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Das Künstlerpaar Gisela Becker-Berens und Georg Becker zeigt seine Werke in der Thomas-Morus-Akademie. Gedichte der Lyrikerin stehen den Holzarbeiten des Bildhauers gegenüber. Eine sehenswerte Ausstellung, die ihren Reiz aus dem Kontrast von lyrischer Imagination und physischer Präsenz der Skulpturen schöpft. Und daher viel über die Parallelen im kreativen Prozess dieses Paars offenbart.

Text: Holger Crump. Fotos: Thomas Merkenich

Die Ausstellung trägt den Titel „Aus gleichem Holz sind wir…“ und zitiert eine Passage aus dem Gedicht „Du und ich“ von Gisela Becker-Berens. Es wird am Anfang der Ausstellung präsentiert und ist die Liebeserklärung eines Menschen an seinen Partner:

du und ich

bin nicht mehr
sicher wo
dein anfang und
mein ende

aus gleichem holz
sind wir
umarmen einander
entfernen uns

von narben gezeichnet
die polierte haut
erzählen immer
neue geschichten  

umfange mich
ich halte dich

Gisela Becker-berens

Ein empfindsames Entrée zur Ausstellung des Künstlerpaares, das in äußerst unterschiedlichen Kunstgattungen zuhause ist: Lyrik und Holzbildhauerei. Das Leichte trifft auf das Schwere. Text auf Objekt. Imagination des Wortes auf Präsenz des Werkstoffes Holz.

Das ist ein starker Kontrast, aus dem die Ausstellung Spannung und Attraktivität bezieht. Konzentrierte Verse, leise und pointiert, hängen neben formschönen und spirituellen Skulpturen, die mit den Händen erfasst werden sollen und auch dürfen.

Freiheit der Form

„Mit 50 habe ich als freiberuflicher Bildhauer begonnen zu arbeiten“, erklärt Georg Becker. Aus gesundheitlichen Gründen musste er damals seine Lehrtätigkeit einstellen. Und tat dann mit der Holzbildhauerei genau das, was er schon immer habe machen wollen.

Seither sind unzählige Arbeiten in Holz entstanden, meist ungegenständlich. „Die Freiheit der Form ist die Freiheit für einen selbst“, beschreibt Becker seine Arbeiten. „Am Anfang meiner Karriere habe ich viel skizziert, bevor ich mit dem Holz anfing zu arbeiten. Aber oft merkte ich, dass der Werkstoff anders wollte als ich, und gänzlich neue Dinge entstanden sind.“

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Zeichnen mit der Säge

Becker arbeitet keine Figur, keine Form in das Holz hinein, zwingt dem Werkstoff keine Gestalt auf. Vielmehr spielt er mit dem natürlichen Wuchs, dem Charakter des jeweiligen Stücks.

„Ich arbeite entlang der Struktur, der Linien, daher gibt es auch keine rechten Winkel oder ähnliches,“ sagt Becker. Und er belässt es meist bei der Farbe und Struktur des Holzes, oft Bergische Obsthölzer. Selten wird eine Skulptur mit Farbe versehen.

Aus gleichem Holz sind wir
Skulptur trifft Lyrik
Werke von Georg Becker und Gisela Becker-Berens 
84. Kunstbegegnung der Thomas-Morus-Akademie in Zusammenarbeit mit dem Kreiskulturamt
Bis 16. 1. 2022, täglich 9 bis 18 Uhr
Thomas-Morus-Akademie im Kardinal-Schulte-Haus, Bensberg
www.tma-bensberg.de

Die grobe Form entstehe mit der Säge, schildert Becker, „ich zeichne mit der Motorsäge.“ Dann beginne die eigentliche Bearbeitung mit Schleifen und Polieren, immer und immer wieder. Dann folgt das Wachsen.

Redigieren, polieren

Wie entstehen die Gedichte? „Meist ist ein Gedanke da, den versuche ich zufassen, notiere wahllos, suche Worte die mir gefallen“, beschreibt Gisela Becker-Berens ihr Vorgehen beim Schreiben.

Erst entstehe ein Wortgerüst, ein Skelett, dann komme das Fleisch daran. „Die Notizen erfolgen handschriftlich. Wenn es etwas werden könnte, gehe ich an den PC. Die Texte werden aber immer wieder überarbeitet, bis die endgültige Fassung steht.“

Deutlich wird: Der kreative Prozess ist bei beiden ähnlich. Aus dem Groben arbeiten die Künstler ins Feine. Feilen an Text, Aussage und Form. Kreativität scheint ein universeller Prozess zu sein.

Anfassen erwünscht

„Der Schliff meiner Arbeiten ist enorm wichtig, denn die Skulpturen sollen angefasst werden“, erklärt Becker. Das ist ungewöhnlich, denn Kunst steht meist für „Anfassen verboten“. Nicht so bei seinen Skulpturen. Becker macht sie mit Absicht begreifbar. Das sei für das Verständnis unabdingbar.

Und es macht einfach Spaß, die Rundungen zu erkunden, Haptik und Wärme des Holzes zu erfahren. Das fügt den Skulpturen eine weitere Ebene hinzu. So ist es einfach nur folgerichtig, dass er gemeinsam mit Gisela Becker-Berens auch schon eine Ausstellung für blinde Menschen veranstaltet hat: „2010 in Essen, als das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas war.“

Werkschau Georg Becker „Das Atmen der Dinge“
Parallel zur Ausstellung ist ein Buch mit einer Werkschau der Skulpturen und Objekte von Georg Becker erschienen. Mit einer Einführung von Prof. Dr. Frank Günter Zehnder, sowie Texten von Sandy Viek, Johannes Willenberg, Walter Jansen, Gisela Becker-Berens und Georg Becker. Der Katalog kann in der Thomas-Morus-Akademie erworben werden.
Herausgeber: Georg Becker, 200 Seiten

Gisela Becker-Berens hat dazu ihre Gedichte in der Blindenschrift Braille setzen lassen. Und sie verbrachten ein Wochenende mit taubblinden Menschen. Eine intensive Erfahrung, wie beide schildern.

Reinheit des Werkstoffes

Es mache einen Unterschied, ob ein Werk für innen oder außen entstehe, sagt Becker. Ölen und Wachsen sei eher für innen gedacht, um den Besuchern das Erkunden der Skulptur zu ermöglichen. Ein Konservieren der Arbeiten im Außenbereich sei eher nicht notwendig.

Er verweist auf den Hängeschnurbaum, eine Skulptur in der Innenstadt, gegenüber der Hirsch-Apotheke bei der Stadtbibliothek. „Das Holz ist nicht imprägniert, es ist robust genug. Belässt man es unbehandelt, gibt man der Natur gewissermaßen auch etwas zurück.“

Unbehandelte Holzkunstwerke seien in der Volksunst doch auch der Normalfall gewesen. Erst die Chemie habe den vermeintlichen Bedarf geweckt, Holz zu imprägnieren.

Gisela Becker-Berens: Die Lyrikerin arbeitete als Lehrerin an verschiedenen Schulen und gründete 2011 den „Lyrikpfad an der Strunde“, den sie seither organisiert. Becker-Berens publiziert Bücher, veranstaltet Lesungen. Lyrische Beiträge zu Ausstellungen von Georg Becker und anderen Kunstschaffenden. Vorstand von Wort & Kunst e.V. Bergisch Gladbach, Mitglied Literhaus Köln und Lyrikgesellschaft Leipzig.

Georg Becker: Arbeitete zunächst als Buchhändler, dann Studium der Kunst und der Sozialwissenschaften in Köln. Seit 1999 freischaffender Bildhauer mit Atelier in Bergisch Gladbach. Skulpturen in privatem und öffentlichem Besitz. Ausstellungen im In- und Ausland. Mitglied im BBK Köln. 

Eigenheiten

Ein Blick auf die Gedichte an der Wand offenbart die Eigenheiten in Gisela Becker-Berens Texten: „Ich schreibe ungereimt, in Kleinschreibung, ohne Satzzeichen.“ Damit wolle sie die intensive Beschäftigung mit dem Text anstoßen. Man müsse die Texte auch oft laut lesen, um sie zu erschließen.

Die Kleinschreibung, die fehlenden Satzzeichen: Damit verfeinert Becker-Berens letztlich ihr Instrumentarium. So wird bereits das Einrücken eines Wortes zu einer Hervorhebung, typografisch auch „Auszeichnung“ genannt. VERSALIEN sind so nicht vonnöten, um Akzente zu setzen.

Auch Georg Becker setzt auf Verzicht. Bei ihm liegt dieser eher im Material begründet. Stein oder Metall findet man nicht bei ihm. „Ich arbeite mit Holz, weil dies ein lebendiger Stoff ist“, stellt er klar. Holz sei im Gegensatz zu Stein oder Metall nicht kalt. Es sei für ihn mehr als nur ein Werkstoff. „Holz ist Inspiration“, so sein Credo.

Foto: Thomas Merkenich

Sakrale Anmutung

„Aus gleichem Holz sind wir…“: Die Ausstellung befindet sich in einem Kreuzgang im Kardinal-Schulte-Haus. Nicht nur aus diesem Grund hat die Ausstellung, haben die Werke eine leicht sakrale Anmutung.

Alles strebt nach oben, öffnet sich, die Iluminierung während der Dämmerung unterstreicht den Effekt. Die Bemalung der Skulpturen verweist hier und da auf Kirchenfenster, zugleich muten einige Arbeiten wie ein Totem an.

„Die Skulpturen sind auch Zeichen, sie sind nur einmal vorhanden, gewissermaßen Unikate.“

Georg Becker

Gleichwohl orientieren sich alle Arbeiten aufrecht stehend an der Vertikalen. Ein Sinnbild für das Leben? Der Schluss liegt nahe. Ein liegender Stamm, als Verweis auf Verfall und Tod, ist nicht zu finden.

Arbeiten im Lockdown: Was tun, wenn die Welt in sich zurückkriecht? Georg Becker hat im Lockdown an seiner Werkschau gearbeitet. Das Buch ist pünktlich zur Ausstellung in der Thomas-Morus-Akademie erschienen.

„Ich konnte in dieser Zeit nur Haikus schreiben“, sagt Gisela Becker-Berens. Haikus, das sind traditionelle japanische Gedichte, die in Wortgruppen zu 5-7-5 Silben verfasst werden. Hier ein Haiku, das die Lyrikerin im Lockdown verfasste:

da sitzt sie einsam
weiß weder tag noch stunde
der wasserhahn tropft

Seelenverwandschaft

„Du und ich“: Die Ausstellung von Gisela Becker-Berens und Georg Becker könnte kaum unterschiedlichere Kunstgattungen vereinen. Und doch lassen sich viele Parallelen im kreativen Prozess entdecken.

Und wunderbare, tiefe Seelenverwandtschaften: Der Holzbildhauer Becker, der im Erstberuf Buchhändler war (Papier aus Holz!). Bücher sind wiederum das Medium der Lyrikerin Becker-Berens, die hin und wieder den Werkstoff Holz und die kreative Arbeit ihres Mannes ins Zentrum ihrer Lyrik stellt. Ein bezaubernder Kreislauf, der sich im Werk der beiden schließt, und in der Ausstellung erfahrbar wird.

Und all dies auch noch in der Papierstadt Bergisch Gladbach?! Das wäre den beiden, so viel ist sicher, dann aber doch etwas zu viel an Symbolik.

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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5 Kommentare

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  1. Sehr geehrter Herr Crump, es freut mich, dass es unter den Fotos zu Ihrem Text auch ein Foto von einer Serie kleiner Schwarzweiß-Fotos zu Georg Beckers Arbeit an seinen Skulpturen gibt.

    Sie vermitteln etwas, das unter der Überschrift „Zeichnen mit der Säge“ vielleicht zu wenig zur Sprache gekommen ist: die körperliche Arbeit am Material, die Schwere der Arbeit, die Anstrengung, die Arbeit mit Maschinen, Massen, Baumstämmen, gewaltigen Körpern, auch die Gefährlichkeit der Arbeit.

    Ich meine, das sollte auch herausgestellt werden, um zu begreifen, dass da nicht bloß so zierlich aufrecht ragende Holzfiguren herumstehen. Die kleinen Schwarzweiß-Fotos interpretieren Beckers Skulpturen nicht nur als Inspirationen in Holz, sondern auch als Ergebnisse von Kraft und Macht über das Material wie auch als ästhetische Entscheidungen während des Hantieren und Sägens.

  2. Schon die Überschrift des Artikels von Holger Crump über die Ausstellung in der Thomas Morus Akademie „Aus gleichem Holz sind wir…“ von der Lyrikerin Gisela Becker-Berens und dem Bildhauer Georg Becker lässt aufhorchen. Ja, genau das ist die wundervolle Ausstellung : ein „Pas de deux von Lyrik und Skulptur“!

    Danke, Herr Crump, für den einfühlsamen und bereichernden Beitrag!

  3. Liebe Gisela, lieber Georg, es ist mir eine Ehre, euch als Erster im Bürgerportal zu eurer eindrucksvollen Ausstellung gratulieren zu können. Die aus Termingründen verpasste Vernissage werden wir umso intensiver in den nächsten Tagen bei einem persönlichen Besuch nachholen. Neben euren bildnerischen und literarischen Werken kommt in dem Bericht ja auch eure künstlerische Gemeinschaft zum Ausdruck. Einfach wunderbar!
    Ich möchte aber auch nicht versäumen, Holger Crump für seinen einfühlsamen Bericht und Thomas Merkenich für seine schönen Fotos zu danken.