Das Isover-Gelände wird nur noch in kleinen Teilen genutzt. Foto: Redaktion

Die Stadtverwaltung schlägt vor, ein Vorkaufsrecht für das Gewerbegebiet West zu verankern und damit im Fall der Fälle das 11 Hektar große Areal von Saint Gobain Isover in der Mitte von Bergisch Gladbach übernehmen zu können. Der Fall zeigt Parallelen zu Zanders, aber auch Unterschiede. Denn hier geht es um die Sicherung von Gewerbeflächen. Und Saint Gobain hat im Moment keine Verkaufsabsichten. Im Gegenteil.

Um „wichtige gewerbliche Entwicklungsflächen im Gewerbegebiet West langfristig für Unternehmen, Arbeitsplätze und wirtschaftliches Wachstum zu sichern“, schlägt die Verwaltung dem Stadtrat vor, für einen ingesamt 18,8 Hektar großen Bereich im Gewerbegebiet West eine Vorkaufsrechtssatzung zu erlassen. Das teilte sie am Freitag mit, eine entsprechende Vorlage wurde zeitgleich im Ratsinformationssystem für die Sitzung des Stadtentwicklungs- und Planungsausschuss am 2. Juli hinterlegt.

Dieser Vorschlag ist alleine schon aufgrund von Größe und Lage wichtig: Die Fläche ist gut halb so groß wie das ganze Zanders-Areals und liegt genauso zentral mitten in Bergisch Gladbach. Und es geht um ein Gelände, das bislang in großen Teilen (11,1 Hektar) vom zuletzt stark geschrumpften Traditionsunternehmen Saint Gobain Isover belegt ist.

Handelt es sich hier um eine Entwicklung, die dem Muster des schrittweisen Einstiegs der Stadt Bergisch Gladbach in das Areal der Papierfabrik Zanders folgt? Einerseits ja, andererseits nein.

Wie bei Zanders handelt die Stadt vorausschauend und bringt sich in Stellung, sollte sich das Unternehmen zurückziehen. Bei Zanders war das Ende der Papierfabrik im Verlauf von zwei Insolvenzen nicht mehr abzuwenden, bei Isover ist der Fall anders gelagert. Zwar hat das Unternehmen seine Glaswolle-Produktion in Bergisch Gladbach eingestellt und die Belegschaft von 220 auf 60 Köpfe drastisch verkleinert, ein Rückzug steht aber offenbar nicht auf der Tagesordnung.

„Wir investieren in den Standort“

Ein Verkauf von Teilflächen sei zwar nicht ausgeschlossen, sagt Saint Gobain-Sprecher Michel Wenger im Gespräch mit dem Bürgerportal. Grundsätzlich wolle sich das Unternehmen aber alle Optionen für eine Nutzung des riesigen Geländes offen halten. „Im Moment haben wir nicht vor, Teile des Grundstücks zu veräußern“, sagt Wenger, „im Gegenteil, wir investieren in den Standort“.

Zuletzt sei die Mitarbeiterzahl sogar wieder auf jetzt 75 Personen gestiegen. Den Vorstoß der Stadt wertet Wenger als übliche Vorsorgemaßnahme.

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Isover richtet sich mit deutlich kleinerer Belegschaft ein

Wie angekündigt hat das Unternehmen Saint-Gobain Isover die traditionsreiche Produktion von Glaswolle in Bergisch Gladbach eingestellt. Nun sind es noch 60 Mitarbeiter, die hier Rohrschalen aus einer speziellen Form der Mineralwolle herstellen. Dafür gebe es eine stabile Nachfrage. Ob das Unternehmen Teile des großen Geländes am Rand der Innenstadt abgibt, ist noch völlig offen.

So begründet auch die Stadtverwaltung ihre Vorlage. Mit einer Vorkaufsrechtssatzung wolle sie die Möglichkeit erhalten, „künftige Grundstücksverkäufe zu begleiten und die Entwicklung des Gebietes langfristig zu unterstützen“. Vorrangiges Ziel sei es dabei, die sehr knappen gewerblichen Flächen in der Innenstadt zu sichern – gerne mit mehr Arbeitsplätzen.

Sie weist in der Vorlage aber auch darauf hin, dass nach der Aufgabe eines Teils der Produktion „Teile des Gebietes brach liegen bzw. mindergenutzt werden“. Daraus ergebe sich ein besonderer Handlungsbedarf für die zukünftige städtebauliche Entwicklung. 

Hoher Bedarf an gewerblichen Flächen

Bürgermeister Marcel Kreutz. Foto: Thomas Merkenich

„Die Sicherung gewerblicher Flächen ist ein wesentlicher Baustein für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Bergisch Gladbach“, sagt Bürgermeister Marcel Kreutz. Die Wirtschaftsförderung beobachte seit Jahrzehnten, dass immer mehr gewerbliche Nutzungsflächen verschwinden, obwohl die heimischen Unternehmen dringend nach Flächen für Erweiterung, Verlagerung und Entwicklung suchen.

Werde die Stadt nicht selbst vorsorglich aktiv, drohe die Gefahr, dass neue Eigentümer dort eine flächen- oder verkehrsintensive Nutzung ansiedele, das Areal verfalle oder mit Hilfe des Bauturbos zum „Spekulationsobjekt für Wohnungsbau“ werde.

Stattdessen strebe die Stadt eine „Ansiedlung von personalintensivem Gewerbe an“, will also hier in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs neue Arbeitsplätze schaffen.

Dabei könnte das bislang eingezäunte und völlig unzugängliche Isover-Areal aufgebrochen und durchquerbar gemacht werden. Wovon auch umliegende Gewerbebetriebe profitieren würden.

Das vorgesehene Satzungsgebiet umfasst Flächen im Gewerbegebiet West zwischen der Stadtmitte und Gronau. Neben dem Isover-Areal sind Bereiche an der Britanniahütte und der Hermann-Löns-Straße betroffen.

Wichtige Rolle für Verkehr in der Innenstadt

Darüber hinaus hat das für die Vorkaufsrechtssatzung vorgesehene Areal für die gesamte Entwicklung der Innenstadt große Bedeutung, vor allem der Verkehrsanbindung. Es grenzt fast an die Gleise der S11 und an die geplante neue Brücke, die als Ersatz für den Übergang Tannenbergstraße gebaut werden sollen.

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Eine Brücke wird kommen

In ungewohnter Einmütigkeit hat der Verkehrsausschuss dem Bau einer Auto-Brücke in der Innenstadt zugestimmt. Sie soll an der Britanniahütte gut acht Meter in die Höhe steigen, die S-Bahn queren und nach zwei scharfen Kurven an der Kalkstraße enden. Langfristig soll sie die Schließung des Bahnübergangs Tannenberg ausgleichen – und kurzfristig sicherstellen, dass der S-Bahn-Ausbau nicht ins Stocken kommt.

Auf der andere Seite der Gleise liegt das sogenannte Gleisdreieck, das die Stadt ebenfalls angekauft und inzwischen freigeräumt hat. Auch das soll gewerblich genutzt werden, weitere Angaben zu bereits getroffenen Absprachen verweigert die Stadt allerdings.

Das Isover-Gelände jenseits der Bahngleise mit dem markanten, 120 Meter hohen Schornstein. Foto: Stefan Krill / panomedia 360

Die Satzung, so die Stadt, diene der vorsorglichen Sicherung von Entwicklungsmöglichkeiten. Sie begründe keine unmittelbaren Auswirkungen auf bestehende Nutzungen oder Eigentumsverhältnisse. Auch ein Grundstückserwerb erfolge nicht automatisch, sondern ausschließlich im Einzelfall und auf Grundlage gesonderter politischer Entscheidungen.


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Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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  1. Erst in letzter Zeit habe ich den Eindruck, dass das Vorkaufsrecht in den Blick genommen wird. Eine gute Entwicklung, nicht immer nur den kurzfristigen, schnellen Erlös zu suchen.
    Als zweiten Schritt wäre die Möglichkeit Grundstücke, auch an Gewerbetriebe, in Erbpacht abzugeben. Niemand weiß, was wir in 10, 20 oder 30 Jahren bei uns benötigen. Ich denke nur daran, daß KiTas zu bauen wg. fehlender städt. Grundstücke schwer war.

  2. Wichtig ist, dass am Standort Isover BGK weiterhin in reduziertem Umfang mit 60 verbliebenen Mitarbeiter:innen produziert wird. Dass ein traditionsreicher Industriestandort nach Reduzierung der Produktion nur noch als Rumpfbetrieb weiterläuft, zeigt einmal mehr, wie schnell Arbeitsplätze unter wirtschaftlichem Druck geopfert werden, während die Menschen vor Ort in Unsicherheit gedrängt werden.

    Die Perspektive muss sein: Im Mittelpunkt müssen die Beschäftigten stehen – nicht die Frage kurzfristiger Verwertbarkeit von Flächen oder betriebswirtschaftlicher „Optimierung“.

    Die Stadt darf sich nicht in eine Zuschauerrolle drängen lassen, sondern muss aktiv Druck machen, damit die Arbeitsplätze gesichert und gute Arbeitsbedingungen erhalten bleiben. Dazu gehört vor allem, verbindliche Zusagen für den Standort und langfristige Perspektiven für die Kolleg:innen einzufordern.

    Eine mögliche Vorkausaoption für das Gelände durch die Stadt darf dabei höchstens das letzte Mittel sein, wenn alle anderen Instrumente ausgeschöpft sind. Vorrang muss immer haben, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben und die Beschäftigten nicht in Unsicherheit gelassen werden, während über ihre Zukunft zwischen Unternehmensinteressen und Flächenverwertung verhandelt wird.

    Tomás M. Santillán – Mitglied im Stadtrat Bergisch Gladbach Die Linke

  3. Die Stadt Bergisch Gladbach sichert sich lieber ein Vorkaufsrecht auf dem Isover-Gelände, um Gewerbe und „wirtschaftliches Wachstum“ zu schützen. Gleichzeitig heißt es beim bezahlbaren Wohnungsbau seit Jahren: kein Geld da, zu teuer. Diese Doppelmoral ist für alle Betroffenen sehr frustrierend. Öffentliche Mittel fließen bei Industriebrachen schnell und viel, während sozialer Wohnraum systematisch vernachlässigt wird.

    Das zentrale Areal wäre ideal für geförderten Wohnungsbau, Genossenschaften und Klimaschutz – stattdessen wird es primär als Gewerbereserve behandelt. Die Stadt priorisiert damit Kapitalinteressen über die Bedürfnisse der Bürger*innen in Zeiten von Wohnungsnot und Klimakrise. Ein klassische neoliberale Standortpolitik, deren Scheitern eigentlich langsam allen klar sein sollte.

    Trotzdem sollte sie das Vorkaufsrecht nutzen. Nur so behält die Kommune Einfluss für die Stadtentwicklung. Ohne Sicherung droht das Gelände komplett in private Spekulation zu fallen und dann als Spekulationsobjekt jahrzehntelang brach zu liegen. (Siehe Wachendorff/Kradepohl). Über die spätere Nutzung kann dann noch politisch gestritten und verhandelt werden. Die Festlegung eines Vorkaufsrechts setzt erstmal nur einen formalen Pflock der viele Optionen schafft.

    Tomás M. Santillán – Mitglied im Stadtrat Bergisch Gladbach Die Linke