Wir empfehlen: Einen wunderbaren Roman über die untergehende Sowjetunion, einen nervenzermürbenden Krimi und einen sommerlichen Lesegenuss über einen Neubeginn.

Katerina Poladjan: Zukunftsmusik.
S.Fischer Verlag 2022, € 22,00.

Die in Moskau geborene deutsche Autorin blickt mit ihrem zwei Tage vor dem Beginn des Überfalls auf die Ukraine erschienenen Roman tief in die russische Seele. Die Hoffnungen eines ganzen Volkes auf bessere Zeiten atmen durch jede Seite. Doch die Realität hat sie inzwischen eingeholt. 

11. März 1985 irgendwo in Sibirien in der untergehenden Sowjetunion: In einer Kommunalka (Gemeinschaftswohnung mit mehreren Parteien) leben in einem Zimmer vier Frauen verschiedener Generationen auf engsten Raum zusammen. Die lebenslustige Großmutter Warwara arbeitet noch, ist sehr aktiv und hat eine unbemerkte Affäre mit einem Zugschaffner. Ihre Tochter Maria ist Museumswärterin und heimlich in einen Mitbewohner der Kommunalka verliebt.

Die Enkelin Janka, Anfang 20, arbeitet in einer Glühbirnenfirma und ist mit Leib und Seele Musikerin. Heute will sie in der Gemeinschaftsküche ein Konzert geben. Ihre Tochter ist im Kindergartenalter und der Schrecken der Gemeinschaft. Zitat: Sie plärrt den ganzen Tag.   

Wir erleben 24 Stunden im Leben dieser skurillen Schar an diesem schicksalhaften Tag. Wie immer, wenn ein hoher Staatsmann gestorben ist, ertönt im Radio Chopins Trauermarsch in Dauerschleife. Keiner weiß, dass es das Ende einer Ära ist und mit dem Nachfolger, Gorbatschow, eine neue Zeit eingeläutet werden soll. Doch unterschwellig ist jedem bewusst, dass die Zeit reif für Veränderung ist. Alles scheint irgendwie zu zerfallen.

Der Zerfall zeigt sich an Arbeitsplätzen, unzumutbaren Wohnsituationen, langen Schlangen vor Lebensmittelläden und vielem mehr. Die Menschen bauen sich kleine Nischen, in denen das Leben noch lebenswert ist und hoffen weiter auf bessere Zeiten. So bekommt Jankas Küchenkonzert einen besonderen Symbolwert. Es wird zur Zukunftsmusik eingeläutet. 

Der Autorin ist ein wunderbar komplexer Roman gelungen mit liebevoll skizzierten Charakteren und viel Situationskomik. Eine leichte Melancholie umweht die Seiten, zieht aber nie runter, denn denn da ist immer noch die Hoffnung. Ein Buch, das erst ganz leise daher kommt, uns dann aber mit voller Wucht packt und nicht mehr loslässt.

Poladjan schreibt literarisch auf hohem Niveau, sehr sensibel und unterhaltsam aber auch tiefgründig. Sie hat einen kleinen Mikrokosmos erschaffen, der einfach mitreißt und lange in Erinnerung bliebt. Das absolute Buchhighlight in diesem Frühjahr!

(Sylvia Jongebloed)

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Sam Lloyd: Sturmopfer.
Rowohlt 2022, € 17,00.

Mit seinem Erstling „Mädchenwald“ machte der Brite bereits Furore. Sein vorliegender zweiter Thriller steht dem in nichts nach und sorgt wieder für Hochspannung. Diesmal ist seine Heimat, die raue Küste Südenglands, der Schauplatz des Verbrechens.

Hoch auf den Klippen von Mortis Point lebt Lucy mit Daniel und den beiden Kindern. Sie führen ein zurückgezogenes Leben inmitten einer pittoresken Landschaft, umgeben von sturmumtosten Felsen. Doch eines Tages bekommt diese Idylle einen gewaltigen Riss.

Daniel geht trotz Unwetterwarnung auf einen Segeltörn. Kurz darauf treibt sein Boot herrenlos auf dem Atlantik. Es kommt noch schlimmer. Lucy, die ihren Mann allein auf hoher See wähnt, muss feststellen, dass auch die beiden Kinder verschwunden sind. Was ist passiert? Waren sie mit an Bord?

Aufgrund der finanziellen Situation der Familie zieht die hinzugezogene Polizei einen erweiterten Suizid durchaus in Erwägung. Dagegen wehrt sich Lucy allerdings vehement. Inzwischen braut sich über dem Meer ein Sturm zusammen, und die Suche nach den Vermissten gestaltet sich immer schwieriger. Der Alptraum nimmt immer mehr Gestalt an und droht die Protagonistin zu zerstören.

Die beiden interessanten und sperrigen Hauptfiguren tragen viel zum Erzählfluss der Geschichte bei. Auf der einen Seite ist da Lucy, eine zerrissene, aber auch toughe Persönlichkeit, die sich nicht in die Karten schauen lässt. Man fiebert mit ihr, kann sie aber auch nicht ganz einschätzen.

Auf der anderen Seite haben wir es mit einem Chefermittler zu tun, den seine eigenen Dämonen quälen. Abraham Rose ist ein schwerkranker, gottesfürchtiger Mann mit einem ganz besonderen Charakter, der sich für seinen Beruf mit vollem Herzen und letzter Kraft aufreibt.

Diese Mischung aus einer sehr komplexen Figurenzeichnung und einer nervenzermürbenden Handlung macht dieses Buch so außergewöhnlich. Darüber hinaus hat sich der Autor eines Tricks bedient, der die Spannung noch zusätzlich anheizt. Viele Kapitel enden mit Cliffhangern, so dass man bis zum fulminanten Showdown in einem Rutsch weiterlesen möchte.

Die stimmungsvolle Beschreibung der rauen Landschaft und der ungezügelten See lässt uns eintauchen in eine Geschichte, aus der es kein Entkommen gibt! Dramatik und Spannung pur! 

(Sylvia Jongebloed)

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Miranda Cowley Heller: Der Papierpalast.
Ullstein Verlag 2022, € 23,99.

Die US-Amerikanerin Heller kommt ursprünglich aus dem TV Business. So war sie für den Sender HBO als Vizepräsidentin für bekannte Dramaserien verantwortlich und hat sie auch mitentwickelt. Ihr vorliegender Debütroman ist in den USA sofort an die Spitze der Bestsellerlisten geklettert.

24 Stunden im Leben von Elle Bishop, Anfang 50, glücklich verheiratet und Mutter dreier Kinder: Seit ihrer Kindheit verbringt Elle jeden Sommer mit ihrer Familie in dem alten Ferienhaus auf Cape Cod. Mit diesem Urlaubsparadies verbindet sie viele Erinnerungen, ihr ganzes Leben bündelt sich an diesem Ort. Hier trifft man sich mit Freunden, es wird gefeiert und das Leben genossen.

So auch an diesem letzten Abend im Juli. Doch dieses Jahr ist etwas anders. Elle hat ihren ehemaligen Jugendfreund Jonas wiedergetroffen und die verschüttet geglaubten Gefühle sind erneut aufgebrochen und mit ihnen alte lange verdrängte Erinnerungen. Ihre gesamtes vergangenes Leben prasselt auf sie ein. Sie weiß, sie muss sich Klarheit darüber verschaffen, wie ihre Zukunft aussehen soll. Die kommenden 24 Stunden werden über ihr zukünftiges Leben entscheiden.

Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen miteinander. Elle erinnert sich an ihre schwierige Kindheit und Jugend in einem instabilen Elternhaus und an Menschen, die sie geprägt und die eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt haben. Traumatische, lange verdrängte Ereignisse aus der Jugend drängen wieder an die Oberfläche.

Sie führen wiederum zu entscheidenden Wendepunkten in ihrem Leben und falschen Entscheidungen, die sie getroffen hat. Ist ihr Leben bislang so verlaufen, wie sie es sich einmal vorgestellt hatte und welche Wünsche hat sie noch offen. 

Familien-, Frauen- oder Liebesroman? Dieses Buch lässt sich in keine Schublade stecken. Denn es ist viel mehr als das. Die Autorin schildert ein Frauenschicksal in der Mitte des Lebens, die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Möglichkeiten eines Neubeginns. Die Liebesgeschichte ist  mehr Mittel zum Zweck, gibt sie doch eher den Anstoß für das Umdenken der Protagonistin.

Literarisch ambitioniert sowie stark atmosphärisch und lebendig erzählt, spart dieser Roman nicht an Spannung und Dramatik. Kurzum ein sommerlicher Lesegenuss, der lange in Erinnerung bleibt. Ein mehr als gelungenes Debüt und als Serie in Planung. Lassen Sie sich verzaubern!  

(Sylvia Jongebloed)

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Viel Spaß beim Lesen,

Ihre Birgit Lingmann und Pia Patt

Pia Patt und Birgit Lingmann führen die Buchhandlung Funk

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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