Die Belastung der Luft mit Stickstoffoxid. Eine größere Karte finden Sie ganz unten. Quelle: Stadt Bergisch Gladbach, Geodaten Rheinisch-Bergischer Kreis

Wie verschmutzt die Luft in Bergisch Gladbachs Straßen ist war bislang Gegenstand von Spekulationen. Jetzt hat die Stadt mit Hilfe eines Programms der Landesregierung erste Berechnungen angestellt – mit überraschenden Hinweisen: Beim Feinstaub sieht es gut aus, doch bei den Stickoxiden werden die Grenzwerte an vielen Messtellen wahrscheinlich deutlich überschritten.

Die höchsten Belastungen gibt es aber nicht etwa an der sehr stark befahrenen Dolmanstraße in Refrath, an der Steinstraße in Bensberg oder an der Mühlheimer Straße in Gronau – sondern ausschließlich in der Gladbacher Innenstadt.

Das geht aus den Unterlagen hervor, die die Verwaltung für die Sitzung des Ausschusses für Umwelt, Klima, Infrastruktur und Verkehr (AUKIV) am Donnerstag vorgelegt hat. 

Bei Stickoxiden erlauben die Grenzwerte der EU bis zu 40 Mikrogram in der Außenluft im Jahresdurchschnitt. Bei der Berechnung kamen in der Innenstadt die Dechant-Müller-Straße (zwischen Kalk- und Hauptstraße am östlichen Rand der Innenstadt) auf sehr hohe 49,2 Mikrogramm.

Für die Odenthaler Straße  (zwischen Broich und Laurentiusstraße) auf 41,9 MG, die Stationsstraße an der RheinBerg Galerie auf 43,6 MG und die Paffrather Straße im unteren Abschnitt auf 42,5 MG.

So schädlich ist Stickoxid
Stickstoffoxid ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene gasförmige Verbindungen, die aus den Atomen Stickstoff (N) und Sauerstoff (O) aufgebaut sind. Vereinfacht werden nur die beiden wichtigsten Verbindungen Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2) dazu gezählt.

Stickstoffoxide gehören zu den so genannten reaktiven Stickstoffverbindungen, die zu einer Vielzahl von negativen Umweltwirkungen führen können. Zusammen mit flüchtigen Kohlenwasserstoffen sind Stickstoffoxide für die sommerliche Ozonbildung verantwortlich. Stickstoffoxide tragen zudem zur Feinstaubbelastung bei.

Emittenten: Stickstoffoxide entstehen als Produkte unerwünschter Nebenreaktionen bei Verbrennungsprozessen. Die Hauptquellen von Stickstoffoxiden sind Verbrennungsmotoren und Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle. In Ballungsgebieten ist der Straßenverkehr die bedeutendste NOx-Quelle.

Gesundheitsrisiken: In der Umwelt vorkommende Stickstoffdioxid-Konzentrationen sind vor allem für Asthmatiker ein Problem, da sich eine Bronchialkonstriktion (Bronchienverengung) einstellen kann, die zum Beispiel durch die Wirkungen von Allergenen verstärkt werden kann.

Wirkungen auf Ökosysteme: Stickstoffoxide, insbesondere Stickstoffdioxid, können Pflanzen schädigen und unter anderem ein Gelbwerden der Blätter (sog. Nekrosen), vorzeitiges Altern und Kümmerwuchs bewirken. Zudem trägt Stickstoffdioxid zur Überdüngung und Versauerung von Böden und in geringem Maße auch von Gewässern bei.

Grenzwerte: Zum Schutz der menschlichen Gesundheit wurde europaweit für Stickstoffdioxid der 1-Stunden-Grenzwert von 200 µg/m3 festgelegt, der nicht öfter als 18-mal im Kalenderjahr überschritten werden darf. Der Jahresgrenzwert beträgt 40 µg/m3. Zum Schutz der Vegetation wird ein kritischer Wert von 30 µg/m3 als Jahresmittelwert verwendet. Quelle: Umweltbundesamt

In anderen Stadtteilen werden die Grenzwerte nicht überschritten, auf der Dolmanstraße wurden 33 MG berechnet, auf der Mülheimer Straße 35 auf der Steinstraße 30. Insgesamt wurden 57 Stellen berechnet, an neun Punkten wird der Grenzwert überschritten.

Die Belastung der Luft mit Feinstaub. Eine größere Karte finden Sie ganz unten. Quelle: Stadt Bergisch Gladbach, Geodaten Rheinisch-Bergischer Kreis

Beim Feinstaub ergibt sich ein ähnliches Bild, auch hier werden an den Verkehrsachsen wie der Dechant-Müller-Straße mit knapp 25 Mikrogramm oder auf der Odenthaler Straße (23) die höchsten Werte gemessen; an der Bensberger Straße sind es zum Teil noch 22 MK.

Das müssen Sie über Feinstaub wissen
Feinstaub besteht aus einem komplexen Gemisch fester und flüssiger Partikel und wird abhängig von deren Größe in unterschiedliche Fraktionen eingeteilt. Unterschieden werden PM10 (PM, particulate matter) mit einem maximalen Durchmesser von 10 Mikrometer (µm), PM2,5 und ultrafeine Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 0,1 µm.

Unter dem Begriff Feinstaub werden der primär emittierte und sekundär gebildete Feinstaub zusammengefasst. Primärer Feinstaub wird unmittelbar an der Quelle freigesetzt, zum Beispiel bei Verbrennungsprozessen. Entstehen die Partikel durch gasförmige Vorläufersubstanzen wie Schwefel- und Stickoxide und Ammoniak, so werden sie als sekundärer Feinstaub bezeichnet.

Emittenten: Feinstaub wird vor allem durch menschliches Handeln erzeugt: Primärer Feinstaub entsteht durch Emissionen aus Kraftfahrzeugen, Kraft- und Fernheizwerken, Öfen und Heizungen in Wohnhäusern, bei der Metall- und Stahlerzeugung oder auch beim Umschlagen von Schüttgütern. Er kann aber auch natürlichen Ursprungs sein (beispielsweise als Folge von Bodenerosion). In Ballungsgebieten ist der Straßenverkehr die dominierende Staubquelle. Dabei gelangt Feinstaub nicht nur aus Motoren – vorrangig aus Dieselmotoren – in die Luft, sondern auch durch Bremsen- und Reifenabrieb sowie durch die Aufwirbelung des Staubes von der Straßenoberfläche. Eine weitere wichtige Quelle ist die Landwirtschaft: Die Emissionen gasförmiger Vorläuferstoffe, insbesondere die Ammoniakemissionen aus der Tierhaltung, tragen zur sekundären Feinstaubbildung bei.

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Gesundheitsrisiken:  PM10 kann beim Menschen in die Nasenhöhle, PM2,5 bis in die Bronchien und Lungenbläschen und ultrafeine Partikel bis in das Lungengewebe und sogar in den Blutkreislauf eindringen. Je nach Größe und  Eindringtiefe der Teilchen sind die gesundheitlichen Wirkungen von Feinstaub verschieden. Sie reichen von Schleimhautreizungen und lokalen Entzündungen in der Luftröhre und den Bronchien oder den Lungenalveolen bis zu verstärkter Plaquebildung in den Blutgefäßen, einer erhöhten Thromboseneigung oder Veränderungen der Regulierungsfunktion des vegetativen Nervensystems (Herzfrequenzvariabilität).

Grenzwerte: Zum Schutz der menschlichen Gesundheit gelten seit dem 1. Januar 2005 europaweit Grenzwerte für die Feinstaubfraktion PM10. Der Tagesgrenzwert beträgt 50 µg/m3 und darf nicht öfter als 35mal im Jahr überschritten werden. Der zulässige Jahresmittelwert beträgt 40 µg/m3. Für die noch kleineren Partikel PM2,5 gilt seit 2008 europaweit ein Zielwert von 25 µg/m3 im Jahresmittel, der bereits seit dem 1. Januar 2010 eingehalten werden soll. Seit 1. Januar 2015 ist dieser Wert verbindlich einzuhalten und ab dem 1. Januar 2020 dürfen die PM2,5-Jahresmittelwerte den Wert von 20 µg/m3 nicht mehr überschreiten. Quelle: Umweltbundesamt

Diese Werte liegen aber allesamt deutlich unter dem zulässigen Grenzwert von 50 Mikrogramm und darf nicht öfter als 35mal im Jahr überschritten werden. 

Die Grünen halten eine Entwarnung in Sachen Feinstaub dennoch für voreilig. Die berechneten Jahres-Durchsnittswerte lägen zum Teil deutlich über 20 MG – womit mehr als die Hälfte der EU-Grenzwerte erreicht werde. Daher müsse auch hier offiziell und fundiert nachgemessen werden, sagt Maik Außendorf, der für die Grünen im Umweltausschuss sitzt.

Hintergrund der Berechnungen ist ein Antrag der Grünen in der AUKIV-Sitzung vom April, die gefordert hatten, beim Land die Einrichtung von Messstationen zu beantragen. Das war mit Hinweis auf die hohen Kosten für die Stadt abgelehnt worden. Statt dessen wurde jetzt mit einem sogenannten Screening-Programm berechnet, an welchen Stellen die Belastung wahrscheinlich besonders hoch sind.

Dabei werden Daten über die Verkehrsdichte, die  Bebauung, die Topographie, den Luftaustausch, besonders verkehrsintensive Einrichtungen und die Pendlerströme eingegeben. 

Mit diesem Verfahren wurden jetzt die kritischen Punkte in Bergisch Gladbach aufgespürt. Die Ergebnisse legt die Verwaltung in der Sitzung des Umweltausschusses am Donnerstag vor, mit einer Empfehlung, die Daten an das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz gemeldet. Dort wird dann entschieden, ob die teuren Messcontainer aufgestellt werden, die die tatsächliche Belastung der Luft messen. 

Sollte sich eine eklatante Überschreitung der Grenzwerte bestätigen kommt es zu Luftreinhalte-und Aktionsplänen – wie in Overath, wo gerade eine Umweltzone eingerichtet wurde. Dort hatte derJahresmittelwert an Stickstoffdioxid bei über 50 Mikrogramm gelegen, inzwischen ist er auf 45 zurück gegangen. 

Die folgenden Karten (Quelle: Stadt Bergisch Gladbach, Geodaten Rheinisch-Bergischer Kreis) zeigen die errechneten Werte im Detail:

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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6 Kommentare

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  1. Warum schreiben hier alle Mega-Gauß (MG) oder Maschinengewehr?
    Vermutlich ist hier von Mikrogamm (µg), wie es teilweise auch im Text erscheint, die Rede, oder?

  2. Hallo Herr Esser, Sie haben offenbar sehr gut recherchiert.
    Ich wohne seit knapp 2 Jahren in GL und finde die Luftqualität subjektiv schlecht – daß es keinerlei Meßstellen gibt hätte ivj nicht fűr möglich gehalten.
    Natürlich műssen Meßcontainer her! Es geht um die5 Gesundheit aller Bürger, insbesondere aus meiner Sicht und Verantwortung als Arzt um die der Kinder, Senioren und Personen mit Herz – Kreislauf Erkrankungen. Das dieses Thema so selten in der öffentlichen Debatte auftaucht, ist erschreckend! Das
    die Stadtpolitiker mit uu hohen Kosten argumentieren ist unverantwortlich. Wir benötigen eine breite Aktionsfront, sollten eine Petition starten und die Regionalsender bzw. Zeitungen mit einbeziehen!

  3. Ja, die Grünen müssen verstärkt und vor allem breit! aufgestellt sich diesen Themen widmen und sollten sich nicht von der Öl-und Automobilindustrie manipulieren und schlußendlich kaufen lassen!

  4. Naja – es schreit der Bürgermeister, die FDP und Herr Flügge nach neuem Bauland für Gewerbe und Wohnungen, die CDU sagt(e), dass sie erst die Verkehrsprobleme lösen wollen, bevor große Bautätigkeiten kommen sollen. Irgendwann knickte man dann ein und sagte sinngemäß, dass sich der Wohnraumbedarf schneller entwickeln würde, als man die Verkehrsprobleme lösen könne. Wie auch – ohne Aktionsplan…

    Keinen Aktionsplan anzugehen um diese Themen zu lösen und sich auf die Messungen zurückzuziehen, halte ich für sehr fahrlässig. Denn das zielt genau auf das, was wir schon haben: Augen verschließen vor den Problemen und schön weiter machen wie bisher. Der Bürger ist ja selbst Schuld an der schlechten Luft, er könnte ja aufs Fahrrad umsteigen, öffentliche Verkehrsmittel benutzen (die übrigens auch alle mit Diesel fahren…) usw. – es kann doch nicht die Schuld der Stadtverwaltung oder der Politik sein, wenn die Luft schlechter wird… Zudem würde ein Aktionsplan jetzt aufdecken, dass die Bürgerinitiativen mit ihren Befürchtungen recht haben. Wer von Politik und Stadtverwaltung will DAS schon zugeben müssen?

    Das die Politik und die Stadtverwaltung hier gerade den Neubau von ca. 5.000 – 6.000 Wohnungen und Eigenheimen beschließt (Flächennutzungsplan), die erfahrungsgemäß ca. 10.000 – 15.000 weitere Autos in die Stadt bringen (pro Wohneinheit inzwischen 2,x PKW), jeder dieser PKW 2,5 – 2,7 Fahrten pro Tag im Stadtgebiet machen und wir damit über 30.000 zusätzliche PKW Bewegungen ins Stadtgebiet bekommen – na – DAS kann doch eine Stadtverwaltung und die Politik kaum wissen… Das sind ja jetzt auch nur wilde Spekulationen eines einzelnen Bürgers hier… Genau…

    Erstaunlich, dass die Stadtverwaltung, die letztes Jahr vor hohen Schadstoffwerten gewarnt hat, sich jetzt weigert etwas dagegen zu tun. Ganz im Gegenteil, sie plant Frischluftschneisen um zu Baugebieten und verhindert damit eine Durchlüftung der Stadt zukünftig. Das gepaart mit den zusätzlichen Bürgern und ihren PKW, den durch die Bahndamm-Trasse mehr durch die Stadt fahrenden LKW, dem Ausbau von Krüger und anderen produzierenden Gewerben mitten in der Stadt und dem dazugehörigen Lieferverkehr usw. usw.

    Dann kommen noch so zynische Bemerkungen vom Stadtbaurat Flügge, dass es keinen Anspruch auf wohnraumnahe Erholung gibt. Aha – also muss ich mich zukünftig in einen PKW oder einen Bus setzen, um mal spazieren gehen zu können? Was machen denn bitte die älteren Menschen unserer Stadt (und der Anteil steigt ständig…)? Sollen die gezwungen werden, mit Rollator, Rollstuhl, Stock oder anderen Gehhilfen zukünftig über Wurzelwerk im Wald zu stolpern oder erst mal Busse zu besteigen, damit sie etwas Frischluft bekommen?

    Ich hoffe, die Krankenhäuser in der Stadt sind auf die zu erwartenden Anstiege bei Kruphusten, Asthma und sonstigen Lungen-Erkrankungen gut vorbereitet… Bergisch Gladbach in 20 Jahren – mir graut vor Dir…

  5. 2008 wurde in Bergisch Gladbach das letzte Screening vorgenommen. Nach 9 (in Worten: neun) Jahren bequemte man sich wohl aufgrund der allgemeinen Diskussion über die Umweltbelastungen, aber sicher auch auf Druck der Grünen und nicht zuletzt der Bürgerinitiativen, die Bevölkerung auf die momentane Situation aufmerksam zu machen. Man überließ das dem KSTA, der wohl lediglich übernommene Zahlen abgedruckt hat. Aufklärung geht anders.

    Darüber, warum an Dechant-Müller-Str., Odenthaler Str., Stationsstr. und Paffrather Str. (im Innenstadtbereich) die Werte über der zulässigen Höhe liegen und an Dolmanstr., Bensberger Str. und Steinstr. weit darunter, wird nicht informiert. Aber dafür haben wir ja das Bürger-Portal, das uns wissen lässt, dass nicht nur Verkehrsdichte und -aufkommen verantwortlich für hohe Luftbelastungen sind, sondern auch Bebauung, Topographie, Luftaustausch usw., wozu noch besonders verkehrsintensive Einrichtungen kommen. Wie aber was welchen Einfluss auf überhöhte Werte hat, kann wohl nur die Stadt erklären, wovor die sich scheinbar hütet.

    Auffällig ist nämlich, dass alle von der Stadt genannten, besonders belasteten Straßen im Innenstadtbereich liegen. Im Gegensatz zur Dechant-Müller-Str. mit fast 50 MG sollen es an der Dolmanstr. nur 33 MG und an der Steinstr. nur 30 MG sein, also fast 40% weniger als an der D.-M.-Str.. Das hätte einiger Erklärungen bedurft, denn so ohne weiteres lässt sich das nicht nachvollziehen. Das Signal der Stadt ist: “Was wollen die anderen Stadtteile denn, wenn nur die Innenstadt unter überdimensionaler Belastung leidet. Wir brauchen den Bahndamm, um die Innenstadt zu entlasten!”

    Man darf gespannt sein, wie wichtig der Verwaltung die Gesundheit der Bevölkerung ist. Die Grünen werden jedenfalls nicht locker lassen und erneut Messstationen fordern, weil nur die tatsächliche Fakten ermitteln, die nicht per nebulösen Erklärungen ausgehebelt werden können. Es wäre an der Zeit, dass sich auch andere Parteien an dieser Stelle um das Wohl der Bürgerinnen und Bürger kümmern würden.