707 unserer Leserinnen und Leser zahlen freiwillig einen monatlichen Beitrag, um die Arbeit der Redaktion zu unterstützen. Damit ermöglichen sie es uns unter anderem, mit Holger Crump einen Kulturreporter zu beschäftigen, der die Kunst- und Kulturszene in Bergisch Gladbach immer wieder in aufwendigen Beiträgen vorstellt, ergänzt durch Fotos von Thomas Merkenich.

Sie sind noch nicht dabei? Unterstützen Sie uns mit einem freiwilligen Abo!

Ihre eigene Grabskulptur hat Künstlerin Mary Bauermeister zu Lebzeiten entworfen und jetzt auch in den „Gärten der Bestattung“ von Pütz-Roth eingeweiht. Entstanden ist ein gewitztes Kunstwerk von leicht sprödem Charme mit eindringlicher Botschaft. Was die Skulpturen mit den Pyramiden in Ägypten zu tun haben, erfuhr das Bürgerportal vor Ort.

Foto: Thomas Merkenich

„Erkenne Dich selbst“ ist auf den Granitstelen in Spiegelschrift eingemeißelt. In deutscher, englischer und griechischer Sprache. Nur der Satz „Cognitio Dei“ ist korrekt herum wiedergegeben.

Sieben Totem-ähnliche Gebilde stehen in den Gärten der Bestattung auf dem Gelände des Bestattungshauses Pütz-Roth. Schlank, zwei Meter hoch, gekrönt von Bergkristallen beziehungsweise einem Prisma.

Die Grabskulptur von Mary Bauermeister: Zu ihren Lebzeiten gestaltet, von der Kölner Bildhauerin Margret Quiring realisiert, mit Granit aus Aachen. Und mit einer Performance der Künstlerin Bauermeister eingeweiht.

Die Stelen fügen sich harmonisch in den Wald. Sie sind scheinbar zufällig auf dem grasbewachsenen Fundament eines ehemaligen Gartenhauses angeordnet. Fast wie eine kleine Gruppe etwas exzentrisch geratener, karger Bäume.

Mehr zu Mary Bauermeister in diesem Film von Christoph Felder.

Foto: Thomas Merkenich

Symbol für das Leben

Aus einigen Metern Entfernung sind die Skulpturen kaum auszumachen, fügen sich unauffällig in die Flora. Grau und glatt, fest im Boden verankert, robust und steinern, mit einer gebrochenen Kante. Und dennoch erscheinen sie fragil, fast leicht schwankend. Ein schönes Symbol für jenes Leben, auf das sie einmal verweisen werden.

Den Platz hat Mary Bauermeister sorgsam gewählt. Gleich gegenüber des Kolumbariums von Pütz-Roth gelegen: Dem Haus der Klage, entworfen von der Bergisch Gladbacher Architektin Dagmar Ditzer. Ein verspiegelter Kubus, der die Urnen Verstorbener für eine begrenzte Zeit aufnimmt. Das verschafft den Hinterbliebenen mehr Zeit zwischen Einäscherung und Beerdigung, und damit mehr Zeit zu trauern.

mehr zum thema

Wo Trauernde ihre Stimme wiederfinden können

Pütz-Roth ist ein Organismus, der ständig wächst. Mit dem Haus der Klage wird das Gesamtkunstwerk Bestattungshaus jetzt durch Fritz Roths letztes großes Projekt eindrucksvoll ergänzt. Die Erben des Bestatters stehen in seinen Spuren – aber sie gehen eigene Weg.

Die Fassade des Kolumbariums besteht aus einer Vielzahl quadratischer Spiegel – den Schranktüren der Urnen-Lager. Nicht nur der umliegende Wald ist darin zu sehen. Auch Bauermeisters Stelen spiegeln sich auf der Fassade wider.

Foto: Thomas Merkenich

Und damit löst sich auch das Rätsel der Spiegelschrift: In der Spiegelung des Kolumbariums werden die Stelen-Inschriften lesbar. Erscheinen neben dem Spiegelbild des Betrachters.

Trauerhalle als Spiegel

Auch die scheinbar zufällige, aus der Luft betrachtete Y-Anordnung der Stelen wird dadurch klarer: Sämtliche Inschriften sind auf einen Blick in der Spiegelung zu erfassen. Mary Bauermeister muss lange experimentiert haben, um das Arrangement dermaßen präzise zu realisieren.

„Erkenne Dich selbst“ liest der Betrachter neben seinem eigenen Spiegelbild: Ein nur auf den ersten Blick etwas trivialer Zugang zur Botschaft. Dient doch die Außenfassade einer Trauerhalle als Spiegel, wird doch die Lagerstätte von Urnen zur Reflexionsfläche.

Zwiespalt von Leben und Tod

Da kommen in der Betrachung schnell Gedanken zur Endlichkeit des Individuums auf. Gedanken über das eigene Ende, das Ende der Liebsten, die Zeremonie die man sich und anderen bei der Bestattung wünscht.

Und so löst sich das zunächst etwas spröde anmutende Ensemble zu einer gewitzten Allegorie über die Vergänglichkeit auf, den nicht aufzulösenden Zwiespalt zwischen Leben und Tod. „Memento mori – sei Dir der eigenen Sterblichkeit bewusst“, sagten schon die alten Römer.

Ableben planen ist üblich

„Es ist durchaus üblich, dass Menschen ihr eigenes Ende planen“, sagt David Roth mit Blick auf die Grabskulptur von Mary Bauermeister. Gut ein Viertel der Menschen täten dies, jedoch in unterschiedlichen Abstufungen. Oft ginge es dabei um die Zeremonie, weniger um gestalterische Aspekte wie im Fall von Mary Bauermeister. Wenngleich sie sich zu den Umständen ihrer Bestattung auch bereits geäußert habe, berichtet Roth. Aber dies seien persönliche, private Dinge.

Schon die Ägypter hätten sich um ihr Ableben gekümmert, „denken Sie an die Pharaonen, die zu Lebzeiten ihre Pyramiden errichteten“, meint Roth. Ein schöner Vergleich, der dem Projekt von Mary Bauermeister ein wenig den morbiden Charakter nimmt – das eigene Grab zu gestalten ist also schon eine uralte Idee.

Auch Mary Bauermeister hat sich damit bereits öfters auseinandergesetzt: „Ruhe sanft… in Eile“, lautet die Inschrift eines Grabsteins, den sie vor einigen Jahren für sich entworfen hatte.

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

4 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Nicht nur die Schönheit, auch die Bedeutung liegt hier wohl – wie nicht selten bei Kunst – im Auge des Betrachters. Man kann das ganze Ensemble auch achselzuckend zur Kenntnis nehmen und sich dann wieder anderen Dingen zuwenden.

  2. was für ein wunderbarer Artikel und großen Respekt an den Fotografen Thomas Merkenich.. diese Arbeit so zu dokumentieren, dass die Idee von Mary Bauermeister transportiert wird, ist eine Meisterleistung