Unbedingt lesenswert: Ein literarischer Roman über existenzielle Fragen. Ein tragikomisches Jugendbuch, das man sofort ins Herz schließt. Und ein raffinierter, komplexer Psychothriller.

Rachel Kushner: See der Schöpfung

Die Autorin vermischt in ihrem aktuellen Roman mehrere Themen miteinander. Von Spionage und Kapitalismus, über Umweltaktivismus, Endzeitszenarien und der Rückkehr zu den Anfängen der Menschheit bis zu politischen Aspekten wie USA versus Europa – alles verpackt in einem fulminanten Thriller, der so oder ähnlich Wirklichkeit werden könnte.

Sadie Smith, ehemalige CIA-Agentin, hat sich nach einer missglückten Aktion als freie Agentin selbstständig gemacht. An Aufträgen mangelt es ihr nicht. Ihre Stärke ist ihre große Anpassungsfähigkeit an die jeweilige Umweltsituation ohne aufzufallen. Äußerlich bedient sie Barbie-like das Klischee des amerikanischen Schönheitsideals, allerdings ohne jegliche Skrupel und moralische Werte. Ihr Spezialgebiet ist die Unterwanderung linker aktivistischer Gruppen mit dem Ziel, diese zu Gewalttaten anzustiften und auf diese Weise zu diskreditieren. 

Ihr neuester Auftrag für einen anonymen Auftraggeber führt sie nach Südfrankreich, um dort eine Ökokommune zu infiltrieren und zu vernichten. Hier in der Provinz hat sich eine Gruppe von Umweltaktivisten zusammen getan, um gegen die geplante Errichtung von sogenannten Mega-Bassins zu demonstrieren.

Dieses von der Regierung geplante Projekt soll angeblich der industriellen Landwirtschaft nutzen, entzieht aber auf der anderen Seite der Region massiv das Grundwasser und stellt so einen schwerwiegenden Eingriff in die Ökologie dar. 

Der geistige Kopf dieser Gruppe ist der über 80jährige Bruno, ein Alt-68er, der nie körperlich in Erscheinung tritt, sondern ausschließlich über Mails mit der Gruppe kommuniziert. Diesen Account hat Sadie gehackt, um auf dem Laufenden zu sein. Bruno selbst ist abgetaucht und lebt im wahrsten Sinne des Wortes im Untergrund, nämlich in einer Höhle wie die Neandertaler.

Rachel Kushner: See der Schöpfung
Rowohlt Verlag, 2025, € 26,00.
Übersetzt von Bettina Abarbanell
Das Buch in unserem Onlineshop

Er hat der Zivilisation abgeschworen und glaubt an die Rettung der Menschheit nur über die Rückkehr zu ihren Ursprüngen. In Sadie und Bruno prallen zwei total unterschiedliche Weltsichten aufeinander. Der höchst spannende Showdown ist vorprogrammiert und hält dennoch eine Überraschung parat.

Das hört sich vielleicht nach sehr viel Lesestoff an, ist aber nie überfrachtet oder gar sperrig. Im Gegenteil, das Buch gibt Einblicke in unser modernes Leben, in die Gängelung durch Großkonzerne und die Gefährdung der Natur durch gewissenlose Politiker.

Letztendlich geht es um die existenzielle Frage: Was heißt es, heute Mensch zu sein? Sowie um die Urfragen: Woher kommen wir und wohin gehen wir?

Es ist trotz des literarischen Anspruchs flüssig zu lesen, spannend wie ein Thriller und mit einer Prise Humor an den richtigen Stellen. Ein wichtiges und kluges Buch, dass keine billigen Lösungen anbietet, aber viele Denkanstöße liefert. 

(Sylvia Jongebloed)

Erin Bow: Alpakas, Agate und mein neues Leben

Eine Tiersegnung im Rahmen eines katholischen Gottesdienstes läuft aus dem Ruder; zwei Alpakas – sonst eher bekannt für sanftes Summen und Entspannung durch Entschleunigung – haben sich nicht so richtig im Griff. Im Drama-Modus mental festgefahren flüchten sie, stoßen unangenehme Angst-Gurgler aus ihren Kehlen und stacheln damit den Fluchtinstinkt aller anwesenden Haustiere bis zur größtmöglichen Beschleunigung an.

Das gibt Simon, Sohn des Tiere segnenden und daraufhin gefeuerten Diakons, seinen neuen Mitschülern als Umzugsgrund an. Seine Mutter ist selbstständige Bestatterin, sie und ihr Gatte arbeiten quasi Hand in Hand, und deshalb findet sie leicht einen neuen Wirkungskreis. Sie übernimmt das alteingesessene Bestattungsinstitut „Gemetzel & Söhne“ in einem Ort namens Augen-zu-und-durch.

Man kennt das, wenn in der Provinz seltsame Ortsnamen schon so lange existieren, dass sie allen völlig normal vorkommen. Augen-zu-und-durch, genannt AZUD, ist eine Schutzzone für funktechnische Anlagen, also ein Funkloch von 50 Kilometern Ausmaß irgendwo im Nirgendwo, bewohnt von a) ökologisch wirtschaftenden Farmern und b) Wissenschaftlern, die hier mittels eines enormen Radioteleskops seriös und im Staatsauftrag versuchen, Lebenszeichen aus dem All zu empfangen.

Simon befreundet sich mit dem grünhaarigen Kevin, Sohn der leitenden Wissenschaftlerin vor Ort, mit Agate, Tochter einer Angoraziegenzüchterin und Ausbilderin von Assistenzhunden, und mit Hercules, Hundewelpe in Ausbildung mit großem Interesse an a) Angoraziegenkötteln und b) Simon.

Die Entscheidung, nach AZUD zu ziehen, also in eine Kleinstadt ohne Internetempfang, wurde nicht zufällig getroffen. Simon ist nicht nur wegen des lustigen YouTube Videos seiner spektakulären Flucht vor den Drama-Alpakas in der Kirche berühmt, sondern vor zwei Jahren leider auch Opfer einer schlimmen Geschichte geworden, was ihn durch das nichts vergessende Internet seitdem immer und immer wieder ins grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit bringt und sowohl vor sensationshungrigen Medienschaffenden samt deren Publikum als auch vor mitfühlenden Einzelpersonen und wohlmeinenden pädagogischen Fachkräften auf den Präsentierteller stellt. Letztlich wird so seine ganze Person auf einen einzigen Tag seines Lebens reduziert, und bisher konnte Simon nichts dagegen tun.

Als ihn diese Geschichte zwar mit dankenswerter Verspätung aber dann doch einholt, beschließen Agate und Kevin, dass Simon dringend ein neues Leben braucht. Und was gibt es Besseres, um aus den Schlagzeilen herauszukommen, als eine noch viel größere Sensationsmeldung zu faken?

Erin Bow: Alpakas, Agate und mein neues Leben.
dtv 2025, € 16,00.
Übersetzt von Ute Mihr
Das Buch in unserem Onlineshop 

Die Autorin dieses zu Recht mit dem Newbery Honor Award ausgezeichneten und auf die Longlist zum National Book Award gesetzten Jugendromans ist US-Amerikanerin, studierte Teilchenphysik und arbeitete am CERN in der Schweiz bevor sie sich der Literatur zuwandte. Erin Bow lebt heute mit Mann und zwei Töchtern in Kanada.

„Alpakas, Agate und mein neues Leben“ ist amüsant zu lesen, sehr schön geschrieben mit Tragik und Komik und aktuellem Hintergrund, mit lebendigen und besonderen Figuren, die man ins Herz schließt und derentwegen auch der eigene Umgang mit Sensationsmeldungen automatisch in den Blick gerät.

Unbedingte Leseempfehlung für alle ab 13 Jahren aufwärts.

(Evi Junker)

Kimberly McCreight: Tochterliebe

Schon in ihren vergangenen, raffinierten Psychothrillern hat die Autorin die Komplexität von Beziehungen innerhalb der Familie bzw. unter Freunden thematisiert. In ihrem aktuellen Roman stellt sie ein schwieriges Mutter-Tochter-Verhältnis dar, das droht durch schockierende Ereignisse eine dramatische Wendung zu nehmen.

Nach einer unglücklichen Kindheit in einem Heim hat Kat eine Überflieger-Karriere als Anwältin hingelegt. Sie ist glücklich verheiratet und führt ein rundum perfektes Leben. Einzig die Beziehung zu ihrer erwachsenen Tochter Cleo ist überschattet von Disharmonie und schwierigem Miteinander. Dabei ist sie das Wichtigste in ihrem Leben und sie möchte, dass sie es später mal einfacher hat. 

Dieses Bild gibt Kat, perfekt in Szene gesetzt, zumindest nach außen ab. Die Wahrheit sieht allerdings anders aus: In ihrer Kanzlei ist sie die Frau für alle Fälle und wird mit den schwierigen oder gar aussichtslosen Fällen betraut. Daraus folgt wiederum, dass sie öfter in die Nähe von Kriminalität kommt und mit Menschen zu tun hat, die ihr gefährlich werden könnten.

Ihre Ehe ist am Ende. Ihr Mann betrügt sie nicht nur, sondern versucht auch eine größere Summe Geld zu erpressen. Dazu kommen massive Bedrohungen von außen und anonyme Briefe. So ist die aktuelle Situation, als Kat ihre Tochter, die von all dem nichts weiß, zum Abendessen bittet, um eine Aussprache herbeizuführen.   

Kimberly McCreight: Tochterliebe.
Droemer Verlag 2025, € 18,00.
Übersetzt von Kristina Lake-Zapp.
Das Buch in unserem Onlineshop

An diesem schicksalhaften Abend bricht das sorgfältig inszenierte Kartenhaus total zusammen. Als Cleo im Haus ihrer Mutter ankommt, findet sie das komplette Chaos vor. Ein blutverschmierter Ballerina, ein kaputtes Glas, Essen auf dem Herd, das schon verkokelt ist, eine restlos verbrannte Mahlzeit im Backofen. Der Rauchmelder schlägt Alarm und von ihrer Mutter fehlt jede Spur.  

Mit viel Empathie für ihre Figuren beschreibt die Autorin eine komplexe Mutter-Tochter-Beziehung, die einer Extremsituation ausgesetzt ist und daran langsam wächst. Um die Spannung zu steigern, bedient sich die Autorin eines Tricks. In Rückblenden werden die vergangenen Ereignisse aus Sicht der Mutter erzählt, die Gegenwart wird aus Sicht der Tochter geschildert. So kommen nach und nach immer mehr Puzzlesteine zusammen, die zur Auflösung der Geschichte führen. Ein Psychothriller, der es in sich hat, clever aufgebaut und hochspannend präsentiert.

(Sylvia Jongebloed)

Viel Spaß beim Lesen, Ihre Pia Patt

Pia Patt führt die Buchhandlung Funk. Foto: Thomas Merkenich

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre war Pia Patt bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie 2015 das Geschäft übernahm – zunächst zu zweit, seit Sommer 2023 führt sie die Buchhandlung allein. Mit viel Engagement und Freude setzt sie sich für ihre große Leidenschaft ein: Für das Lesen und für das Buch. So bietet die Buchhandlung einen offenen Literaturkreis an, geschlossene Gesellschaften, viele besondere Events und lädt mit der Veranstaltungsreihe #litbensberg zu großen Lesungen ein. 

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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