Viele Menschen haben das Gefühl, im Alltag nur von einer Sache zur nächsten hetzen und keine Zeit zu haben, sich zu fragen, was ihnen wirklich wichtig ist. Das ist ein typisches Phänomen unserer Zeit, sagt Franziska Hock von der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung. Sie weiß, wie man es schafft, aus dem „Funktionsmodus“ auszusteigen – und ein selbstbestimmteres Leben zu führen.

In der Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen höre ich eines immer wieder: „In meinem Leben geht es eigentlich nur noch ums Funktionieren und Abarbeiten von to-do-Listen.“

Klient:innen klagen, dass sie in ihrem prall gefüllten Alltag von einer Sache zur nächsten springen und zu erschöpft sind, um darüber nachzudenken, was ihnen wirklich wichtig ist. Viele haben den Eindruck, dass sie ein fremdbestimmtes Leben leben und wenig Freiräume haben, sich zu fragen: „Wer bin ich und was möchte ich im Leben erreichen?“

Zu viele Optionen

Dieses Gefühl der Zeitknappheit, der Eile und der damit verbundenen Orientierungslosigkeit ist ein typisches Phänomen unserer Zeit. Durch die Digitalisierung und Globalisierung befindet sich die westliche Welt in einem rasanten Umbruch, der gekennzeichnet ist durch Beschleunigung, erhöhte Komplexität und immer mehr Möglichkeiten.

Diese Möglichkeiten wirken bis zu einem gewissen Grad bereichernd. Mittlerweile sind es aber so viele, dass es immer schwieriger wird, Entscheidungen zu treffen. So stellt sich die Frage: Wie können Menschen in der aktuellen Zeit einen sinnvollen Weg finden?

Innere Orientierung, eigener Kompass

Der Neurobiologe Gerald Hüther schreibt, dass wir so etwas bräuchten wie eine innere Orientierung, einen Kompass, nach dem wir unser Leben ausrichten. (Sein Buch zu dem Thema heißt „Deine Würde entscheidet: Finde den inneren Kompass für ein gutes Leben“.)

Der eigene Kompass sagt mir, wer ich eigentlich bin und was mir im Leben wichtig ist. Wenn ich meinem Kompass folge, habe ich das Gefühl, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Doch wie kann ich diesen Kompass finden, in Zeiten des ständigen Beschäftigtseins, egal ob durch die Arbeit, die Kinder, den Haushalt oder Handy und Co.?

Wie finde ich meinen inneren Kompass?

Folgende Fragen können dabei helfen, dem eigenen Weg auf die Spur zu kommen:

  • Was war mir schon immer wichtig?
  • Welche Vorbilder hatte / habe ich?
  • Was möchte ich einmal weitergeben?
  • Was würde ich tun, wenn ich den nötigen Mut / das nötige Geld hätte?
  • Worauf wäre ich eines Tages gerne stolz?
  • Wenn über mein Leben ein Buch geschrieben würde, wie könnte der Titel lauten?

Wer weiß, wofür er lebt, lässt sich nicht so leicht vom Weg abbringen. Dieser innere Kompass hilft bei den vielfältigen Angeboten von außen.

Gar nicht so einfach, den eigenen Weg zu finden. Symbolbild: Pixabay

Im stressigen Alltag muss man sich immer wieder daran erinnern, auf seinen Kompass zu schauen. Dabei helfen zum Beispiel kleine Achtsamkeitsübungen. Darüber hat meine Mit-Kolumnistin Lea Gietz kürzlich einen Text voller alltagstauglicher Tipps geschrieben.

Manchen Menschen sagt auch die „Stopp-Intervention“ zu. Dabei unterbricht man für einen Moment seine Beschäftigung, achtet bewusst auf seinen Atem, dann auf das, was man gerade denkt und fühlt, und dann fragt man sich: „Was ist mir im Moment das Wichtigste, mit was will ich fortfahren?“ So verhindert man, einfach so vor sich hin zu leben und abends festzustellen, dass das, was einem eigentlich wichtig war, keinen Platz hatte.

Man kann sich auch abends eine Frage stellen: „Was von den vielen Dingen könnte ich morgen weglassen?“ Meist fragen wir ja eher umgekehrt: „Was könnte ich noch machen?“ Die Frage, was ich weglassen könnte, ermöglicht mit, Prioritäten zu setzen und für das, was mir wichtig ist, mehr Zeit zu haben.


Haben Sie selbst eine Frage an unsere Expertinnen im Familienrat? Dann schreiben Sie uns bitte: redaktion@in-gl.de

leitet seit 2021 die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach. Nach der Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie „Soziale Arbeit“ und schloss einen Master of Counseling in Ehe-, Familien- und Lebensberatung ab. Eine Ausbildung zur systemischen Familientherapeutin ergänzt...

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