Was ist Kunst – und muss man überhaupt etwas davon verstehen, um sie zu betrachten? Die Ausstellung „Sein und Zeit“ von Manuele Klein und Detlev Weigand in den Lux-Hallen gibt darauf keine einfache Antwort. Dafür verändert sie den Blick auf einen ungewöhnlichen Ort. Eine sehr persönliche Annäherung in Bildern.

Eigentlich hat mich die Tür gestört.
Sie stand einfach da, angelehnt an die Wand der Lux-Hallen, unmittelbar neben einer Arbeit von Detlev Weigand. Für mein Foto war sie zunächst vor allem eines: im Weg. Bis ich mich fragte, ob sie überhaupt zufällig dort stand. War sie Teil des Kunstwerks? Teil der Ausstellung? Oder schlicht eine Tür?
Je länger ich mich umschaute, desto häufiger stellte sich diese Frage. Da waren alte Tachoscheiben an einem Holzbalken. Ein ledernder Armlehnenstuhl an einem Holztisch. Halb verdorrte Schnittblumen. Alte Schilder und andere Überbleibsel aus der früheren Nutzung der Halle.
Was davon ist Kunst? Was ist Inventar?
Und vor allem: Ist es schlimm, wenn man es nicht weiß?
Dada, Fluxus – und ein bisschen Volkskunst
Bei Detlev Weigand führt diese Frage ziemlich direkt zu seiner Kunst. Er bezeichnet sie als „dadafluxistische Volkskunst“ – eine selbst erfundene Kunstrichtung, deren einziges Mitglied er, wie er augenzwinkernd betont, selbst ist.
Der sperrige Begriff ist bewusst widersprüchlich. Dada und später Fluxus haben auf unterschiedliche Weise traditionelle Vorstellungen davon infrage gestellt, was Kunst sein darf. Weigand beschreibt beide im Gespräch mit Michael Lux als Bewegungen, die den Kunstbegriff geöffnet und erweitert haben. Seine Ergänzung „Volkskunst“ setzt er bewusst dagegen.


Wie das aussehen kann, hängt ein paar Meter weiter an der Wand. Eine Fotoarbeit zeigt Charlton Heston in „Soylent Green“, darunter stehen Dosen. Wer den dystopischen Film von 1973 kennt, dürfte den Zusammenhang schnell erfassen.
Ich kannte ihn nicht.
Und so stand ich vor dem Werk, betrachtete Foto und Dosen – und verstand zunächst nicht einmal, dass beides zusammengehört. Weigand selbst räumt im Gespräch ein, dass gerade diese Arbeit Kontext benötigt und nicht jeder den Film kennen wird. Gleichzeitig formuliert er einen für seine Arbeiten wichtigen Gedanken ziemlich schlicht: Man soll selbst denken.
Das beruhigt.
Denn ich interessiere mich sehr für Kunst. Sachkenntnis davon habe ich allerdings nicht besonders viel.
Dada / Dadaismus Fluxus Martin Heidegger: „Sein und Zeit“ „Sein und Zeit“ – die AusstellungZur Sache: Dadaismus, Fluxus und Heidegger – kurz erklärt
Dada entstand während des Ersten Weltkriegs, 1916 in Zürich, und stellte herkömmliche Vorstellungen davon infrage, was Kunst sein darf oder überhaupt sein muss. Dada-Künstler arbeiteten mit Zufall, Unsinn, Provokation, Collagen und Alltagsgegenständen. Dahinter steckte auch eine grundsätzliche Kritik an gesellschaftlichen und kulturellen Gewissheiten. Ein Gegenstand musste nicht mehr auf traditionelle Weise „Kunst“ sein, um Teil eines Kunstwerks zu werden.
Fluxus entstand Anfang der 1960er-Jahre als internationales Netzwerk von Künstlerinnen und Künstlern. Es verband unter anderem bildende Kunst, Musik, Theater, Film und Aktionen und stellte die Grenzen zwischen Kunst und Alltag infrage. Einfache Materialien, alltägliche Handlungen und gefundene Gegenstände konnten dabei Teil der Kunst werden. Als historische Bewegung wird Fluxus meist mit den 1960er- und 1970er-Jahren verbunden. Seine Ideen wirken jedoch bis heute fort – und selbst die Frage, ob Fluxus überhaupt beendet ist, wird unterschiedlich beantwortet.
Das 1927 erschienene Buch gehört zu den einflussreichsten philosophischen Werken des 20. Jahrhunderts. Heidegger fragt darin grundlegend danach, was „Sein“ bedeutet, und untersucht dafür die menschliche Existenz, die er als „Dasein“ bezeichnet. Eine zentrale Rolle spielt die Zeit: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind für Heidegger nicht einfach Abschnitte auf einer Uhr oder einem Kalender, sondern grundlegend dafür, wie der Mensch sich selbst und seine Welt erfährt. Das ursprünglich umfangreicher geplante Werk blieb unvollendet.
Manuele Klein und Detlev Weigand beschäftigen sich in ihrer gemeinsamen Ausstellung mit Gegenwart, Erinnerung, Veränderung und der Frage, welche Spuren Zeit hinterlässt. Zeit erscheint dabei nicht als messbare Größe, sondern als gelebte Erfahrung. Auch die Lux-Hallen passen in diesen Zusammenhang: Ihre industrielle Vergangenheit ist bis heute sichtbar und verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Die Ausstellung lädt dazu ein, diese Spuren zu entdecken und den eigenen Blick zu hinterfragen.
Vielleicht ist die falsche Antwort gar nicht das Problem
Bei zeitgenössischer Kunst kann daraus schnell eine gewisse Scheu entstehen. Man steht vor einem Werk, versteht es nicht – und sagt vorsichtshalber lieber gar nichts. Schließlich möchte niemand fünf Minuten tiefgründig über die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins philosophieren, um anschließend zu erfahren, dass er gerade einen alten Feuerlöscher interpretiert hat.

In den Lux-Hallen ist diese Gefahr durchaus real – nicht bei allen Werken, aber manchmal schon.
Und vielleicht ist das ausgerechnet eine Stärke dieser Ausstellung.
Die ehemalige Baustoffhandlung ist kein neutraler, weißer Ausstellungsraum. Ihre Vergangenheit ist überall sichtbar. Alte Oberflächen, Möbel, Schilder und technische Überbleibsel stehen neben den Arbeiten von Klein und Weigand. Manchmal greifen Kunst und Raum so selbstverständlich ineinander, dass die Grenze zumindest für den ungeschulten Blick erstaunlich unscharf wird.
Beim Fototermin erzählte ich Weigand von meiner Unsicherheit. Davon, dass vermutlich auch andere Besucher vor den alten Tachoscheiben oder dem Lederstuhl stehen und sich fragen könnten, ob sie nun Kunst betrachten oder Inventar.
Das störte ihn überhaupt nicht. Man müsse keine Ahnung von Kunst haben, sagte er sinngemäß. Wichtiger sei ihm, dass Menschen sehen und wahrnehmen.
Vielleicht liegt darin der bessere Zugang zu dieser Ausstellung.
Wer hier nicht auf Anhieb erkennt, ob die Tür zum Kunstwerk gehört, hat nicht zu wenig von Kunst verstanden. Vielleicht hat er schon angefangen, genauer hinzusehen.
Zerstören und neu zusammensetzen
Auch die Arbeiten von Manuele Klein verlangen diesen zweiten Blick, wenn auch auf andere Weise.
Für einige ihrer ausgestellten Holzarbeiten sammelte sie Stücke in Wäldern, die durch Borkenkäfer und Pilze stark geschädigt worden waren. Daraus erschuf sie, wie sie im Interview sagt, „neue kleine Welten“. Die Zerstörung bleibt sichtbar, gleichzeitig kann daraus etwas Neues entstehen.
Auch das Kreuz taucht immer wieder in Kleins Arbeiten auf. In ihrem Artist-Talk beschreibt sie es nicht nur als christliches Symbol, sondern auch als Aufgabe: etwas anzunehmen, zu bewältigen und dadurch Veränderung möglich zu machen.
In manchen Arbeiten ist das Kreuz nur schwach zu erkennen oder teilweise verdeckt. Auch hier geht es darum, genauer hinzusehen – und zu fragen, was hinter dem zunächst Sichtbaren liegt.
Überhaupt bietet „Sein und Zeit“ sehr unterschiedliche Zugänge. Der Titel erinnert zwar an Martin Heideggers gleichnamiges philosophisches Hauptwerk. Klein und Weigand verstehen ihn aber bewusst weit: Sein, Zeit, Existenz und Vergänglichkeit lassen sich aus verschiedenen Richtungen betrachten. Gerade dieser Spielraum sei für sie der Reiz des Titels, erklären sie im Gespräch.
Vielleicht ist deshalb auch nicht für jedes Werk eine eindeutige Erklärung nötig.

Die Lux-Hallen spielen mit
Für mich beantwortete sich während des Fotografierens jedenfalls eine andere Frage: Warum passt diese Ausstellung so gut hierher?
Weigand erzählte beim Fototermin, dass er es mag, wenn seine Arbeiten Teil eines Raumes werden. In den Lux-Hallen passiert beinahe noch etwas mehr: Manchmal scheint der Raum selbst mitzuspielen.
Ausstellung „Sein und Zeit”
Lux-Hallen,
Oehmchenstraße 18,
51469 Bergisch Gladbach-Heidkamp
Geöffnet bis 11. September
Besichtigung nach Vereinbarung: 157 73510676
Die Kunst lenkt den Blick auf Dinge, die sonst nebensächlich wären. Und umgekehrt schleichen sich die vorhandenen Dinge in die Wahrnehmung der Ausstellung. Ein Armlehnenstuhl wird plötzlich zum Fotomotiv. Alte Tachoscheiben werden verdächtig. Selbst eine verwelkte Pflanze bekommt für einen kurzen Moment eine Bedeutung, die ihr möglicherweise nie zugedacht war.
Wer „Sein und Zeit“ besucht, kann daraus sogar ein kleines Spiel machen:
Ist das Kunst? Oder kann das weg?
Vielleicht liegt man daneben. Vielleicht hält man Inventar für Kunst. Vielleicht übersieht man zunächst den Zusammenhang eines tatsächlichen Werks.
Macht nichts.
Weigand sagt über seine Kunst an anderer Stelle im Interview, sie wolle keine fertigen Lösungen anbieten, sondern Fragen stellen.
Die Tür auf meinem ersten Foto gehört übrigens nicht zur Ausstellung.
Weitere Impressionen aus der Ausstellung
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