Jahreskünstler gestalten Haus und Gelände immer neu. Und haben völlig freie Hand.

Wer das ausufernde Gelände des Bestattungshauses Pütz-Roth am Hang oberhalb der Kürtener Straße betritt, wird bei jedem Schritt mit dem Erbe von Fritz Roth konfrontiert. Der Ende 2012 verstorbene Bestatter hat mit wohl Hunderten von Objekten und Installationen auf dem ersten privaten Friedhof Deutschlands, im „Haus der menschlichen Begleitung” und mit seiner Trauerakademie eine ganz eigene Welt geschafften, für die Toten und die Lebenden.

Seine Kinder und Nachfolger, Hanna und David Roth, haben sich in die großen Fußstapfen des Pioniers einer neuen Trauerkultur gestellt und führen seinen Weg zusammen mit der Mutter Inge Roth fort. Aber ganz im Sinne ihres Vaters gehen sie nicht einfach geradeaus weiter, sondern wollen ihren eigenen Weg finden, sagt David Roth: „Wir haben nicht vor, hier still zu stehen.”

An diesem Samstag wird in Bergisch Gladbach das letzte große Projekt von Fritz Roth eröffnet: Das Haus der Klage. Eine verspiegelter Kubus auf dem höchsten Punkt des Geländer, der Ort der Klage und der Orientierung ist – und gleichzeitig ein Kolumbarium, ein Aufbewahrungsort für die eingeäscherten Toten.

Das Haus der Klage liegt mitten im Wald

Steter Kampf gegen Regeln und Auflagen

Ebenso wenig wie sein Vater ist David Roth bereit, die Traditionen, Regeln und bürokratischen Auflagen des Bestattungswesens in Deutschland widerspruchslos  hinzunehmen. Ein Friedhof ist für ihn ein Ort, wo man hingeht, wenn man das Bedürfnis hat, hinzugehen. Bei Pütz-Roth heißt der Friedhof auch nicht Friedhof, sondern Gärten der Bestattung. Und es gibt auch nur eine einzige feste Regel: Niemand wird namenlos bestattet.

Das neue Haus der Klage ist eine konsequente Weiterentwicklung dieses freien Umgangs mit dem Tod und der Trauer.  Immer stehen bei Pütz-Roth die Trauernden im Mittelpunkt. Und die haben in der modernen, mobilen Gesellschaft oft ganz andere Bedürfnisse, als sie früher vorherrschten.

„Das geht nicht, das darf man nicht”, seien keine Argumente, die er akzepiere, sagt der 35-jährige Trauerbegleiter und Bestatter. Hier müsse niemand etwas machen, er habe aber zu allem die Möglichkeit. Auch die Möglichkeit, alles in Frage zu stellen.

Zum Beispiel könne man Verstorbene trotz Leichenstarre natürlich in ihren privaten Kleidern beerdigen, ohne ihnen die Knochen zu brechen. „Wir behandeln die Toten mit Würde, aber das wichtigste sind die Angehörigen.” Und das nicht nur auf dem eigenen privaten Friedhof. „Wir machen überall das was jemand möchte, dort wo er es möchte, in der Art wie es für Ihn stimmig und in Ordnung ist, ” betont Roth.

David Roth zeigt eine der Urnenkammer unter der Spiegelhaut

Eine Heimat für die Toten – auf Dauer oder vorrübergehend

Viele Trauernde, so Roth, wissen zunächst gar nicht, wie sie das Grab gestalten wollen. Oder wo es angelegt werden soll. Und die vom Gesetz dennoch unter starken Zeitdruck gesetzt werden.

Daher widersetzt sich das Haus Roth dem sogenannten Bestattungszwang, den man hier als Bevormundung der Trauernden empfindet. Das neue Haus der Klage ist dabei eine Option. Es bietet die Möglichkeit, Urnen in einer würdigen Umgebung zu platzieren – auf Dauer oder auch nur auf Zeit bis zur endgültigen Bestattung.

Hinter jedem Spiegelfeld auf der Außenhaut des Hauses der Klage verbirgt sich eine Kammer mit Platz für ein oder zwei Urnen. Auf der Spiegelfläche können Namen und Daten eingraviert werden. Wer möchte, kann die Urne später mitnehmen und woanders beisetzen. Oder sie bleibt auf Dauer, im Boden unter dem Kolumbarium.

Ein Blick ins Innere des Kolumbariums

Der Innenraum des neuen Gebäudes ist betont schlicht  gestaltet. Weißer Kiesel, weiße Wände, ein Dach aus Glas und Stahl, ein minimalistischer Leuchttisch mit Grauwacke.

Und eine besondere Akustik, die die menschliche Stimme hervorhebt und verstärkt. „Hier können Trauernde an einem geschützten Ort ihre Stimme wiederfinden, wieder Zutrauen in ihre Stärke finden”, erläutert Roth. Ursprünglich wollte Fritz Roth das Gebäude „Schreihaus“ nennen. Er hatte das Haus bis ins Detail konzipiert, die Architektin Daggy Dietzer setzte die Pläne um. Die Fertigstellung konnte Fritz Roth, der im Dezember 2012 seinem Krebsleiden erlag, nicht mehr verfolgen.

Wirtschaftsbetrieb mit vielen Beschäftigten

Das Haus der Klage hat zwar eine sehr außergewöhnliche Architektur, fügt sich aber dennoch gut in das Waldgelände ein. Denn es ist ohnehin vielfach gestaltet, voller Skulpturen, Objekten und Anregungen.  Seit der Eröffnung vor acht Jahren wurden hier rund 2800 Menschen bestattet – und so ziemlich jeder auf eine individuelle Art und Weise.

Allerdings ist auch das Bestattungshaus Pütz-Roth ein Wirtschaftsbetrieb, mit Filialen in Rösrath, Overath und Dellbrück; mit 32 Angestellten, zehn Auszubildenden und gut 40 Aushilfen. Für die Leistungen – und dazu gehören auch die öffentlich zugänglichen Gärten der Bestattungen – verlangt das Unternehmen „einen angemessenen Preis. Bei uns gibt es keine Swarovski-Särge, wir bieten auch normale  Leistungen”, sagt Roth. Und wenn zum Beispiel Eltern ihre verstorbenen Kinder eigenen Auto mitnehmen wollen, dann werde das ermöglicht.

Im Gegensatz zum Großteil der Branche verstehen sich die Bestatter bei Pütz-Roth nicht als Handwerker. Ihr Zeitaufwand sei in der Regel rund 3,5 mal  so hoch wie üblich. „Und wenn Sie das berücksichtigen, dann sind wir sicherlich der preiswerteste Bestatter”, sagt David Roth.

Ein Waldkindergarten auf dem Friedhofsgelände

Die Gärten am östlichen Rand der Bergisch Gladbacher Innenstadt sind aber auch ein Ort des Lebens. 20.000 Besucher zählt Pütz-Roth pro Jahr, bei Konzerten, Lesungen, Kursen, Hochzeiten  und natürlich den Bestattungen. Kinder hatten dabei schon immer eine besondere Rolle – und sie sollen schon bald dafür sorgen, dass die Gärten mit noch mehr Leben erfüllt werden. „Das schönste Kompliment ist es, wenn uns ein Kind fragt, ob es seinen Geburtstag bei uns ausrichten darf”; sagt David Roth.

Nach den Sommerferien wollen er und seine Schwester Hanna noch einen Schritt weiter gehen und gemeinsam mit der Awo einen Waldkindergarten am Rande des Geländes, gegenüber dem Papiermuseum Alte Dombach, einrichten. „Die Kinder müssen sich hier nicht ständig mit dem Tod befassen und auf den Gräbern spielen”, betont Roth. „Aber sie können hier erfahren, das der Tod Teil des Lebens ist.“

Das Programm zur Eröffnung am 14. und 15. Juni

  • Am Samstag um 14 Uhr hält der Rechtswissenschaftler Tade Matthias Spranger eine Rede über die Bedeutung und die Möglichkeiten des Hauses der Klage
  • Manuel Lipstein (Cello) und Linda Guo (Geige) begleiten die Feier
  • Am Sonntag um 11 Uhr führt David Roth durch die Gärten der Bestattung
  • Um 12 und um 15 Uhr zeigt das Ensemble Zwischenräume & Brücken, Studentinnen der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, die  Performance “Epithelien”
  • Zu den Tagen der offenen Gartenpforte am 14. und 15. Juni sind das Bestattungshaus und die Gärten von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Kürtener Straße 10, 51465 Bergisch Gladbach
  • Mehr Infos im Internet unter puetz-roth.de/haus-der-klage

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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