Gemeine Herrlisch Raubacher Waldmaus. Foto: wikimedia/Rasbak

Letzte Ausfahrt GroKo: Nach kleinen schwarzgrünen Lenkerschlenkern geht´s nun in Bergisch Gladbachs Partnerstadt Herrlisch Raubach doch ganz offiziell in Richtung Schwarz-Hellrot. Claas Forsthauer und Karl Dönekes lächeln schon ´mal Seit´ an Seit´ in die Fotolinse, recht erleichtert der eine, etwas sybillinisch der andere.

Ja, manchmal gleichen sich Politik und Liebe: Für unbestimmte Weilen lockte hier eine schwarz-grüne amour fou voller Wildheit, Leidenschaft und romantischer Phantasie, aber am Ende landet es doch wieder ernüchtert im wuchtigen Ehebett von dunkler Eiche, darüber das patinierte Ölgemälde des röhrenden Hirschen. Herrlisch Raubacher Barock.

Herrlisch Raubacher Barock

Aber der bietet eben den Meisten und zumal den darbenden Angehörigen der einstmals größten Oppositionspartei endlich das nun patronal beschirmt wohltemperierte Glück der Teilhabe. Zugleich fordert das aber vom politischen Rest im Schatten großkoalitionärer Mächtewallung nun durchaus just jene Wildheit, Leidenschaft und romantische Phantasie, die man einer schwarz-grünen Affäre vielleicht allzu idealisierend zugemessen hätte (ob er nicht auch da beschaulich geröhrt haben würde, der Hirsch?).

Denn jede GroKo wirft lange Schatten und droht die übrigen Bewohner (selbst die größeren) der parlamentarischen Fauna zu ebenso verzweifelt wie vergeblich umher huschenden Plenarschemen verkümmern zu lassen, deren politischer Einfluss- und erst recht Gestaltungsgrad etwa dem einer frisch gegründeten Nachbarschaftsinitiative entspricht. Das gilt umso mehr für das ohnehin stets von routinierter Missachtung seitens der Schwergewichte bedrohte Kleintiergehege.

Immer auf die Kleinen

– eben nicht! Denn genau auf die, auf die Kleinen im Schatten der GroKo und überhaupt der großen bzw. größeren Parteien richtet sich die (politische) Aufmerksamkeit häufig bloß noch, wenn irgendein deftiges Spektakel á la TV-Nachmittagsprogramm geboten wird: Tragikomische Selbstinszenierungen, teils freiwillig, teils unfreiwillig oder zutiefst menschelnde Dramödien am Rande der politischen Bühne oder auch völlig jenseits davon.

Herrlisch Raubach indes hat unterhalb der sich nun ballend schwarz-hellroten Politmacht ein höchst vielfältig bevölkertes und drängend lebendiges politisches Kleintiergehege.

Zwar mangels Masse weit entfernt von jeder unmittelbaren Wirkungsmöglichkeit, zudem untereinander in misstrauischem bis -günstigem Nachbarschaftsstreit verwickelt, aber doch immer wieder auch ein vielstimmiger Hort für eben andere und mit der feurigen Entschlossenheit der allzu gern Übersehenen und -gangenen intonierte Ideen.

Die Großen Drei plus Beilagen

Das parlamentarische Politmenue in Herrlisch Raubach wurde nach den Kommunalwahlen vergangenen Mai ein wenig neu angerichtet. Zwar bleibt Schwarz der wuchtige Hauptbestandteil und prägt nach wie vor den hiesigen Geschmack, aber gewürzt wird das Schwarz nicht länger mit ein wenig zart gewohntem Gelb:

Nein, Hellrot oder Grün wetteiferten eine Weile sogar um den eigenen Platz neben dem schwarzen Batzen auf dem Premiumteller.


Der Abstand zwischen Schwarz und Hellrot ist beträchtlich, der zwischen Hellrot und Grün schon nicht mehr, dafür aber der zwischen Grün und Gelb.

„Auch Kleinvieh macht Demokratie!“

Denn hinter den Großen Drei (Schwarz-Hellrot / Grün), von denen zwei sich nun großkoalitionär verbandeln, zählt Gelb jetzt ebenfalls zum politischen Kleintiergehege im Schatten der großen Fische Herrlisch Raubachs – zusammen mit der Initiative für´s Land (den Hellblauen), den implodierten Dunkelroten, ihrer singularen Halbabspaltung und dem Repräsentanten der Wählergruppe HR (den Dunkelblauen).

Da ist Godehard Möhring tolerant und bekennt:

Anders als Möhring verdrehen aber manche kopfrobusten Routiniers des Herrlisch Raubacher Politbetriebes entnervt bis mordlustig die Augen, wenn´s aus dem von ihnen eher unwirsch geduldeten Kleintiergehege wieder ´mal störend herüberpiept und die wie geschmierten Abläufe bei den Großen kurzzeitig zu hemmen droht.

„Das sind die Mitesser der Demokratie!“, meint etwa Ratsprofi Karl-Josef Lammerath, und da solle man sich auch nicht scheuen, sie (!) klar auszudrücken …

Obwohl zuweilen als Randtischler oder Katzenbänkler verbannt und ohne wesentliches Stimmgewicht, können auch die parlamentarischen Kleinlebewesen ihre Stimme erheben und, wenn Bürger es will, von ihm gehört werden. Das unermüdlich dunkelrote Politmegaphon Atticus Fernando Magellan ist dafür ein schepperndes Beispiel – wenn er auch gerade mal wieder mit seiner eigenen Partei überkreuz liegt. Oder die mit ihm. Oder wie auch immer.

Das entwachsene Grün

Die grüne Partei indes, sie gehört nun sogar zu den Großen Drei, nur nicht zum Regierungsbündnis. Dabei hätten auch Schwarz und Grün in Herrlisch Raubach eine uneinholbar dominante Mehrheit bilden können.

Dafür ist die deutlich stärkste Oppositionspartei jetzt natürlich attraktiv für alle Versuche von Opposition, gerade auch aus dem Kleintiergehege heraus. Der große, starke Bruder sozusagen, wenn´s ´mal merklich gegen Schwarz oder die schwarz-hellrote GroKo gehen soll.

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Schon hört man, dass der zu klar kantigem Kurs weiterhin entschlossene Pit Schnell das heftig eingelaufene gelbe Banner durchaus neben dem flächig wehend grünen Tuch aufziehen will, wenn´s denn irgendwie passt.

Immerhin soll er seinem vormals grünen Mitbewerber ums Bürgermeister-Amt, Dieter Schaeumle-Furth, bereits angeboten haben, dass der ´mal seinen BMW-Roadster fahren dürfe. Zwar habe der hellrote Stadtkämmerer Johann Hochdrei auch so einen, aber seiner, Pit Schnells, sei eigenverantwortlich getunt und bringe daher deutlich mehr Leistung auf die Straße. Klar.

Zuzug in diesem ehrenwerten Haus

Mögen sich die Gelben nun auch im parlamentarischen Kleintiergehege wiederfinden, haftet ihnen dabei doch etwas von Thomas Mann-Figuren an: Jener haltungsbewußte Trotz der immer noch herrschaftlich und mit Marktplatz-Blick residierenden Großbürger, obwohl das politische Konto längst tief im Minus steht und die Kreditwürdigkeit fatal dahingeschmolzen ist.

Etwas indigniert richtet sich der Blick zugleich auf einen rührigen Neuzuzug: Denn gleich nebenan hat ein politisches start up-Projekt, die Initiative für´s Land, haben die Hellblauen ihr Klingelschild angebracht.

Und wie bei noch unbekannten Nachbarn üblich, gehen ihnen allerlei illustre Gerüchte in diesem ehrenwerten Haus voraus: Von finsterster Vergangenheit bis zur drohensten Zukunft reicht hier das knackige Arsenal kolportierter Annahmen über Art und Absichten des neuen Mitbewohners.

Die ideologische Mikrowelle

Der hellblaue Fraktionschef Karsten Frischfluss registriert denn bei Erstbegegnungen auch immer wieder diskret erleichtertes Staunen darüber, dass er zusammenhängende Sätze in normalem Tonfall und ohne jede alpine Klangfärbung spricht.

Dessen ungeachtet würden die Dunkelroten nun ihre ideologische Mikrowelle lustvoll auf Anschlag stellen, gäbe es mit den Hellblauen doch endlich wieder einen vermeintlichen Hauptfeind zu rösten – Wenn nicht zuhause schon wieder die Sicherung ´rausgeflogen wäre.

Stolze drei Mandate hatte Dunkelrot nämlich bei den Wahlen eingefahren, daraufhin aber umgehend Dialektik im eigenen Haus praktiziert, sprich die Spaltung der Fraktion im Verhältnis zwei zu eins.

Nicht auszudenken, wenn es hier einen verbindlichen Parteitagsbeschluss gegeben hätte, die Fraktion 1,5 zu 1,5 aufzuspalten. Medizinische und daran schließend moralische Einwände wären als parteischädigend festgestellt worden und es hätte fraglos weitere Abspaltungen …

Kartographie des Kleintiergeheges

So gibt es nun, neben den drei Kleinfraktionen (der Größe nach: Hellblau, Gelb, Dunkelrot 1) noch zwei Virtuosen: Eben die erfreulicherweise in einem Stück abgespaltene Amandine Deckel, sozusagen von Dunkelrot 2 (unterstützt durch besagten Atticus Fernando Magellan), sowie den umtriebigen Politunternehmer Sammy Ray Potemkin, der sich mit seiner Wählervereinigung HR (den Dunkelblauen) einen ganz privaten Sitz im Rat ergattern konnte und derzeit das Instrument der schriftlichen Anfrage auf Belastbarkeit testet.

Rechnet man all diese Gehegebewohner vollständig zusammen, was wirklich nur rein theoretisch-arithmetisch funktioniert, käme man auf 11 Stimmen; die grüne Partei dazugezählt ergäben sich 21 Stimmen – gegenüber 41 von Schwarz und Hellrot (whhopp!) + Bürgermeister = 42.

D.h. es müssten schon zwei Drittel der Hellroten + 1 (also 11 Stimmen) die Seite wechseln, um die Mehrheit mit einer Stimme umzukehren, immer vorausgesetzt, das komplette Kleintiergehege plus Grün stimmte unisono.

Opposition des Sisyphos

Das erscheint eher unwahrscheinlich. Aber mag es mit den gezählten Stimmen auch nicht klappen, die erhobenen Stimmen können sich wie gesagt und immerhin auch über den Rat hinaus Gehör verschaffen, um Bürgers Ohr wie Kopf direkt zu erreichen. Und Themen für wenigstens wogende Debatten wird  es wohl genügend geben, manche zeichnen sich schon ab:

Neben Trutz Altwassers Megavision „Landluft-Metropole HR“, der ganze und sicher konfliktfreudige Komplexus der Haushaltsberatungen um Kultur, Kinder und Kredite, das neue Verkehrs-Großprojekt „Kreisel an der Schnatterskuhle“, der Bau hochrepräsentativer Kloaken-Kathedralen zur würdigen Beheimatung des Abwassers, oder vielleicht auch noch einmal der HeLKuW-Deal, der laut inoffizieller Aussage von ganz oben eigentlich alle knappsenden Haushaltsberatungen überflüssig macht …

Jedenfalls dürfte es interessant, mindestens unterhaltsam werden, auch die Stimmen aus Herrlisch Raubachs politischem Kleintiergehege zu diesen wie anderen Themen zu hören – Und wer weiß, ob die ein und andere Art am Ende nicht noch wächst …

H-G. Ullmann

ist gebührend ratloser Bürger, gelegentlicher Zaungast am Spielfeldrand, findet interessante Gespräche ohne Scheuklappen inspirierend und bewahrt sich den Reiz (manchmal auch fassungslosen) Staunens als Mittel geistiger Ausgeglichenheit.

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5 Kommentare

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  1. Nichts ist der Satire näher, als das reale Leben. Herrlich!!!

    Olaf K. Marx
    stv. leitener Angestellter der BfA

  2. Morgen ist Blitzmarathon – Wir kriegen Euch Alle!

    Withold Schnapper, PHK
    Polizeibehörde
    Rheinisch Herrlischer Kreis

    PS: Und dank dem BüPo wisst Ihr jetzt auch, wo Eure Bußgelder landen …

  3. Der Roadster bleibt draußen!
    – äh drinnen … Bzw. wird überhaupt Volkseigentum!

    Venceremos!
    A.T. Magellan,
    Freier Dunkelroter mit Beratervertrag

  4. Aber ich kann schneller als Sie!

    Mit flottem Gruß,
    Pit Schnell
    Chef der Gelben Fraktion zu Herrlisch Raubach

  5. Ich kann in der Tat bestätigen, dass Pit Schnell mir eine Runde Roadster-Fahren angeboten hat. Allerdings wollte er sich dann auch einmal an das Steuer meines nagelneuen Hybridfahrzeuges setzen,
    das mit fünf Litern Sprit natürlich viel weiter kommt…

    Herzlichst,
    Dieter Schaeumle-Furth
    Stellvertretender Vize-Vize-Bürgermeister