Die neue Kabinettausstellung im Kunstmuseum Villa Zanders widmet sich dem Blut als künstlerischem Medium: Mit Fokus auf die Körperabdrücke von Peter Gilles. Im Vergleich mit Joseph Beuys, Hermann Nitsch, Jenny Holzer und andere bewegen sich Gilles’ Körperabdrücke mit Eigenblut am Rande des Zumutbaren und sind schon deswegen eine Selbsterfahrung.
Haut und Knochen, von echten menschlichen Körpern abgedruckt, lebensgroße figürliche Darstellungen – mehrere „Blutdrucke“ prangen an den Wänden des Kunstmuseums Villa Zanders. In rostigem Rotbraun – unverkennbar, dass es echtes Blut ist – getropft zu organischen Geflechten, wild gespritzt zu einer Art Vulkaneruption. Daneben verdichten sich schwarze Kohlestriche, schwungvoll zu einer Echse.
Die Arbeiten stammen von Peter Gilles, der menschliche Körperteile mit Blut bestrichen und akkurat auf Leinwand und blütenweißes Papier abgedruckt hat.

Museumsdirektorin Ina Dinter erklärt, „Am Rande des Vulkans“ stelle Blut als Mal-Mittel in den Mittelpunkt der kleinen Ausstellung – ein ganz neuartiger Fokus, den es so wohl noch nicht gab.
Die Kabinetträume sind traditionell Raum für experimentelle Ausstellungen, regelmäßig auch aus der Sammlung Kraft. Die Idee dazu basiert auf dem Buch über den Kölner Künstler Peter Gilles, das sein Sammler Hartmut Kraft zeitgleich publiziert. Ein komplettes Werksverzeichnis, das es so noch nicht von Gilles gibt, denn er verstarb mit nur 64 Jahren im Jahr 2017.
Blut als Statement
Alles nicht neu, könnte man meinen. Hermann Nitsch hat mit eimerweise Blut gearbeitet, Yves Klein hat Körperabdrücke gemacht, indem er andere Körper nach seinen Vorgaben abdrücken ließ. Seit den 60er-Jahren verwendeten Künstlerinnen und Künstler Blut in Performances, Bildern und Objekten – denn kaum ein anderes Material ist so stark mit kulturellen und religiösen Bedeutungen aufgeladen.
Neben Gilles an den Wänden werden andere Künstler der Sammlung in den Vitrinen gezeigt, „schon um ihn von den anderen abzugrenzen“, sagt Hartmut Kraft.
Beispielsweise die in einer der Vitrinen ausgestellte Klarsichtfolie, gefüllt mit Tierblut – die Arbeit „4 cm³ Hasenblut“ von Joseph Beuys. Oder Jenny Holzers Spruch „Wo Frauen sterben, da bin ich hellwach“, ein Sonderdruck in der Süddeutschen Zeitung von 1991, der in Blut abgedruckt wurde.



Während Gilles den eigenen Körper und sein eigenes Blut einsetzte, verwendete Holzer gespendetes Blut von Frauen als politische Aktion gegen Gewalt an Frauen.
Wenn aber Gilles seinen Körper mit seinem Blut drucke, dann wäre das die authentischste Form eines Selbstbildnisses – kein Künstler sonst habe derart konsequent mit seinem eigenen Blut und seinen eigenen Körperabdrücken gedruckt wie Gilles, sagt Kraft.
Heute sieht man anders
Blut hat heute eine neue Aktualität. Doch es würde dem Künstler nicht gerecht, ihm politische Ambitionen zu unterstellen, sagt Kraft. Im Gegenteil: Als in Deutschland die Mauer gefallen war, „da dachten wir ja alle: Eigentlich kann jetzt nichts mehr passieren“. Damals seien Peter Gilles’ Arbeiten missverstanden worden, vielleicht, weil sie auf viele Menschen zu martialisch wirkten, erklärt Kraft.
Heute, vor dem Hintergrund, dass Gefahr droht, dass Kriege in unmittelbarer Nähe sind, wirken die Arbeiten mit Blut ganz anders – heute gezeigt, suggerieren sie aktuelle Spannungen in der Welt.
Der Anblick von Blut ist nach wie vor für viele Menschen gewöhnungsbedürftig. Schließlich erlebt man Blut vor allem als Kunstblut in Filmen und Computerspielen; und da soll es vor allem Grusel und Abscheu vor Tod und Schmerz auslösen. Dabei ist der Begriff Blut tief in unserer Sprache verankert: Etwas, das in Fleisch und Blut übergeht oder Blut ist dicker als Wasser.
„Der Umgang mit Blut ist immer ein Thema, das die Leute sehr berührt. Der Geruch des Blutes ist da, die Verletzlichkeit des Menschen ist präsent.“
Peter Gilles
In dieser Ausstellung geht es also um den identitätsstiftenden Aspekt von Blut, der in den Arbeiten von Peter Gilles eine zentrale Rolle spielt. Gilles’ Werk sei eine Abfolge aus Selbstbildnissen, Selbstbefragungen und Selbstanalysen, erklärt Ausstellungskurator Hartmut Kraft.
Dem Künstler ging es vielmehr um den Ausdruck innerer Spannungen in einem spannungsgeladenen Umfeld. „Er saß auf einem Vulkan“, sagt Kraft und betont, dass man bewusst den Ausstellungstitel auf das Innere gelenkt habe.



Innere Konflikte
Was die Arbeiten heute besonders aktuell macht, sind weniger die üblichen Assoziationen von Blut mit Kriegen, sondern der ungewöhnliche Gedanke eines Selbstbilds durch Blut als Malmittel und die kraftvollen Bilder innerer Spannungen zwischen fragiler Identität und konsequenter Selbstbehauptung. Es sind innere Vulkane, die sich in den Arbeiten entladen. „Die Spannung hat er in der Kunst abgearbeitet“ – in den Performances ebenso wie in den Zeichnungen
Am Rande des Vulkans
Blut als Material in der Kunst bei Peter Gilles im Dialog mit Joseph Beuys, Felix Droese, Jenny Holzer, Birgit Kahle, Hermann Nitsch und Anna Sudermann
11.7.–31.10.2026
Kunstmuseum Villa Zanders
Begleitprogramm
Führungen mit dem Sammler Prof. Dr. Hartmut Kraft
So 6. 9. 2026 | 11:30 Uhr
So 31. 10. 2026 | 11:30 Uhr
Warum sammeln Sie Kunst? Phänomenologie und Psychologie des Sammelns Vortrag von Prof. Dr. Hartmut Kraft Do 1.10.2026 | 18.00 Uhr
Flyer
Di und Fr 14 bis 18 Uhr, Mi und Sa 10 bis 18 Uhr, Do 14 bis 20 Uhr, Sonn und Feiertage 11 bis 18 Uhr
Mehr Infos im Web
In „Ohne Titel“ (Streit mit den Eltern), einer Zeichnung ohne Blut, sieht Kraft ein Schlüsselwerk. Wer genau hinsieht, erkennt Gesichter, die einander anschreien. Kraft, Sammler und Psychoanalytiker, hat sich tief in das Gesamtwerk eingearbeitet und liest darin auch eine Spaltung, die sich beispielsweise in unterschiedlichen Zeichenstilen andeutet. Tagsüber sei Gilles der Zuhörende gewesen, nachts aber ein anderer: Dann seien intensive Zeichnungen entstanden.
“Er hat es aufs Papier gebracht, dann war es außerhalb von ihm; es war gestaltet.”
Hartmut Kraft
Es mache einen Unterschied, ob man weiß, dass es Kunstblut ist oder dass es sich um echtes, menschliches Blut handelt – „die Wirkkraft des Authentischen“, sagt Kraft. Das wusste auch der Künstler. Doch Gilles habe sich nie selbst verletzt; er habe sich medizinisch von Fachpersonal eigenes Blut abnehmen lassen, um damit seine Kunst zu machen.
Umso kontrollierter und sparsamer habe der Künstler mit dem begrenzt verfügbaren Stoff gearbeitet: „Es gibt Vorzeichnungen, wo er den Blutdruck hinsetzt, wie er es überarbeitet. Das war genau durchdacht“, sagt Kraft. Im Buch (Verlag Kettler) finden sich ausführliche Texte von Hartmut Kraft, der mehr als 30 Jahre eine enge Beziehung mit dem Künstler pflegte.
Die Ausstellung zeigt Peter Gilles nicht als Provokateur, sondern als zeichnerisch meisterhaften, spirituell geprägten Künstler, der den eigenen Körper virtuos und vielschichtig zum Ausdrucksmittel macht. Begleitet von der neuen Monografie von Hartmut Kraft, eröffnet sie einen emotionalen Zugang zu künstlerischen Ritualen und radikaler Intimität.




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