Michael Buthe lebte das Verbindende der Kulturen zwischen Rheinland, nahem Osten und afrikanischem Kontinent. Die Villa Zanders zeigt jetzt seine Werke aus der Sammlung Kraft. Ein Gespräch mit Hartmut Kraft über die Vielfalt und Aktualität in Buthes Werk.
Text: Antje Schlenker-Kortum. Fotos: Thomas Merkenich
2024 wäre der Künstler Michael Buthe achtzig Jahre alt geworden; er ist 1944 geboren, 1994 ist er verstorben – vor genau 30 Jahren. In den beiden Kabinettsräumen des Kunstmuseums Villa Zanders finden sich in der aktuellen Ausstellung frühe Arbeiten Michael Buthes aus den 60ern, bis zu den letzten Arbeiten der 90er Jahre, berichtet Maike Sturm, die seit Oktober wissenschaftliche Volontärin im Kunstmuseum ist.
Wandobjekte, Zeichnungen, Kunstbücher, Collagen und Dokumente. Die Präsentation wird begleitet von Wandtexten, die aus der Feder des Kölner Sammlers Hartmut Kraft stammen.
Kraft sammelt Buthe seit über 40 Jahren und er hat mit dem Team der Villa Zanders eine ungewöhnliche Präsentation realisiert: sehr bunt und dicht; die Werke hängen über- und untereinander. Das komme dem Künstler Buthe sehr nahe, erklärt Kraft: „Bei Buthe war es immer voll – immer ein Stück zu viel.“

Zugang und Dichte
Hartmut Kraft ist Psychoanalytiker, Arzt und Kölner Kunstsammler; in Bergisch Gladbach ist er bekannt für die regelmäßigen Ausstellungen in den Kabinettsräumen der Villa Zanders – die hervorragend geeignet seien für eine Privatsammlung; er kenne jeden Winkel, verrät Kraft. Für ihn sei dieses Museum eines der schönsten überhaupt.
Michael Buthe 80/30
Arbeiten mit und auf Papier aus der Sammlung Kraft
16. 11. 2024—12. 1. 2025
Kunstmuseum Villa Zanders
Begleitprogramm
Führungen mit dem Sammler (60 Min.) Prof. Dr. Hartmut Kraft
So 24. 11. 2024 | 11:30 Uhr
So 15. 12. 2024 | 11:30 Uhr
Di und Fr 14 bis 18 Uhr, Mi und Sa 10 bis 18 Uhr, Do 14 bis 20 Uhr, Sonn und Feiertage 11 bis 18 Uhr
Mehr Infos im Web
Buthe hat als Installationskünstler ähnlich überladen wirkende Räume gestaltet, im positiven Sinne – beispielsweise im Bonner Kunstverein. Ein Foto in einer der Vitrinen versucht, einen Eindruck davon zu vermitteln.


Dennoch sieht es aktuell so aus, als wären keine Arbeiten vor 1967 von Buthe erhalten, bedauert Kraft. Die frühesten Werke hier in der Ausstellung sind Konstruktionszeichnungen. Eine der bekanntesten Arbeiten sind die Übermalungen von Fotos einer Rauminstallation, die auf der Dokumenta 1992 in Kassel ausgestellt war: Die Installation aus 14 Kupferplatten „Die heilige Nacht der Jungfräulichkeit“, hat ihre Heimat im Kolumba-Museum in Köln gefunden. In der Ausstellung zu sehen ist die handgefertigte Mappe der filigran übermalten Reproduktionen und zwei originale Übermalungen.
Um Buthe zu verstehen, müsse man wissen: Das bildnerische Vokabular sei sehr einfach. Das seine zumeist Sternchen, Pünktchen, plattgedrückte Schokoladenverpackung, erklärt der Sammler. „Jedes einzelne kann jeder. Aber das, was er daraus macht, ist fantastisch!“
Buthe sei mit seiner zugänglichen, kindlichen Ästhetik mit großen anderen Künstlern in einer Liga: Niki de Saint Phalle, Joan Miró, „Dafür muss man sich Zugang schaffen oder man hat ihn aus Kinderzeiten behalten“, schwärmt Hartmut Kraft.
Sammeln und bewahren
Buthe war außerdem auch eine Art Sammler; er habe alles gesammelt, was auf dem Boden und in Papierkörben lag, erklärt Kraft weiter. Das sei für Restauratoren eine große Herausforderung – für Buthe war das Material und Anregung – erst recht, wenn es zerschlissen, zerdrückt und angerostet war, denn das setze Phantasien frei, findet Kraft.

Eines der großformatigen Glanzstücke der Sammlung ist das Werk „Le dieux de Babylon“, ein filigranes Wandobjekt aus Papier, das zum ersten Mal in dieser Form ausgestellt wird. Kraft hat es von einem Restaurator aufarbeiten lassen. Es war 1973 im Kölner Kunstverein erstmalig ausgestellt worden. Allerdings hat Buthe das runde Objekt, mit einer Gesamtgröße von beinahe zwei Metern im Durchmesser, ursprünglich auf A4-Größe zusammengefaltet und in einer kleinen goldenen Schachtel gelagert, die man in einer der Vitrinen sehen kann.
Transkultureller Lifestyle
Auch alte Rahmen, Papierfilter, Bleistifte und Konservendosen wurden zu Kunst, wenn Buthe sie beispielsweise in Collagen klebte und sie mit Gold betupfte. Kraft sieht darin „eine Verschränkung von Abfallprodukten mit Hochkultur, mit Gold, mit schönen Farben“. Er fügte immer zusammen – auch Gegensätzliches. So habe er auch die Kulturen zusammenfügt, erläutert der Sammler.

„Das Arabische, Marrakesch, der Orient – das hat er mit rheinischem Katholizismus verbunden.“ Besonders beeindruckte ihn, dass das Buthe nicht mit Kalkül, nicht mit künstlerischer Attitüde machte: „Er hat das Transkulturelle gelebt.“ Er habe seinen Auftritt gehabt, wenn er wie ein Prinz, wie ein Muezzin, durch Köln gelaufen ist – mit goldenem Turban und rotem Schal.
Das Atelier hatte er in Köln-Ostheim. Neben seiner Wahlheimat Köln war Marokko ein wichtiger Bezugspunkt für seine Kunst. Der Künstler ist oft auf Reisen gewesen und zugleich war er auf seinen Reisen zuhause.
Daher entspricht ihm auch die Verwendung von Goldfarbe, obwohl „man das ja eigentlich nicht macht“, schon weil es als kitschig gilt, erklärt Kraft. Dabei stehe Gold für das “das Prächtige des Arabischen”. Auch in Afrika und in der Wüste sei die Bedeutung von Gold eine andere. Dort sei alles gelb, braun, staubig, grau. Das Gefühl für den Glanz von Gold könnten wir uns hier gar nicht vorstellen, denn hierzulande wird man von Farben erschlagen, erklärt Kraft.
Letztlich sammle Kraft auch wegen seiner gefühlten, geistigen Verwandtschaft: Das Ehepaar Kraft habe eine „transkulturelle Sammlung“; Buthe vereint die Vielfalt als Person und in seinem Werk – „manchmal sogar auf einem Bild“, betont Hartmut Kraft; schon das mache Michael Buthe heute besonders aktuell.
Das kulturelle Gedächtnis
Aber es gibt einen weiteren Grund, warum Michael Buthe für Kraft ins kulturelle Gedächtnis oder eben in diese Museumsausstellung gehört. Buthe war viermal Dokumenta-Teilnehmer, bespielte einen Raum in der Biennale in Venedig und er war Professor in der Düsseldorfer Kunstakademie. „Trotzdem reicht das nicht unbedingt für einen dauerhaften Nachruhm,“ sagt Kraft. Daher habe er auch Werke anderer Künstler hinzugekauft, die sich auf Buthe beziehen.
Marcus Neufanger macht nur Kunst über Kunst; er hat Buthes Namen auf ein „Vanity-Plate“ geschrieben – und das weit nach seinem Tod. „Er wollte Michael Buthe davor bewahren, ganz vergessen zu werden“, erklärt Kraft. Er habe das Werk gekauft, weil er es so wichtig findet, dass ein jüngerer Künstler einen älteren Kollegen ehrt.

Und es gibt einen zweiten Künstler, der ihm eine künstlerische Arbeit widmet. Wolfgang Niedecken, Frontsänger von BAP und ein enger Freund des Künstlers, hat ihm das Lied “Novembermorje” gewidmet, als er von dessen Tod im November erfuhr. Niedecken hat Hartmut Kraft das Originalskript mit Randnotizen geschenkt und erlaubt, Novembermorje während der Ausstellung zu spielen – mit dem Kommentar, dass es ihm eine Ehre sei.
Hartmut Kraft hat den Liedtext an die Museumswand aufbringen lassen. Besonders liebt er die Formulierung „Muezzin der Phantasie“ – was für ein passendes Bild im Novembermorje. Wer genau hinhört, findet auch andere Bilder von und über den Künstler und Menschen Michael Buthe in den Zeilen.
Und weil auch der bekannte Puppenspieler Gerd J. Pohl eng mit Buthe befreundet war und schon deswegen einer der treibenden Ausstellungsinitiatoren war, hat er zur Eröffnung eine sehr persönliche Rede gehalten …
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