Im östlichen Teil der Innenstadt präsentiert sich Bergisch Gladbach als Stadt der Kontraste. Mit der Gnadenkirche, dem Quirls und dem Kulturhaus Zanders gegenüber ist hier so etwas wie die “gute Stube” der Stadt, zumal sich direkt dahinter das Grün des Quirlsbergs hochzieht und bei genauerem Hinsehen auch manches weitere Kleinod zu entdecken ist.

Der östliche Stadteingang

Wer aber aus Richtung Herrenstrunden auf der Hauptstraße in die Stadt fährt, erlebt Gladbach nicht von seiner schönsten sondern hässlichsten Seite: Werbung an Fassaden und auf riesigen Tafeln, überdimensionierte Wegweiser, Glascontainer, ungepflegte Parkplätze, merkwürdige Experimente mit gewollt modernen Straßen- Laternen und ein wildes Gebäudepuzzle aus alt und neu.

Zwischen stolzen Fachwerkhäusern und alten Gaststätten (Stadtschänke, Schweizer Hof, Westfälischer Hof) steht gesichtslose Nachkriegsarchitektur in zum Teil kritischem Zustand.

Schiebung im Spiel

Jetzt soll eines der ältesten Gebäude weichen. Zwar ist der Abriss des Fachwerkhauses Hauptstraße 273, genannt “Waatsack” offenbar vom Tisch, nun aber wird ernsthaft erwogen, das denkmalgeschützte Gebäude einige Meter nach Osten auf das Gelände des inzwischen aufgegebenen Kinos zu verschieben.

Ziel der Aktion, deren Kosten auf rund zwei Millionen Euro geschätzt werden: Platz zu schaffen für einen Ausbau der Kreuzung Odenthaler Straße/Hauptstraße, damit aus der Odenthaler Straße auch ein Linksabbieger in Richtung Osten eingerichtet werden kann.

So haben die Rats-Ausschüsse entschieden

Bewahre es vor allem Übel

“Ano 1792 haben die Eheleut Peter Kierdorff und Maria Christina Lommerzens Dies Haus gebaut. Gott bewahre es Für Allem Übel.” Dieser Satz ist noch heute über der Tür zum inzwischen als Gaststätte genutzten Fachwerkhaus zu lesen. Doch von Übel wäre nicht nur die Verschiebung des Hauses, denn ein Denkmal wirkt auch durch den Ort, an dem es steht.

Von Übel wäre wohl auch, wenn in Bergisch Gladbach wieder einmal allein die Interessen des motorisierten Verkehrs diktieren, was stadtgestalterisch geschieht. Wie sehr dies in der Vergangenheit der Fall war, hat die Ausstellung Klaus Hansens Ausstellung “Alltagsästhetik – Jenseits des Konsums” erst kürzlich eindrucksvoll dokumentiert.

Leitgedanken für diese Ideenskizze

  • Ganz unabhängig vom denkmalgeschützten “Waatsack” durchqueren die Odenthaler- und Hauptstraße einen sensiblen Bereich der Innenstadt: das Stadtarchiv, das gegenüberliegende Nahversorgungszentrum, Waatsack, Kulturhaus Zanders, Quirlsberg und Gnadenkirche sind Schmuckstücke Bergisch Gladbacher Bauten – derzeit von einem breiten Asphaltband achtlos an den Rand gedrängt.
  • Wer hier unterwegs ist, soll spüren, dass er nicht auf einer Schnellstraße unterwegs ist, sondern quasi die gute Stube durchquert. Man darf erwarten, dass sich alle – auch Auto- und Lastwagenlenker – wie ein Gast benehmen. Den motorisierten Verkehr durch einen Tunnel zu verbannen scheint ausgeschlossen – deshalb kann das einzige Rezept nur heißen: Entschleunigung.
  • Allen Verschiebungsgedanken zum Trotz: Der Verkehrsraum in diesem Bereich ist äußerst begrenzt. Eine klassische Auftrennung für Autos und Fahrräder mit ausreichend breiten Fahrstreifen scheint gerade im Kreuzungsbereich kaum möglich. Das Rezept sollte – wie jetzt offenbar für die Stationsstraße geplant – den Gedanken des „shared space“ aufgreifen: Für eine kurze Strecke begegnen sich alle auf Augenhöhe, mit gegenseitigem Respekt. Die Gestaltung des Raumes signalisiert mit „sprechenden Straßen“: hier darfst Du nicht rasen. Im Rahmen des verfügbaren Raums – alle zu ihrem Recht: Autofahrer, Busse, Radfahrer, Fußgänger und Menschen mit eingeschränkter Mobilität.

Vorgeschlagene Maßnahmen

  • Rückbau „An der Gohrsmühle“ von der Gestaltung einer Schnellstraße zurück zu einer einspurigen Stadtstraße mit breiten Fahrradstreifen an der Seite.
  • Alle Straßen aus allen Richtungen münden einspurig in den Kreuzungsbereich Odenthaler Straße/Hauptstraße.
  • Rund um die Kreuzung ändert sich der Straßenbelag zu einem “gemütlichen” Pflaster. Schon die Optik soll signalisieren: Tempo runter!
  • Der Verkehr an der Kreuzung wird weiter mit Ampeln geregelt, die allerdings so weit wie möglich an die eigentliche Kreuzung heranrücken.
  • Soweit der Platz reicht, werden ausreichend breite Fahrradstreifen angelegt – mit Aufstellzonen vor den Ampeln.
  • Abbiegespuren sind nicht nötig, weil bei Grün für eine Richtung die beiden anderen Richtungen Rot haben. Es kann also bei Grün in alle Richtungen sofort abgebogen werden.
  • Die Grünphasen für den Fahrzeugverkehr (Kfz und Fahrräder) sind relativ kurz. Wenn zwei Richtungen eine Grünphase hatten, kommen die Fußgänger zu ihrem Recht. Sie bekommen Rundum-Grün, d.h. sie können die Kreuzung in einem Zug in jeder Richtung queren (schraffierte Fläche). Die maximale Wartezeit für Fußgänger sollte eine Minute nicht überschreiten.
  • Eine kompakte Gestaltung der Kreuzung ermöglicht – trotz geringer Geschwindigkeit – ein zügiges Passieren der Kreuzung und kurze Räumzeiten.

Flankierende Maßnahmen

  • Weil kein zusätzlicher Verkehrsraum geschaffen werden kann, muss der Kfz-Verkehr auf die vorhandenen Straßen verteilt werden. Aus Gründen der Fairness kann keine Straße einen besonderen Schutz genießen. D.h. der Verkehr von der Odenthaler Straße in Richtung Osten fließt zum Teil auch weiter über die Straßen Am Mühlenberg und Vollmühlenweg.
  • Überlegenswert wäre ein Mikrokreisel vor der Rosenapotheke an der Kreuzung Odenthaler Straße/Vollmühlenweg/Am Broich.
  • Gegebenenfalls könnte auch die Laurentiusstraße einen Teil des Verkehrs von der Odenthaler Straße in Richtung Westen aufnehmen. Dazu wäre zu prüfen, ob die Einbahnregelung aufgehoben werden kann und die Laurentiusstraße auch in Richtung Adenauerplatz (als Tempo 20 Zone oder Fahrradstraße) für Autos befahrbar wird. Für Radfahrer sollte die Laurentiusstraße auf jeden Fall in beide Richtungen befahrbar sein, schon um das Nadelöhr Waatsack umfahren zu können.
  • Für Fußgänger, Ausflügler und Radfahrer wird ein grünes Netz geschaffen. Es verbindet den Forumspark und den neuen Buchmühlenpark. Von dort aus entwickeln sich attraktive grüne Achsen sowohl in Richtung Quirlsberg als auch entlang der Strunde in Richtung Hammermühle, Vollmühlenweg, Geopfad, Alte Dombach. In Höhe Lochermühle wird das Einkaufszentrum durch eine Brücke vom Strundeweg aus erschlossen. So können Radfahrer und Fußgänger die Geschäfte erreichen, ohne die enge Hauptstraße nutzen zu müssen.

Manche dieser Vorschläge decken sich mit jenen, die Engelbert M. Müller vor drei Wochen hier präsentierte, andere – insbesondere was die Verkehrsführung angeht – weniger. Lesenswert sind seine Idee allemal (). Außerdem hat er bei schönerem Wetter fotografiert.

Weitere Informationen:

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5 Kommentare

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  1. Kurze Grünphasen (am Waatsack) sind nachteilig für die Kapazität der Kreuzung. Die Ampel hat dann viele Zeitabschnitte in denen gewartet werden muss, bis alle Verkehrsteilnehmer die Kreuzung verlassen haben. Dazu kommt noch die Zeitverzögerung beim Anfahren.

    Momentan passen 8 Autos über eine Grünphase. Das ist einfach zu wenig bei der hohen Verkehrsstärke. Eine intelligente und verkehrsabhängige(!) Ampelsteuerung, mit eher längeren Intervallen, ist für besseren Verkehrsfluss unerlässlich!

  2. Man kann diese 2 Millionen auch anders nutzen…wenn sie zu Verfügung stehen dann lieber im Ausbau von Jugendzentren oder Spielplätzen oder sonst irgendwas!!! Aber eine Straße zu ändern die Jahre lang funktioniert hat versteh ich einfach nicht!!!!!! Einfach nur dumm und Geldverschwendung!!!!

  3. Es ist lächerlich. Die ständigen Baustellen in Gladbach sind eine Zumutung für alle Autofahrer. Zahlreiche Umwege müssen in Kauf genommen werden und Baustellen aus Gladbach sind gar nicht mehr wegzudenken.
    2 Mio? Dass ich nicht lache! Es wird am Schluss sowieso wieder mehr sein.
    Die Stadt gibt Geld für etwas aus, das nicht so wichtig ist. Angeblich war das Geld der Stadt so knapp, dass Schulen geschlossen werden sollten. Nach Protesten hat man sich dagegen entschieden (eine wirklich weise Entscheidung!). Anstatt die Stadt das Geld mal für die Bildung einsetzt, werden ständig neue Projekte geplant, wo man nichts Weiteres denken kann, als: Was zur Hölle soll das?
    Mir scheint, die Prioritäten der Verantwortlichen liegt nicht bei den wesentlichen Dingen. Keine Ahnung, was bei den Verantwortlichen der Stadt schief läuft.
    Übrigens bin ich von der Baustelle an der Odenthaler Straße. Wenn sich die Baustelle an der Stationsstraße noch lange zieht, kann ich einen riesigen Umweg fahren. Eigentlich müsste man zur Stadt gehen und sein Spritgeld zurückverlangen. Ich finde es echt eine Unverschämtheit, muss ich ehrlich sagen.

  4. Für die aufgemalten roten Spuren für/gegen den Radverkehr ist die Hauptstraße zu eng, falls man diese normgerecht anlegen wollte. Im Verlauf zum Strundepark ist die Hauptstraße was Radverkehrsunfälle angeht unauffällig. Auch wird man dort als Radfahrer erfreulich wenig von Engüberholern und Hupern bedrängt. Richtung Gohrsmühle im kann ich mir sehr wohl einen Rückbau auf je eine Fahrspur vorstellen.

  5. Das klingt alles nicht schlecht. Für die Kreuzung am Waatsack.

    Aber ein Rückbau “einspurige Straße an der Gorhsmühle” – gäb das nicht einen katastrophalen Rückstau bis zur Kreuzung Gohrsmühle und darüber hinaus Richtung Driesch und Bensberg? Ist das Verkehrsaufkommen dafür nicht zu hoch?

    Und was ist mit links abbiegendem LKW-Verkehr von der Odenthaler Richtung Herrenstrunden? Sattelzüge z.B. Die brauchen Platz. Da geht glaub ich nicht “Ampel direkt an der Kreuzung”. Fahren die nicht jetzt alle über den Mühlenberg? Die Anwohner dort wären bestimmt froh, wenn das aufhören würde.