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Nach den Dürremonaten der Pandemie eröffnet die Villa Zanders endlich wieder eine große Ausstellung: Peter Tolles „something to live for“ ist ein Fest der Malerei. Scheinbar einfarbig, dennoch nicht monochrom, präsentiert die Schau vibrierende Farbräume. Neben großformatigen Ölgemälden zeigt das Kunstmuseum Aquarelle, Zeichnungen und Künstlerbücher.

Text: Holger Crump. Fotos: Thomas Merkenich

Wer sich einen Zugang zur Ausstellung verschaffen will, kann den akustischen Weg (sic!) wählen. „Der Titel der Ausstellung zitiert den Song „something to live for“ von Ella Fitzgerald und Duke Ellington„, erklärt Peter Tollens bei der Präsentation seiner Bilder in der Villa Zanders.

Er ist bekennder Jazz-Fan. „Der Song passt einfach zu mir und meiner Kunst“, schmunzelt Tollens. Das Lied handelt von unerfüllter Sehnsucht, dem Streben nach Glück, das materielle Erfüllung nie bieten wird.

„Malerei hat in diesen Räumen ja eine gewisse Tradition“, erläutert Petra Oelschlägel, Direktorin des Kunsmuseums. Schließlich sei die Erbauerin, Maria Zanders, selbst Malerin gewesen. Als Amateurin auf hohen Niveau, wie im Rathaus noch zu sehen ist.

Malerei hatte in der Ausstellungshistorie der Villa Zanders schon immer einen besonderen Stellenwert. Nun also Tollens, der schon immer einen eigenen und konsequenten Weg gegangen sei, so Oelschlägel. Womit sich noch eine Parallele zu Maria Zanders auftut.

Bis zum 30. Januar 2022 sind im Kunstmuseum Peter Tollens Arbeiten zu sehen. Sie umfassen die Schaffensphase von den 1990er Jahren bis heute. Eine große Einzelschau dieses Ausnahmemalers.

Leben vom Licht

Tollens ist im ersten Obergeschoss zu sehen. Neben Ölgemälden in großen und kleinen bis mittleren Formaten sind auch selten ausgestellte Aquarelle, Zeichnungen, Arbeiten mit Kohle sowie Künstlerbücher zu sehen.

Die Räumlichkeiten sind wie gemacht für Tollens Kunst, denn sie leben vom Licht. Die Villa Zanders verzichtet daher während der Ausstellung auf die üblichen transluzenten Stoffe an den Fenstern.

Peter Tollens – something to live for
5.9.2021 bis 30.1.2022
Anlässlich der Ausstellung erscheint eine Publikation zum Preis von 12 Euro. Während der Ausstellungslaufzeit ist eine Vorzugsausgabe mit einer Edition erhältlich. Weitere Informationen auf den Webseiten der Villa Zanders.

Scheinbar einfarbig, sind die Arbeiten von Tollens keineswegs monochrom. Hat er sich für eine Farbe entschieden, arbeitet er aus der Grundierung heraus „in Richtung“ dieser Farbe, baut das Bild aus zahllosen Schichten nass in nass auf. Die Grundierung könne zum Beispiel aus grün bestehen, wenn er ein Werk in orange erstellt. „Das ist einer meiner Bezüge zu den alten Meistern und der Malerei weit davor, die ich sehr schätze.“

Peter Tollens vor seinem Selbstbildnis „golden boy“. Foto: Thomas Merkenich

Die alten Meister grundierten nie weiß, und schufen so bereits beim Bildaufbau einen Grundton der sich durch das Werk zieht.

Das Wissen nutzt auch Tollens: „Eine farbige Grundierung schafft andere Reflexionen als eine weiße“. So geben die Bilder stets eine Vielzahl an Farbvarianten wieder.

Tollens arbeitet mit selbst hergestellten Farben, „die Industrie bietet keine Bandbreite mehr, hat keine Qualität, man weiß nicht was da drin steckt“, moniert er. Der Prozess der eigenen Herstellung erlaube zudem die Produktion von sehr pastösen Farben, „hart wie Butter“ wirft Tollens ein.

Acryl sei nie ein Thema gewesen, erklärt er in diesem Zusammenhang. Die harte Haut nach dem Trocknen lasse keinen „Kontakt“ zu, „Plastik wollte ich nicht.“

Disziplinierter Duktus

Die ausgestellten Werke fordern den Betrachter. „Wichtig ist schauen, wahrnehmen, erleben, wie setzt der Künstler den Pinsel“, sagt Petra Oelschlägel. In den Bildern sei selten eine große Gestik wahrzunehmen, vielmehr dominiere ein geführter Pinselstrich, der von einer disziplinierten Arbeit zeuge. Ausgehend von der Grundierung entwickelt er das Bild mit bearbeiteten Pinseln in Richtung der Farbe.

Bildtitel wie „weiß-grau-grün-weiß“ will er gleichwohl nicht als Notation der Schichtung verstanden wissen, nicht als Prozess der Bildentstehung. Vielleicht verweisen sie auf die Farbräume, die er darzustellen versucht. „Es gibt keine Regel“, sagt er immer wieder, angesprochen auf die Abläufe in seinem künstlerischen Schaffen.

Zum Rand hin ändern viele der Gemälde ihren Charakter, nehmen Bezug zum Raum auf, „vollenden sich in den Raum hinein“ wie Petra Oelschlägel in ihrem Katalogbeitrag zur Ausstellung schreibt. Die Werke entfalten eine auratische Wirkung.

Die luftige Hängung der Ausstellung unterstreicht dies. Die Räume werden wohltuend sparsam bespielt.

Farbe als Objekt der Malerei

Tollens Arbeitsweise führt teils zu gewebeartigen Strukturen auf dem Farbträger. Die Entwicklung der Bilder ist nicht geplant: Er reagiere auf Prozesse beim malen, er improvisiere, sagt Tollens. Das eine ergebe sich aus dem anderen. Hier schließt sich vielleicht der Kreis zum Jazz, dessen Wesensmerkmal ebenfalls die Improvisation ist.

Foto: Thomas Merkenich

So trägt er Schicht um Schicht auf, bis die Komposition stimmt. Das großfromatige Werk „Ohne Titel“ von 1986 (Ölfarbe auf Leinen, siehe Foto) macht dies exemplarisch deutlich. Eine wandfüllende Arbeit, die auf den ersten Blick tiefschwarz wirkt.

„Am meisten sieht man wenn man hier steht“ erklärt Tollens und positioniert sich einen Meter vor dem Bild. „Ich entdecke schwarz, violett, grau, Preußisch blau.“ Der Duktus wird schräg gegen das Licht sichtbar, die Dicke der Farbe, die Zeichnung die beim Auftrag mit dem Pinsel entsteht. Er verweist auf das Kleine im Großen.

Peter Tollens malt Farben. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Tollens malt nicht mit Farben, sondern er malt die Farben selbst. Sie sind Objekt seiner künstlerischen Auseinandersetzung, „seine Malerei hat Farbe und das Malen von Farbe zum Gegenstand“, erläutert Petra Oelschlägel im Katalog.

Tollens erklärt dazu, die Bilder seien den Farben gewidmet, die er in der Natur sehe. Er wandert sonntags, in der Eifel. Von dort bringt er die Inspiration für seine werktägliche Arbeit im Atelier mit.

Ikonen der Farben

Mit seinen Arbeiten vertritt Tollens, der in den 1980er Jahren dem radical painting zugeordnet wurde, er ein sehr grundlegendes Prinzip der Malerei. Im Kern geht es um die Entwicklung von Strukturen, basierend auf den optischen und haptischen Eigenschaften der Malerei und der Farbe (vgl. Lilly Wei in einem Beitrag zur Ausstellung „radical painting“ am Williams College Museum of Art in Williamstown/Massachusetts, 1984). Seine Werke können letztlich auch als Ikonen der Farben verstanden werden.

Tollens Malerei spannt scheinbar einen unendlichen Kosmos an Möglichkeiten auf. Der Betrachter verweilt in der Entdeckung neuer Details, gelangt aber nicht an ein wirkliches Ende. Er wandert und wandert quasi entlang eines Möbius´schen Bandes der Farbvariationen.

Vielleicht gelangt auch Tollens nie an ein Ende. Weil Licht, Farbe, Pinsel und Leinwand immer wieder neue Herausforderungen stellen. Ella Fitzgerald und Duke Ellington haben es so ausgedrückt:

I have almost ev’ry thing a human could desire,
Cars and houses, bear-skin rugs to lie before my fire
But there’s something missing,
Something isn’t there
.

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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