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In der Ausstellungsreihe Wandelhalle, die sich der Zeichnung widmet, präsentiert die Villa Zanders Werke von Gesa Lange. Mit gestickten Zeichnungen und Graphitarbeiten treibt die Hamburger Künstlerin das Genre achtsam und poesievoll voran. Zeit und Gedanken als Ausgangspunkt ihrer Schöpfungen entführen den Betrachter in abstrakte Bildwelten von lyrischer Schönheit.

Text: Holger Crump. Fotos: Thomas Merkenich

Die in Belgien geborene und in Hamburg lebende Künstlerin Gesa Lange ist erstmals mit einer Einzelausstellung im Museum zu sehen. Die Schau im Kunstmuseum Villa Zanders dokumentiert ihre herausragenden Werkgruppen der Graphitarbeiten und gestickten Zeichnungen, die nur auf den ersten Blick sehr unterschiedlich zu sein scheinen.

Denn beide Bereiche dokumentieren jeweils ein prozessuales Arbeiten, münden oft in abstrakten Bildwelten, die „den Betrachter in sich aufnehmen und Resonanzraum für eigene Emotionen und Gedanken werden können“, beschreibt Petra Oelschlägel, Direktorin des Kunstmuseums Villa Zanders.

All dies mit einer lässigen und dennoch durchdringenden Wucht, mit einer kraftvollen Ästhetik, die ganz selbstverständlich von einer enormen künstlerischen Gestaltungs- und Schaffenskraft zeugt.

Fadenwerk und Fadenwelt

„Filament“ ist lateinisch und bedeutet Fadenwerk. Er passt – natürlich – zur eingesetzten Technik der gestickten Zeichnungen. Filament findet sich als Begrifflichkeit aber auch in der Astronomie, wo er für raumgreifende solare und interstellare Strukturen steht.

Insofern verknüpft der Titel folgerichtig die leise Poesie der Arbeiten mit einem klaren, universellen Anspruch an das Genre, den kreativen Prozess, vielleicht auch an die Kunstwelt, den Gesa Lange in ihren Arbeiten zweifellos formuliert.

Gesa Lange – Filament
Kunstmuseum Villa Zanders
30. Oktober 2021 bis 6. März 2022
Di & Fr 14 bis 18 Uhr
Mi & Sa 10 bis 18 Uhr
Do 14 bis 20 Uhr
Sonn- und Feiertage 11 bis 18 Uhr

Foto: Thomas Merkenich

Vielschichtige Graphitarbeiten

Spannend die Graphitarbeiten, in denen Gesa Lange bis zu 60 Schichten übereinander lagert, diese aber immer wieder mit Radiergumme, Schmirgelpapier oder Schwamm abträgt. So entstehen Werke von enormer Tiefe, subtilen Sedimenten ähnlich, die sich zu einer komplexen Patina verdichten.

Sie künden von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, fordern den Betrachter zur Reflexion, über sich und letztlich das Sein. Der komplexe Produktionsprozess belegt: Zeit wird hier zum Rohmaterial. Unendlich scheinende Prozeduren der Kreation, eingefroren und doch nicht greifbar.

Gestickte Zeichnungen

Für die gestickten Zeichnungen nutzt Gesa Lange Nadel und Faden („Aus der Kurzwarenabteilung im Kaufhaus!“) auf grundierter Leinwand. Sie entwirft Muster von erstaunlicher Exaktheit, frei aus der Hand gearbeitet, die mit Verschiebungen, Knoten, verwebten Strukturen kontrastieren.

Geordnete Gefüge und scheinbar frei gesetzte Stiche, die gleich einem erzählerischen Faden über die Leinwand laufen, arrangieren sich auf der Fläche, finden zu einem schlüssigen Ganzen, wachsen in den Raum hinein und stoßen einen Dialog an. Frei auslaufende Fäden zeugen von Intutition im Entstehungsprozess, einer im besten Sinne kindlichen, weil unbefangenen Anmutung von Naht und Stich.

Ein narrativer Duktus umschwirrt den Betrachter. Und in der Tat sind die gestickten Arbeiten Langes Versuch, Gedankengänge zu visualisieren. Seit der Kindheit habe sie sich bereits mit der Problemstellung befasst, erklärt die Künstlerin beim Gang durch die Ausstellung.

Künstlerische Fragen

Wie kam es nur Nutzung von Nadel und Faden? „Der Faden hat Probleme gelöst, die sich in meiner künstlerischen Arbeit mit der Zeit gestellt haben“, berichtet Lange mit Blick auf die Zeit, als der Schwerpunkt noch auf den Graphitabreiten lag. So zum Beispiel die Frage nach der Farbe in ihren Werken.

„Mit Bleistift und Graphit arbeite ich schon länger, trage auf, trage ab. Das ist ein sehr körperlicher Prozess“, schildert sie. Bei den gestickten Zeichnungen sei sie indes sehr konzentriert, sitze am dem Werk, arbeite exakt, „das entspricht eigentlich gar nicht meinem Wesen“, schmunzelt die Künstlerin.

„Ich sammle Millimeterpapier!“

Gesa Lange (*1972) wurde in Belgien geboren und lebt seit ihrer Kindheit in Hamburg. Sie studierte Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften HAW in Hamburg sowie Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste HFBK, ebenfalls in Hamburg.

Seit 2011 hat sie eine Professur für Zeichnen im Department Design an der HAW inne. Zahlreiche Einzel-, Doppelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen. Ihre Werke finden sich in nationalen und internationalen Sammlungen. Lange sammelt Millimeterpapier, das sie teils auch in ihren Arbeiten verwendet.

Foto: Thomas Merkenich

Gleichwohl schätzt sie das Arbeiten in diesen beiden unterschiedlichen Welten, „die gestickten Zeichnungen helfen Lücken in den Graphitarbeiten zu füllen.“ Hierzu nutzt sie derzeit zwei Ateliers: Eines für die staubigen Graphitarbeiten, ihre privaten Räumlichkeiten zuhause für das „Sticken der Fadenzeichnungen.“ Da sei Präzision und Sauberkeit gefragt, die es ihm Atelier nunmal nicht gebe.

Wann ist ein Strich eine Fläche?

Schaut man auf die Zeichentechnik, will sie den Faden nicht als Strich und das Graphit nicht als Medium der Fläche verstanden wissen. Auch der Strich führe letztlich als Schraffur zur Fläche. Und die Frage sei doch, ab wann ein Strich bereits eine Fläche sei, so Lange.

Foto: Thomas Merkenich

„Auch wenn Faden und Stift die gleiche Bedeutung in meinen Arbeiten haben, so kommen sie doch unterschiedlich zum Einsatz“, erklärt Gesa Lange. Während der Stift der Oberfläche schmeichelt, Flächen aufeinander aufbaut, zeigt der Faden eine Radikalität beim Einsatz auf der Leinwand. Immer wieder verweist sie auf die Endgültigkeit, mit welcher der Faden die Leinwand verletzt, perforiert und einen vermeintlich genauen Punkt setzt. Der Faden umschließt die Leinwand, während Graphit an der Oberfläche verhaftet bleibt.

In diesem Momenten blitzen die grundsätzlichen Aspekte auf, mit denen sich die Künstlerin auseinandersetzt: Was ist schnell, was ist langsam, was sind Vergangenheit und Zukunft, wo stehe ich, wo steht die Menschheit?

Öffentliche Führungen
So 14. November 2021 11 Uhr
Do 06. Januar 2022 18 Uhr
So 13.Februar 2022 11 Uhr
Weitere Führungen auf Anfrage.

Gespräch mit der Künstlerin und Finissage
So 06. März 2022 17 Uhr

Foto: Thomas Merkenich

Das Genre erweitert

„Filament“ ist eine Ausstellung von enormer Bedeutung. Denn sie präsentiert eine zeitgenössische Künstlerin, die einen eigenen Weg der künstlerischen Kreation geht und diesen Weg zu Werken von großer Spannung und Aussagekraft führt.

Zugleich zeigt die Ausstellung, wie Gesa Lange das Genre der Zeichnung vorantreibt, mit welcher Experimentierfreudigkeit eine nur scheinbar verstaubte Kunstgattung ihren Platz in der zeitgenössischen Kunst behauptet. Abseites aller digitalen Verspieltheit.

All dies unter Rückbesinnung auf bewährte Kulturtechniken, die jedoch längst nicht ausgereizt sind, wie „Filament“ im Kunstmuseum Villa Zanders eindrucksvoll zur Schau stellt.

Gesa Lange im Gespräch mit Kulturreporter Holger Crump. Foto: Thomas Merkenich

Kunstbuch, kleiner Katalog, Edition

Die gezeigten Arbeiten sind alle neueren Datums, stammen aus der Zeit 2015 bis 2021, wobei Gesa Lange erst 2017 mit gestickten Zeichnungen begonnen hat. Die Reihe „Filament“ mit ihrem titelgebenden Namen ist eigens zur Ausstellung entstanden (2021, Garn auf Leinwand). Ebenso wie die Edition in fünf Teilen, die im Treppenhaus zu sehen ist.

Bemerkenswert auch das ausgestellte Kunstbuch von und über Gesa Lange, das sie selbst erstellt und gebunden hat („Mit Fadenheftung!“). Darin eingearbeitet ein Original, das den komplexen Prozess der Entstehung ihrer Graphitarbeiten erfahrbar und begreifbar macht. Blättern ist erwünscht und gestattet!

Ein kleiner Katalog wird die Ausstellung dokumentieren und kann später im Kunstmuseum erworben werden.

Foto: Thomas Merkenich

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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