wollen: Wählen wir das Gute, dann werden wir reich und unser Leben ist erfüllt. Gutes und Böses sind nicht gleichrangig. Wir sollen das Gute wählen.  (…)

Liebe Frau Franz, auch mit ihren nunmehr 99 Jahren kämpfen Sie unermüdlich für Versöhnung und interkulturelles Miteinander. Sie zählen zu den herausragenden Persönlichkeiten unserer Zeit und haben eine Strahlkraft weit über Bergisch Gladbach hinaus. Bergisch Gladbach ist dankbar und stolz, dass eine solche Persönlichkeit Bürgerin der Stadt ist. Sie tragen zweifellos zum Ansehen der Stadt Bergisch Gladbach bei.

Daher ist es mir eine Freude und Ehre, Sie jetzt mit dem Ehrenbürgerrecht auszeichnen zu dürfen.

Mit dem heutigen Tag hat Ehrenbürgerin Frau Philomena Franz das Profil der Stadtgesellschaft Bergisch Gladbachs geschärft: das Eintreten für Toleranz und Völkerverständigung, das Aufstehen gegen Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit sind jetzt schon ihr Vermächtnis für alle Bergisch Gladbacherinnen und Bergisch Gladbacher. 

Eine Erinnerungskultur, die Beschäftigung mit der Geschichte, ist dabei unverzichtbar. 

„Philomena, Du bist phänomenal“

Einen sehr persönlichen Akzent setzen die beiden anderen Ehrenbürger:innen, die an der Feierstunde teilnahmen: Roswitha und Erich Bethe, die Philomena Franz seit 20 Jahren kennen und eng befreundet sind. (Der vierte lebende Ehrenbürger, Walter Hanel, hatte sich krankheitsbedingt entschuldigen lassen.)

Roswitha Bethe. Foto: Thomas Merkenich

Eine „glückliche Fügung“ nennt Roswitha Bethe ihre Freundschaft zu Philomena Franz. Sie selbst sei behütet aufgewachsen und habe erst sehr spät von den Gräueltaten der Nationalsozialisten erfahren, und vieles erst durch Franz verstanden. Sie sei ihr ein großes Vorbild, und von ihr habe gelernt, dass „Vergebung der einzige Weg ist, die Freude am Leben zu erhalten und die Angst vor den Gefahren des Lebens zu verlieren.“

Erich Bethe. Foto: Thomas Merkenich

Auch Erich Bethe bekennt sich gerne dazu, ein „Fan und Bewunderer“ der neuen Ehrenbürgerin zu sein. Nie werde er vergessen, wie es Philomena Franz immer wieder gelungen sein, Hunderte von Schülern mit ihren Berichten in ihren Bann zu schlagen. „Philomena, Du bist gleich mehrfach durch die Hölle gefahren – aber ich kenne keinen, der so herzhaft lachen kann wie Du“, sagt Bethe, „Philomena, du bist phänomenal“.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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3 Kommentare

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  1. Liebe Frau Franz,
    ich bin tief beeindruckt von Ihrem Lebensweg, Ihrem Mut, Ihrer Courage und wünsche Ihnen alles erdenklich Gute.

  2. Ein wunderbarer und ganz wichtiger Artikel. Ich finde es großartig, dass Sie die gesamte und sehr eindrucksvolle Rede von Bürgermeister Frank Stein veröffentlicht haben.

    Der Bericht ist ein wichtiges Zeichen in die Gesellschaft – und leider immer noch dringend notwendig! Vielen Dank!!!

  3. Ein schöner Beitrag, der das Ereignis in passender Ausführlichkeit würdigt.

    Dass man aber den Anreißer auf der Startseite mit einem klassischen Clickbait („Eine besonderes Kompliment erhielt die 99-Jährige jedoch von zwei anderen Ehrenbürgern.“) schließen musste, wundert mich. Das ist der Sache doch wirklich nicht angemessen.