Sophie Verheyen von der Katholischen Jugendagentur LRO hat die Schulsozialarbeit an der GGS Gronau eingeführt. Foto: Thomas Merkenich

Leistungsdruck, Mobbing, häusliche Gewalt: Die Schulsozialarbeiter:innen in Bergisch Gladbach berichten von einer deutlichen Zunahme an Belastungen bei Schülerinnen und Schülern. Die vorhandenen Stellen reichen bei weitem nicht aus. Zusammen mit den Schulleitungen fordern sie einen Ausbau.

Es sind eindrückliche und erschreckende Schilderungen von Problemen, Sorgen und Nöten von Kindern und Jugendlichen. Sie geben einen Einblick in die Lebensrealität und das Seelenleben von Schüler:innen – und den herausfordernden Arbeitsalltag von Schulsozialarbeiter:innen in Bergisch Gladbach. 

Fünf Schulsozialarbeiter:innen stellten am Dienstagabend im Jugendhilfeausschuss (JHA) ihre Tätigkeit vor und trugen beispielhaft Themen vor, die sie im Umgang mit Schüler:innen erleben. 

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Neben schulischen Dingen wie schlechte Noten und Leistungsdruck, Mobbingerfahrungen oder Ängsten gehe es häufig um Probleme im Elternhaus: Mutter oder Vater trennen sich, haben ihren Job verloren, Geldsorgen, die Familie ist von Armut bedroht. Immer wieder komme es vor, dass Kinder selbst häusliche Gewalt erfahren oder miterleben. Sie berichten von Krankheit oder Schicksalsschlägen in der Familie, von Sucht und Einsamkeit, von suizidalen Gedanken. 

Mehr Probleme und Belastungen

„Es gibt unendlich viele Gründe dafür, warum sich ein Kind in der Schule nicht konzentrieren kann, vom Lernen abgelenkt wird“, erklärt Sophie Verheyen. Sie ist seit 17 Jahren in der Schulsozialarbeit tätig, davon seit vier Jahren an der GGS Gronau. Dort hat sie die Schulsozialarbeit eingeführt. 

„Wir Schulsozialarbeiter:innen beobachten einen stetigen Anstieg der Belastungen und Probleme der Kinder“, berichtet Verheyen. Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Problemen steigt seit Jahren – der Bedarf an Unterstützung ist also immens.

4,12 Stellen an 32 Schulen

Und doch gibt es lediglich an sechs der 32 Schulen in Bergisch Gladbach (20 Grund- und zwölf weiterführende Schulen) Schulsozialarbeiter:innen, nämlich an der GGS Gronau, der KGS Hand, der GGS An der Strunde, der EGS Bensberg, der Nelson-Mandela-Gesamtschule und an der Hauptschule Im Kleefeld. Wobei die Stelle an der Hauptschule laut Stadt zur Zeit nicht besetzt ist. 

Insgesamt sind im Moment sieben Personen als Schulsozialarbeiter:innen an diesen Schulen tätig. Sie arbeiten allesamt in Teilzeit (jeweils mit einem Umfang zwischen 0,5 und 0,87 Stellen) und kommen zusammen auf einen Umfang von gerade einmal 4,12 Stellen. 

Finanziert werden diese Stellen über ein Förderprogramm des Landes: 80 Prozent der Kosten werden durch das NRW-Schulministerium übernommen, die übrigen 20 Prozent durch die Stadt. Die Stadt kooperiert mit Trägern der freien Jugendhilfe, bei denen die Schulsozialarbeiter:innen angestellt sind. 

In Bergisch Gladbach sind das aktuell vier Träger: Caritas Rheinberg, die Evangelische Kirchengemeinde, die städtische GL Service gGmbH und die Katholische Jugendagentur Leverkusen, Rhein-Berg, Oberberg gGmbH.

Zur Sache: Schulsozialarbeit
Aufgaben der Schulsozialarbeit

Schulsozialarbeit ist die Schnittstelle zwischen Schule und Kinder- und Jugendhilfe. Die Fachkräfte haben das Wohl der Kinder im Blick und unterstützen sie in ihrer persönlichen und schulischen Entwicklung. Sie beraten Kinder, Eltern und Lehrkräfte und schreiten bei Gefährdungen ein. Dafür arbeiten sie eng mit Jugendämtern und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe zusammen.

Erst seit 2021 ist die Schulsozialarbeit auf Bundesebene klar gesetzlich verankert, wurden Rahmenbedingungen und Finanzierung für NRW geregelt.

Die Lage in NRW

Es gibt nicht an allen Schulen Schulsozialarbeiter:innen. Zahlen dazu, wie viele in NRW an Schulen tätig sind, existieren nicht, was auch mit der vielfältigen und komplexen Trägerschaft zusammenhängt: Viele Schulsozialarbeiter:innen sind bei Trägern der freien Kinder- und Jugendhilfe angestellt. Andere werden über das NRW-Schulministerium oder durch Förderprogramme finanziert.

Eine weitere Möglichkeit besteht für Schulen, je nach Schulgröße bis zu zwei Lehrer:innen-Stellen in Schulsozialarbeiter-Stellen umzuwandeln. Das ist allerdings nur möglich, wenn die Schule über entsprechend viel Lehrpersonal verfügt, was in der Realität nur selten vorkommt. 

Die Lage im Kreis

Der Rheinisch-Bergische Kreis teilt auf Anfrage des Bürgerportals mit, dass das Thema Schulsozialarbeit grundsätzlich in der Verantwortung des jeweiligen Schulträgers liege, da es sich um nichtlehrendes Personal handele. Der Kreis ist Schulträger von vier Schulen in Bergisch Gladbach. Die dort tätigen Schulsozialarbeiter:innen sind beim Kreis angestellt mit folgendem Umfang:

Margot-Friedländer-Schule (ehemals Verbundschule Mitte): 1,5 Stellen, zwei Personen 
Friedrich-Fröbel-Schule in Moitzfeld: 0,9 Stellen, eine Person
Berufskolleg Bergisch Gladbach: 0,9 Stellen, eine Person
Berufskolleg Kaufmännische Schulen: 1,0 Stellen, eine Person

Die Arbeit fußt auf den drei Säulen Prävention, Intervention (etwa bei Verdacht auf Vernachlässigung oder Kindswohlgefährdung) und Vernetzung mit örtlichen Behörden wie Jugendamt oder Polizei sowie Kinderschutzbund, Jugendzentren, Erziehungsberatungsstellen, psychotherapeutische Praxen. 

Was die Schulsozialarbeit leistet

Als präventive Maßnahmen nennt die Sozialarbeiterin Verheyen offene Sprechstunden für Kinder, aber auch für Eltern und Lehrkräfte sowie Einzel- und Gruppenangebote zu Themen wie Kinderrechten oder Selbstregulation. Dafür arbeiten sie eng mit der Schule und der OGS zusammen. „Unser Ziel ist es, mit präventiven Angeboten Kinder, aber auch Eltern und Lehrkräfte so zu stärken, dass wir möglichst erst gar nicht in die akute Krisen-Intervention kommen.“

Über die Aufgaben der Schulsozialarbeiter:innen an der GGS Gronau hatten wir ausführlich in folgendem Artikel berichtet.

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Sie schlichten Streit zwischen Klassenkameraden, vermitteln zwischen Eltern und Lehrern, intervenieren bei Verdacht auf Vernachlässigung und häusliche Gewalt. Und manchmal schenken sie Kindern einfach nur etwas Aufmerksamkeit. Schulsozialarbeiterinnen an der GGS Gronau geben einen Einblick in ihre Arbeit.

Prävention sei Beziehungsarbeit, die Zeit erfordere, damit Vertrauen entstehen und wachsen könne. „Wir müssen die Prävention ausbauen, damit wir nicht in Intervention versinken“, so Verheyen. Schulsozialarbeit sei längst kein Zusatzangebot mehr, „sondern ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil von moderner Schule“.

Wir Lehrkräfte erleben tagtäglich großen Druck, wir können nicht mehr. Erst wenn die Probleme gelöst sind, können wir unterrichten. Felix Bertenrath, OHR

Nach dieser eindringlichen Vorstellung ihrer Arbeit haben die Ausschussmitglieder viele Fragen an die Schulsozialarbeiter:innen. Die Frage, ob sie mit ihrem Stundenumfang an ihren Schulen auskommen, beantworten sie unisono mit Kopfschütteln. „Ich komme überhaupt nicht zurecht und muss priorisieren. Ich kann nur dort agieren, wo die größte Not ist“, sagt Kerstin Schneider. Sie ist mit einer halben Stelle für 180 Schüler:innen an der KGS Hand zuständig.

„Wir Lehrkräfte erleben tagtäglich großen Druck, wir können nicht mehr. Erst wenn die Probleme gelöst sind, können wir unterrichten“, sagt Felix Bertenrath, Schulleiter der Otto-Hahn-Realschule als Vertreter der weiterführenden Schulen in Bergisch Gladbach. Seine klare Forderung: „Wir brauchen an jeder Schule Schulsozialarbeiter:innen.“ 

Forderung nach mehr Stellen

Faktisch gebe es die Schulsozialarbeit nur an sechs von 32 Schulen in Bergisch Gladbach. „Alles andere ist rumtricksen“, moniert der Schulleiter. Wenn dafür Stellen von Lehrkräften umgewandelt würden, fehlten die an anderer Stelle. „Manche Schulen stellen Sozialarbeiter ein, die die Sonderpädagogen bei der Inklusion unterstützen, weil es von ihnen nicht genug gibt.“ Das gehe jedoch zu Lasten der Inklusion.

„Man muss das Thema jetzt anpacken und in die Schulsozialarbeit investieren, um die Spirale zu durchbrechen. Sonst explodieren die Kosten irgendwann“, fordert Bertenrath.

„Ich bin beschämt, dass wir das als Gesellschaft nicht besser hinbekommen, diese notwendige Arbeit zu finanzieren“, so Collin Eschbach (Grüne). „Wir brauchen mindestens zehn Stellen.“

Die Verwaltung verweist auf die Haushaltslage der Stadt – und darauf, dass die Ressourcen des Förderprogramms für die Schulsozialarbeit begrenzt sind. 

Alle Informationen dazu im Ratsinformationssystem


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ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. Durch den Wegfall von Wirtschaftsunternehmen und dem, damit verbundenen Schrumpfen von Gewerbesteuereinnahmen braucht es erweiterte Einnahmemöglichkeiten für die Kommunen. Mit ausreichenden Infrastrukturhilfen aus dem Milliardenfonds des Bundes ist offensichtlich nicht zu rechnen. Also auch hier, “Friedensdividende” adé.

    Es spricht nach meiner Einschätzung überhaupt nichts dagegen, die Grundsteuer bei Hauseigentümern (bin selbst einer), bei denen die Zinslast für Hypotheken deutlich erkennbar unter der ortsüblichen Miete liegen, auf ein nutzbringendes Maß anzuheben. Der Ruf aus den USA: “Tax Me if you can”, sollte endlich auch bei uns zur Anwendung kommen.

    Ich weiß, das bedeutet Bürokratie. Ich weiß jedoch ebenfalls, da ich mein Berufsleben in Teilen auch in der Kommunalen Datenverarbeitung verbringen durfte, dass effizient geplante und durchgeführte Datenverarbeitung ein probates und effektives Werkzeug ist – auch ohne die Risiken von KI. Die vorbildlichen Entwicklungen in der Finanzverwaltung zeigen dies übrigens überaus deutlich und unspektakulär (= höchstes Prädikat).

    Also, “Tax Me, if you can” und die Schulsozialarbeit kann hoffentlich bald mit ausreichend menschlicher Intelligenz eine vollwertige Stütze für die Basis der demokratischen Gesellschaft unserer Stadt werden.

    Ohne diese Investition wird es meines Erachtens richtig richtig teuer.
    MfG Dieter Richter

    1. Die Grundsteuer B wurde in meinem Fall bei der Neuberechnung bereits mehr als verdoppelt. In Bergisch Gladbach gibt es auch Hausbesitzer, die keine Millionäre sind, Herr Richter.

    2. Das Grundsteuerrecht noch einmal umbauen? Mit dem Risiko, sich beim BVerfG wieder eine Klatsche zu holen? Ich glaube, die Leute in den zuständigen Bundes- und Landesministerien würden sich lieber einen Finger abschneiden, als das so bald noch einmal anzufassen.

      Abgesehen davon: Dass man einmal das Lebensprojekt durchgezogen hat, über Jahrzehnte eine Immobilie abzuzahlen, und dabei auf so manches andere verzichten musste, macht einen nicht automatisch zur Melkkuh für ratlose Stadtkämmerer.

  2. Vielen Dank für den sehr detaillierten Beitrag zur Schulsozialarbeit.

    Es wurde im Ausschuss auch gesagt, dass sozialräumliche Netzwerke in den einzelnen Stadtteilen effizienter genutzt werden sollen, denn es gibt aktuell viele verschiedene Hilfs- bzw Unterstützungsangebote. Gute
    Quatiersarbeit kann da sehr nützlich sein.

    Lg
    Brigitta Opiela