Foto: Wikipedia – Creativ Commons

Als noch mehr oder weniger ofenfrisch „Sachkundiger Bürger“ (so lautet die offizielle Bezeichnung), noch dazu einer der drolligen Kleinfraktionen im Rat (Kiditiative), ist zwar schon die Froschperspektive gewagt, aber deren Einnahme immerhin nicht strafbar.

Peter Baeumle-Courth hat hier dankenswerterweise bereits auf die erstaunliche bis erschreckende Wiederkehr eines Untoten aufmerksam gemacht: Der berühmt-berüchtigte Autobahnzubringer Bensberg scheint seine satten Schatten wieder auf die politische Tagesordnung zu werfen.

Sollte das wirklich und mit aphaltenem Ernst gemeint sein, könnte es wenigstens den Vorteil einer breiten Diskussion, auch im Vorfeld und Zug des kommenden Kommunalwahlkampfes, haben.

Denn allerspätestens ein Projekt von solchem Ausmaß muss hochöffentlich diskutiert werden bzw. eigentlich Gegenstand eines offenen Bürgerentscheids werden.

Eines muss ich hier vorweg zugeben: Ich wohne nicht an einer der vom derzeitigen Verkehrsfluss bzw. –stau (in zermürbendem Wechsel) belasteten Straßen.

Würde ich dort wohnen, wäre es durchaus möglich oder sogar wahrscheinlich, dass ich mir wünschte: Baut! Baut schnellstmöglich nur irgendwo irgendwas und egal, mit welchen Folgen – Hauptsache hier wird´s ruhiger!

Ob es mit dem erwähnt untoten Projekt „Autobahnzubringer“ wirklich und langfristig ruhiger würde, ist zwar mehr als fraglich, aber aus Sicht von derzeit Verkehrsbedrängten ist die Hoffnung darauf absolut zu respektieren.

Als nicht oder nur gelegentlich Verkehrsbedrängter (wenn ich zur falschen Zeit die entsprechenden Strecken befahre), kann ich das besagte Projekt mit Abstand sehen.

Und „Abstand“ ist ein gutes Stichwort. Lange Zeit war mir gar nicht klar, wo da was gebaut werden sollte.

Ein Autobahnzubringer, der sämtlichen Verkehr aus Bergisch Gladbach und noch weit dahinter durch den Frankenforst über Bensberg nach Köln leitet – Hä?! (plastisch gesprochen).

Irgendwann nahm mich dann eine Freundin zu einer Bürgerversammlung mit, und zum ersten Mal sah ich den “größten Verkehrsplan aller Zeiten” (siehe hier wie von „pebaco“ eingestellt):

Fettrot breit mit Lineal durch die Landschaft gezogen – Das erinnerte spontan an den diskreten Charme (verkehrs)baulicher Radikalvisionen, wie sie den Planer gelegentlich lustvoll überfällt. Mensch bleibt eben Mensch (Hauptsache so etwas wird nicht realisiert).

Der lineare Rotwurf durch´s Grüne, durch Gärten, im Zweifel auch friedliche Bauten aller Arten war schon atemberaubend genug, aber um wahrstwörtlich zu begreifen, was der fettrote Strich auf dem Papier sozusagen als Asphaltstreifen in der Landschaft bedeutete, empfahlen sich Fußgang und Radfahrt durch den Planungsraum.

Das kann ich jedem, der sich Bild wie Eindruck verschaffen will, nur meinerseits empfehlen. Einfach ´mal auf sich wirken lassen und der Phantasie reale Nahrung geben. Papier ist je bekanntermaßen geduldig.

An der Stelle ein weiteres Bekenntnis: Nein, ich bin weder GRÜNER noch sonst radikal grün, weiß aber Grünflächen grundsätzlich zu schätzen und versuche davon abgesehen, die Dinge nach möglichster Maßgabe gesunder Vernunft zu betrachten. Und, das auch noch: Ich fahre übrigens gerne Auto (allerdings auch Rad).

Klar: Fortschritt und Wachstum verlangen stets Opfer, und im baulichen wie verkehrsbaulichen Rahmen sind die „Opfer“ eben Grün- und sonstige Freiflächen, auch bestehende Bauten, sowie je nachdem, Ruhe und ungetrübt frische Luft. Das war immer so, wird im Grundsatz nicht anders werden, verlangt eben Entscheidungen, auch Mut zu vielleicht Unpopulärem. Keine Frage.

Nur sollten doch Aufwand und Ertrag oder eben „Opfer“ und „Segen“ in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen bzw. der Aufwand oder das „Opfer“ überhaupt Sinn machen. Und bei solchen Vorhaben nicht nur für den Augenblick, schon gar nicht eine politische Laune, sondern entsprechend weit in die Zukunft.

Noch der fanatischste Befürworter des besagten Autobahnzubringers wird nicht umhin können festzustellen: Aufwand und „Opfer“ haben bzw. hätten hier, sagen wir zurückhaltend: historische Dimensionen.

Nun mag ja auch das für manchen schon wieder reizvoll sein: Weg mit falschen Sentimentalitäten und zärtlichen Besorgnissen – Fortschritt und Wachstum eine Gasse, ach was, eine Schneise und zwar eine breite! Jo, wir machen das! Jeder Kubikmeter Beton ein Jahr garantiertes Wachstum!

Wie steht´s aber davon abgesehen wirklich mit Ertrag und Segen?

Längst haben die über all die Jahre erhobenen Studien belegt, dass sowohl im Blick auf die demographische, als auch die strukturelle Entwicklung der Stadt und insbesondere gerade hinsichtlich der quantitativen wie vor allem qualitativen Veränderung des Verkehrs der Zukunft ein solches nicht Mega-, nicht Giga-, sondern Terra-Bauprojekt vor allem eines bedeutete:

Eine gigantische Herzlungen-Maschine für Verkehrsbaukonzepte der Vergangenheit.

Und selbst die mit allem Recht auf Entlastung hoffenden Anlieger derzeitiger Verkehrsflüsse und –verstopfungen würden letztlich überwiegend enttäuscht werden: Die geplante Lärm- und Duftschneise von Gronau, über Heidkamp, Lückerath, Refrath, Frankenforst, bis nach Bensberg würde sich weit hallend und wehend Gehör wie Luft schaffen.

Hier könnte allenfalls die Losung gelten: Wir wollen möglichst viele Bürger und jedenfalls mehr als bisher daran beteiligen. Das hätte etwas fast alttestamentarisches: Dezibel um Dezibel, Asphalt um Asphalt.

Aber, das besagte Projekt steht mit aller Unschuld plötzlich wieder auf der Agenda – und ich versuche als (bestenfalls) Frosch noch zu begreifen: „Wer hat an der Uhr gedreht, und ist es wirklich schon zu spät …?!“

Lesen Sie mehr: Alle Beiträge zum Autobahnzubringer

Aus Erfahrung wissen wir alle: Wahnsinn ist immer möglich – aber manchmal auch das Gegenteil! Mein Appell wäre:

Machen wir uns gemeinsam Gedanken über ein vernünftiges, zukunftsweisendes und wirklich nachhaltiges Verkehrskonzept im Ganzen, über Parteigrenzen, ideologische Grundsatzdebatten und berechtigte wie gegebene Einzelinteressen hinweg.

Eines muss dabei sicher sein: Am Ende kann und darf es keine Entscheidung geben, die über uns Bürger hinweg getroffen wird. Sollte diese Planung á la Mentalität von Vorgestern tatsächlich konkret werden, muss darüber ein offener Bürgerentscheid erfolgen, unabhängig davon, wie er ausginge und unbesehen möglicher übergeordneter Entscheidungshoheiten.

Das sind wir unserer Heimatstadt schuldig.

H-G. Ullmann

ist gebührend ratloser Bürger, gelegentlicher Zaungast am Spielfeldrand, findet interessante Gespräche ohne Scheuklappen inspirierend und bewahrt sich den Reiz (manchmal auch fassungslosen) Staunens als Mittel geistiger Ausgeglichenheit.

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