Eine historische Fabrikhalle auf dem Zanders-Areal hat sich in eine zeitgenössische Galerie mit charmanten Industrieflair verwandelt. 32 Mitglieder und Gäste des Arbeitskreis der Künstler (AdK) zeigen im Kalandersaal eine beeindruckende Ausstellung mit vielen bedrohlichen Dystopien in Endzeit- und Aufbruchstimmung.
Der Kalandersaal erstrahlt, grell beleuchtet im Schein dutzender Scheinwerfer, teils bunt gehüllt in Neonlicht. „Paradis“ – Andrea Bryan, eine der Gastkünstlerinnen, hat kraftvolle, leuchtende Buchstaben auf einem Haufen Schutt installiert.
Paradiesisch ist der geschichtsträchtige Ort mit der großzügigen Halle im Industrieflair für Künstler definitiv – „inspirierend” –, da sind sich alle einig.
Doch ein Wermutstropfen bleibt: Der Ort auf dem Zanders-Areal in Bergisch Gladbach ist etwas abgelegen. Hoffentlich finden viele Ausstellungsbesucher den Weg hierher, betonen die Kunstschaffenden stolz, aber auch etwas besorgt.
Hinweis der Redaktion: Falls Sie den Beitrag auf dem Smartphone lesen – bitte quer halten, dann kommen die Fotos besser zur Geltung.
Kraftakt mit Teamgeist
Schon deshalb haben sich alle Mitglieder besonders engagiert. Unglaublich, was die AdK-Künstler in den drei Tagen des Aufbaus aus der alten Industriehalle gemacht haben.
Allein der Stromanschluss und die Verlegung von Kabeln für die Beleuchtung waren ein Kraftakt, erzählt Katja Nötzold, neue Vereinsvorsitzende. Es ist die erste Ausstellung unter ihrer Federführung, nachdem Gisela Schwarz nach schwerer Krankheit 2025 verstorben ist.
Ihr zu Ehren habe man eines ihrer Tschernobyl-Themen aufgegriffen, sagt Nötzold – die Idee war von Schwarz noch von langer Hand vorbereitet: eine umfassende Ausstellung zur Atomkatastrophe 1986 in Tschernobyl.

Gisela Schwarz hatte von 1994-99 mehrere Reisen unternommen, Anwohner des Gebiets – von unmittelbarer Verstrahlung und Verseuchung betroffene Menschen vor Ort – fotografiert und Hilfsprojekte initiiert.
Aus dieser Zeit stammen die Porträtfotos der Serie „Strahlen in die Zukunft“, die sie in russischen und weißrussischen Kinderkrankenhäusern und privaten Räumen von betroffenen Menschen machte: Arbeiten, die nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren haben. Sie warnen vor der Gefahr drohender nuklearer Katastrophen im Hier und Jetzt.

Gisela Schwarz: „Strahlend in die Zukunft“; Fotos: Thomas Merkenich
Gesellschaftliche Verantwortung
So haben einige der insgesamt 30 teilnehmenden Kunstschaffenden die Gefahr der unsichtbaren Strahlung umgesetzt – in psychedelischen Neonfarben. Wie die Malerin Gabriele Gassen-Salzmann, die mit Pilzen und ihrer Fähigkeit zu natürlicher Anpassung „die zwei Gesichter der Strahlung“ gegenüberstellt. In der Installation mit Kinderwagen „Das stille Erbe“ hat sie eine persönliche Erinnerung aus dieser Zeit verarbeitet, sagt sie: Damals hatte sie große Angst um ihr Kind, war besorgt wegen der unkalkulierbaren Gefahren der Strahlung.
Katja Nötzold setzt in ihrem Beitrag „lost place” genau dort an; sie thematisiert die sozialen Aspekte solcher Bedrohungen. In einer symbolgeladenen Installation bittet sie symbolisch zu Tisch: Es gibt Versteinertes.
Trügerische Landschaft
Kalandersaal auf dem Zander Areal
An der Gohrsmühle 25,
51465 Bergisch Gladbach
Geöffnet bis 13. September (Tag des Denkmals)
Freitags 14 bis 18 Uhr, samstags 12 bis 18 Uhr, sonntags 14 bis 18 Uhr.
Vernissage: Donnerstag, 3. September 2026, 18 Uhr
Einführung: Katja Nötzold, AdK-Vorsitzende
Grußwort: Brigitta Opiela, Stellvertretende Bürgermeisterin
Musikalischer Beitrag: Birgit Breidenbach, KontraAlt / Jan Weigelt, Klavier
Weitere Infos auf der Website des AdK
Kollektives Leiden
Susanne Müller-Geiger hat die abstrakt scheinenden Gefahren solcher Katastrophen an „innere Landschaften“ des menschlichen Körpers geknüpft, indem sie farbige Flächen zu organischen Verbindungen verwebt.
Eva Stammen-Grecianu zeigt einen seelischen „Einbruch“, und Pari Azami-Pour lässt Mensch und Natur verwachsen.
Auch Elisabeth Schwamborn gibt der unsichtbaren Bedrohung eine Form; sie schafft raumgreifende, sphärisch-kugelige „Isotope I, II, III“.
Luftige Fluchten der großen Halle entfalten ein suggestives Eigenleben zwischen Chimären und Höllenwesen und schaffen erzählerische Bezüge untereinander: Rosemarie Steinbach-Fuß, Ellen Zangs „Endzeit“, Dirk Müllers „Kopfgraser“ („Wald von Tschernobyl“), Alo Rennrads verstummte Vögel oder die Wesen in Dagmar Laustroers „Himmel und Hölle“.
Auch Detlev Weigands „Apokalypse Redux“ und Eckard Alkers „Aufzeichnung einer Heimsuchung“ hauchen dem Kalandersaal eine Endzeitstimmung mit Industrieflair ein.
Dystopie und Hoffnung
Daniela Diefenbach eröffnet eine cineastisch erzählende Leinwand – aus Fotografie, analoger und digitaler Malerei – mit dem Titel „Zustand gelb“.
Klaus Hansen erzählt von einem Besuch 2003 der Trinity Site in seiner fotografischen Serie „White Sands, New Mexico“.
Sehenden Auges in die katastrophale Normalität
Die bevorstehende Ausstellung „Trügerische Landschaft“ des AdK (Arbeitskreis der Künstler) beschäftigt sich mit den Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl vor 40 Jahren. Diese Erinnerung an die atomare Katastrophe ist wichtig – lenkt sie doch den Blick auf die ständig wachsende „normale“ Bedrohung.
Lydia Czeransky positioniert sich gegen den verantwortungslosen Umgang mit Atomkraft und die Schaffung immer neuen Atommülls mit einer gemalten „Anklage“ gegen die „mephistotelische Ergreifung“, wie sie sagt.
Auch Barbara Stewen warnt symbolisch mit einem zerstörten Haus: „Es ist angerichtet.“
Und was tut der Mensch heute?
Beteiligte Künstler*innen:
Eckard Alker • Edda Jende • Alo Renard • Andrea Bryan • Heike Kehres-Woost • Margret Schopka • Pari Azami Pour • Manuele Klein • Rosemarie Steinbach-Fuß • Birgit Breidenbach • Daphna Koll • Elisabeth Schwamborn • Jan Weigelt • Dagmar Laustroer • Gisela Schwarz • Rosemarie Bruchhausen • Dirk Müller • Eva Stammen-Grecianu • Lydia Czeranski • Eneka Krämer-Razquin• Susanne Müller-Geiger • Barbara Stewen • Daniela Diefenbach • Katja Nötzold • Inge de Vries • Gabriele Gassen-Saltzmann • Heike Peppler • Detlev Weigand • Klaus Hansen • Wolfgang Heuwinkel • Marek Raminski • Ellen Zang •
Edda Jende stellt ihn vielsagend an den Rand des Geschehens in ihrer Installation „Die Beobachter“. Aber es gibt auch hoffnungsvoll stimmende Werke wie Margret Schopkas „Wo der Blick täuscht“ oder Eneka Razquins „Der Weg“; ebenso Heike Kehres-Woost, Inge de Fries, Daphne Koll, Marek Raminky oder Manuele Klein.
Rosemarie Bruchhausens „Liegende“ wacht in weißem Marmor über alledem. „Eine schöne Ausstellung, das hätte Gisela Schwarz gefallen“, sagt Bruchhausen. Als enge Freundin kümmert sie sich um den Nachlass – keine leichte Aufgabe.
Die Journalistin und Fotografin Schwarz hinterlässt viele Werke – gesellschaftskritische, dokumentarische Fotografien digital und in Papierform. Doch was macht man damit? Die Künstlerin sucht nach einem passenden Ort dafür.
Kleine, verständliche Begleittexte, die den Arbeiten angefügt sind, führen durch die unterschiedlichen Herangehensweisen und Intentionen. Der AdK positioniert sich in dieser Ausstellung als politisch-zeitkritische und vielseitige Community, als starke moralische Instanz in Bergisch Gladbach und Kunstszene, die weit mehr ist als nur ein loser Zusammenschluss von Kunstschaffenden. Ganz in diesem Sinne ist die Ausstellung eine Einladung, ins Gespräch zu kommen.

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Herzlichen Dank an Anje Schlenker-Kortum für den bewegenden Bericht zur AdK-Ausstellung ‘Trügerische Landschaft’ und für die eindrucksvollen Aufnahmen von Thomas Merkenich im Kalandersaal.
Herzliche Grüße aus Norderney,
Barbara Stewen
Gestern war ich bei trübem Wetter bei verschwindendem Licht zur Vernissage in der ehemaligen Kalanderhalle auf dem Zandersgelände. Sie fand zum Gedenken an den Reaktorunfall in Tschernobyl vor 40 Jahren statt. Die Ausstellung spiegelte genau die Essenz des Artikels von Klaus Hansen v.29.08.2026. Alles roch nach Abbruch und Untergang. Die Räumlichkeiten, die Temperatur, die Beleuchtung, die Beschallung, die tragende Alt-Stimme der Sängerin, die Objekte, alles passte. Und zeichnete als Gesamtkunstwerk ein Bild unserer Zeit, das treffender kaum hätte sein können.
Es war erschreckend und nachdenklich machend. Auf dem Heimweg bemerkte ich die Stille der beginnenden Nacht. Die Straßen leer, die Menschen hatten sich zurückgezogen in ihre Wohnungen und hockten wahrscheinlich vor dem Fernseher und dämmern ihrer Vereinsamung entgegen. Ein gewisser Fatalismus scheint uns befallen zu haben wie ein Virus, eine Krankheit: Wir schimpfen auf alles und jeden, einzeln und gemeinsam.
Das ist die trügerische Landschaft, in der wir uns befinden: Wenn wir genau hinschauen, ist eine der Ursachen für unsere Misere die Gier. Man denke nur an die Wörter mit er Endung „er“ wie schöner, schneller, größer… . Und eine zweite Ursache scheint mir das „ich“ zu sein. Vielleicht lohnt es, darüber nachzudenken.
Wir wissen ja gar nicht, was wir bewegen können, bevor wir es selbst versucht haben. Für mich waren das die Botschaften aus der bewegenden Ausstellung und aus dem Artikel von Klaus Hansen.