Wir dokumentieren den Vortrag von Klaus Hansen, gehalten zur Eröffnung der Ausstellung  “Alltagsästhetik – Jenseits des Konsums” in der VHS Buchmühle.
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Lügen ist Sünde, deswegen die brutale Wahrheit zuallererst: Der deutsche Sündenfall heißt Bergisch Gladbach. In dieser unschuldigen Stadt am Rand der Rheinischen Tiefebene wurden alle architektonischen, urbanistischen und ästhetischen Verbrechen der Nachkriegszeit mit solcher Kaltblütigkeit begangen, dass man die Geschundene am liebsten ganz vorsichtig in den Arm nehmen und tröstend über den Kopf streicheln möchte. Erschüttert, fassungslos, zorngepeinigt stehen wir in der Fußgängerzone und ballen die Faust: Wo sind die Schuldigen für all diese Schandtaten …“

So beginnt ein großer Artikel im Reiseteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – erschienen an einem rabenschwarzen Donnerstag im September 2011. Der FAZAutor Jakob Strobel y Serra wollte die beiden Drei-Sterne-Restaurants besuchen, von denen einige Menschen meinen, sie gehörten zur Imagebildung in den Mittelpunkt der Öffentlichkeitsarbeit für unsere Stadt. Diese beiden Restaurants sind allerdings nicht der Lebensmittelpunkt der meisten Bürgerinnen und Bürger. Und wie vergänglich Ruhm sein kann, sieht man daran, dass eines der beiden Restaurants zur Zeit nur zwei Sterne hat.

Der Autor des Artikels kam nicht mit dem VIP-Service vom Flughafen. Er kam mit dem Zug und erreichte so an einem helllichten Tag den S-Bahnhof in Bergisch Gladbach. Die Mitte der Stadt.

Unser Bürgermeister will den Artikel nach den ersten Sätzen nicht mehr weiter gelesen haben. „Es habe ihm dann einfach gereicht.“ So der Kölner Stadt-Anzeiger vom 11. September 2011. Der Artikel hat ihm gereicht. Nicht das Beschriebene.

Welches Image hat diese Stadt?

Wer auch immer an Bergisch Gladbach denkt, denkt wahrscheinlich nicht an eine Stadt, in die man unbedingt reisen muss, denkt nicht zuerst an eine sehenswerte Stadt, an ein historisches, gepflegtes, schönes Stadtbild. Und er nimmt Bergisch Gladbach wohl kaum als kreativ, innovativ, zukunftsorientiert wahr. Welches Image hat Bergisch Gladbach?

Zur Info: 
Der Text ist der Eröffnungsvortrag zur Ausstellung "Alltagsästhetik - Jenseits
des Konsums" mit Fotos von Klaus Hansen, die bis zum 22.März in der VHS 
Haus Büchmühle (8 bis 21 Uhr) zu sehen ist.
Die Überschrift"Schäbbisch Gläbbisch? Kapitulation der Politik" wurde von der 
Redaktion gewählt, um lokalen Bezug und Brisanz des Themas zu verdeutlichen.

Zur Ausstellung: 1995 entstand nach einem Gespräch unter Kulturinteressierten über die misshandelte Stadt die Idee, die Stadtmitte zu dokumentieren. 1995 und 1996 habe ich fotografiert: Im Morgengrauen, ohne Dramatisierung durch besonderes Licht oder Schatten. Sachlich, immer mit demselben Objektiv, immer aus Augenhöhe. Meistens menschenleer. Schwarz-Weiß. Im Sommer 1996 wurden 45 Hauptbilder, Texte, Postkarten etc. in der Kellergalerie bei Trudi und Volkmar Däberitz unter dem Titel „Alltagsästhetik – Jenseits des Konsums“ ausgestellt.

Bei meinen Spaziergängen schaue mir die Stadt wie ein Besucher an. Ich verweile sogar dort, wo andere versuchen, schnell wegzukommen. Und dabei interessieren mich als Gestalter vor allem die sogenannten weichen Standortfaktoren: die Lebensqualität, die Gestaltung des öffentlichen Raums, die Architektur, die Ästhetik, die Kultur und besonders der Umgang mit den Schwächeren in unserer Gesellschaft.


Den Reinerlös der Ausstellung 1996 wollten wir zur Rettung Venedigs spenden, denn uns schien damals – skeptisch, wie wir waren – die Rettung Bergisch Gladbachs unmöglich.

Zehn Jahre später haben Dr. Vomm und der Galerie+Schloss-Verein 45 Bilder angekauft. Es wurde überlegt, die aktuelle Situation 2006 zu dokumentieren und die Bilderserien nebeneinander auszustellen.

Seit 2011 habe ich die 1996er Motive neu aufgenommen. Nach den Kriterien von damals. Bei der Auswahl der Fotos sind die Motive weggelassen worden, die es entweder nicht mehr gab (wie den ehemaligen Busbahnhof) oder die wegen der Regionale 2010 gerade Baustellen sind.

Unhistorische Landschaftspflege

Das Foto „Romantische Flusslandschaft mit Abfluss“ an der Villa Zanders ist mein Schlüsselbild für den unhistorischen und unsensiblen Umgang mit Tradition und Geschichte dieser Stadt. Der Bach, dem das frühe Gladbach Wohlstand und Bedeutung verdankt, war bis auf diese renaturierten zynischen 60 Meter im Stadtgebiet verrohrt. Jetzt wird der Umbach, der zum System der Strunde gehört, vom Buchmühlenparkplatz bis zur Villa Zanders freigelegt.

Interessante Erfahrung 1996

In keinem meiner Gespräche 1996 war irgendjemand für irgendetwas verantwortlich. Immer waren es die Vorgänger. Oder die Umstände. Heute ist es natürlich das fehlende Geld – dabei war die Stadt nicht immer arm in den letzten vier Jahrzehnten. Es macht keinen Sinn, nach Verantwortlichen zu suchen.

Falls Sie allerdings dazu Aussagen machen wollen, können Sie das vertraulich tun. Sie kommen dann in mein persönliches Zeugenschutzprogramm. Falls Sie selbst beteiligt waren an der Verschandelung der Stadt, gilt für Sie bei einem Geständnis die Kronzeugenregelung.

Aufbruch der Verkrustung

Vor einigen Jahren gab es einen Aufbruch des anscheinend verkrusteten Alltags. Seit 2008 wurden von der Stadtverwaltung, der Regionale 2010-Agentur und Bürgerinnen und Bürgern unter dem Titel „stadt:gestalten Bergisch Gladbach“ Vorschläge zur Entwicklung der Stadtmitte erarbeitet. Dieses verdienstvolle städtebauliche Memorandum ist gründlich in der Analyse der Ist-Situation, benennt die Schwachstellen, es weist Wege in die Zukunft. Einige der entwickelten Maßnahmen sind begonnen. Das Problem allerdings: Das Memorandum für die Stadtmitte Bergisch Gladbachs ist nicht verbindlich.

Es gibt für unsere kleine Großstadt keinen verbindlichen Stadtentwicklungsplan.  Und nur einen über 35 Jahre alten Flächennutzungsplan. Zwar gibt es ein 2012 vom Rat beschlossenes großes Stadtentwicklungskonzept für die gesamte Stadt, aber auch dieses Konzept hat keine rechtsverbindliche Wirkung: Gemeint ist das Integrierte Stadtentwicklungs-Konzept Bergisch Gladbach, ISEK 2030.

Beauftragt durch die Stadt, entwickelt seit 2010 von einem Planungsbüro unter Mitwirkung der Verwaltung und interessierten Bürgerinnen und Bürgern. In diesem Konzept sind sehr klar und ausführlich die Schwächen und Stärken, die Chancen und Risiken, die Zukunftsaufgaben und Handlungsschwerpunkte, die Entwicklungsziele und Leitprojekte beschrieben. Besteht deswegen Hoffnung?

Warum diese Ausstellung jetzt?

Jetzt, da doch gerade alles so schön wird? Seit 1996 ist an vielen Stellen jenseits des Konsums nur wenig geschehen. Außerdem gibt es nicht nur die misshandelte Stadtmitte. Mich beschäftigen Fragen, die in den verdienstvollen Konzepten nicht oder nicht sehr detailliert auftauchen: Das ist zum Beispiel die Situation Behinderter im öffentlichen Raum, das sind die Radwege, die Parkplätze, die Chancen für Kultur, der Umgang der Verwaltung mit den Bürgerinnen und Bürgern, die Leitsysteme – also die kleineren Dinge.

Auch nach mehr als 15 Jahren sind die Fragen nach
  • Heimat
  • Ästhetik
  • Wahrnehmung und Prägung und die Fragen nach der Rolle
  • der Politik
  • der Verwaltung
  • der Bürgerinnen und Bürger aktuell.

Wahrnehmung und Prägung

Die Volkshochschule Bergisch Gladbach hat das Thema „Heimat“ 2011 in ihre Bildungsarbeit aufgenommen: So wie die Stadt mehr ist als die Summe ihrer Häuser, so ist Heimat mehr als die verklärte Idylle, mehr als das Klischee.

Heimat heute, was heißt das? Inmitten mobiler Bürger in einer turbulenten Umwelt? Wo ist Platz für die intakte, überschaubare, verständliche und gestaltbare Nahwelt, jenen psychohygienischen Orten der Ruhe, jenen identitätsstiftenden Orten tiefsten Vertrauens? Heimat heute: die Utopie sinnvoller Lebensweise und freundlichen Zusammenlebens (…) das ist Gemeinwesenarbeit, Nachbarschaftshilfe,  Partizipation der Bürger bei den Planungen vor der eigenen Haustür … “ (Aus dem Erfahrungsbericht eines Seminars zum Thema „Heimat“ an der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach 1981.)

In einer SPIEGEL-Umfrage zum Thema „Heimat“ vom März 2012 nannten die Befragten Wohnort (33), Familie (31), Geburtsort (18), Deutschland (12), Freunde (5). Auf der emotionalen Ebene heißt das: Zu Hause, Kindheit, Vertrautheit, Geborgenheit, Sicherheit, Erinnerung.

Die Psychoanalyse lehrt uns, dass der Mensch in den ersten Lebensjahren entscheidend geprägt wird. Diese Prägung geschieht durch Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken. Konzentrieren wir uns auf das Sehen.

Was passiert mit einem Menschen, der in dieser Umgebung, dieser missglückten Architektur, dieser Verschandelung des Lebensumfeldes, dieser Vernachlässigung der Orte jenseits des Konsums, den Verschmutzungen der Randbereiche, der überproportionalen Bevorzugung des Autos und des Konsums, der allgegenwärtigen Eventkultur aufwächst? Auch diese frühkindliche Prägung ist später – wie auch andere Prägungen – nicht ohne weiteres zu korrigieren.

Wer lange in dieser Umgebung lebt, nimmt sie wahrscheinlich irgendwann nicht mehr wahr, er verdrängt oder beschönigt. Und fährt wieder in sein gepflegtes Wohnquartier.

Zur aktuellen Situation

Die Rhein-Berg-Galerie: Das Einfallstor in die Stadt

Ein bemerkenswerter Einfall. Angesichts dieses Ergebnisses ist man froh über jeden Einfall, den die Entscheider nicht gehabt haben.

 Eine perfekte Fehlplanung

An der Nordseite zwischen Galerie und Busbahnhof verläuft die Stationsstraße, stark frequentierter Verkehrsweg. Die Überwege für Fußgänger zwischen Busbahnhof und RheinBergGalerie sind dort angelegt, wo es keine Eingänge in das Einkaufszentrum und in die Stadt gibt.

Eine perfekte Fehlplanung. Das soll jetzt nach rund vier Jahren anders werden, da die Ecke Post-/Stationsstraße ein Unfall-Schwerpunkt sein soll.

Ein Unfallschwerpunkt, der wahrscheinlich Schmerzen, Leid, ganz sicher aber Kosten durch Einsätze von Feuerwehr, Polizei, Behandlung durch Ärzte und im Krankenhaus etc.  verursacht hat. Dazu kommen jetzt die neuen Kosten für den Umbau,  Verkehrsbehinderungen und Staus, CO2-Belastung.

Die Kosten des notwendigen Umbaus der Fehlplanung tragen zum Glück irgendwelche Steuerzahler.

Aus entspannten Käufern wird Laufkundschaft.

Die Behinderung der Behinderten

Es gibt der Galerie gegenüber zwei Behindertenparkplätze.

Eine Bordsteinkante behindert die Behinderten beim Aussteigen vom Beifahrersitz.

Die Rampe zur Überwindung der Treppenstufen ist nicht bei den Behindertenparkplätzen angelegt, sondern bei den Plätzen zum Aus- und Einsteigen für Nichtbehinderte. Und auch dort auf dem hinteren Ende. Rund 45 m Umweg.

Notwendig ist der Tausch der Behindertenparkplätze mit den Parkplätzen für Nichtbehinderte und die Einrichtung eines Zebrastreifens zur Poststraße und zu den beiden Nordeingängen der RheinBergGalerie.

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Ein suboptimales Leitsystem

In der Tiefgarage unter dem „Bergischen Löwen“, dem großen Bürgerhaus für alle Veranstaltungen, gibt es 130 Parkplätze, keinen für Behinderte, auch nicht auf dem Schnabelsmühlen-Parkplatz (ebenfalls 130 Parkplätze). Die Betroffenen werden auf die fünf Stellplätze am Stadthaus verwiesen.

Um den Schilderbaum vom Auto aus zu erkennen und sich zu entscheiden, haben Sie gute vier Sekunden Zeit. Das Schilderangebot an der Abbiegespur zum Parkhaus unter dem Bergischen Löwen ist unter Kommunikationsgesichtspunkten suboptimal. Wie andere Schilderansammlungen auch.

Das linke Bild zeigt die Realität, so einfach wie auf dem rechten Bild könnte es sein: Nur die wichtigste Information, gleichrangige Schilder, klar gegliedert, übersichtlich. Dass Mensch ein Gebäude über Treppenstufen betreten oder verlassen kann, ist überraschungsfrei. Der verschleierte Gag ist: Das Fußgängerschild soll sagen, dass es keinen Fahrstuhl gibt, mit dem Behinderte fahren könnten.

Kunst im öffentlichen Raum.

Gestaltet ist das Objekt nicht. Es ist nur eine ausgefallene Art der Umweltverschmutzung.

Parkplätze ohne Ende?

Zurzeit ist keine Abkehr von der Bauwut zugunsten von Autos in Sicht. Dabei wandelt sich in der Gesellschaft die Einstellung zum Auto – weg vom Statussymbol. Aufgrund dieser und der demografischen Veränderungen müssen die Anforderungen an das Verkehrssystem überdacht werden. Es wächst die Zahl der Menschen, die bereit sind, innerstädtisch Fahrräder, Pedelecs, E-Bikes und Busse zu nutzen. Also braucht es ein gutes, sicheres Radwegenetz, Stellplätze für Zweiräder, eine verdichtete Taktzahl im ÖPNV etc. Es müssen also neue Konzepte her.

In einem Flyer bewirbt die Stadt die 2700 Parkplätze für Besucher in der Stadtmitte. Wir sollten darüber nachdenken, ob es wirklich sinnvoll ist, verlorengehende Parkplätze wie zum Beispiel an der Buchmühle zu ersetzen und den als StadtKulturGarten geplanten Forumspark auch noch dem Auto zu opfern.

Vielleicht gelingt es ja, den Bau einer Parkpalette im Forumspark noch einmal zu überprüfen. Und dort stattdessen einen großen, einen wirklichen Park zu planen. Dazu ein leicht abgewandeltes Zitat des Journalisten Horst Stern:

Bald werden wir überall parken können – aber wird es sich noch lohnen, dort anzukommen?“

Zweiradgrüße aus Absurdistan

November 2012: Der Kölner Stadt-Anzeiger brachte unter dem Titel „Zweirad-Grüße aus Absurdistan“ eine herbe Kritik zu den hausgemachten, schon lange bekannten Problemen. Februar 2013 erschien im Kölner Stadt-Anzeiger der Artikel „Die fahrradunfreundlichste Stadt des Bundeslandes“ mit einem klugen Kommentar dazu. Im Ranking der gesamten Republik liegt Bergisch Gladbach auf dem vorletzten Platz.

Deswegen hier nur wenige Sätze: Uns Radfahrern mutet man Wegeführungen und kaputte Fahrbahnen zu, die man uns Autofahrern nicht zumuten würde. Dabei sind die meisten von uns Fußgänger und Autofahrer, meistens auch Radfahrer,
manche vielleicht zusätzlich noch Skater. Einige werden irgendwann auch mit Auto und Rollator unterwegs sein.

Die Absenkungen an Kreuzungen sind häufig schlecht ausgeführt, für Rollstühle, Rollatoren, Kinderwagen, Skater und Fahrräder eine Zumutung. Einziger Vorteil: Ein großer Teil der Radwege in dieser Stadt erspart Ihnen eine Rückenmassage im Mediterana.

Imagegewinn durch Innovationen

Mit einem gut ausgebauten und gepflegten Radwege- und Fußwegenetz können gleich mehrere Vorteile (besonders für Kinder und Senioren) gewonnen werden:

  • Mehr Sicherheit
  • mehr Radfahrer
  • weniger Autofahrten
  • weniger Verkehr
  • weniger Parkplätze
  • zusätzliche touristische Angebote
  • Imagegewinn

Das letzte Wort hat der Investor?

Bisher kenne ich für das Werk (gemeint ist die Planung für die neue Marktgalerie in Bensberg, die Red.) von Seiten des bisherigen Investors keine ordentlichen Ansichten aus Fußgängersicht. Ansichten, die jeder ambitionierte Architekturstudent heute am Computer herstellen kann. Das angekündigte Gerüst hat der Investor auch nicht gebaut. Das gibt mir zu denken.

Genauso wie der trotzige Umgang der Verwaltung mit den gut gerüsteten protestierenden Bürgern. Friedliche Bürger werden so zu Wutbürgern. Zum Glück ist auf Grund einer großen Bürger-Diskussion Bewegung und Nachdenken über die Größe und Gestaltung des Einkaufszentrums gekommen.

Die ruhige Fußgängerzone in der Schlossstraße ist im letzten Sommer zugunsten von 19 (!) zusätzlichen Parkplätzen beseitigt worden. Wenn jeder Parkplatz während der Öffnungszeiten nur 60 Minuten von einem Autofahrer genutzt wird, dann parken hier 190 Autos am Tag zusätzlich.

Damit wird ein neues Einkaufszentrum wahrscheinlich nicht überlebensfähiger. Dafür fahren jetzt nachts (unerlaubt) Autos durch die ehemalige Fußgängerzone. Anwohner, die sich über den Lärm beschweren, werden von der Verwaltung darüber aufgeklärt, dass sie nicht im Grünen wohnen und erhalten den lieb gemeinten Rat, sich eine andere Wohnung zu suchen.

Kölner Stadt-Anzeiger vom 21. Oktober 2011.

Was darf ein Investor?

Darf ein Investor über Fragen der Stadtgestaltung, über unsere Stadt entscheiden? Ein Investor will sein Geld gewinnbringend anlegen. Das ist OK.

Des Investors höchste Priorität ist in der Regel nicht die Lebensqualität, die menschenwürdige, die liebenswerte Stadt. Seine Absicht ist nicht das Besondere in der Architektur, ist nicht die Flaniermeile.

Vielleicht dann, wenn sie zusätzliche Rendite verspricht.

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Lesen Sie mehr:
AK Baukultur nimmt Hansens Forderung 
auf und beantragt Gestaltungsbeirat

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Die verpasste Chance

Das ehemalige Kasernengelände an der Hermann-Löns-Straße: Gut 1000 m vom S-Bahnhof entfernt. Nach dem Schleifen der Kaserne entstand ein Wohngebiet, ordentlich und konventionell gebaut, nicht zukunftsorientiert, nicht nachhaltig.

Ein Drittel des Geländes wurde zum Gewerbegebiet. Unter anderem für Gewerbe, das auf Schwerlastverkehr angewiesen ist. Seit Jahren wird in Bergisch Gladbach über die Überlastung der Stadtstraßen durch Schwerlastverkehr geklagt und eine neue Straße zur Autobahn gefordert:Eine neue Straße für in diesem Fall hausgemachten Schwerlastverkehr – heute, da nicht einmal mehr die vorhandenen Straßen instandgehalten werden können.

Dabei gibt es zukunftsorientierte, innovative, baureife Lösungen zur Vermeidung eines Teils der LKW-Transporte.

Wollte man die Belastung erlebbar machen, die ein LKW mit 40 Tonnen Achslast bei einer einmaligen Fahrt durch die Hermann-Löns-Straße verursacht, müsste man alle in GL zugelassenen knapp 60 Tsd. PKW einmal hintereinander durch die Hermann-Löns-Straße fahren lassen – da wäre ganz schön was los. (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Berlin)

In Bad Aibling wird aktuell ebenfalls ein ehemaliges Kasernengelände bebaut. Mit einer Null-Energie-Siedlung. (SZ, 22. Juli 2011) Solarthermie, Fotovoltaik, Wasserkraft und Windkraft, auch Biomasseheizkessel sollen dort die Energieversorgung sichern. Überschüssige Energie wird mit Wärmepumpen und Warmwasser gespeichert. Geplant sind mehrstöckige Ökoholzhäuser, Niedrig-Energiehäuser, Null-Energiehäuser, Mehr-Generationen-Häuser. Neue Architektur, neues Wohnen.

Bei uns ist diese große Chance sowohl für mehr Lebensqualität als auch für einen großen Imagegewinn durch nachhaltiges, zukunftsorientiertes Bauen und Wohnen vertan worden. Die auf uns zukommenden Veränderungen im demografischen Wandel oder als Folgen der Energiekrise etc. sind in unserer Stadt noch nicht im Handeln umgeschlagen.

Bergisch Gladbacher Probleme

Unsere Stadt hat es schwer. Aus Wohnplätzen, Streusiedlungen und kleinen Orten des 19. Jahrhunderts zusammengefügt, hat dieses Gemeinwesen fast 40 Jahre nach der Gebietsreform 1975 seine Identität offensichtlich noch nicht gefunden: Die Bensberger mögen die Gladbacher nicht – und umgekehrt – natürlich. Die Refrather möchten eigentlich nach Köln. Und die Schildgener sowieso nach Leverkusen.

Ein Zurück vor die Gebietsreform wird es nicht geben. Höchste Zeit also, intensiv für das Zusammenwachsen zu arbeiten. Das wäre auch eine große Aufgabe für kreative und verantwortliche Politiker. Und so könnte bei relativ niedrigen Kosten ein großer Imagegewinn erzielt werden.

Wie kann eine kleine Großstadt – angrenzend an eine Metropole – ein eigenständiges Leben führen, ihren Bürgerinnen und Bürgern Identifikationsmöglichkeiten bieten, damit aus einem Wohnplatz Heimat wird? Viele Menschen – vor allem Zugezogene – sehen in Köln ihren Lebensmittelpunkt. Sie identifizieren sich nicht wirklich mit der Stadt, in der sie wohnen.

Und Sie selbst kennen es vielleicht auch: Wenn Sie Besuch bekommen und überlegen, was zeige ich meinen Gästen? Köln – natürlich.

Welche Halbwertzeit hat eine Stadt?

Ein Einkaufscenter hat eine Halbwertzeit von etwa 10 bis 15 Jahren. Welche Halbwertzeit hat eine Stadt? Politik und Planer müssen die Ziele für eine lebenswerte Stadt definieren. Sie müssen die Verwaltung beauftragen, diese Ziele zu verfolgen und umzusetzen und dem Investor klare Zielvorgaben zu machen. Und dann muss die Politik die Verwaltung kontrollieren.

Wer nur einen Hammer hat, für den ist jedes Problem ein Nagel.

Die große Debatte um die Marktgalerie in der Schlossstraße, die Proteste gegen das Gewerbegebiet Voislöhe in schützenswerter Natur, das Gerichtsurteil gegen die Ausdehnung eines Wendehammers in den Privatgarten von Anliegern in Moitzfeld müssten Politik und Verwaltung langsam zu Denken geben.

Ich frage mich: Wer führt in Bergisch Gladbach wen? Führt die Politik die Verwaltung oder die Verwaltung die Politik? Und welche Rolle spielen wir Bürgerinnen und Bürger dabei?

Wir, die wir die Verwaltung bezahlen, damit sie in unserem Sinne für dieses Gemeinwesen arbeitet? Welche Bedeutung hat das ISEK 2030-Konzept für den Alltag? Darin wird die Zusammenarbeit mit den Bürgerinnen und Bürgern beschworen. Die Verwaltung soll dabei die Rolle des Moderators und Ideengebers spielen. Ich habe meine Zweifel, ob diese Verwaltung die ihr zugedachte Rolle momentan ausfüllen könnte.

In die Zukunft zu denken, das ist eine Aufgabe von Politik. Der Satz „Der Investor hat das letzte Wort“ ist die Aufgabe von gestaltender Politik, das ist die Kapitulation. Wer keine Vision hat, wer nicht in der Lage ist, die gewohnten Denkschleifen zu verlassen, wird keine unkonventionellen, keine originellen Lösungen finden. Denn wer nur einen Hammer hat, für den ist jedes Problem ein Nagel.

Nicht Einkaufszentren und Parkplätze machen eine Stadt liebenswert oder führen zu Identifikation und Engagement für das Gemeinwesen. Es sind andere Attribute, die Lebensqualität bedeuten.

Mögliche Lösung: Kultur

Kultur ist ein Magnet nicht nur für die gebildeten Stände, in Führungspositionen oder in Metropolen. So paradox es klingt: die Behauptung gegenüber der Kulturmetropole Köln kann gelingen, wenn Kultur im Mittelpunkt dieser Stadt steht. Sowohl eigenständig wie auch vernetzt mit Köln und dem Bergischen.

  • Kultur und Bildung im weitesten Sinne (Bildende Kunst, Tanz, Theater, Musik, Karneval, Brauchtum, Bücherei, Sport, Schule, Volkshochschule und Fachhochschule etc.) mit allen vorhandenen Initiativen
  • die Museen in der Stadt und an der Strunde
  • Kulturhaus Zanders und vor allem die Villa Zanders

Das vorhandene breitgefächerte Angebot in unserer Stadt kann – gebündelt in einer großen Kulturinitiative – eine Chance sein.

Mit Patenschaften von Bürgerinnen und Bürgern, von Institutionen und Unternehmen. Auch das wäre ein Aufbruch, eine große, imagebildende Aufgabe für kreative und vorausschauende Politiker.

Und nicht die Sperrung der  Fußgängerzone für Fußgänger an Markttagen durch die Experten für Käuferströme und Kaufanreize, um Marktbesucher dorthin zu leiten, wohin sie gar nicht wollen.

Was haben die Sperrung dieser Fußgängerzone und die Öffnung der Fußgängerzone in Bensberg gemeinsam? Es geht dabei nicht um den Menschen, es geht um den Kommerz.

Wir brauchen eine ernsthaft gemeinte Bürgerbeteiligung

Wie sieht es aus mit dem Willen zum Umsetzen der in den beiden vom Rat verabschiedeten Konzepten beschriebenen Zukunft? Fragen wir die Verantwortlichen in Rat und Verwaltung, welche Vision sie für Bergisch Gladbach haben. Und fragen wir sie zu ihrem Rollenverständnis von Politik, Verwaltung und Bürgerschaft.

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Eine Abstimmung über vier verschiedene Grautöne nach Auswahl der Steine für eine Fußgängerzone ist ein Witz. Wer das für Bürgerbeteiligung hält, verkennt die wirkliche Bedeutung und wachsende Notwendigkeit einer Partizipation der Bürgerinnen und Bürger an der Gestaltung, den Entscheidungen für ihre Stadt.

Schönheit im Netz

Auf den Internetseiten finden Sie das Selbstbild der Stadt. Die Darstellung wird bei einem Besuch der Stadt allerdings schnell als geschönt entlarvt. Und ist damit kontraproduktiv.

Nicht einmal die Verwendung von Klischees bleibt uns erspart: Sie können in Bergisch Gladbach – wie aus Katalogen ablesbar in tausend anderen touristischen Zielen dieser Welt – „die Seele baumeln lassen“. Armer Kurt Tucholsky, diesen Missbrauch hat er nicht ahnen können, als er vor gut 100 Jahren „Rheinsberg – Ein Tagebuch für Verliebte“ schrieb.

© Text und Fotos Klaus Hansen

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Weitere Informationen:

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Klaus Hansen

ist Fotograf, Designer und Kommunikationsberater.

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2 Kommentare

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  1. Lieber Engelbert Müller,
    genauso ist es!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Den Waatsack abzureißen wäre eine Totsünde. Man sollte mal überlegen, was man sich an neuen Investitionen sparen könnte und dafür die Aufhübschung dieser Ecke, Qirls, Waatsack und Forum verwenden könnte. Ich nenne es jetzt mal ein magisches Dreieck, das zerrissen dahin vegitiert.

    Alte Feuerwache, ehemaliger Haushaltswaren Häuser, sind nicht gerade schön und die obere Hauptstr. ab Forum sieht ein bisserl verwahrlost aus. Anstatt alles dem Erdboden gleich zu machen und was genau wie von Ihnen beschrieben angenommen wird, sollte man mal konstruktive Lösungen suchen, anstatt gleich die Abrissbirne zu bestellen.

    Eigentum verpflichtet heißt auch, wenn ich ein Gebäude in der Innenstadt besitze, sollte es gepflegt sein.

  2. Und das Schlimmste: Die funktionierenden, mit Bürgerleben gefüllten Stellen im Herzen unserer Stadt werden von der Verwaltung in Frage gestellt oder abgebaut:
    1. Ein gut laufendes Restaurant im historischen Gebäude des Waatsacks
    2. Das Kulturhaus Zanders mit zahlreichen außerordentlichen kulturellen Veranstaltungen
    3. Der ganze Komplex um die Gnadenkirche herum, unter anderem eine gut angenommene Kneipe, wiederum mit außerordentlichen kulturellen Angeboten, das Quirl’s
    4. Das kulturelle Herz, die Stadtbücherei mit dem Eineweltladen und dem Schriftstellerverein Wort und Kunst
    5. Ein boomender Spielplatz im Forumspark
    6. Der Ruhe ausstrahlende Forumspark im Herzen der Stadt selber mit seinen einmaligen Bäumen
    Und wozu das alles? Um CDU-Ratsherren eine einträgliche Miete in ihren Immobilien oder den Verkauf eines neuen Pflasters zu ermöglichen? Wo bleibt eine langfristige, vorausschauende Stadtplanung, die von Heimatliebe und nicht von kurzfristigen angeblichen finanziellen Notwendigkeiten geprägt ist?
    Engelbert Manfred Müller