Bergisch Gladbach ist nicht nur bei der Unterbringung der Flüchtlinge gefordert. Zukünftig müssen auch in weiteren Bereichen Anstrengungen unternommen werden, welche die Integration der Menschen in unsere Gesellschaft organisieren.

Auch werden die neuen Einwohner von einem Teil der Bevölkerung misstrauisch als zusätzliche Konkurrenz auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt betrachtet. Um dieses zu verhindern und den sozialen Frieden sicherzustellen, muss gegengesteuert werden.

Hier müssen nicht nur Bund- und Land, sondern ganz konkret auch die Stadt Bergisch Gladbach in Bildung, Kultur, Wohnungen und die Menschen investieren und dieses im städtischen Haushalt berücksichtigen. Die Ausgaben lohnen sich, denn sie nutzen den Menschen, schaffen Arbeitsplätze und sind am Ende auch rentabel.

Investition in Bildungsinfrastruktur

Die jetzige Situation verlangt Investitionen in die Schul- und Betreuungsinfrastruktur. Die Anzahl der zusätzlichen Schüler lässt sich bisher nur grob schätzen, doch der zu erwartende Anstieg liegt in der Größenordnung des durchschnittlichen Schülerrückgangs der letzten 10 Jahre. Der Anstieg der Schülerzahlen ist bereits im laufenden Schuljahr spürbar, doch besonders zu Beginn des nächsten Jahres wird das deutlicher zunehmen.

Die Kinder treffen auf ein Schulsystem, das sich zwar sinkende Schülerzahlen gegenübersieht, aber andererseits erhöhte Anforderungen der Inklusion, Berufsorientierung und Sprachförderung bewältigen muss. Und hier besteht ein erheblicher Investitionsrückstand der Schulinfrastruktur. Die neuen Schülerinnen und Schüler führen nicht nur zu weiterem Investitionsbedarf, sondern auch zu personellen Herausforderungen: Es werden neue Lehrer aber auch Dolmetscher, Sozialpädagogen und Therapeuten für die zum Teil traumatisierten Kinder benötigt.

Ein weiterer Ausbau der Platzzahlen in den Offenen Ganztagsschulen muss von der Stadt Bergisch Gladbach im Haushaltplan berücksichtigt werden.

Mehr Kita-Plätze benötigt.

Der Anteil von Kleinkindern an den Asylbewerbern ist überdurchschnittlich hoch, denn ca. neun Prozent sind ein bis fünf Jahre alt. Die Kapazitäten bei Kitas wurden in den letzten Jahren (auch wegen gesetzlicher Verpflichtungen) zwar ausgeweitet, konnten den Bedarf in Bergisch Gladbach aber nur knapp decken.

Grundsätzlich ist wünschenswert, dass Kinder mit Migrationshintergrund verstärkt an frühkindlicher Bildung teilnehmen. Sie sind in den Kindertagesstätten unterrepräsentiert, obwohl sie häufig Sprachförderung benötigen und deshalb besonders davon profitieren würden.

Eine dafür notwendige Erweiterung der Kapazität sind volkswirtschaftlich und sozialpolitisch lohnende Investitionen. Denn je früher Bildungsinvestitionen stattfinden, desto höher ist ihre Rendite. Besonders der frühe Spracherwerb ist ausschlaggebend für den späteren Bildungserfolg und damit auch für die Integration in Gesellschaft und Wirtschaft.

Investition in Humankapital

Eine ungünstige demographische Entwicklung hat den Städten und Gemeinden in den letzten Jahren die Aufrechterhaltung des gewohnten Umfangs an Versorgungseinrichtungen und sozialer Infrastruktur erschwert. Das könnte sich ändern, denn im Vergleich der Altersstruktur von vorhandenen Einwohnern und Flüchtlingen zeigt: Die Antragsteller für Asyl sind jünger als die bestehende Bevölkerung.

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sind 16 Prozent  aller Deutschen unter 17 Jahren alt. Bei den Asylantragstellern im vergangenen Jahr fallen 32 Prozent unter diese Altersgruppe. Auch ist lediglich ein Prozent aller Asylantragsteller aus dem Jahr 2014 über 65 Jahre alt – in der deutschen Bevölkerung sind es 21 Prozent.

Das Durchschnittsalter der Deutschen liegt zwischen 40 und 50 Lebensjahren: eine überalternde Gesellschaft. Die Zuwanderung wirkt wie eine demographische Verjüngungskur.

Bei diesen Zahlen darf nicht allerdings nicht vergessen werden, dass die meisten Flüchtlinge zunächst einmal die deutsche Sprache lernen müssen, so dass sie dem Arbeitsmarkt nicht sofort zur Verfügung stehen.

In Deutschland fehlen Fachkräfte. Es ist zwar keineswegs so, dass unter den Flüchtlingen ausschließlich Fachkräfte sind, doch auch für weniger qualifizierte Arbeitskräfte gibt es reichlich Bedarf. Die Chancen für die Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt stehen nicht schlecht, zumal die meisten eine hohe Integrationsbereitschaft zeigen und sehr motiviert sind.

Leider gibt es aktuell kaum Informationen über die Qualifikationen der Asylbewerber. Bisher wird jedoch deutlich, dass das durchaus gute Bildungsniveau vieler Flüchtlinge vielfach nicht zu Anforderungen des deutschen Arbeitsmarkts passt oder die Abschlüsse werden nicht anerkannt. Auch fehlen vielen Flüchtlingen die notwendigen Papiere und Zeugnisse, mit denen sie ihre Qualifikation belegen können.

Für eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration müssen Flüchtlinge vor Ort früher, intensiver und unbürokratischer unterstützt werden als bisher. Notwendig sind Weiterbildungs-/Umschulungsangebote. Mit Modellprojekten bei denen innerhalb des Asylverfahrens die Qualifikation erfasst wird und die Bundesagentur für Arbeit (und anderen Behörden) früher und vor allem systematisch eingebunden werden, wurden bereits gute Erfahrungen gemacht.

Solche Projekte und Fördermaßnahmen müssen in Bergisch Gladbach in enger Zusammenarbeit mit den Jobcenter GL, städtischen Einrichtungen, freien Bildungsträgern und unabhängigen Institionen ausgebaut werden.

Umsonst ist die Integration nicht, aber die Investition ist lohnenswert, denn ohne Zuwanderung würde der demographische Wandel den Arbeitsmarkt zukünftig vor massive Probleme stellen und diese sind wesentlich größer als die jetzigen Herausforderungen vor die die Flüchtlinge die Kommunen stellen.

Investition in Kultur

Die Bedeutung von Kultur wird unterschätzt, doch sollte es unter dem Aspekt der kulturellen Vielfalt der Menschen, die nach Bergisch Gladbach kommen, nicht unterfinanziert und übersehen werden. Investitionen in Möglichkeiten der kulturellen Begegnung und Austausch ist eine lohnende Ausgabe, denn sie erleichtert nicht nur die Integration, sondern erhöht die Akzeptanz in der Bevölkerung, verhindert Radikalisierung und festigt gemeinsame gesellschaftliche Werte.

Alleine damit haben Investitionen in Kultur ein erhebliches Rentabilitätspotential. Sie bringen über Umwege, wie Steuern, Abgaben oder Reduzierung von Transferleistungen die geleisteten Investitionen verzinst in den kommunalen Haushalte zurück.

Investitionen in Wohnungen.

Die Flüchtlingszahlen bringen die vorrübergehenden Unterbringungsmöglichkeiten der Kommunen nicht nur kurzfristig an ihre Grenzen, sondern mittelfristig auch den verfügbaren Wohnraum. Denn die Zuwanderung trifft auf einen ohnehin bestehenden Wohnungsmangel in Bergisch Gladbach und der ganzen Region Köln.

Da gerade in urbanen Regionen Flüchtlinge in der Regel bessere Integrationschancen haben, wird der Druck auf den Wohnungsmarkt in den kommenden Monaten zunehmen, wenn immer mehr Menschen aus den Gemeinschaftsunterkünften am Wohnungsmarkt teilnehmen. Da Bedarf an neuen Wohnungen seit Jahren nicht durch private Investoren gedeckt werden konnte, sind kurzfristig umfassende öffentliche Anstrengungen in den Wohnungsbau angezeigt.

Das Pestel-Institut stellt in seiner Studie fest, dass allein in Bergisch Gladbach 800 neue Wohnungen benötigt werden. Der Bau von eine großer Zahl neuer Wohnungen in der Region wirkt wie ein großes Konjunkturpaket auf das regionale Handwerk und die Bauwirtschaft und sichert Arbeitsplätze.

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Tomás M. Santillán

Tomás M. Santillán lebt seit seinem ersten Lebensjahr in Bergisch Gladbach Refrath. Bekannt wurde Tomás M. Santillán durch sein Engagement als Antragsteller des Bürgerentscheid gegen des Cross-Border-Leasing 2003 und seine Kandidaturen als Bürgermeister und Landrat. Von 2009-2014 vertrat er DIE...

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3 Kommentare

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  1. Verehrter Herr Santillan,

    ich kann Ihnen häufig zustimmen.
    Ich (persönlich) habe aus Ihren Kommentaren oft herauszulesen geglaubt, dass Sie echt in Ordnung sind.
    Wahrscheinlich ist das auch so!

    Allerdings,
    auch wenn ich Ihre gesamte Publikation gelesen habe,
    frage ich mich doch schon im ersten Satz (des Absatz` II)

    Wie kommen Sie zu der Formulierung “Neubürger”?

    und was ist Ihre Politik für die Altbürger?
    Also Schwache, Alte, Behinderte, Alleinerziehende…

    Wenn Sie das erklären können, dann könnte ich Ihre Partei wählen.

    Was das mit dem Flüchtlingsthema zum tun hat?

    …Sie kommen drauf