Der Mann im Hintergrund: Olaf K. Marx mit SPD-Kandidat Michael Schubek

Der mir bekannte Journalist Georg W. hat mir einmal gesagt: „Egal ob Blog oder Block, Hauptsache es steht was drin“. Ich klappe also meinen Notizblock zu. Mein junger Freund nebenan klappt seinen Laptop zu, oder wie das Ding auch immer heißen mag.

„Die Schlacht ist geschlagen. Die Beute ist verteilt. Sieger und Besiegte sitzen im Nachdenken vereint“.

Dieser Satz könnte aus großer Literatur stammen, ist aber von Olaf K. Marx, Wahlkampf- Pressesprecher oder besser gesagt, Wahlkampf -Pressesprecher a. D.

Ich werde über diesen Wahlkampf schreiben, und zwar wie ich immer schreibe: liebevoll und etwas gemein, gütig und vielleicht ein bisschen bösartig, aber auf jeden Fall sehr klar und deutlich. Denn die Deutlichkeit ist die „Höflichkeit der Kritik der Kritiker“. (Marcel Reich-Ranicki)

Wer hat hier Scheiße gebaut?

In der deutschen Sprache gibt es verschiedene Umschreibungen, um über Dinge zu sprechen, die in der Vergangenheit liegen. Im Fußball ist dieses besonders beliebt: „Ja gut, wir werden verschiedene Dinge ansprechen.“ Der Politiker sagt besonders gern den folgenden Satz: „Meine politischen Freunde und ich werden in den zuständigen Gremien beraten.“ Pädagogen und Psychologen benutzen gerne die Worte „aufarbeiten“ oder auch „verarbeiten“.

In allen Varianten geht es aber letztendlich um die Frage: „Wer hat hier Scheiße gebaut?“

Damit erst gar kein Missverständnis aufkommt. Als “Wahlkampf Pressesprecher a. D.” möchte ich mich für die gute und faire Berichterstattung bedanken. Verlierer neigen manchmal zu reflexartiger Schuldzuweisung an die Presse. Das ist schmerzloser als sich in die eigene Nase zu kneifen.

Gibt es in dieser Aufarbeitung eine ordentliche Analyse des Wahlkampfes? Nein, niemals. Wird hier vereinfacht? Ja, unentwegt. Ist das Ergebnis oberflächlich? Ja es ist sogar mehr als oberflächlich. Es parteiisch, politisch unkorrekt, gnadenlos subjektiv und hoffentlich ein bisschen humorvoll. Als Protestant aus dem Westfälischen, also Immi der ersten Generation, liebe ich die Feststellung von Marin Luther: „Aus einem traurigen Hintern kann kein fröhlicher Furz kommen“.

Es menschelt in der lokalen Politik

Mitten drin: Olaf K. Marx im Wahlkampf

Diese menschliche Regung führt mich zu der ersten Feststellung dieser Nachbetrachtung. Ich blättere in meinem Notizblock und seit Beginn des Wahlkampfs habe ich immer wieder zwei Worte eingetragen: „Es menschelt“ in der lokalen Politik. Mehr als ich es für möglich gehalten hätte.

Die letzten Monate kommen mir wie ein großes Familientreffen vor. Die verschiedenen Zweige dieser Familie treffen sich in regelmäßigen Abständen. Neue Mitglieder stellen sich artig vor und werden genau unter die Lupe genommen. Die Oberhäupter haben im Vorfeld des Treffens genau festgelegt, wie und wo die einzelnen Familienzweige stehen und sitzen.

Für mich das Erstaunlichste ist aber, alle akzeptieren mehr oder weniger die ihnen zugeteilte Rolle bei diesem Familientreffen. Neuerungen werden nur nach Absprache in homöopathischer Dosierung zugelassen. Man möchte die Eintracht des Treffens nicht unnötig stören. Getreu nach dem Kölschen Motto: „Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet“. Eine anscheinend gottgewollte Ordnung muss hier vorliegen.

Vielleicht hatte der Kölner Stadt-Anzeiger diese Eintracht im Sinn, als er von „einem Wahlkampf im Schlafwagen“ geschrieben hat. Man möchte seine Ruhe haben und selbstverständlich die anderen nicht stören.

Wenig Raum für neue Ideen am Familientisch der Lokalpolitiker

Weh, da bringt einer neue Ideen in den Ablaufplan, will alte Verhaltensmuster verändern, dann werden sie von den Oberhäuptern mehr oder wenig sanft abgestraft.

Und wie das so bei Familientreffen ist, es gibt solche und solche. Die Omas und Opas reden immer von früher, da war sowieso alles besser. Oder frei nach Loriot: „Früher war mehr Lametta“. Die jung- dynamischen Familienmitglieder erzählen von ersten Erfolgen. „Mein Auto, mein Haus, mein Pferd“. Und wieder andere bohren in der Nase, so als wenn sie das gar nichts angeht. „Et hätt noch immer jot jejange.“

Bergisch Gladbachs 11., 12. und 13. Gebot

In der Politik nennt man das Parteidisziplin oder auch Fraktionszwang. „Nichts bedarf so sehr der Reform wie die Gewohnheiten der Mitmenschen.“ (Mark Twain)

Bei den Parteien, insbesondere bei der SPD, scheint man diese Erkenntnis nicht zu haben. Das ist umso bedauerlicher, da gerade sie dieses Mal die Chance hatte, diese Familientreffen neu zu ordnen. Man kann nur hoffen, dass die alte Fußballweisheit zu trifft: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“

Wenn der liebe Gott die zehn Gebote geschrieben hat, dann muss er für Bergisch Gladbach eine Sonder-Edition aufgelegt haben. Sie sind um das 11. Gebot: Schwarz gewinnt, das 12. Gebot: Rot verliert und um das 13: Gebot: Die anderen dürfen auch mitspielen, ergänzt worden.

Eine Grauzone mit Lieferverkehr

Szenenwechsel. Die Fußgängerzone in Bergisch Gladbach oder sollte man besser sagen, die Grauzone mit Lieferverkehr, ist ein mehr oder weniger interessanter Ort. Einer der wenigen Lichtblicke in dieser blutleeren, stinklangweilgen Fußgängerzone ist das Alte Pastorat. Das Alte Pastorat in Bergisch Gladbach ist ein Ort des Genusses, der interessanten Gespräche und netter, freundlicher Bedienung. Vielleicht liegt es an den Inhabern, dass alles ein bisschen gelassener zugeht und doch gleichzeitig durchdacht. Dieser Umstand ermöglicht es auch, die Dinge hin und wieder von einer anderen Seite zu betrachten.

Direkt in der Fußgängerzone gelegen ist es aber auch ein Ort des „Sehen und Gesehenwerdens.“ Die Lage dieses Restaurants verführt gerade dazu, alles aus einer etwas „erhöhten“ Position zu betrachten. Gewissermaßen von „oben“ das Ganze neu einzuordnen. So wie es die ursprünglichen Bewohner des Hauses tun wollten.

So bietet sich hier die Möglichkeit, auch über Menschen anders nach zu denken. Unglücklicher – oder glücklicher Weise sind wir alle bereit Vorurteile direkt zu bestätigen ohne auch nur einen Moment darüber nach zu denken. 80 Prozent unseres Wissens haben wir vom Hörensagen, nicht aus eigener erlebter Wahrnehmung und Erfahrung.

Soziale Feldbeobachtung bei Cappuccino und Zigarette

Bei einem Cappuccino und einer Zigarette gehe ich meiner Lieblingsbeschäftigung nach: „dem Leben bei der Arbeit zu schauen.“ Diese wunderbare Formulierung stammt von Anke Engelke und ist eine schöne Umschreibung des Begriffes der „sozialen Feldbeobachtung.“

Die heiße Phase des Wahlkampfs ist in vollem Gange. Die Kandidaten sind in Position gebracht. Werbe-Slogans sind geschrieben. Operative Hektik ersetzt oft geistige Windstille.

Ich muss mich sehr anstrengen, dass Gespräch am Nachbartisch nicht mit zu bekommen und noch mehr, es zu verstehen. Die Herrschaften unterhalten sich in kräftigem rheinischen Dialekt kölscher Prägung. Diese Einordnung stammt von Konrad Beikircher. Mit anderen Worten Frau Walterscheidt spricht höchst persönlich.

Andererseits weckt es meine Neugier. Es geht um den Wahlkampf in Bergisch Gladbach. Was denken Tom, Dick und Harry oder „der kleine Mann“ auf der Straße?

„Schuuuubek, wer?“

Schließlich hatte ich das Vergnügen an der einen oder anderen Formulierung mitzuarbeiten. Nicht zu vergessen, meine „markante Nase“ ziert das Wahlkampf-Plakat von Michel Schubek. Ich bestelle noch einen Cappuccino und mache die gefühlte fünfte Zigarette an, aber die Code-Wörter „Schubek“ und „Urbach“ fallen nicht.

Dann, endlich ein langgezogenes „Schuuuubek, wer?“ Jetzt kommt der Augenblick der Wahrheit. Haben wir die richtigen Headlines gefunden? Haben wir die richtigen Themen besetzt? Haben wir den Kandidaten richtig präsentiert? „Ach der, der lacht doch immer wie diese eine Figur …. “

Ich höre nicht mehr hin. Ernüchterung, Enttäuschung. Nichts von alledem was wir mühsam erarbeitet haben ist hängengeblieben. Mehr Bürgerbeteiligung, mehr wirtschaftliche Kompetenz und und. Ich hör noch: „Aber nett iss der.“

Lieber Gott, lass es eine ausgleichende Gerechtigkeit geben. Jetzt fällt das nächste Code-Wort „Urbach“ Und was höre ich da? „Der hätt doch Knies mit dem Dreigestirn. Sing Frau wollt doch Jungfrau werden.“ Gelächter. „Herr Ober, bitte noch ene Wein.“ Nichts von Kunstrasenplatz, 30 Mio. und so weiter. Wie sagte doch Konrad Adenauer: „Nehmen Se de Menschen, wie se sind. Andere jibt et nich.“

Das Leben in einer Parallelwelt

Sechs Bürgermeisterkandidaten – und Georg W.

Diese kleine Beobachtung führt mich zu einer weiteren Erkenntnis in diesem Wahlkampf. Die Parteien leben in einer Parallelwelt. Oder wie Pipi Langstrumpf singt: „Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“ . Sie glauben, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und sind doch teilweise ahnungslos wie ein neugeborenes Kind.

Realitätsverlust ist unter Wahlkämpfern weit verbreitet. Man spricht immer mit den gleichen Leuten. Hat immer die gleiche Meinung. Kritisches Nachfragen oder einfach Hinterfragen von Behauptungen gehört nicht zu den angesagten Tugenden von Wahlkämpfern.

„Ist es nicht schrecklich, dass der menschlichen Klugheit so enge Grenzen gesetzt sind und der menschlichen Dummheit überhaupt keine?“ Der alte Mann aus Röhndorf hat mehr Weisheiten auf dem Schirm gehabt, als so mancher Experte der Neuzeit.

Um das Alter Pastorat zu verlassen, muss man ein paar Stufen runtergehen. Bildlich gesprochen, man begibt sich in die Niederungen des Lebens. Oder entsprechend meiner Nachbetrachtung, in die Niederungen des Wahlkampfs.

„Kölscher Klüngel“ ist eine böse Wortschöpfung. (Wahlkampf) -Politiker nennen es lieber Pragmatismus „Der Pragmatiker entscheidet Fälle nicht nach Grundsätzen, sondern grundsätzlich fallweise.“ (Ron Kritzfeld, alias Fritz Kornfeld)

Das einzige wirklich heiße Thema des Wahlkampfes

Wenn man unter diesem Gesichtspunkt das einzige wirklich heiße Thema des Wahlkampfes betrachtet, dann war der Fall schon sehr früh gelöst. „Man kennt sich, man hilft sich“. Das ist eine andere Formulierung bzw. Deutung des „kölschen Klüngel“.

Über die vielen Ungereimtheiten bei dem Thema Stadtwerke will ich gar nicht reden. Nur so viel. Man hat in der Verwaltung und im Rat über drei Jahr gerechnet und verhandelt. Dann entschließt sich der alte Bürgermeister sich zur Wahl zustellen und innerhalb von Wochen präsentiert die Verwaltung und der Rat den Bürgern eine Lösung. Das kann Zufall gewesen sein, aber „ein Weiser schätzt kein Spiel, wo nur der Zufall regieret.“ (Gotthold Ephraim Lessing)

Die nachfolgenden Erklärungen können allerdings nicht von Weisen gemacht worden sein. Zumal“ völlig unerwartet“ die Vertragsverlängerung des Kämmers anstand.

Herbert Wehner hat einmal gesagt: „Politik ist die Kunst, das Notwendige möglich zu machen.“

Auf meinem Notizblock steht die Frage, was ist „das Notwendige“? Die Antwort ist eindeutig. „Lieber einen Spatz in der Hand, als eine Taube auf dem Dach“

„Und jetzt – Endspurt?“

25. Mai, Sonntag. Ein komischer Morgen. Keine Mail, kein Telefon, keine Termine. Wahltag, die Ruhe vor dem Sturm? Das gibt mir Zeit alte Notizen und Zeitungsartikel nachzulesen.

Auf meinem Notizblock finde ich eine Frage von dem Eingangs schon erwähnten Journalisten Georg W. „Und jetzt – Endspurt?“
Ich weiß nicht so recht. An die Theorie von vielen “Experten” zu Thema “Endspurt” glaube ich nicht. Wenn überhaupt, dann doch mehr als Innenwirkung.

Und in der BLZ finde ich eine kleine Serien über Wahlkampf und Experten-Meinung.

Mit Meinungen von Experten habe ich immer so meine Probleme. Ich kenne keine Experten Aussage der nicht von einem Experten Aussage wiederlegt bzw. widersprochen wird.

Der “Experte” Oliver S. spricht über die Wahl-Werbung in Rhein-Berg/GL. Zu diesem ungemein aufschlussreichen Artikel fällt mir nur das Brecht Zitat ein: “Der Vorhang fällt und man sieht betroffen alle Fragen sind noch offen”.

Soviel “Expertenerkenntnis” die mit “sowohl als auch” oder mit “… man kann aber auch…” ausgeschmückt sind, nerven mich. Für mich sind das meinungslose Allgemeinplätze von Weicheiern. Ich habe mich beim Lesen die ganze Zeit gefragt: „Was will der Experte mir sagen? Welche Meinung hat dieser Experte Oliver S?“ ¾ meines Berufslebens habe ich in dieser wunderbaren Gaga-Welt der Werbung und Kommunikation verbracht.

Die Kuh ist vom Eis

Der Wahlsieger Lutz Urbach

Michael und Ulrike Schubek mit SPD-Fraktionschef Klaus Waldschmidt

22 Uhr. Die Kuh ist vom Eis. 49,7% für Urbach. 28% für Schubek.

Ich geh in den großen Ratssaal. Die Stimmung ist mehr oder weniger aufgelöst. Alle möglichen Leute wuseln umher. An der Längsseite, unter den Fenstern sehe ich eine ältere Dame sitzen. Sie trägt einen grauen Hosenanzug und beobachtet in aller Ruhe das muntere Treiben. Ich setze mich zu ihr. Sie fragt mich: „Machen sie auch Wahlkampf?“ Ich erkläre ihr was ich gemacht habe.

Auf meine Frage, was sie hier macht, antwortet sie: „Ich wohne hier in der Nähe in einem Altenheim und wollte mal sehen was am Wahlabend hier los ich. Haben Sie gewonnen?“ Ich verneine und erkläre ihr die Situation.

„Na ja, dann gewinnen sie ebbend das nächste Mal“. Sie steht auf, verabschiedet sich freundlich und geht.

Da fällt mir nur der Satz meines alten Freund Che Guevara ein: „ … seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche“.

Olaf K. Marx

ist Pressesprecher des SPD-Bürgermeisterkandidaten Michael Schubek.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

1 Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Ein Kommentar von HG Ullmann:

    Schöner Text, lieber Olaf K. Marx,

    Ansichten eines gelassenen Insiders auf Zeit und mit ein paar anregend atmosphärischen Verdichtungen … – und was machen wa´ nu´ mit all den gewonnenen Erkenntnissen? Vielleicht den Heimatroman „Und ewig rauscht die Strunde“? Oder doch den GL-Politkrimi „Direktmandat für eine Leiche“? Trinken wir ´mal ein Bier drüber, im Alten Pastorat natürlich!