Seltsam manchmal. Man ist mit irgendeinem Thema beschäftigt, im Kopf, in Gedanken, man bedenkt es, wälzt es, sinnt über die eigene Position, sucht, schwankt, zweifelt,  und plötzlich wird es, „das Thema“, völlig überraschend „konkret“, bekommt Gestalt, Gesicht. Einfach so, auf irgendeinem Wege, noch ehe man es recht begreift …

Eine der vielen unerzählten Geschichten, deren Leerstellen man mit Phantasie, Ahnung füllen kann. Eine der vielen, unerzählten Geschichten, die kurz andeutend aufscheinen und dann wieder ins Geflecht der Geschichten tauchen.

Wenn es nicht unerlaubt kitschig wäre, ließe sich sagen: Eine Sternschnuppe. Was hier sogar doppelte Bedeutung hätte (wenn das nicht doppelt und fraglos noch unangemessener kitschig genannt werden müsste …).

Nur ein Versuch, Wortloses zu erzählen

Warum mir gerade der „Erlkönig“ einfiel, keine Ahnung. Es hätte auch etwas anderes sein können. Hauptsache, das Nachrumoren zur Ruhe kriegen, das Gedankenkarussell abbremsen, das kurze, intensive Erlebnis irgendwie verdauen. Für einen „Kopfmenschen“ wie mich, da bleibt das Ordnen, Sortieren, und sei es erstmal nur der Form halber, eine Art gedanklicher Rettungsring.

Was würde sich erzählen lassen, wenn es Gelegenheit und mehr Zeit für Worte gegeben hätte? Und in welcher Sprache wohl? Die paar Brocken gebrochenes Englisch wären kaum Brücke gewesen …

Aber die Blicke, die Gesten, zwischen bebender Kontrolle und drängender Spannung, sie haben sich übertragen, wortlos alles sagend. Und in der Heckwelle des vorübergejagten Geschehens nachschäumende Ratlosigkeit.

Erlkönig – Variation 2015

Wer wandert derzeit durch’s ganze Land?

Es ist der Flüchtling, es ist der Asylant;

Wanderte lang´ schon über Berg und Tal,

überquerte selbst das Meer in großer Zahl.

Unbekannte, was sagt mir so plötzlich Dein Gesicht? –

Siehst, Unbekannter, Du meine Sorge nicht?

Unter Mützenschirmen Augen, wie Periskope, zielend? –

Begreife nicht gleich, Gedanken spielend. –

Schließlich, es geht nur um aller Sicherheit hier!

Doch nicht um sie, dafür hat man schon Gespür;

der Bahnhofswelt Gewimmel birgt heut´ Gefahren,

ach, fernschön jene Zeiten, die noch nicht so waren … –

Unbekannter, doch, bin das Ziel, weil ohne Dokument,

Und falle ich auf, ergreift man mich, ganz vehement! –

Spät, dem Alter wohl geschuldet, dämmert mir die Lage;

Welten rasen durch Sekunden, nun heißt es: Wage. –

Der Dame Schutz zu bieten, was heißt schon „wagen“?

Das ist in unser´n Reih´n Reflex, soviel zu sagen;

„Schon lang bekannt“, spricht sodann das figurierte Bild

mit mir als immerhin bewährtem Deutschenschild. –

Blick in Blick, wie ein fester Druck der Hand

Ist´s ein Halten vor dem dunklen Rand? –

Unbekannter, schau´ … Scheint, sie drehen bei:

„Gefahr“ für jetzt gebannt, doch lang nicht frei. –

Übervolle Augenblicke, vielberedtes Schweigen;

Drumherum der Weltbetrieb routinierter Reigen. –

Noch eh´ das Denken nachkommt, Fragen, Sinn!

Wer? Woher? Wohin? Kleines Lächeln flieht dahin! –

Steh´ noch lange, allein inmitten, aus der Zeit gefallen,

bin verwirrt, ratlos, beglückt und traurig auch,

hätte gerne mehr gewusst und bin mir klar,

dass dies keine Lösung und erst der Anfang war …

Ja, der Anfang. Immer mehr Menschen, auch hier bei uns, wird klar, dass etwas Neues beginnt. Etwas, dass gestaltet werden will, werden muss. Eine Frage der Klugheit, von der die nun immer dringender angefragten Antworten getragen und gerahmt werden müssen.

Und wo wir gerade dabei sind, hier noch ein kleiner Baustein auf dem richtigen Weg:

Am kommenden Samstag, 29.08.2015, findet sich „die Petition“ übrigens wieder ganz real und in Echtzeit zwischen 10 und 15 Uhr vor dem „Löwencenter“ in Bergisch Gladbachs Fußgängerzone.

Lesen Sie mehr: Alle Beiträge zum Thema „Flüchtlinge in Bergisch Gladbach”

H-G. Ullmann

ist gebührend ratloser Bürger, gelegentlicher Zaungast am Spielfeldrand, findet interessante Gespräche ohne Scheuklappen inspirierend und bewahrt sich den Reiz (manchmal auch fassungslosen) Staunens als Mittel geistiger Ausgeglichenheit.

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