Veranstaltung zum Gedenken an die Pogromnacht 1938. Foto: Redaktion

Mit einer Gedenkveranstaltung am Holocaust-Denkmal hat der Ganey-Tikva-Verein mit Schüler:innen der IGP und Bürgermeister Frank Stein der Pogromnacht von 1938 gedacht. Der Vereinsvorsitzender Willy Bartz zog eine Verbindung von der Judenverfolgung durch die Nazis bis zur Hetzjagd auf Juden in der unmittelbaren Gegenwart. Und erinnerte daran, dass alle Menschen gleich sind.

Rund 100 Menschen haben sich am Abend des 9. November im Park der Villa Zanders versammelt, um der Opfer der Pogromnacht 1938 zu gedenken und ein Zeichen gegen den Antisemitismus, den Hass und Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Schülerinnen und Schüler der Integrierten Gesamtschule Paffrath (IGP) trugen Lieder und ein Gedicht vor.

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Bürgermeister Frank Stein stellte sich die rhetorische Fragen, ob es sich angesichts der sich häufenden Fälle von Antisemitismus lohne, sich immer wieder damit auseinanderzusetzen und sich immer wieder dagegen zu stellen – und antwortet mit einem einem deutlich Ja. Trotz der schrecklichen Ereignisse – wie zuletzt die Ausschreitungen gegen isralische Fans des Fußballvereins Maccabi Tel Aviv in Amsterdam, gebe es auch gute Nachrichten. Dabei verwies Stein auf Resolution gegen Antisemitismus, die SPD, Grüne, CDU und FDP mitten in der politischen Krise gemeinsamen im Bundestag verabschiedet hatten.

Hintergrund: In der Nacht zwischen dem 9. und 10. November 1938 wurden mehr als 1000 Synagogen in ganz Deutschland und ca. 7000 jüdische Geschäfte zerstört und geplündert, jüdische Friedhöfe geschändet, mindestens 91 Juden ermordet und etwa 26.000 männliche Juden in Konzentrationslager verschleppt. Die Täter waren Nationalsozialisten. Polizei, Verwaltungen und Justiz unterstützten, und die “arischen“ Deutschen sahen zu oder schauten weg. Mehr Infos gibt es zum Beispiel bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Willy Bartz, der kürzlich neu gewählte Vorsitzende des Städtepartnerschaft Ganey Tikva-Bergisch Gladbach e.V. die Hauptrede. Dabei zog er eine Verbindung von den Pogromen der Nazizeit in die Gegenwart: „Wir stehen hier aus Respekt vor den Leittragenden antisemitischer Pogrome gestern und heute.“ Wir dokumentieren die ganze Rede weiter unten.

Bereits am Nachmittag hatte die traditionelle Mahnwache des DGB an der Kirche St. Joseph in Heidkamp statt. Nach den Ansprachen folgte ein Schweigemarsch zur Gedenktafel am ehemaligen Stellawerk. Das Werk wurde 1933 von der SA als „wildes“ Konzentrationslager genutzt, in dem Oppositionelle und Juden gefoltert und bis zum Abtransport in ein Todeslager gefangen gehalten wurden.

Dokumentation

Der Redetext von Willy Bartz

 Sehr geehrter Herr Bürgermeister Stein, lieber Frank, 
liebe Kolleginnen und Kollegen der Integrierten Gesamtschule Paffrath und Schülerinnen und Schüler, 
liebe Mitglieder der einzelnen Parteien und Fraktionen, 

im Namen des Städtepartnerschaftsverein Ganey Tikva – Bergisch Gladbach und dem Bündnis gegen Rassismus und Vielfalt darf ich Sie heute hier am Mahnmal der Shoah begrüßen. 

Vor 86 Jahren ereignete sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Reichspogromnacht. Das nationalsozialistische Regime schickte ihre Handlanger aus, um die jüdischen Deutschen aus ihren Häusern zu treiben, zu schlagen, zu foltern und teilweise zu ermorden. Geschäfte wurden geplündert und gebrandschatzt und Synagogen wurden geschändet. 

Aber in Europa sollte das nicht der letzte Pogrom sein. Bereits am Abend des 7. Oktober 2023 erfolgten jubelartige Szenen in einigen Städten Deutschland, die fast pogromhafte Ausmaße annahm und den Angriff der Hamas auf den Staat Israel, die Ermordung von fast 1.400 Personen und die Entführung von fast 250 Personen feierten.

Und erst vor zwei Tagen, am 7. November 2024, fanden pogromhafte Ereignisse in Amsterdam statt, nachdem zwischen einem friedlichen Fußballspiel der Vereine Ajax Amsterdam und Maccabi Tel Aviv Fans aus Israel von einer Horde Jugendlicher durch die Straßen Amsterdam gejagt wurden. Hierzu sagte der niederländische König Willem-Alexander „Wir haben die jüdische Gemeinde der Niederlande im Zweiten Weltkrieg im Stich gelassen, und letzten Nacht haben wir erneut versagt.“ Diese Worte zeigen deutlich, weswegen wir uns heute hier versammelt haben. 

Wir stehen hier nicht nur in der Pflicht zur Mahnung, sondern wir stehen hier aus Respekt vor den Leittragenden antisemitischer Pogrome gestern und heute. Wir stehen hier, um genau gegen dieses menschenverächtliche Gebaren aufzustehen. 

Michel Friedman schrieb in seinem Buch „Judenhass“: „Judenhass ist Menschenhass.“ – und ja, er hat absolut Recht. Aber ist es nicht verrückt, dass durch die Jahrhunderte der Antijudaismus und Antisemitismus dieses Ausmaß angenommen hat? Haben wir nicht verstanden, dass Unterschiede uns genau ausmachen?

Ich weiß, dass ich nun hier historisch extrem verkürze, aber: Haben wir vergessen, dass das Christentum aus dem Judentum entstanden ist? Haben wir vergessen, dass der Islam durch Christen- und Judentum beeinflusst wurde? Ist es nicht so, dass wir gerne vergessen, um uns vor unseren Ängsten und Vorurteilen zu verstecken? 

Heute möchte ich mit Ihnen gemeinsam daran erinnern, was Ängste und der daraus resultierende Hass für Folgen hatte. Ich möchte Ihnen sagen und sage es deutlich: Wir alle sind Menschen, wir alle sind jüdisch.

Erinnern wir uns daran und sorgen wir dafür, dass der Menschenhass nicht weiter siegt, sondern dass die Finsternis durch unsere Hoffnung aufgebrochen wird. Denn: Nie WIEDER ist JETZT! 

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

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