Milla (ganz links), Tiziana (ganz rechts) und ihre Mitschüler:innen schalten nach drei Wochen wieder ihre Smartphones an. Fotos: Redaktion

Drei Wochen lang haben Schüler:innen des OHG und des NCG in Bergisch Gladbach an einem wissenschaftlichen Experiment teilgenommen und dafür auf ihr Smartphone verzichtet. Die meisten haben durchgehalten. Und auch wenn es einige Herausforderungen gab, überwiegen die positiven Erfahrungen.

Am Ende des Experiments steht eine Erkenntnis: Smartphones sind im Alltag zwar praktisch, aber gut tun sie in vielerlei Hinsicht nicht. Zumindest wenn sie häufig und lange genutzt werden. Dieses Fazit ziehen die Schüler:innen des Otto-Hahn-Gymnasiums (OHG), die am Handy-Experiment teilgenommen haben und dafür drei Wochen lang auf ihr Smartphone verzichtet haben.

„Ich konnte mich in den drei Wochen besser konzentrieren, hatte keine Kopfschmerzen mehr. Und ich habe meine Zeit viel besser genutzt, war mehr draußen, habe Sport gemacht und Freunde getroffen“, sagt Milla. In den ersten Tagen habe die 15-Jährige Entzugserscheinungen gehabt und immer wieder aus Gewohnheit vergeblich nach dem Handy in ihrer Hosentasche gegriffen. „Das hat sich aber schnell gelegt. Und dann habe ich viele Dinge anders und intensiver wahrgenommen.“

Besserer Schlaf und mehr Energie

 „Vorher hatte ich Schlafprobleme, ohne Handy konnte ich besser einschlafen und hatte deutlich mehr Energie“, sagt Tiziana. „Und Social Media hat mich davon abgehalten, mich persönlich mit Freunden zu treffen. Das habe ich in den letzten Wochen mehr gemacht“, sagt die 14-Jährige. 

Ins Leben gerufen wurde das Experiment vom österreichischen Bildungsministerium, um wissenschaftlich zu untersuchen, wie sich reduzierte Bildschirmzeit und der Verzicht auf soziale Medien auf das persönliche Wohlbefinden von Jugendlichen auswirken.

In der jetzt beendeten zweiten Runde war es auch für deutsche Schulen geöffnet worden. Deutschlandweit nahmen knapp 700 Schüler:innen daran teil – darunter auch 16 Siebtklässler:innen des Nicolaus-Cusanus-Gymnasiums (NCG).

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Das Experiment wird wissenschaftlich begleitet. In anonymen Befragungen vor, kurz danach und deutlich nach dem Experiment untersuchen Wissenschaftler:innen mittels Fragebögen, wie sich die Stimmung, der Schlaf und die psychische Gesundheit der Teilnehmer:innen verändern.

Ein Teil der Schüler:innen des OHG, die am Handy-Experiment teilgenommen haben. Foto: Redaktion

Die Bilanz am OHG: Insgesamt haben 52 Schüler:innen aus den Jahrgängen 9, 10 und 11. mitgemacht. 38 Schüler:innen und zwei Lehrkräfte verzichteten auf ihr Handy, 12 Proband:innen nahmen als Kontrollgruppe teil und nutzten ihr Gerät weiter wie bisher.

Drei Schüler:innen brachen im Laufe der Zeit ab, sechs machten bei der „Light“-Version mit: Dabei ging es darum, die Zeit am Smartphone so weit es geht zu minimieren. 

Viel Zeit gewonnen

Die Teilnehmer:innen berichten von vielen positiven Erfahrungen: Sie konnten besser lernen, waren mehr draußen, haben mehr Zeit mit der Familie und Freunden verbracht. „Man hat viel Zeit gewonnen, die man sonst am Handy verbracht hat“, sagt ein Schüler. „Ich bin Sachen angegangen, die ich vorher vor mir hergeschoben habe“, ergänzt ein Mädchen.

Einige mussten sich umgewöhnen, etwa weil sie ihr Smartphone als Wecker nutzen: „Meine Eltern mussten mich morgens wecken“, berichtet ein Schüler.

„Als ich nach Köln musste, habe ich mir die Karte zuhause am Computer von Google Maps abgemalt“, erzählt eine Schülerin.

Andere berichten von verpassten Bussen und Bahnen und davon, dass sie weniger mitbekommen hätten, „was so los ist in der Umgebung und der Welt“. Social Media nutzen einige als Hauptinformationsquelle.

Die beliebtesten Apps

Die Apps, die sie am meisten nutzen, nennen die Schüler:innen WhatsApp, Instagram, Spotify, Snapchat und TikTok sowie Apps von KVB und Bahn. Auch Spiele wie „Brawl Stars“ sind populär. Viele nutzen ihr Smartphone nach eigener Aussage zwei bis vier Stunden am Tag, einzelne auch sechs bis acht Stunden.

Andere digitale Geräte wie PCs oder Tablets durften die Teilnehmer:innen weiter nutzen. Einzelne hatten ein altes Tastenhandy, mit dem sie telefonieren oder SMS schreiben konnten.

„Es ging nur um den Suchtfaktor von Smartphones, die immer griffbereit und dabei sind“, erklärt Lehrerin Nadine Reith. Sie hatte mit Schüler:innen die Dokumentation „Das Handyexperiment“ im Unterricht geschaut und darüber diskutiert. 

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„Danach wollten sie das Experiment für die ganze Schule selbst planen und nachahmen.“ Reith erfuhr, dass es eine zweite Runde in Österreich gibt, an der auch deutsche Schulen teilnehmen können. Reith meldete die Schüler:innen an. „Ich fand super, dass sie es selbst machen wollten, weil sie gemerkt haben, dass die intensive Nutzung ihnen nicht guttut.“

Anders als am NCG, wo die Smartphones für drei Wochen im Schulsafe eingeschlossen wurden, mussten die Schüler:innen des OHG sich selbst und eigenverantwortlich kontrollieren. Einige berichten, dass sie ihr Handy den Eltern oder Nachbarn gegeben haben, um nicht in Versuchung zu kommen.

So lief es am NCG

„Wie erwartet waren die Schüler allesamt sehr glücklich ihre Handys zurückzubekommen“, berichtet Lehrerin Verena Soworka nach dem Ende der drei Wochen. Dennoch hätten sie das Experiment sehr geschätzt. 15 von 16 Schüler:innen würden noch einmal an dem Experiment teilnehmen.

„Viele wollen auch in Zukunft einen bewussteren Umgang mit dem Handy pflegen beziehungsweise weniger Zeit am Handy verbringen, da sie die positiven Effekte gespürt haben“, so Soworka. „Einige Schüler:innen hatten über 200 ungelesene Nachrichten, ein Schüler sogar seinen Handy-PIN vergessen.“

Während des Experiments waren alle Teilnehmer:innen mit ihrer Lehrerin über Teams in Kontakt und trafen sich ein- bis zweimal pro Woche, um sich über ihre bisherigen Erfahrungen, über Herausforderungen und ihre Stimmung auszutauschen.

„Die erste Woche war für die meisten die härteste“, weiß Reith. Der Kontakt über soziale Netzwerke mit Freunden, die man im Alltag nicht sieht, habe vielen gefehlt.

900 ungelesene Nachrichten

Hunderte ungelesene Nachrichten ploppen auf dem Display auf. Foto: Redaktion

Und das ist für viele auch das, worauf sie sich nach drei Wochen Verzicht am meisten freuen: „Wieder mehr mit Leuten kommunizieren“, will Tiziana. Doch genau wie sie sind fast alle Schüler:innen, die am Handy-Experiment teilgenommen haben, fest entschlossen, ihre Zeit am Smartphone künftig zu reduzieren. „Ich will mir eine feste Bildschirmzeit pro Tag einrichten“, sagt Milla. Und Tiziana will einige Apps entfernen und nur noch die für sie wichtigsten Anwendungen nutzen. Und das seltener als bisher. 

Als Milla ihr Handy zum ersten Mal nach drei Wochen wieder einschaltet, beschreibt sie das als „sehr aufregend. In meinem Bauch kribbelt es“. Reith zählt von Drei abwärts – und auf Kommando schalten alle ihre Smartphones wieder ein. Weil es im Gebäude keinen Empfang gibt, geht die Lehrerin mit ihrer Gruppe nach draußen. 

Es piept und bimmelt im Sekundentakt, als die Nachrichten der vergangenen Wochen auf dem Handy eintrudeln. Über 900 sind es bei Milla, davon viele in Gruppenchats. Auch einige Mitschüler:innen zählen 300 bis 400 ungelesene Nachrichten. Um die alle lesen zu können, müssen sie sich bis zum Schulschluss gedulden. 


Weiterführende Informationen stehen auf der Internetseite des Handy-Experiments.

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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