Moderne Technik wie das Cochlea-Implantat hilft vielen, wieder Zugang zur Welt der Hörenden zu finden. Foto: Thomas Merkenich

Jeder Fünfte kann nicht gut hören und verstehen. Menschen mit Hörbehinderung vermeiden daher für sie schwierige Situationen wie Einkaufen, Konzerte oder Telefongespräche. Ihre Lebensqualität ist stark eingeschränkt, viele drohen zu vereinsamen. Wer schlecht hört, wird oft missverstanden oder mitunter für eigenbrötlerisch gehalten. Der HörBar e.V. setzt sich daher aktiv für die Menschen ein, die von Hörverlust betroffen sind.

Der HörBar e. V. ist seit 2023 ein eingetragener Verein und war vorher eine Selbsthilfegruppe. Der Name der Gruppe „HörBar“ ist passend gewählt, denn sie trägt mit dazu bei, Hörbehinderten, Schwerhörigen und Ertaubten die Welt hörbarer zu machen und erleichtert somit ihr Leben. 

Ich war bei einem Treffen der Gruppe zu Gast. Meine Sorge, ich könne mich mit den Betroffenen nicht verständigen, war absolut unbegründet. Alle in der Gruppe verwenden zum Sprechen ein Mikrofon, das das gegenseitige Verstehen erleichtert. Zum Einsatz kommt dabei eine Funk-Übertragungsanlage.

Immer nacheinander reden, keine Zwischenrufe, klare und kurze Sätze, deutliche Aussprache und langsames Sprechen. Beeindruckend, wie diszipliniert sich alle an diese Regel hielten und dennoch kam jede/r zu Wort.

Foto: Thomas Merkenich

Die Mitglieder des Hörbar e. V. nennen dies ihre „Gesprächsnettikette“. Auch die liebevolle Moderation von Ralph Franke, der die Selbsthilfegruppe als Vorsitzender des Vereins leitet, trägt zur angenehmen Gruppenatmosphäre bei. Zu Gruppenbeginn sprach er jede/n persönlich an, erkundigte sich nach deren Befinden und sofort war die Erzählrunde in vollem Gange.

Hintergrund: Selbsthilfegruppen in Rhein-Berg

Erkrankungen, Beeinträchtigungen und seelische Krisen belasten das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen sehr. In diesen schweren Zeiten tut ein Austausch in einer mitfühlenden Gemeinschaft gut. In einer Selbsthilfegruppe steht man sich bei und setzt sich für andere ein. Selbsthilfegruppen bilden „ein starkes Netz aus Verständnis, Hoffnung und gegenseitigem Trost, wobei jede Begegnung, jede geteilte Erfahrung und jedes offene Wort den Betroffenen Kraft gibt“, so die Selbsthilfekontaktstelle in Bergisch Gladbach

Selbsthilfegruppen ergänzen ambulante, stationäre und rehabilitative Versorgungen und entlasten somit unser Gesundheitswesen. Das ehrenamtliche Engagement der Menschen, die eine SHG miteinander gestalten, ist beispielhaft. 

Teilnehmen und teilen, miteinander und füreinander, gemeinsam informieren, dies macht die gesellschaftlich wertvolle Arbeit aller Selbsthilfegruppen aus. 

Annette Voigt, Gründerin der SHG „mein Darm und ich“, stellt einige der Gruppen in unserer Serie vor – die damit einen guten Überblick über die Selbsthilfegruppen im Rheinisch Bergischen Kreis bietet.

Für mich Hörende eine gute Übung, wirklich den anderen ohne Eile zuzuhören und auf meinen Redebeitrag zu warten, ohne dazwischen zu reden wie es bei vielen Mitmenschen in Gruppengesprächen öfters vorkommt. 

Mitten im Gesprächskreis auf dem Tisch thront neben einer Schale mit Schoko-Hasen eine kleine gestrickte Puppe mit rotem Pullover, blauer Hose, weißen Schuhen und einen blauen Prozessor in seinem braunen Kurzhaar auf der linken Seite. Es ist Norman, das Maskottchen der Gruppe, das auf jedem Treffen und bei jeder Aktion dabei ist.  

„Auf dem Stadt- und Kulturfest 2023 in Bergisch Gladbach bemerkte ich während eines Gesprächs eine Dame mit einem Püppchen im Arm, die Vorsitzende von „Trostteddy e. V.  Auf Wunsch eines kleinen Mädchens sollte sie es mir schenken, denn ich trage ein „CI“ so wie das Mädchen selbst und auch das Püppchen“, erzählt Ralph Franke. Seine Tochter taufte den kleinen Strickjungen auf den Namen Norman. 

Zugang zur Welt der Hörenden

Die Chance, wieder Zugang zur Welt der Hörenden zu finden, bietet heute die moderne Hörtechnik wie das Cochlea-Implantat (CI). Fast alle der Anwesenden trugen bei meinem Besuch eins dieser Implantate.

Mit diesem Implantat zu leben war somit an diesem Abend Haupt-Gesprächsthema. Ein komplexes Thema: diese spezielle Hörprothesen, die den Schwerhörigen einen Teil ihrer Hörfähigkeit wieder zurückgeben. Mit großem Sachverstand und viel Geduld wurde ich an diese „Wissenschaft“ herangeführt.

Fotos: Thomas Merkenich

Kernstück des Implantats ist ein Elektrodenträger, der in die Hörschnecke eingesetzt wird und dort die vorhandenen Nervenzellen elektrisch anregt. Es ist eine Art Hörprothese, die elektrisch direkt die Nervenzellen stimuliert und eingesetzt wird, wenn ein Hörgerät nicht mehr ausreicht.

Das Cochlea-Implantat-System (CI) besteht aus zwei Teilen, dem bei der Operation implantierten Teil unter der Kopfhaut und in die Hörschnecke (Cochlea), und dem äußeren Teil, dem Soundprozessor, der wie ein Hörgerät hinter dem Ohr getragen wird. Dieses Implantat macht vieles wieder hörbar, das vorher nicht mehr hörbar war.

Hörbar e.V.
Treffen jeden 2. Dienstag im Monat, 18 Uhr
EVK, Gebäude der Klinik der Psychiatrie
Tagesklinik 1. Etage / Raum 134
Ferrenbergstraße 24, 51465 Bergisch Gladbach 
kontakt@shg-hoerbar.de
Webseite

Das Hörgerät dagegen ist ein Schallverstärker, der nur das verstärkt, was das biologische Ohr noch zu hören vermag. Das biologische Ohr ist allerdings auch mit Implantat nicht komplett zu ersetzen. Für die Betroffenen ist es daher notwendig, sich damit abzufinden, nur bedingt oder verzerrt und nie wieder wie früher hören zu können.

Wie ein Sprung ins soziale Leben

Alle Gruppenteilnehmer brachten mir mit ihren lebendigen und ehrlichen Erlebnisberichten näher, was es bedeutet, nicht mehr hören zu können und wie positiv ihr Leben nun mit Hilfe des Implantats verläuft.

Ein Teilnehmer verdankt dem Austausch in der Gruppe, dass er und seine Frau sich überhaupt für ein Implantat entschieden haben. „Morgens beim Frühstück wieder die Nachrichten zu verstehen, das Vogelgezwitscher nach zehn Jahren wieder zu hören, wieder selbständig einzukaufen oder Sprachkurse zu besuchen. Ich gehe wieder überall alleine hin“, beschreibt ein Betroffener seine wiedergewonnene Lebensqualität.

„Ich kann mich jetzt wieder mit meiner Frau im Auto auf der Autobahn unterhalten, das war vorher nicht möglich“, freut sich ein anderer.

Birgit Franke, die einzige „Gut-Hörende“, die die Gruppe regelmäßig mit ihrem Mann begleitet, freut sich, dass auch das Zusammenleben mit ihrem Mann nun leichter sei und gemeinsame Konzerte wieder möglich seien. Die Frau eines anderen Betroffenen kann dank des Implantats das Gespräch mit anderen genießen, ohne ständig für ihren Mann übersetzen zu müssen, was gerade gesagt wurde. 

Foto: Thomas Merkenich

Vorurteile und Berührungsängste abbauen

Da sind sich alle Betroffenen mit einem Implantat einig: „wir haben etwas Wertvolles wiedergewonnen, an das wir uns zuvor allenfalls erinnern konnten. Es ist wie ein Jungbrunnen“.   

Für mich war das Hören-Können bis zu meinem Besuch in dieser Gruppe selbstverständlich. Das ist es jetzt nicht mehr. Dies ist genau der Effekt, den HörBar e. V. mit ihren öffentlichkeitswirksamen Kampagnen und Workshops bei der Bevölkerung beabsichtigt, nämlich Vorurteile und Berührungsängste abzubauen.

Der Umgang mit hörbehinderten Menschen erfordert Sensibilität, Verständnis und die Bereitschaft, die Kommunikation situativ anzupassen. Ein Betroffener erzählt in diesem Zusammenhang von seiner Arbeit. „Es hat eine Weile gedauert bis meine Kollegen es einsahen, dass ich nicht telefonieren kann und mich stattdessen über E-Mail informierten. Dabei war wichtig, dass ich den Mut hatte, meine Hörbehinderung offen zu zeigen und mitzuteilen, was ich benötige“.                                                                                                    

Dieses Beispiel zeigt wie wichtig es ist, Arbeitgeber gezielt über den optimalen Umgang mit hörbehinderten Mitarbeitern aufzuklären. Alle Unternehmen, die Hörbehinderte beschäftigen, möchten sich daher bitte zwecks Austausch und Kooperation beim HörBar e. V. melden.                                                                                

Hilfe zur Selbsthilfe

Vereinzelt bei Bedarf kommt die Gebärdensprache in der Gruppe zum Einsatz. Eine Teilnehmerin ist froh, dass Mann und Tochter die Gebärdensprache beherrschen. Sie erklärt mir, dass bei der Gebärdensprache nur relevante Wortbeiträge übersetzt werden. Vieles des gesagten muss daher assoziiert werden und dafür brauchen hörbehinderte Menschen eine gewisse Zeit. Zeit, die auch wir Hörenden uns generell in der Kommunikation mit anderen nehmen sollten. 

Damit jede/r Betroffene die eigene Situation selbst aktiv verbessern kann, bedarf es der konkreten Information in der Gruppe. Auch Fragen zur Technik, zu Ärzten und Diagnosen (nicht die Erstellung solcher) und zu Förder-Anträgen werden in der Selbsthilfegruppe erörtert.

Wir wollen nicht in der stillen Welt der Gehörlosigkeit versinken.Ralph franke

„Hier treffen sich lauter nette Leute, die mir meine Fragen genau beantworten“ bringt es ein Teilnehmer auf den Punkt.

„Die Gruppe ist wie eine Tankstelle, hier tanke ich auf und hier finde ich mit Hilfe der anderen Lösungsansätze für meine Probleme“, begründet eine Teilnehmerin.

„Die praktischen Tipps und Impulse erleichtern mir vieles“, sagt ein weiterer Betroffener.

„Die Gruppe übernimmt das, wozu Ärzten und Institutionen oftmals die nötige Zeit fehlt“ resümiert Ralph Franke. „Wir wollen weiter hören, unser Hörvermögen weitgehend erhalten und nicht in der stillen Welt der Gehörlosigkeit versinken.“  

Das treibt alle von HörBar e. V. an und lässt sie so präsent in der Öffentlichkeit sein, immer wieder und immer wieder mit neuen Ideen. 

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