Resümee von zwei Tagen öffentlichem Unterricht

In den letzten Wochen ist hier und an anderer Stelle breit über die Diskussion um die mögliche Aufgabe des Schulstandortes an der Reuterstraße und den damit verbundenen Umzugsplänen für drei der weiterführenden Schulen hier in Bergisch Gladbach berichtet, diskutiert und auch polemisiert worden. Als Schulgemeinschaft des Nicolaus-Cusanus-Gymnasiums haben wir – oft auch gemeinsam mit den betroffenen Nachbarschulen im Schulzentrum Kleefeld – mit verschiedenen Aktionen unseren Unmut über die Umzugspläne zum Ausdruck gebracht.

Aus meiner Sicht ist es an der Zeit, eine Bilanz zu ziehen über einen wesentlichen Teil der Aktionen, nämlich die Stunden öffentlichen Unterrichts am Montag, den 05.03.2012, und Freitag, den 09.03.2012. Ziel dieses Resümees ist es auch, sich der an der einen oder anderen Stelle geäußerten Kritik an diesen Aktionen zu stellen, und mit dieser Kritik will ich mich hier auseinandersetzen, da der entscheidende Impuls zu dieser Aktion in einer Sitzung unserer Schulkonferenz von mir selbst ausging.

Ein sicherlich gewichtiger Vorwurf, der in den letzten Wochen geäußert wurde, war, dass wir als Lehrerinnen und Lehrer mit der Demonstration und den public lessons unsere Schülerinnen und Schüler für den Protest instrumentalisierten.

Kritisch wurde angemerkt, dass wir Kinder und Jugendliche zwingen würden, an den Protestveranstaltungen teilzunehmen. Es wurde gefragt, wie wir mit den Schülern umgingen, die an der Demonstration und an den öffentlichen Unterrichtsstunden nicht teilnehmen wollten.

Diese Kritik nehme ich durchaus ernst und ich halte es deshalb für geboten, die Entscheidungsprozesse in unserer Schule transparent zu machen: alle Aktionen im Rahmen unseres Protestes gegen die Umzugspläne wurden in der Schulkonferenz geplant und diskutiert. Die Schulkonferenz unserer Schule setzt sich paritätisch aus je 6 Vertretern der Lehrerschaft, der Elternpflegschaft und der Schülerschaft zusammen und wird von der Schulleiterin geleitet. Zu allen Schulkonferenzsitzungen waren Gäste von außerhalb der Schule und aus der Schule selbst eingeladen, auch anwesend und hatten dort Rederecht, von dem sie auch Gebrauch machten.

Alle Entscheidungen im Zusammenhang mit den Protestaktionen wurden von den stimmberechtigten Mitgliedern der Konferenz einstimmig oder mit breiter Mehrheit bei wenigen Enthaltungen getroffen. Bis heute ist mir keine Stimme aus der Schulgemeinschaft bekannt, die sich grundsätzlich gegen diese Entscheidungen kritisch geäußert hätte.

Für die Teilnahme an der Demonstration wurde bei allen Eltern aus der Sekundarstufe I aus Gründen der Aufsichtspflicht eine Genehmigung eingeholt. Die 20 – 30 Schülerinnen und Schüler, die diese Genehmigung nicht erhalten hatten oder nicht vorlegen konnten, wurden am Tag der Demonstration von zwei Kolleginnen in unserer Mensa beaufsichtigt und konnten dort z. B. schon ihre Hausaufgaben erledigen.

Doch zurück zum öffentlichen Unterricht: In beiden meiner Oberstufenkurse gab es jeweils einen Schüler, der den public lessons kritisch gegenüber stand. Einer der beiden Schüler hat dennoch freiwillig am Unterricht teilgenommen, nachdem er seine Kritik mir gegenüber zum Ausdruck gebracht hatte. Für den anderen habe ich für die Zeit des öffentlichen Unterrichtes Material zum Selbststudium bereitgestellt, das er in der Schule bearbeiten konnte.

Ich hoffe, dass damit deutlich geworden ist, dass wir niemanden zur Teilnahme an den Protestveranstaltungen gezwungen haben.

Ein zweiter wesentlicher Kritikpunkt war in den letzten Tage, dass durch den öffentlichen Unterricht wertvolle Unterrichtszeit verschwendet werde und dass in dieser Zeit nichts gelernt werde. Nach den Erfahrungen der beiden Unterrichtstage kann ich nur feststellen, dass dieser Vorwurf unbegründet ist. Wie komme ich zu dieser Einschätzung?

Unter anderen komme ich deshalb zu diesem Ergebnis, weil sich – und das werden all diejenigen, die den Unterricht beobachtet haben (Eltern, Lehrer, ehemalige Lehrerinnen und Schüler, Passanten und die Pressevertreter) sicherlich bestätigen können – eine hohe Ernsthaftigkeit auf Seiten der Schülerinnen und Schüler feststellen ließ, die die ihnen gestellten Aufgaben auch unter den veränderten Rahmenbedingungen zuverlässig erledigt haben.

Weiterhin haben wir als Kolleginnen und Kollegen natürlich darauf geachtet, dass der Unterricht – bei allem Bezug zu den Protestaktionen — inhaltlich und methodisch im wesentlichen die üblichen Themen behandelt hat. Es macht für eine Doppelstunde nicht viel Unterschied, ob ich das Werfen und Passen im Basketball in einer Sporthalle oder im Freien trainiere, ob ich anhand eines Kunstwerkes das Thema Auferstehung im Klassenraum oder vor einem Kirchenportal erarbeite, ob ich mit den Chören im warmen Probenraum oder auf der zugigen Rathaustreppe musiziere oder wo das Mikroskop steht, an dem ich die Techniken des Mikroskopierens lerne.

Es mag sein, dass der ein oder andere Fachinhalt nicht thematisiert wurde und dass durch den öffentlichen Unterricht das eigentliche Unterrichtsthema für zwei Stunden zurückstehen musste, aber wenn denn der alte Satz: “Non scholae, sed vitae discimus!” (Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!) stimmt, dann haben Schüler und Lehrer an diesen beiden Tagen für den eigentlichen Zweck der Schule gearbeitet, denn Schülerrinnen und Schüler konnten Erfahrungen sammeln, die für ihr weiteres Leben entscheidend sind: Sie haben gelernt, dass es sich lohnt, mit friedlichen und kreativen Mitteln für eine Sache zu kämpfen, von der man überzeugt ist. Sie haben gelernt, dass man sich in einer modernen Demokratie nicht verstecken darf, sondern öffentlich für die Rechte anderer und seine eigenen Rechte einstehen muss.

Sie haben Mut bewiesen, indem sie sich auf offener Straße vor den Augen von Mitschülern, Passanten und Pressevertretern getraut haben, mit dem Chor zu singen, Gedichte laut vorzutragen, auf Englisch zu diskutieren, Pantomime und Theater zu spielen und vieles mehr.

Seit gestern wissen einige Schülerinnen und Schüler, dass es in Bergisch Gladbach eine Mahnmal gegen den Holocaust gibt, weil sie an dieser Stelle ein Gedicht des jüdischen Dichters Paul Celan rezitiert haben – für sie wie für mich ein ergreifendes Erlebnis.

Für diese Erfahrungen und diese Lerninhalte lohnt es sich auch in Zukunft, das Schulgebäude zu verlassen, selbst wenn es – wie wir alle immer noch hoffen – endlich komplett saniert an der Reuterstraße stehen bleibt.

Weitere Informationen:

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