5500 Tonnen ist die Papiermaschine PM 3 von Zanders schwer, 200 Meter lang, acht Meter hoch. Das heißt, sie war es. Ein Besuch vor Ort zeigt, dass der Koloss in den letzten drei Monaten in seine Einzelteile zerlegt wurde, ein großer Teil ist bereits auf dem Weg in die Türkei. Bis zum 17. Dezember soll das Herzstück der ehemaligen Papierfabrik Zanders ganz aus Bergisch Gladbach verschwinden.

Text: Georg Watzlawek
Fotos: Thomas Merkenich

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Wer einmal vor der PM 3 gestanden hatte, konnte sich der Faszination dieses Giganten kaum entziehen. Unsere (jetzt schon historischen) Fotos zeigen ein Prunkstück der Maschinenbaukunst, das pro Minute 1300 Meter Papier produzieren konnte. Doch ausgelastet war die PM 3 selten, und mit der Zanders-Insolvenz geriet die Maschine in die Insolvenzmasse, wurde für knapp fünf Millionen Euro in die Türkei verkauft – wo sie wieder Papier produzieren soll.

Das hört sich nach einem mutigen Plan an, ist aber gar nicht so ungewöhnlich. Die PM 3 sei zwar sein bislang größtes Projekt, er habe aber schon 15 solcher Maschinen abgebaut, erzählt Dmitrij Sokolov, der als Projektleiter der Firma Margiz für die Demontage verantwortlich ist. Die meisten davon seien in die Türkei gegangen, aber auch nach Ägypten.

Hinweis der Redaktion: Das Bürgerportal konnte sich vor Ort ein Bild machen und hat auch die Etappen der Demontage fotografisch dokumentiert; diese Fotos dürfen aber auf Anweisung des neuen Eigentümers der PM3 und des Insolvenzverwalters erst nach Abschluss der Arbeiten veröffentlich werden. Alle hier gezeigten Fotos hat Thomas Merkenich vor einem Jahr gemacht.

Die Maschine wird bis in die kleinsten Einzelteile zerlegt. Viele der Einzelteile sind aber immer noch sehr groß – bis hin zu einem mächtigen, 40 Tonnen schweren Presszylinder. Weitere zehn dieser Walzen befanden sich in der PM 3, mit einem Gewicht von jeweils 20 bis 35 Tonnen. Und noch einmal 59 kleinere Walzen in der Trocknungsmachine, zwischen 18 und 23 Tonnen schwer.

Die Walzen werden mit den alten Zanders-Kränen, die bis zu 50 Tonnen bewegen können, auf Schienenwagen gelegt und durch einen relativ engen Gang nach draußen befördert. Dort kommen sie auf Lastwagen, für eine kurze Fahrt zum Verladebahnhof Eifeltor in Köln, und von dort geht es dann über Schiene und das Meer in die Türkei.

ein blick in die historie

Ein Koloss für eine Milliarde D-Mark

Die Papiermaschine PM 3 steht für Superlative. Sie ist gigantisch, ihre Halle ist halb so groß wie der Kölner Dom, pro Minute spuckt sie genug Papier aus, um ein Fußballfeld zu bedecken. Vor 33 Jahren markierte sie den Übergang des Familienunternehmens Zanders zum internationalen Konzern – und damit auch den Anfang des Untergangs. Im zweiten Teil der Zanders-Serie schauen wir uns die Geschichte von Gebäude und Maschine an, bevor der Koloss in seine Einzelteile zerlegt wird.


Lässt sich eine solche, immerhin 30 Jahre alte Maschine, tatsächlich wieder zusammenpuzzeln und in Betrieb nehmen? Kein Problem, sagt Nikolov. Zunächst war ein 3-D-Modell der Maschine hergestellt worden, dann jedes noch so kleine Teil gescannt, mit Barcodes gekennzeichnet und im Modell eingetragen worden.

Lediglich der Wiederanschluss der Elektronik könnte etwas schwieriger werden – denn die Moderniserungen waren über die Jahrzehnte hinweg nicht immer dokumentiert worden.

Die einst strahlende Halle ist ziemlich grau und wüst geworden. Wo einst die PM 3 stand, klaffen jetzt tiefe Löcher, denn die Maschine stand im Obergeschoss, auf massiven, 20 Tonnen schweren Trägern. Und auch die gehen in die Türkei.

Ein historisches Foto zeigt das Obergeschoss der Halle vor dem Einbau der Papiermaschine. Die leergeräumte Halle soll stehen bleiben und neu genutzt werden – zum Beispiel für einen Bildungscampus. Foto: Werkszeitung „zanders heute“ (08.1992)

Am Ende der Halle steht noch ein kleines Reststück der Papiermaschine, davor liegt eine der riesigen silbrigen Walzen zum Abtransport bereit. Kisten mit Einzelteilen und weitere sehr große Bauteile stehen herum.

Denn der Abbau, den Nikolov seit Mitte August mit einem Margiz-Team von 62 Leuten betreibt, schreitet rasch voran. Dagegen war die Logistik lange Zeit ein Problem, statt der benötigen zehn LKW pro Tag standen nur drei oder vier zur Verfügung. Im Moment sind es acht bis neun, die jedoch zunächst die bereits demontierten Teile abholen müssen.

Die Errichtung der PM 3 hatte zwei Jahre benötigt, zeitweise waren bis zu 700 Monteure gleichzeitig in der neuen Halle im Einsatz. Als sie 1992 in Betrieb ging war sie die modernste und flexibelste Feinpapiermaschine der Welt. Insgesamt hatte Zanders dafür 1 Mrd. D-Mark investiert – und damit den eigenen Untergang eingeleitet.  

Unsere Beiträge zur Zanders-Geschichte finden Sie hier.

Für den Abtransport der demontierten PM 3 kalkuliert Nikolov jetzt mit 450 LKW insgesamt. 263 Ladungen seien schon raus, für 50 weitere liegt das demontierte Material bereits in der Halle.

Auch im Untergeschoss demontiert das Team die komplette Anlage, und auch die beiden angrenzenden Tanks für Zellstoff und Wasser werden in Teile zerlegt und mitgenommen: neun Meter Durchmesser, 22 Meter hoch.

Bis zum 17. Dezember soll die Arbeit erledigt sei, sagt Nikolov zuversichtlich. Wenn es nicht wieder Logistik-Probleme oder andere unerwartet Probleme gebe. Aber dann werde ein kleines Team die Restarbeiten übernehmen.

Ganz leer wird die Halle danach jedoch nicht sein. Die Kräne, die Belüftungsanlage und wohl auch einiges technisches Gerät, das nicht direkt zur PM 3 gehört, bleiben zurück. Was damit geschieht, das muss wahrscheinlich noch zwischen dem Insolvenzverwalter und der Stadt Bergisch Gladbach geklärt werden.

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Mit der Räumung der PM 3-Halle wäre der Insolvenzverwalter jedoch ein gutes Stück voran gekommen; die deutlich kleinere PM 2 ist bereits abgebaut. Schwierige Objekte wie das Kraftwerk und das Klärwerk stehen aber noch. Der Verwalter hat bereits zwei Verlängerungsoptionen gezogen, doch bis zum 30.4.2023 will er das geräumte und gesäuberte Areal übergeben.

Nikolov und sein Team ist dann längst weitergezogen, zur nächsten Demontage. „In Deutschland werden Papiermaschinen nicht mehr gebraucht“, sagt er, „aber in der Türkei und anderen Ländern sind sie sehr begehrt.“

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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