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Gassi mit Fabi: Tagebuch einer hundefernen Seele

Erst sollte dieser Text den Titel „Ode an die Hundehasser“ erhalten. Oder „Bekenntnisse einer hundefernen Seele“. Dann „Kacken mit Fabi”. Doch dann kam es anders.

Vorwort von Fabi

Ich kann mir eine Bemerkung über den ursprünglich geplanten ersten Teil des Titels nicht verkneifen. „Kacken mit Fabi“! Meinte der Autor damit einer vermeintlich modernen Schnodderigkeit huldigen zu müssen? Wollte er sich damit anbiedern? Aber bei wem? Oder unterlag er einem mir unverständlichen Ekel vor dem Alltäglichsten und Notwendigsten, was man sich nur denken kann? Wie hält er es wohl bei diesem Geschäft mit sich selber?

Ich hatte nie die Gelegenheit, ihn dabei zu beobachten. Wie alle Menschen, die ich kenne, schloss er sich dazu in einem dieser kleinen Kabinette ein, zu denen uns normalerweise der Zutritt verwehrt bleibt. Warum auch immer. Auf jeden Fall finde ich diesen Teil des Titels wenig dezent und auch überflüssig. Aber ich weiß: Schreiber haben da so ihre eigenen Vorstellungen, von denen sie kaum abzubringen sind.

Freunde des Autors empfanden den Titel „Kacken mit Fabi“ als rüde, was ich teilweise verstehen kann. Nun bin ich ja selber ein Rüde, und einen gewissen Stolz darauf kann ich nicht verhehlen. Sie meinten aber nicht das Substantiv, sondern das Adjektiv, das ja eine ganz andere Bedeutung hat, haben sollte.

Es kommt also nicht nur auf die Wortwahl, sondern auf die Wortartwahl an. Das zeigt wieder einmal die Wichtigkeit von Grammatik-Kenntnissen, von der ich selber überzeugt bin, die die Menschen aber unverständlicherweise seit einiger Zeit vernachlässigen.

Ansonsten muss ich anerkennen, dass der Autor sich Mühe gegeben hat mit seinen Zeilen. Außerdem mag ich ihn persönlich, wie auch seine Frau, die mir die ganze Zeit als der heimliche Chef erschien.

Er hat in diesem Text eine Verständnis-Annäherung geschafft, wie sie vielen Hundehaltern nicht möglich ist, die uns als ihresgleichen ansehen und behandeln oder wie unmündige Kinder oder als Prügelknaben für ihre verdrängten Aggressionen und Machtgefühle. Viele Gedanken äußert er aber auch, die mir fast verrückt erscheinen, und über manches muss ich noch nachdenken.

Leider werden unsere Fähigkeiten und unser Einfluss von vielen unterschätzt. Immerhin verhelfe ich dem Autor zu einer Veröffentlichung, die ihm vorher nie gelang. Deshalb stammt dieses kleine Vorwort auch von mir.

In skeptischer, aber wohlwollender Freundschaft,
Fabi (zertifizierter Rassehund)

Donnerstag, 1. Tag einer zweiwöchigen Fortbildungsveranstaltung:

Das hatte ich schon vorher gelernt: Ab einer gewissen Entfernung vom Ortszentrum überschreitet man die Grußgrenze, das heißt ab hier ist gegenseitiges Grüßen Pflicht oder unumgängliche Gewohnheit, ob man sich kennt oder nicht. Weil ich in dieser stillen Straße von Schildgen offensichtlich diese Grenze überschritten habe, werde ich von der Frau mit „Guten Morgen“ gegrüßt, als ich an ihrem Vorgarten, wo sie gerade die Post aus dem Briefkasten holt, vorbeigehe.

Fabi, der Langhaarcollie unserer Tochter, den wir gerade für zwei Wochen hüten, weil sie mit der ganzen Familie eine Flugreise nach Ägypten unternimmt, bei der der Hund unzumutbaren Strapazen im Flugzeug ausgesetzt wäre, darf sich einer höheren Stufe des Begrüßungsrituals erfreuen. Da er zu den bekannten Persönlichkeiten der Umgebung gehört, wird er mit einem freundlichen Lächeln und der Nennung seines Namens bedacht.

Oder bin ich sogar nur gegrüßt worden, weil ich in Begleitung von Fabi bin? Eigentlich hatte ich gemeint, der Hund begleite mich. Über diese Rollenverteilung würde ich in den nächsten Tagen noch öfter nachdenken müssen.

Ein Mann, der mir mit einem nahezu mikroskopisch kleinen Pinscher entgegenkommt, fragt mich schon von weitem mit einer krächzenden Stimme, die auf Kehlkopfkrebs oder Schädigung durch Kettenrauchen hinweist:

„Weibchen?“
Weibchen?
„Eh ….“

Welche Antwort wird da von mir erwartet? Ah, die Frage gilt wohl dem Geschlecht von Fabi. Mir fällt ein, dass Hunde ja ein Geschlecht haben, eine Tatsache, die für Hundebesitzer so bedeutend ist, dass sie von ihrem Liebling stets in der Er- oder Sie-Form reden, während bei mir, der aus einem hundefernen Milieu stammt, alle Hunde ein Er sind, da es ja der Hund heißt, so wie man auch der Stuhl sagt, und nicht je nach Aussehen der Stuhl oder die Stuhl. Während ich mich noch nicht ganz aus meiner Verwirrung herausgerettet habe, fällt mir glücklicherweise das richtige Wort ein, das meine Tochter manchmal benutzt:

„Nee, Rüde.“

Schon ist die Sachlage geklärt. Was auch immer das heißt.

Mir fällt auf, dass Fabi an manchen Blättern mit spitzer Zunge leckt, als handele es sich um einen kostbaren Leckerbissen. Wahrscheinlich geht es dabei aber um Düfte, denke ich mir und rupfe im Vorbeigehen die Blüte eines Geißblatt-Strauchs ab, deren Duft ich besonders berauschend finde. Ich halte sie Fabi vor die Nase. Zu meinem Erstaunen scheint der Duft für ihn aber völlig uninteressant zu sein. Leben sie auf einem eigenen Duftplaneten, der sich total von unserem unterscheidet?

Freitag

Es regnet. Fabi hat keinen Bock. Habe ich vielleicht Bock auf diese unfreiwilligen Runden, in denen ich ständig mit dem Sortieren von Schirm, Hundeleine und Mantel zu tun habe? Fabi setzt sich mehrmals hin, um seinen Nullbock zu demonstrieren. Oder sind das Rangspielchen, denen er mich aussetzt?

Weil mir trotzdem das Ganze nicht so wichtig erscheint, gebe ich nach, lasse ihn die Richtung auswählen, zeige ihm aber mehrere attraktive Kackplätze im Unterholz, auch neben alten Scheißhaufen, so weit lasse ich mich auf sein Niveau herab. Es nützt aber alles nichts.

Ich habe keinen Erfolg damit. Er lässt sichtbar den Kopf hängen. Ist ihm meine Begleitung nicht gut genug? Ich muss zugeben, dass ich dies schon ein wenig wie eine Niederlage empfinde.

Als ich ihn zu Hause, auf der Treppe sitzend, mit einem Lappen aus der von meiner Tochter bereitgelegten Kollektion abtrockne, findet er das aber sehr gut. Auf jeden Fall lacht er, schaut mir ins Gesicht, als kenne er mich persönlich, und leckt mir sogar ein bisschen die Hand.

„Jetzt behandelst du mich ja so, als wäre ich Christiane oder Judith oder Luisa oder Peter.“

Fast steigt so etwas wie Rührung in mir auf, die ich aber schleunigst zurückstopfe. Kaum habe ich die Namen seiner Familienangehörigen ausgesprochen, als er von seiner Decke im Wohnzimmer aufsteht und sich auf den Teppich unter dem Esszimmertisch legt.

Vielleicht ist das der Platz, an dem er die längste Zeit mit seiner Familie gemeinsam verbringt. Will er mir damit zeigen, wie sehr ich zweite Wahl für ihn darstelle? Dieser Hund!

Eigentlich sollte dieser Text den Titel „Ode an die Hundehasser“ erhalten. Denn nach kurzer Zeit dämmerte in meinem Hirn die Erkenntnis „Hunde sind wie Adelige: degenerierte Sklavenhalter, die sich Menschen zu Diensten machen, weil sie ihre primitivsten Bedürfnisse nicht selber regeln können.“

Allmählich ertappe ich mich aber immer mehr dabei, nach einem anderen Titel zu suchen, weil sich das Gefühl breitmacht, das sei zu hart formuliert. Nicht wegen der Adeligen. Ist da etwa ein Prozess im Gange, der sich mit Gehirnerweichung umschreiben lässt?

Bei der zweiten der heutigen Runden mit Fabi bleibt er mehrmals plötzlich sitzen. Um mir anzudeuten, dass der von mir eingeschlagene Weg nicht seinen Vorstellungen entspricht. Das scheint mir nicht instinktgeboren, sondern so, als handle es sich um reine Spielerei oder Machtspielchen, die er mit mir treibt.

Zweimal führt er mich dabei in eine Sackgasse, von der ich gehofft hatte, sie würde schließlich in einem Fußweg enden, über den wir unsere Runde fortsetzen könnten. Schließlich hat das Wort „Runde“ etwas mit rund zu tun und nichts mit hin und zurück.

Der Gipfel der uneffektiven Frechheit wird erreicht, als er schließlich statt in einem der zahlreichen Kackwälder, die diesen Ortsteil umgeben, vor einem Vorgarten in die Hocke geht, die ich mich nicht traue, brutal zu beenden, da das Geschäft, das er dabei verrichtet, ja das Hauptziel meiner unfreiwilligen Wanderungen mit ihm darstellt.

Prompt werden wir erwischt. (Wieso benutze ich nun schon dieses „wir“? Ich bin doch schließlich hier nicht in die Hocke gegangen. Und ich bin ja nicht einmal der Besitzer dieses Tiers.) Eine Frau, die schon leicht misstrauisch hinter uns hergeschaut hat, ruft gleichzeitig böse und erleichtert (erleichtert, weil wir uns so verhalten, wie sie erwartet hatte):

„Das müssen Sie wegmachen!“

Redet sie Fabi mit Sie an, oder meint sie ausschließlich mich? Als hätte ich die Untat begangen.

Mir kommt in den Sinn, wie oft ich mich darüber aufgeregt habe, dass Hundebesitzer so häufig unbewaffnet ihren Gang mit ihrem Liebling unternehmen, nicht bewaffnet mit einer Schaufel und einer Plastiktüte, mit der sie das stinkende Geschäft ihres Schützlings aus der öffentlichen Nase und vor den öffentlichen Schuhen beseitigen können, wenn es denn so weit kommen sollte.

Und schließlich stellt diese Tat auch in unserer Stadt einen Ordnungsverstoß dar, der mit einer Buße von bis zu 200 Euro  geahndet werden kann, wenn sich denn in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit jemand in der Verwaltung finden sollte, der solches kontrolliert. Deshalb bemühe ich mich spontan, der Frau so freundlich wie möglich zuzurufen:

„Sie haben Recht. Ich komme gleich und mache das weg.“

Während dieses Dialogs und während meiner tiefgründigen ordnungspolitischen Gedanken steht Fabi da, als gehe ihn das alles nichts an. Kurz darauf entfaltet er – offensichtlich vor einem anderen Rüden – noch eine böse Bellerei, während er – offensichtlich an einem Weibchen – hochinteressiert herumtanzt und herumschnüffelt.

Als ich ihm all dies zu Hause vorhalte, vor allem die Schweinerei vor dem Vorgarten, für die ich mich gleich mit Plastiktüten bewaffnen muss, um dann ihren stinkenden Inhalt eigenhändig nach Hause zu tragen, nach dem Aufsammeln, über dessen Ekligkeit ich gar nicht genau nachdenken darf, erscheint meine eigene Frau vor mir und tadelt mich.

Wie könne ich einem Hund denn durch meine Vorwürfe so ein schlechtes Gewissen bereiten? Da könne der Arme doch leicht einen seelischen Schaden davontragen! Wer aber macht sich Gedanken über die permanenten seelischen Schäden, die ich in diesen Tagen davontrage?

Nun ist es nicht so, dass Fabi sich gar keine Gedanken macht. Als wir am Abend mit Annette und Helmut nach Köln ins Kino fahren wollen, ist der Hund auf einmal verschwunden. Nachdem wir alle Zimmer im Haus abgesucht haben, finden wir ihn in Luisas Zimmer vor der Balkontür, von der man einen Blick auf die umliegenden Häuser und den Himmel hat. Sein Blick zeigt nach oben, wo er sich offensichtlich die Entwicklung der Wolken anschaut. Dort braut sich nämlich etwas zusammen.

Hinter seiner Stirn aber ebenfalls. Denn vor Gewitter hat er fast so einen Respekt wie vor dem Feuerwerk zu Silvester. Da entpuppt er sich als ein regelrechtes Sensibelchen. Mit schlechtem Gewissen lassen wir ihn allein, in der Hoffnung, dass er wie immer bei solchen Gelegenheiten den Platz unter Peters Schreibtisch aufsucht. Auf jeden Fall wissen wir nun, warum in diesem Haus stets alle Zimmertüren geöffnet sind. Nicht nur ein Hauch von Freiheit, sondern auch stets offene Fluchtwege in alle möglichen Richtungen.

Samstag

Heute sind wir ziemlich schnell. Trotzdem dauert der Gang 1¼ Stunden, hinter dem Kalmüntener Friedhof links auf den Berg im Wald, dann weiter links ins einsame Waschbachtal. Es begegnet uns nur eine Frau mit einem kastrierten Rüden. Der existiert für Fabi gar nicht.

Die Frau mit der hübschen Figur und dem alten Gesicht in der Straße Am Waschbach lobt Fabi wegen seiner Freundlichkeit, womit sie sicher Recht hat. Ihr Hund, ein Weibchen, wie ich erfahre, nähert sich Fabi zuerst neugierig und scheinbar angetan, bellt aber plötzlich und unmotiviert, was die Besitzerin mit einer Ermahnung und der entschuldigenden Bemerkung quittiert:

„Die ist im Allgemeinen auch freundlich, muss aber manchmal etwas rumzicken.“

Wie Eltern, die sich ihrer mangelnden Erziehungserfolge schämen.

Fabi leckt wieder mit zierlicher Zunge an bepissten Blättchen, so wie unsereins ein köstliches Eis löffelt, dazu schleckt er aus einem Bächlein, das vielleicht gar keins ist, sondern lediglich ein offener Abwassergraben, in welchen sich das Wasser aus einem Kanalrohr neben der Straße ergießt. Fabis Schlecken ist endlos. Das Abwasser muss eine Fülle von köstlichen Geschmäckern in sich vereinen.

Sonntag

Heute sind wir wieder im Waschbachtal. Unsere Schlüsselfrage ist jetzt immer:

„Kennen die sich?“

In meinem früheren, unbeschwerten hundelosen Dasein war meine Schlüsselfrage immer die nach dem Akzent des anderen gewesen. „Entschuldigung. Ich horche schon die ganze Zeit auf Ihren Akzent. Kommen Sie nun aus Berlin oder aus Sachsen- Anhalt?“

Und schon war ein intensives Gespräch über Dialekt, Herkunft und Lebenslauf im Gange. Wenn ich hier einem anderen Hundebesitzer, der mir begegnet, die Frage stelle: „Kennen die sich?“, brauche ich nicht auf die Tiere zu zeigen. Es ist sofort klar, dass sich die Kommunikation nur um die Hunde drehen kann, drehen darf, nicht etwa um irgendwelche belanglosen Menschen. Die Frau, der ich heute im einsamen Waschbachtal begegne, antwortet prompt auf diese Frage:

„Fabi?“
„Ja.“
„Die mögen sich nicht besonders.“
„Rüde?“
„Ja.“
„Aber es ergibt sich gar kein wütender Kampf. Ist das nicht immer so bei Rüden?“
„Nur wenn einer zu respektlos ist.“

Eine differenzierte Wahrnehmung und psychologische Verarbeitung der individuellen Verhaltensweise des anderen Hunds? Das hätte ich ihnen gar nicht zugetraut.

In dem Moment wird mir deutlich, dass die Stimme dieser Frau mich an jemanden erinnert. Ein deutlich wahrnehmbarer Charme, metallisch überhöht. Ach ja, die Frau meines Stiefbruders. Die hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Bedeuten die Stimmen den Menschen das, was Hunden die Gerüche bedeuten?

„Sie scheinen ja eine regelrechte Hundepsychologin zu sein.“
„Das muss man ja schließlich.“
„Ich interessiere mich mehr für die Ähnlichkeit mit den Menschen.“

Jetzt konnte ich endlich meinen provozierenden Gedanken loswerden. Wie würde ein Hundebesitzer darauf reagieren?

„Gestern kam ich auf einen Spruch, den ich meiner Tochter nicht sagen darf.“
„Schießen Sie los!“
„Hunde sind wie Adlige: degenerierte Sklavenhalter, die sich Menschen halten, weil sie ihre einfachsten Bedürfnisse nicht selber befriedigen können.“

Ich erwarte einen heftigen Protest. Stattdessen:

„Stimmt. Aber nur hier, wo so viele Menschen auf einem Haufen leben. Wäre es einsamer, könnten sie auch ihre Bedürfnisse selber befriedigen.“

Die Argumentation ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Sind diese Hunde also nur deshalb degeneriert, weil wir Menschen in degenerierten, sprich unnatürlichen, Umständen leben?

Eine andere Frau, offensichtlich mit einem kastrierten Hund, begegnet mir. Wieder keinerlei Aggression zwischen den beiden Tieren. Meine obligate Frage:

„Kennen die sich?“
„Ich glaube nicht. Der ist schier fschemd.“

Hatte ich mich früher damit beschäftigt, welche Stellung die Zungen östllich der Oder-Neiße-Linie bei der Aussprache eines r einnehmen, ob vielleicht zwischen dem Zungen-r und dem Rachen-r am Gaumen, was das r in ein groteskes sch verwandelt, so scheine ich nun dabei, die Weltsicht eines Hundes zu übernehmen.

Mir wird deutlich, dass ich nun ständig mit der Frage beschäftigt bin, wo man am besten schnüffeln kann, aus welcher Pfütze man am besten trinken kann, wo man unbedingt und wie man bellen muss, und vor allem: Wo hebe ich mein Bein, und wo gehe ich in die Hocke? Und vor allem wann.

Eine Frau mit einem rundlichen Bäuchlein und freundlichen Schlitzaugen versucht, ihren heftig bellenden Hund zu beruhigen. Entschuldigend meint sie:

Der fühlt sich eingesperrt, weil er heute angeleint ist.“

Ich will eigentlich das Gespräch auf Menschen lenken, als ich erwidere:

„So würde ich mich auch fühlen.“
„Nicht wahr, wenn man nicht weg kann?“

Meint sie mich damit? Nein, sie denkt einzig und allein an ihren Hund.

Ich hatte gedacht, ich würde mit meiner Bemerkung ein wenig provozieren. Das gelingt aber keineswegs. Für sie ist die Menschenähnlichkeit etwas völlig Selbstverständliches. Sie scheinen alle viel mehr in der Psyche der Hunde zu Hause zu sein als in der menschlichen.

Manchmal scheint Fabi nicht nach Hause zu wollen. Dann will er nicht den Weg einschlagen, für den ich mich entschieden habe. Habe ich kein Recht mehr auf einen eigenen Willen? Auf jeden Fall ertappe ich mich dabei, dass ich schon Kompromisse mache.

Häufig wende ich aber auch den Alzheimer-Trick an, den unser Sohn Martin als Zivi erfunden hatte. Er betreute nämlich einmal einen Alzheimer-kranken Alten, der in seinem Rollstuhl nach dem Spaziergang nicht nach Hause gefahren werden wollte, mit dem Argument:

„Dort wohne ich nicht.“

Martin drehte ihn dann in seinem Rollstuhl einmal um sich selbst, woraufhin die Fortsetzung des Wegs in die gleiche Richtung ohne Weiteres möglich war.

Funktioniert dieser Trick bei Fabi nicht, so lasse ich beim Bocken einmal kurz die Leine etwas lockerer. Dann kann ich das alte Ziel wie selbstverständlich weiterverfolgen. Das erinnert ein wenig an die Erziehung von Pubertierenden.

Unterwegs habe ich ja immer genügend Zeit zum geruhsamen Nachdenken. Zum Beispiel über die Gespräche gestern bei Rolfs Geburtstag. Dabei überkommt mich plötzlich ein schreckhafter Gedanke:

„Sind die normalen Gespräche so viel bedeutsamer als die Gespräche der Hundefreunde untereinander?“

Ist die Frage, ob Karl der Große heiliggesprochen wurde, wirklich so viel wichtiger?

Oder die Frage, wo sich eigentlich genau die Kölner Südstadt befindet, und ob das eilige und ununterbrochene Googeln auf einem Eipott (oder wie das Ding heißt) wirklich die Lösung dieser weltbewegenden Frage bringen kann.

Wie aber bewerte ich die Erkenntnisse, die sich mir zwischen zwei oder vier Schnüffelecken aufdrängt: Dass Karl der Große wohl nur aus politischen Gründen, als Schachzug in der Machtfrage zwischen Kaiser und Papst, heilig gesprochen wurde oder werden sollte?

Und dass man das beim Googeln nur rauskriegen kann, wenn einem eine wissenschaftliche Bildung oder entsprechend viel Erfahrung im Umgang mit solchen Problemen zur Verfügung stehen. Genau wie bei der Erkenntnis, dass es Verwaltungsbegriffe wie Altstadt Süd und Altstadt Nord gibt und daneben inoffizielle Begriffe wie Südstadt und Altstadt.

Doch eines ist sicher: Das alles interessiert weder Fabi und Konsorten noch ihre Herrchen und –ja, wie heißt eigentlich das weibliche Pendant von Herrchen? Weibchen? Wohl kaum. Da käme es ja zu Verwechslungen. Wohl doch Hundefrauen. Oder? Ach, nein, jetzt weiß ich: Frauchen. Frauchen!

Von den Verkäufern in Textilgeschäften, die etwas auf sich halten, wird man ja immer als Herr und Dame bezeichnet. Müssten deshalb Hundebesitzer nicht eigentlich Herrchen und Dämchen heißen? Modernere, unkompliziertere Verkäufer reden auch von Männern und Frauen.

Dann wäre die Analogie bei den Hundebesitzern Männchen und Frauchen. Ist es aber nicht. Man merkt: Immer endet das Wortpaar in einer Schieflage. Und immer zuungunsten der Frauen. Verrät sich da eine konservative bis reaktionäre Haltung der Hundebesitzer?

Montag

Früher war es üblich, von Unterschicht zu sprechen, noch früher sogar von Asozialen, wenn man Alkoholiker, Arbeitslose und ungelernte Arbeiter meinte, die in anrüchigen Stadtvierteln wohnten. Nach den geistigen Umwälzungen der 60er Jahre sprach man von Unterprivilegierten, um deutlich zu machen, dass der andere Teil der Gesellschaft sich eigentlich –teils unverdienter- Privilegien erfreute.

Heute ist an diese Stelle das Wort „Bildungsferne Schichten“ gerückt. In diesem Sinne könnte man in meinem Falle von einem Angehörigen einer hundefernen Schicht sprechen. Einem Menschen also, der durch sein mangelndes Verständnis für die wichtigste und selbstverständlichste Sache der Welt, nämlich die Haltung eines wie auch immer gearteten Hundes, kein Verständnis aufbringt, und der mit seiner erkenntnisresistenten Haltung immer noch Menschen in den Mittelpunkt des eigenen und auch des öffentlichen Interesses gerückt haben will.

Hundebesitzer wären somit auf Grund ihres richtigeren Weltbilds Privilegierte, die aber Schwierigkeiten haben, Menschen ohne Hund zu verstehen. Menschen also, die sich nicht vorstellen können, wie wichtig die Psyche eines Hundes ist, die über Hundebesitzer lächeln, wenn sie sie nicht sogar verachten oder auf sie schimpfen und die den Kopf schütteln, wenn sie sehen oder riechen, wie wichtig das tägliche Geschäft von Hunden in unserer Gesellschaft sein muss.

Die auch lächeln oder den Kopf schütteln über den Besitzerstolz des privilegierten Teils unserer Gesellschaft, für die Menschen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Ich oute mich also hier offen als notorisches Mitglied einer hundefernen Schicht. Daher auch der Titel dieses Tagebuchs.

Heute ist Fabi voller Energie. Vielleicht weil Montag ist? Die Autos eilen ja auch wie nach einem Winterschlaf mit besonderem Effet durch die Straßen, als gelte es, alles durch unverzeihlichen Schlendrian am Wochenende Versäumte pflichtgemäß nachzuholen.

Früh bellte Fabi schon auffordernd, so dass ich mir die Morgentoilette verkniff, was mir nicht so viel ausmachte, da wir uns in diesem Stadtteil ja inkognito aufhalten. Er freut sich, als ich wie gewünscht auf seine Aufmunterung reagiere.

Vielleicht ist seine Freude aber auch darauf zurückzuführen, dass unsere besten Freunde, Helmut und Annette, nicht mehr da sind, ebenfalls Menschen aus einer hundefernen Schicht, die nach nichts rochen, sozusagen kynologische Nichtse darstellen, und die dazu noch die Unverschämtheit besaßen, uns zu einem Vivaldi-Konzert im Altenberger Dom zu entführen, wofür Fabi offensichtlich jegliches Verständnis abgeht.

Seine Abscheu wäre gewiss noch größer geworden, wenn er erfahren hätte, dass die Cembalistin aus Lettland unverkennbar das Gesicht eines Kätzchens hatte, wenn es auch noch so hübsch und nett war.

Stattdessen drängte sich Fabi enthusiastisch an mich, als ich auf der untersten Treppenstufe im Flur saß, um ihm sein Halsband anzulegen, und versuchte, mir übers Gesicht zu lecken. Oder hatte er gemerkt, dass ich noch nicht gewaschen war?

Als ich ihm später das Halsband wieder abnehme, kommt es wieder zu dieser intimen Annäherung. Dieses Mal kann es nicht die Freude auf den bevorstehenden Spaziergang sein. Also doch der Versuch, mein ungewaschenes Gesicht zu reinigen?

Der ungewaschene Zustand hat mich eines Teils meiner Energie beraubt. Deshalb will ich heute einmal dem Hund die Führung überlassen. Und tatsächlich schnürt er zielstrebig durch die Straßen, in den Wald.

Kein Wiesenweg dieses Mal, aber auch kein Hinhocken, nur das fast gierige Schnüffeln an bestimmten Stellen. Riecht er dort eigentlich seine eigene Biographie oder den Lebenslauf oder Charakter von anderen Hunden?

Andere Düfte als die von Hunden lassen ihn offensichtlich völlig gleichgültig, wie mein Geißblatt-Experiment gezeigt hat. Oder liebt er als olfaktorischer Narziss und Monoman wirklich nur die eigenen Düfte? Wir Menschen haben ja leider den Kosmos der persönlichen Düfte seit langer Zeit als unanständig aus unserer Welt entfernt, durch intensives Waschen und Parfüms verdrängt.

Hoffentlich rächt sich unsere Natur nicht eines Tages, so dass wir in Mengen zu Personen mutieren, wie sie Patrick Süskind in seinem Roman „Das Parfüm“ eindrucksvoll dargestellt hat. Das Erstaunliche bei Fabi: Alte Produkte des Hinhockens scheinen ihn auch nicht zu interessieren, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Ich hätte vermutet, dass da alte Düfte viel intensiver konserviert sind.

Was seine selbstgewählte Route angeht, ist mir nicht klar: Zieht er eigentlich Achten oder Endlosschleifen vor? Vielleicht habe ich durch geringfügige Bewegungen der Leine ja doch gelenkt. Denn plötzlich drängt sich mir doch ein Ziel auf. Weil ich es ihm auf einmal nachtun will.

Ich beobachte an mir, dass ich auf der Suche nach einem imposanten Baum bin, wo ich mein Geschäft verrichten kann. Als ich dies verrichte, die Leine ängstlich und zugleich locker in der linken Armbeuge, zeigt sich, dass auch meine Verrichtung ihn absolut nicht interessiert. Wie gut, so dass ich so auch nicht in den Verdacht kommen kann, mich eines sodomistischen Exhibitionismus schuldig zu machen.

Andere Tierarten interessieren Fabi kaum, weder die Pferde auf den Weiden zwischen den Waldgebieten um Schildgen herum, obwohl sie sich manchmal neugierig nähern, wenn wir vor einem Zaun haltmachen, noch Tauben oder Amseln, die in den Gärten herumflattern. Und die dicken Nacktschnecken auf den feuchten Waldwegen schon gar nicht.

Nur wenn in der Ferne ein Hund auftaucht, hält er seinen Kopf zielgerichtet nach vorne, um frühzeitig erkennen zu können, um wen es sich handelt. Als wir heute am Zaun seiner geliebten Luna vorbeikommen, ist sie nicht zu sehen. Er hält sich nicht lange mit Schnüffeln auf, sondern scheint mehr an dem unsichtbaren Rivalen gegenüber interessiert zu sein.

Sein Atem wird stärker, fast hektisch, er knurrt, röchelt, dann bellt er, bis tatsächlich eine Antwort erfolgt, von einem Pinscher hinter einer dichten Hecke. Ist ihm Rivalität noch wichtiger als eine Liebesbeziehung?

Seine eigentlichen Interessen bleiben mir letztlich ein Geheimnis. Manche Hunde scheinen ihm sogar völlig uninteressant zu sein, ein Wollknäuel zum Beispiel mit Schnauzbart, das uns im Wald begegnet, und das paradoxerweise auch noch auf den Namen Luna hört, was Fabi aber auch nicht weiter irritiert.

Seine ganze Leidenschaft scheint wieder dem intensiven Pinkeln zu gehören, an Stellen mit Grasbüscheln und Brennnesseln oder anderem Unkraut, dessen Namen man nicht kennt. Hat meine Kleidung nicht auch schon den Geruch dieser Kräuter angenommen sowie den von nassem Hundefell? Kann ich vielleicht schon gar nicht mehr auf diesen Duft verzichten und werde langsam selber zum Hund?

Als wir uns im Zentrum auf dem schmalen Bürgersteig neben der Autoendlosschlange der Durchgangsstraße bewegen, tummelt sich Fabi ungerührt weiter in seinen parallelen Duftwelten. Was ist mir eigentlich lieber, das anonyme Endlosblech oder die stinkende Individualität eines Hundes, der meinen Tagesrhythmus bestimmt?

Eine Zeitlang hatte ich vor, diesen Zeilen den Titel „Bekenntnisse einer hundefernen Seele“ zu geben. Dann fand ich, das klinge zu sehr nach Geständnis, als wenn ich eine verwerfliche Tat oder sonst etwas Unangemessenes zu beichten hätte.

Immerhin habe ich ihn mehrmals betrogen, wenn ich an das Wort „Leckerli“ denke. Überhaupt „Leckerli“! Ist dieses Wort nicht verräterisch für unsere Gesellschaft oder wenigstens für die Gesellschaft der Hundebesitzer, die nicht mehr den Unterschied zwischen Mensch und Tier kennt, oder für die Hunde sogar die besseren Menschen sind?

Man sieht es oft in ihren Augen, wenn sie einem begegnen und Anerkennung heischend anschauen, nur weil sie einen Hund ausführen. Ihre Tiervergötzung wird nur noch von Reitern übertroffen, die leutselig von ihrem hohen Ross herab grüßen.

Oder hat es einfach mit einem Besitzerstolz zu tun, den ich auch schon bei mir entdeckte, als ich gestern Annette und Helmut gerne vorgeführt hätte, welche Kunststückchen der Hund für mich vollführt, das Stöckchenholen oder das Holen des Quietscheballs, für ihn ein Endlosspiel, und vor allem das Vorführen des Rucks, der durch seinen Körper geht, wenn ich mit dem Zeigefinger herrisch auf den Boden stakse, damit er genau dort seine befohlene Beute ablegt?

Hier funktioniert der Pawlowsche Reflex ohne Schwierigkeiten. Wo aber bleibt er bei dem Betrug mit dem Leckerli? Er müsste doch mittlerweile wissen, dass er nur dazu dient, ihn gegen seinen Willen ins Haus zu locken, wenn wir ohne ihn ausgehen wollen und ihn deshalb einsperren.

Ein wenig haben wir dabei ein schlechtes Gewissen, weil wir bei der Erziehung unserer Kinder nie solche Tricks angewandt haben, was allerdings dazu führte, dass auch sie unheilbar ehrlich wurden, damit vielleicht ein wenig weniger lebenstauglich als andere. Deshalb nehmen sie bis heute keine herausragenden Stellungen in der Gesellschaft ein.

Die Frau, die als Scheinriese hinter dem Törchen erscheint, weil sie wahrscheinlich auf einer Leiter steht, wird von Fabi angebellt, verbellt, ausgebellt. Nie weiß man als Hundeferner, welches der richtige Fachausdruck ist, dessen man sich zu bedienen hat. Scheinriesen werden jedenfalls als ungewöhnlich empfunden, lerne ich bei der Gelegenheit.

„Bellen“ ist ein Ausdruck für Bildungsferne, Hundeferne. Spezialisten benutzen allenthalben Vorsilben: anbellen, ausbellen, verbellen. Wie die Verben anmachen, ausmachen, rübermachen, runtermachen von den Spezialisten unter den Feministinnen, Soldaten, Ostlern und Sozialpädagogen verwendet werden. Ob vielleicht überall da, wo geschnüffelt und gepinkelt wird, bleibt mir ein Geheimnis.

Erregende Geheimnisse scheinen sich an Heckenunterseiten und Bodendeckern wie Efeu zu verbergen, den zivilisierten Formen von Grasbüscheln und Brennnesseln. Immer ereignet sich dort der elegante Beinhub, nicht so peinlich erbärmlich wie die Kackstellungshocke.

„Hier ist ein Vogel, der hier nicht hingehört.“

Eine mir wildfremde Frau redet mich so an, überspringt damit Barrieren, die eigentlich in dieser Stadt üblich sind. Es stellt sich heraus, dass sie auch einen Hund hat. Handelt es sich inhaltlich und was die Barrierenlosigkeit angeht, also um das Kommunikationsniveau des Tierliebhabers?

Ihr Hund ist auch ein Bekannter von Fabis großer Liebe Luna, die gleich nebenan residiert. Dorthin muss Fabi noch einmal zurück, um sein Liebesseufzen von sich zu geben. Aber wieder ist ihm die Provokation des Rivalen von der gegenüberliegenden Straßenseite wichtiger und fällt ausgiebiger aus als sein Schmachten. Er scheint enttäuscht, dass der innig Gehasste sich nicht zeigt, so dass er seine gesammelten Aggressionen nicht loswerden kann.

Heute habe ich Fabi viel Raum gelassen zum selbstständigen Wegfinden. Er schaut sich aber auch schon einmal um, ob der von ihm eingeschlagene Weg in Ordnung ist. Zum Schluss will er den Weg verlängern, er scheint ihm zu kurz zu sein, obwohl er schon gähnt. Als ich ihn wie gewohnt mit dem Alzheimer-Trick austricksen will, funktioniert dieser schon weniger. Hat er in der kurzen Zeit dazugelernt? Alle Achtung!

Dienstag

Es wird mir deutlich, dass zwischen Fabi und mir ein Prozess der zunehmenden Identifikation abläuft, mit seinen eigenen Pannen. Heute will ich ihm was Gutes tun und führe ihn an seiner Geliebten vorbei, Luna, mit dem düsteren verkniffenen Gesicht, die aber offensichtlich andere, mir verborgene Qualitäten haben muss.

Sie ist zwar anwesend. Aber es wird nun noch deutlicher, dass die Liebe der Triebabfuhr durch Aggression weit unterlegen ist, dass erstere sogar vergessen wird, wenn der Rivale in Sicht ist. Bei diesem handelt es sich um ein als Rivale unverständliches kleines weißes Wollknäuel, welches sich heute dazu herablässt, persönlich anwesend zu sein.

Beide Kontrahenten bellen mit lustvoller Aggression, können nicht genug davon kriegen. Luna zieht sich resignierend in den Hintergrund zurück. Nach dem Weitergehen, welches mehr durch mich erzwungen bzw. suggeriert wird, ergibt sich kurz, wie sonst auch, eine kurze Rückkehr der wehmütigen Erinnerung an Luna, die ihn ein paar Schritte zurücklaufen lässt. Dieser Liebesanflug wird aber sofort wieder durch den wütenden Aggressionsreiz verdrängt.

An anderer Stelle ist meine Identifikation schon eher gelungen, hätte aber leicht zum Ausstoßen aus der menschlichen Gesellschaft führen, wenn es nicht zufällig regnete. So kommt es lediglich zu einem verzweifelten „Nein“ hinter den Scheiben eines Fensters in der 1. Etage eines Einfamilienhauses, als Fabi sich in der beschämenden Pose auf einen Splithaufen hockt, der wohl zum Bau eines Wegs in den Garten gedacht ist.

Zwar führe ich dieses Mal Tüten dabei, habe aber keine Lust, die stinkende Last aufzusammeln, weit von zu Hause entfernt, und bei Regen zu transportieren, vor allem, wenn zwischendurch ein Regenschirmwechsel sowie ein Tütenwechsel erforderlich ist, von der einen Hand in die andere.

Und die Situation ergibt sich mit Sicherheit, da Fabis Leine einmal links, dann wieder rechts zu halten ist, weil ich ihm nicht zumuten kann, eine attraktive Schnüffelstelle zu verpassen. Nicht auszudenken, was alles passieren kann, wenn bei diesem komplizierten Jonglieren eine Panne passiert! Das kann man mir doch nicht zumuten.

Die Identifikation geht sogar so weit, dass der Gedanke „Sollen sich nicht so anstellen“ in mir auftaucht, ausgerechnet in mir, der ich sonst solche Gedanken stets als abartig, unsozial, egoistisch verfemt hatte, wie die Zumutungen der Raucher. Wie ist dieser Zielkonflikt zu lösen? Müsste man einfach immer einen Kackrucksack dabei haben? Was mache ich mir Gedanken! Das muss schließlich meine Tochter lösen, nicht ich.

Der Gipfel der unverhofften und ungewollten Identifikation ereignet sich während eines Kurzbesuchs bei Malla und Freddi. Als Freddi sich in der Sprechanlage mit „Ja?“ meldet, antworte ich tatsächlich mit einem Bellen.

„Wie soll ich das jetzt verstehen?“ klingt Freddis Stimme zwischen Verunsicherung und Belustigung aus der Sprechanlage. Ich habe Angst, er würde auflegen, da er sich schon immer über unangemessene Telefonanrufe geärgert hatte, deshalb antworte ich nun in Menschensprache:

„Kennst du meine Stimme nicht? Dann kennst du mich vielleicht auch nicht, wenn ich gleich an der Tür erscheine.“

Hat er meine Stimme nun doch erkannt, oder ist er einfach neugierig? Als Fabi an der Tür erscheint, lässt seine Verblüffung erst richtig nach, als er hinter dem Hund noch meine Gestalt entdeckt. Und dann wieder: „Du hast vielleicht Ideen!“ Hat er einen Moment doch überlegt, ob nicht vielleicht ein Hund bei ihm geklingelt hat?

Mittwoch

Heute frage ich mich plötzlich, ob dieser mysteriöse Hund insgeheim Lesen gelernt hat. Wir stehen vor einem Schild „Privatweg, Durchfahrt und Durchgang verboten“. Und wie selbstverständlich will er hier umkehren, während ich noch überlege, ob das Schild wirklich ernst gemeint ist.

Vielleicht liegt der Unterschied zwischen Hunden und Menschen hauptsächlich darin, dass Menschen einmal erlassene Regeln oder Verbote auch wieder in Frage stellen können. Obwohl es viele Menschen gibt, die dazu kaum in der Lage sind. Sie sind aber doch trotzdem noch lange keine Hunde! Für die Hundebesitzerin, auf die wir vor dem Schild treffen, geht der Weg hier völlig selbstverständlich weiter.

Oder heißt das nur, dass Fabi besser lesen kann als sie? Da ich mich aber durch ihre Haltung bestätigt fühle, wende ich wieder einmal den Alzheimer-Trick an, drehe Fabi um 360 Grad, und wir betreten den Weg, der über weite Wiesen an einem einsam gelegenen Bauernhof vorbei führt.

Uns begegnet ein Fahrradfahrer, der den Weg wie selbstverständlich benutzt, und dann sogar einem Auto, in dem vielleicht die Besitzer des Bauernhofs sitzen. Keiner sagt etwas gegen unser widerrechtliches Eindringen. Am Ausgang des Weges findet sich überhaupt kein Schild, so dass man sich fragen kann, ob das Schild am anderen Ende vielleicht längst in Vergessenheit geraten ist und keinen mehr interessiert. Denn es kann doch kaum sein, dass der Durchgang auf diesem Weg nur in einer Richtung verboten ist.

Ich grüble auf jeden Fall noch eine Zeitlang über Sinn und Unsinn der Schilder in Schildgen oder in Schilda, als wir auf einen Waldweg geraten, an dessen Eingang gleich zwei Schilder nebeneinander stehen.

Das erste wurde offensichtlich von der Forstverwaltung aufgestellt und verbietet Fahrzeuge, Zug- und Reittiere auf diesem Waldweg. Gleich daneben sehe ich verblüfft ein Schild mit der Kennzeichnung „Reitweg“. Ein Reitweg ohne Reittier? Wohl kaum. Dieses Mal reagiert Fabi überhaupt nicht.

Aus dem Wald klingen uns Motorsägengeräusche entgegen. Ich entdecke zwei Waldarbeiter mit Ohrenschutz. Sie schneiden – Kräuter ab, großes Springkraut mit seinen lieblichen süßlich duftenden Blüten. Weil sie nicht hierhin gehören und sich endlos vermehren?

Aber soll das eine Ausrottungsaktion sein? Nach dem Abschneiden wächst die Pflanze doch nur umso besser. Sie schneiden sie auch nur auf dem kurzen Stück Wiese ab, das hier den Reitweg von dem übrigen Waldweg trennt.

Bevor ich sie nach ihrer Tätigkeit frage, rede ich mit ihnen über die beiden Schilder am Anfang des Wegs. Sie kennen die Geschichten von den Schildbürgern nicht. Ich erzähle ihnen die von dem Boot, in dem die Bürger von Schilda auf den See hinausfuhren, um eine Glocke zu versenken, die sie vor den räuberischen Kriegstagen bewahren wollten. Damit sie sie nach dem Kriegsende wiederfinden, bezeichnen sie die Stelle am Boot, an der sie die Glocke hinunterlassen, mit einer Kerbe.

Die beiden Arbeiter lachen. Nein, das hatten sie noch nie gehört. Eine Erklärung für die beiden widersprüchlichen Schilder kennen sie auch nicht. Die Schilder waren ihnen noch nie aufgefallen.

Nun erfahre ich, dass sie vom Förster jedes Jahr den Auftrag erhalten, sich der Aktion zu widmen, mit der sie im Augenblick beschäftigt sind. Ihre Firma, die in Kürten ansässig ist, besteht aus ihnen beiden. In Bergisch Gladbach kennen sie sich nicht aus. Das erwähnen sie wohl, weil sie nun ahnen, dass auch ihre Tätigkeit irgendwie im Reich der Schildbürger angesiedelt sein könnte. Auf jeden Fall bewahrt sie sie vor Arbeitslosigkeit.

Ich überlege, ob nicht zahlreiche sinnfreie Tätigkeiten unserer Zeit darauf zurückzuführen sind, dass die Schildbürgergeschichten in Vergessenheit geraten sind. Oder spielt vielleicht Korruption oder Gleichgültigkeit die größere Rolle?

Wenn in der Fußgängerzone in Gladbach einfach ein Brunnen verschwindet und der Bürgermeister mir auf Nachfrage erklärt, es handle sich nicht um einen Brunnen, sondern lediglich um ein Wasserspiel.

Und wenn das alte Naturpflaster beseitigt wird, um einem neuen Betonpflaster Platz zu machen, das dann zufällig aus der Firma eines CDU-Ratsherrn stammt.

Und wenn mit einem Mal alle – wirklich alle- Bäume in der Fußgängerzone beseitigt werden, nachdem der Bügermeister kurz zuvor den anfragenden Bürgern noch zugesagt hatte, dass kein Baum gefällt werde.

Und wenn im Bundestag eine Abstimmung während der Europa-Fußballmeisterschaft stattfindet, über welche sich anschließend alle Beteiligten wundern, dass sie daran teilgenommen haben. Darin wurden die Meldeämter ermächtigt, die Daten der Bürger auch zu Werbezwecken zu verkaufen.

Huch, das habe ich abgestimmt? Wie der Wilddieb, der vom Förster gefragt wird, was das denn da auf seiner Schulter sei, woraufhin er einen Blick zur Seite wirft und erschrocken ruft:

„Huch, ein Reh!“

Der Unterhaltung mit den Waldarbeitern hört Fabi ungerührt zu. Sie scheint ihn nicht sehr zu interessieren. Bei meinen Gedankengängen, die sich daran anschließen, bin ich nicht sicher, ob er sie überhaupt für möglich hält.

Es begegnet uns eine Frau mit zwei schwarzen Pudeln. Den Rüden hält sie an der Leine. Er zeigt aber keinerlei Aggressionen.

„Meine Hunde sind ‚brav’“, meint sie, als ich meine Verwunderung äußere.
„Nur die heißen Hündinnen! Haben Sie auch das Problem?“
Welches Problem sollte ich mit heißen Hündinnen haben?
„Ich weiß nicht, woran man erkennt, dass Hündinnen heiß sind.“
„Die laufen dann einfach los und haben nur eins im Kopf.“
Was wird das wohl sein, was die dann im Kopf haben?

Kurz vor zu Hause gibt Fabi ein Wiedererkennensbellen von sich. So scheint es mir zumindest. Freut er sich, dass wir wieder in heimatliche Gefilde kommen? Hat er eine Landmarke gesehen- oder gerochen-, die ihm die Nähe von zu Hause signalisiert? Oder hat er so etwas wie ein Messtischblatt im Kopf?

In der zweiten Runde – am Nachmittag – wollen meine Frau und ich Fabi einmal etwas Neues bieten, packen ihn in unseren Variant, was er anstandslos mitmacht, vielleicht weil unsere Überzeugung von der Notwendigkeit unseres Handelns suggestiv auf ihn wirkt, oder weil er früher schon unser Motorgeräusch interiorisiert hatte, so dass es ihm wie ein Teil unserer Personen vorkommt, und fahren zum Dünnwalder Wildpark.

Doch interessiert er sich weder für Wildschweine noch für Damhirsche, bellt nur anstandshalber, wenn ich ihn auf diese Säugetier-Kompagnons aufmerksam mache.

Auch die Erzählungen des Försters interessieren ihn nicht wirklich. Er drängelt aber trotzdem nicht, als ich auf der Bank mit dem Förster über den Förster Scheidler meiner Kindheit rede, den er noch kannte, und der meiner Mutter ein mildes Knöllchen gegeben hatte, als sie 1945 in der Nacht einen Holzstamm klaute, statt schon wieder Kohlen am Bahnhof zu „fringsen“.

Auch die Tatsache, dass ich damals als Dreijähriger für eine Küche sparte, um Elsbeth, das Töchterlein des Försters, heiraten zu können, lässt Fabi völlig kalt, ebenso das „Tschier“ statt „Hier“ des Oberschlesiers, den wir mit einigen seiner zahlreichen Enkelkinder treffen, und selbst die Verkäuferin im Eissalon, die den deutschen Knacklaut vor Vokalen am Silbenanfang nicht beherrscht und deshalb „acht Euro“ ungewollt in die Klage „Ach, Teuro“ umwandelt.

Wir aber freuen uns, dass das Wetter sich ein wenig gebessert hat, so dass es möglich ist, „unseren“ Hund in unser Auto zu packen, ohne dass er innen gleich ein Schlammbad verbreitet.

Donnerstag

Es ist nicht zu übersehen: Bevor wir losgehen, beim Befestigen der Leine an seinem Halsband, schaut Fabi mir nun immer freudig ins Gesicht und versucht mir dieses zu lecken, was mich sofort daran erinnert, dass er mit derselben Zunge zärtlich die bepinkelten Blättchen an den Wegrändern umschmeichelt.

Ich gestehe aber, dass ich trotzdem in Versuchung komme, da sein Gesichtsausdruck eine Mischung von Dankbarkeit und Vorfreude zeigt, die mir schmeichelt, als sei sie mein Verdienst.

„Morgen, Fabi!“

So grüßt das hochbeinige weißblonde Frauchen im Wald ihn munter.
Dann, mit einem kaum merklichen Zweifel zu mir, wesentlich weniger herzlich:

„Das ist doch der Fabi? Die kennen sich.“

Auch die nächste Hundebesitzerin, die mit dem Fahrrad unterwegs ist, scheint ihren Liebling zu Fabis alten Bekannten zu zählen. So erzeugt die Begegnung keinerlei Aufregung, nur intensives Scharren auf beiden Seiten. Manchmal brummt Fabi zusätzlich beim Scharren und blickt danach Anerkennung heischend umher. Wofür er Anerkennung will, bleibt sein Geheimnis.

Als wir an einem Gebäude mit der Aufschrift „Hundepension“ vorbeikommen, lässt er ein kurzes Bellen ertönen, obwohl weder ein Hund noch ein Mensch zu sehen sind. Woher weiß er dann, dass es sich um eine Hundepension handelt? Kann er vielleicht doch lesen?

Fabi scheint mir ein typischer Rainkacker zu sein. Rain mit ai, wohlgemerkt. Er hat wohl wie auch die Biologen die Bedeutung des Rains erkannt, wo schon im Mittelalter die angeblichen Hexen (haguzissa) ihre Vielfalt an Pflanzen fanden. Heute spricht man von Diversität. Dort findet sich vielleicht auch eine größere Vielfalt an Gerüchen, die er zusätzlich durch seinen gelegentlichen selbst produzierten Dünger befördert. Die Raine finden sich immer zwischen zwei weniger besiedelten Biotopen wie Wiesen oder Äckern oder Gärten. Große Wiesenflächen lassen Fabi kalt.

Schildgen war bezeichnenderweise schon früher ein Hexendorf. Heute findet man hier eine ausfransende Bebauung mit Bodenfalten und Dellen in den letzten Ausläufern des Bergischen. Manche Hügel sind nicht erklärbar. Verbergen sich Hügelgräber darunter? Immerhin liegt der alte Ort Paffrath in der Nähe.

An einen Rain, an dem Fabi wieder liebevoll verweilt, grenzt ein Kindergarten. Als ich noch darüber nachdenke, ob sich die Kinder nicht in Ferien befinden, kommen sie schon angelaufen:

„Wie heißt der?“

Der Name Fabi gefällt ihnen gut.

„Wir kommen bald in die Schule“, verkünden sie stolz.
„Freut ihr euch?“
„Ja, wir kommen zusammen. Ich gehe aber vorher noch in ein Fußballcamp.“

Ich frage das Mädchen neben ihm:

„Gehst du auch ins Fußballcamp?“
„Nein, Reitcamp.“

So haben die Kinder heute alle viel zu tun. Trotzdem wünschen sie sich einen Hund. Der läuft dann für sie aber nur so nebenbei. Mama macht das dann schon. Und jetzt mache ich es eben.

Beim zweiten Gang will er erst gar nicht, dreht um, will wieder durchs Gartentörchen zurück. Er erinnert sich wohl plötzlich daran, dass ihm Elisabeth gerade ein Leckerli gegeben hatte, trockenes Rind- und Schweinefleisch statt der eintönigen Kunstnahrung, die aus einem undefinierbaren Gemisch aus Fisch und Kartoffeln besteht, zu kleinen Klößchen geformt. Manchmal frisst er die nur in der Nacht, um uns gegenüber so zu tun, als fräße er gar nichts. Aus Protest vielleicht, gegen die schnöde Abwesenheit seiner Herrschaften.

Oder will er in diesem Moment nur, dass Elisabeth mitgeht? Schließlich ist er doch noch zu seinem Spaziergang zu bewegen.

Sind inkontinente Alte und alte Hunde eigentlich gleichberechtigt? Wohl kaum. Als ich ein entsprechendes Bedürfnis spüre, und das ist bei mir nicht wie bei ihm ein reiner Spaß und Zeitvertreib, muss ich schleunigst eine Stelle finden Richtung Wald, wo nicht ein Exhibitionismusverdacht oder andere schlimme Vermutungen zu meiner sozialen Isolierung führen können.

Dort begegnet mir ein Hund mit einem Mantel, auf dem das Wort „Rentner“ steht, was mir im ersten Moment wie eine Verhöhnung vorkommt. Als ich ihn genauer anschaue und seine langsamen Bewegungen wahrnehme, meine ich versöhnt zu dem Besitzer:

„Der hat ja offensichtlich langsam ein Recht dazu“ und füge dann hinzu:
„Gehen Hunde auch mit 65 in Rente, oder greift bei ihnen schon die Neuregelung ‚mit 67’?“
„Dabei gibt es gar keine Arbeitsplätze, für Alte schon gar nicht.“
„Nur für Arbeitgeber. Oder für Banker.“

Beide Hunde stellen für Fabi kein Problem dar. Weil sie ohne Leine herumlaufen können und dadurch saturiert sind, was ihren Freiheitsdrang angeht, oder auch, weil sie lustvoll den Stöckchen nachlaufen dürfen, die ihnen ihr Herrchen wirft?

Fabi macht keine Anstalten, diesen Stöckchen hinterherzuhecheln. Reagieren sie auf fremde Stöckchen nicht? Dann bellt er mich an, wohl um mir zu zeigen, dass ich ihm ein ähnlich attraktives Programm bieten könnte. Ich lasse ihn von der Leine, und er vergnügt sich voller Lust mit dem Stöckchen im Wald. Plötzlich scheint er wieder jung geworden. Beim Weiterlaufen zieht er nach vorne, bellt in die Gegend. D

as Stöckchenwerfen ist offensichtlich so etwas wie ein Jungbrunnen. Oder ist es das Losbinden, was ich mir bei der Gelegenheit erlauben kann? Es ist ja kein Problem, ihn wieder zu kriegen, wenn ich so tue, als ob ich ihm weiter Stöckchen werfen würde. Wieder ein gemeiner Betrug, den er aber ohne zu klagen schluckt.

Auf dem Rückweg kackt er leider wieder in eine Garageneinfahrt. Ich habe aber langsam Routine mit der einen Tüte als Greifer und der anderen als Behälter. Stehen deshalb heute die Mülleimer an der Straße? Immerhin ist es noch ziemlich weit bis zu Hause.

Kinder, die mit ihrer Oma unterwegs sind, fragen:

Wie heißt der Hund?“

Den Namen Fabi finden sie sehr schön. Andere Leute meinen:

„Das ist aber ein schöner Hund!“

Ich bin ein wenig eifersüchtig, weil sie mich gar nicht zu sehen scheinen. Und dabei bin ich es doch, der die Probleme mit seinen Ausscheidungen auszubaden hat.

Seit einiger Zeit versuche ich, ihn auf „Kackadikackadu“ zum Kacken zu konditionieren. Elisabeth lacht darüber.

„Das klappt ja nicht mal bei dir selber!“

Auf einige Kommandos hört er ja, zum Beispiel auf „Sitz!“ Auf den Ruf „Fabi!“ weniger. Wenn ich die Hände übereinander hin und her bewege und dazu „Schluss!“ rufe, scheint er das wirklich zu verstehen.

Wenn er „Bällchen“ oder „Quietschebällchen“ hört, sucht er dieses tatsächlich und findet es, sogar wenn es hinter dem Autoreifen liegt. Überhaupt könnte er das Bällchenspiel endlos spielen, im Laufen und im Sprung. Manchmal fängt er es sogar beim ersten Zuschnappen, wartet darauf, dass ich meinen rechten Zeigefinger energisch vor mir Richtung Boden stipse, um sich dann raffiniert, fast hinterhältig, zu nähern.

Dann lässt er sich das Fingerstipsen wiederholen und legt den nächsten Gang ein, bis er in Erwartung vor mir steht. Ich kann ihm nun den Ball aus dem Maul nehmen, ohne dass er wütend wird, ohne dass er zubeißt, sehr angenehm, wenn auch sein Sabbern weniger, aber man gewöhnt sich erstaunlicherweise daran.

Hinterher lässt er sich widerstandslos die Pfoten abputzen, an den Hinterläufen ist er allerdings etwas empfindlicher. Dann macht er sich im Wohnzimmer sein Bett, wühlt eine Decke so lange, bis sie ihm ein Kopfkissen bildet.

Eigentlich schläft er viel, in den letzten Tagen etwas weniger. Hat er sich vielleicht an uns gewöhnt und braucht sich deshalb seinem einsamen Schicksal nicht mehr durch Schlaf zu entziehen?

Einmal hat er sogar gekotzt. Warum? Auch vielleicht ein Protest gegen sein schnödes Verlassenwerden? Oder war die Ursache das Wasser der Pfütze, das er getrunken hat? Immerhin scheint die wunde Stelle an der Pfote verschwunden zu sein, mit der er uns übergeben wurde. Dann kann unsere Betreuung für seine Psyche doch nicht so schlecht sein.

Freitag

Wegen erneuter Regenfälle, während in Amerika und Teneriffa die große Dürre herrscht, husche ich nur schnell mit Fabi in den nahen Kackwald. Mein Dressurprojekt „Kackadikackadu“ funktioniert leider nicht. Es erweist sich als großer Fehler, dass ich vor mir auf die von mir erwählte Stelle auf dem Boden zeige und „Hier!“ dazu sage.

Das signalisiert bei ihm lediglich das Stöckchen- und Bällchenspiel, was man an seinem erwartungsfrohen Stehenbleiben erkennt. Ein wenig später werden doch noch meine Hoffnungen erfüllt. Hatte er immerhin verstanden, er solle sein Geschäft in diesem Wald verrichten?

Dieses Mal kriecht er dazu unter einen stachligen Ilex-Strauch, wo keiner hinkommt. Zeigt sich darin ein Anfall von Rücksichtnahme? Denkt er vielleicht an die merkwürdig ekelverzerrten Gesichter, die sich bei Menschen zeigen, wenn ihre Schuhe plötzlich in dem stecken, was für ihn so überaus wichtig ist?

Nach dem Geschäft widmet er seine Energie wieder einem intensiven Scharren, wobei er versucht, alte Erdschichten bloßzulegen. Vielleicht fühlt er sich dabei wie Heinrich Schliemann. Mir ist immer noch nicht klar, nach welchen Düften er sucht. Nur nach seinen eigenen? Archäologen suchen letztlich auch nur nach Eigenem, dem typisch Menschlichen oder der Diversität des Menschlichen, oder sie projizieren die eigene Haltung, sei sie nun kriegerisch oder friedlich oder ökologisch ausgerichtet. Mich überrascht die Idee, dass es sich bei Fabi insgeheim um eine wissenschaftliche Seele handeln könnte.

„Sind Sie der Opa von Luisa?“
„Ja.“
„Ich habe Sie am Hund erkannt.“

Am Hund, nicht an mir selber, keine Erinnerung an mein Gedicht über Kinderaugen, das ich dem Kindergarten damals geschenkt hatte. Auch nicht an meine Texte in der Online-Zeitung. Und es kriecht in mir wieder einmal der Verdacht hoch, dass diese gar nicht gelesen werden, sondern dass die manchmal sogar zahlreichen Reaktionen nur auf die beigefügten Fotos zurückzuführen sind. Facebook-Menschen halt. Liegt das an meinen Texten oder an dem allgemeinen Trend, lieber nicht so genau über Einzelheiten nachzudenken?

Die Erzieherin sprach mich in dem Gässchen neben dem Kindergarten an, dem evangelischen Gässchen neben dem evangelischen Gässchen, dem evangelischen Pfarrheim und der evangelischen Kirche, dem Viertel, durch das ich Fabi ohne Schwierigkeiten führen kann. Hier scheint ihn keinerlei Weihrauch-Allergie von Durchgängen, ungeliebten Nachbarschaften oder teuflischen Ablasspraktiken abzuhalten.

Dieser Stadtteil namens Schildgen ist überhaupt der Ort der Gässchen. Ich entdecke immer wieder neue geheime Gänge, der ideale Ort für Hunde, oder für Hundebesitzer, weil sie die Mentalität ihrer Hunde übernommen haben oder schon immer hatten.

Die Wunder seiner Abrichtung kann ich allerdings besser im Vorgarten erleben: Das Kommando „Sitz“ funktioniert fast immer. Ich brauche es manchmal, wenn ich ihm sein Halsband umlegen will. „Wenn er hinten klopft“, wie meine Tochter es auszudrücken pflegt, will er das Stöckchenspiel. Legt er das Stöckchen zu weit entfernt von mir ab, nachdem er wie ein geölter Blitz hinter ihm hergepest ist, dann muss ich erneut auf den Boden zeigen, so dass er es prompt aufhebt und noch einmal näher kommt, um es erneut abzulegen oder es sich von mir aus dem Maul nehmen lässt. Hündisch, so was!

Ein unvergessliches Erlebnis scheint für ihn aber das Stöckchenspiel in dem herrlichen Buchenwald zwischen Schildgen und Voiswinkel zu bleiben. Hier tauchen wieder unmotivierte Hügel in der Landschaft auf, die dieses Mal als Crossstrecke für Radfahrer ausgebaut sind, entlang eines Bachs, der vielleicht der uralte und geheimnisvolle Bach meiner Kindheit ist, der Mutzbach, der in Dünnwald wie der norditalienische Po einen beiderseitigen Damm besitzt, da er als Mühlenbach für Rittergut und Kloster wichtig war.

Hier im Wald zwischen Schildgen und Voiswinkel dient er der Versammlung von lauter Weibchen, auch menschlichen. Es herrscht eine angenehmen Kaffeeklatsch-Atmosphäre, die Frauchen bestätigen, dass Hunde Individualitäten sind, bewundern wieder den schönen Hund, den Fabi darstellt.

Mit Voiswinkel hatte ich bisher nur Treffen von jugendlichen Rechtsradikalen oder Randalierern verbunden. Hier aber versammelten sich hündische und menschliche Weibchen. Da konnte sich der einzige Mann in der Runde und auch Fabi wie ein Pascha fühlen. Ich auch?

„Wie machen Sie das, dass er so schöne langfallende Haare hat?“

Künstlich bescheiden antworte ich:

„Das meiste macht er selber, indem er sich öfter schüttelt“,

und erwähne nur so nebenbei, dass ich ihm manchmal das Fell bürste.

Ich gestehe, dass ich selber auch gerne so lang herunterhängende Haare hätte, wofür ich einen Lacher bei den Frauchen quittiere.

Der einzige Mann in der Runde außer mir nimmt mich daraufhin diskret zur Seite, um mir einen Witz zu erzählen:

„Ein Mann stand nackt vor dem Spiegel und sah an sich herunter. Dann schüttelte er den Kopf und meinte: ‚Was wir beide nicht alles schon gemeinsam erlebt haben!’ Da kommt seine Frau dazu und meint: ‚Deshalb hängt er auch so an dir.’

Nahm er mich zur Seite, weil er die Ohren der Frauchen mit solchem Männerhumor verschonen wollte, oder hatte er ihnen denselben Witz vorher schon erzählt?

Samstag

Als wir heute zwei Weibchen begegnen, ist Fabis Interesse am Stöckchenwerfen wieder auffallend größer.

„Sie kneift ab und zu andere Hunde in den Schwanz“, meint die Besitzerin der einen Hündin. „Aber das haben die dann oft nicht so gern.“

„Wer hat das schon gern?“ erwidere ich, was von ihr offensichtlich nicht verstanden wird, da sie in dem Moment nur auf Hunde gepolt ist.

„Ich habe sie aus einem Tierheim geholt. Sie kam aus Rumänien. Und zwei Jahre lang war sie psychisch geschädigt.“

Wieder stutze ich. Redet sie von einer Freundin? Oder einem Kind, das sie gerettet hat?

Dann wird es aber wieder klar, wovon die liebevolle Stimme unter den tiefschwarz gefärbten Haaren redet.
„Ich habe schon einen Hundepsychiater und einen Hundeflüsterer zu Rate gezogen. Man muss einfach viel Geduld haben. Nun geht es langsam.“

Eigentlich sieht sie so aus, als könne sie sogar mit Menschen so liebevoll umgehen. Wo die doch häufig eher mit Tabletten abgespeist werden.

Mittlerweile weiß ich, dass Fabi tief im Inneren ein Sportler ist. Deshalb traue ich mich auch immer öfter, ihn loszulassen. Er dankt es mir mit vermehrter Zuwendung, gibt ein freudiges Bellen von sich. Wenn ich ihm die Füße trockne, dabei auf den Stufen im Treppenhaus sitze, versucht er, mich zu küssen.

Immer öfter sitzt er erwartungsvoll vor mir, in Erwartung des Stöckchenwerfens. Als ich am Nachmittag hinter dem Haus im Garten sitze und lese, klaut er zuerst einen Plastikübertopf von Blumen, zerbeißt ihn und erwartet, dass ich sein künstlerisches Produkt als Bällchen werfe. Weil ich mich vom Lesen nicht abhalten lasse, versucht er es als nächstes mit einem ledernen Gartenhandschuh, dann mit einem Handfeger, bis ihm schließlich einfällt, dass das Gerät, was für diesen Sport vorgesehen ist, im Vorgarten liegt, das Bällchen.

Immer häufiger sind jetzt auch seine Sprachversuche. Er jault in allen möglichen Tonarten und legt große Begeisterung an den Tag, wenn ich in diese Übungen einstimme. Unterwegs ertappe ich mich immer öfter dabei, dass ich mit ihm rede. Mein früheres Selbst müsste sich deswegen eigentlich schämen. Aber existiert es noch?

Es ist mittlerweile kein Problem mehr, Fabi im Auto mitzunehmen. Er sitzt vor dem Heckfenster und verfolgt die Wege, die wir nehmen, oder er schaut sich die Landschaft an, was immer er darunter versteht.

Beim Laufen bleibt er in der letzten Zeit immer mal wieder sitzen. Ich weiß nicht recht, was das bedeutet. Will er ein Gespräch mit mir anfangen und weiß nicht, wie, oder packt ihn ein philosophischer Gedanke, der ihn nicht loslässt?

Sonntag

Elisabeth fragt unser Mündel am Morgen „Hast du in der Nacht gekotzt? Du armer Kerl!“ So redet sie mit mir nicht. Dabei hatte er ihr richtig Arbeit bereitet. Mit einem wenig wohl duftenden Fleck an der Haustür hatte er begonnen. Dann markierte er den Boden im Esszimmer, und zum Schluss hatte er seinen braunen Matsch auf dem blauen Teppichboden vor unserem Schlafzimmer abgeladen.

Aus Anhänglichkeit an uns, oder war es pure Verzweiflung gewesen? Verzweiflung darüber, dass er uns zu Liebe endlich eine ordentliche Portion gefressen hatte und nun sein entwöhnter Magen nicht mitspielen wollte. Erstaunlich, mit welcher Geduld und gleichzeitiger Sorge um den Übeltäter meine Frau sich um die ekligen Relikte einer nächtlichen Völlerei kümmerte!

Draußen herrscht als Gegensatz dazu jetzt ein klarer Sonnenschein. Nach so vielen Wochen grauem Himmel und penetrantem Regen. Ein leichter Wind bläst Heiterkeit ins Hirn, das so rein erscheint wie eine chilenische Oase.

Im einsamen Waschbachtal begegne ich einer einsamen Joggerin. Niedliche Erhebungen hinter einem leichten T-Shirt und pralle Wölbungen in der losen Turnhose lassen an mir etwas wachsen, nicht nur

Phantasien von Sex in beiderseitigem Einverständnis im naheliegenden Gebüsch, ohne langes Gerede. Warum eigentlich nicht? Aber bin ich dann nicht ein Fabi? Nähere ich mich überhaupt nicht allmählich seiner Mentalität an? Wo soll das dann noch enden?

Am Nachmittag laufen Fabi und ich zusammen von der Waldsiedlung zur Waldschenke in Dünnwald, dem schönsten Platz im Rheinland. Hier sind sogar alle Hunde friedlich. Neben uns sitzt eine schlanke Dunkelhaarige, die allerdings so aussieht, als habe sie Haare auf den Zähnen. Später setzt sich eine Dicke dazu, die sie überschwänglich begrüßt.

„Wenn das nur einmal wäre, könnte ich es verzeihen, wenn es länger andauern würde, würde ich ein Stück weit ….“

„…sie dürfte nur nicht unter meinem Niveau sein. Was anderes wäre es, wenn es eine besonders attraktive Frau wäre, …“

Fetzen eines Gesprächs, die an mein Ohr dringen. Später, als sie wieder alleine ist, hat sie ihre Sonnenbrille wie ein Diadem auf den Haaren, liest dabei betont. Die Sonnenbrille, das Lesen und die gestrickte Stola wollen wohl andeuten, dass sie längst aus der Unterschicht herausgewachsen ist, oder sich hochgedient hat oder so. Aber pirscht sich da nicht eine Fortsetzung meiner Gedanken vom Waschbachtal an mich heran? Was passiert da mit mir?

Montag

Das schöne Wetter verlockt mich zu einer größeren Runde, über den Endlosverkehr der Altenberger Domstraße hinweg, an der Hoverhofer Mühle vorbei auf das riesige Gelände des Hoverhofs. Das wollte ich mir immer schon einmal anschauen. Und auch Fabi scheint nicht abgeneigt, die Gerüche von Schrott und Baumaschinen in sich aufzunehmen, die hier abgelegt und abgestellt sind.

Keiner Menschenseele begegnen wir auf dem weitläufigen Areal, das von einer einzigartigen langgestreckten Fachwerkarchitektur begrenzt wird. Rechts daneben ein schiefer-gedecktes charaktervolles altes Haus, unter Denkmalschutz, wie die Plakette des Landes NRW ausweist. Warum kennt keiner dieses merkwürdige Ensemble?

Und da ist noch etwas zu sehen, was sicher auch diese Plakette verdient hätte, eine alte Villa in einem merkwürdigen Stil. Etwas verlassen, nicht verkommen, wirkt sie. Ein Schatz, den man uns bisher vorenthalten hat, warum auch immer. Später stelle ich fest, dass der Schieferbau zwar vom Bergischen Geschichtsverein aufgeführt wird, die Villa seltsamerweise nicht.

Als Fabi mich in den Bereich vor der Villa zieht, springt uns ein mittelgroßer Kläffer entgegen, sofort von einer Person energisch zurückgerufen, einer Person an einem Tisch vor der Villa, wo noch drei, vier andere sitzen, wie bei einem Frühstück, jüngere, höchstens mittelalterliche Leute.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“

Die bekannte Frage in dem Ton des Befremdetseins oder Indigniertseins, wie sie auch die Adligen in den Schlössern an der Erft von sich geben, wenn man undezenterweise in ihre Gehege eingedrungen ist. Sie sind dabei zu Verbotsschildern entweder nicht befugt, weil sie öffentliche Gelder für die Erhaltung ihrer Liegenschaften erhalten, oder weil sie offene Verbote für nicht vornehm genug halten. Das Volk muss doch einfach von sich aus merken, was sich nicht gehört.

„Nein, ich wollte mir nur mal diese schönen Gebäude anschauen.“

Keine Reaktion auf das nahezu anbiedernde Lob.

„Das ist privat. Der Ausgang ist dort drüben.“

Sie weisen mich zu einer Straße, über die ich nicht gekommen bin, und an der dann tatsächlich ein Schild steht, welches den Weg zurück, weil privat, verbietet.

Was für Leute sind das? Sie frühstücken vor der Villa, nicht in einem schönen Garten oder auf einer Terrasse dahinter. Vielleicht doch nur Angestellte des Grafen? Oder Mafia, die sich erst vor kurzem in den Besitz dieses Anwesens gebracht hat? Vielleicht zeigt sich in ihrem Verhalten die Ähnlichkeit zwischen den alten und den neuen Verbrechern. Ihre kalte Ablehnung scheint auch ein wenig auf Fabi zurückzuführen zu sein, der mit seiner Zurückhaltung und seinem schönen Aussehen den Kläffer in beschämender Weise in den Schatten stellt.

Am Nachmittag zieht mich das schöne Wetter durch das Mutzbachtal mit seinen buckligen leergetrampelten Ufern und den urigen Baumstämmen quer über dem Wasserlauf über den Weiler Mutz zwischen weiten Feldflächen nach Voiswinkel, an Fachwerkhäusern vorbei, die ich noch nie gesehen habe, zu Henni und Edi, den Eltern meines Schwiegersohns Peter. Unterwegs bestraft Fabi den steifen Stolz eines Ziegenbocks und seine impertinenten Ausdünstungen mit Missachtung.

Peters Eltern begrüßt er dagegen mit Schweifwedeln als alte Bekannte. Vielleicht hat er auch früheres Entgegenkommen nicht vergessen. Zwar erhält er nicht wie ich ein Stück meines Lieblingskuchens, Schwarzwälder Kirsch, als hätten sie auf mich gewartet, aber natürlich wird er mit Wasser versorgt und in einen Schattenplatz geführt. Er hätte sich den auch selber aussuchen können, da er in seinem Bereich liegt.

Aber offensichtlich ist sein Leidensdruck gegenüber der Hitze nicht so groß, dass er dazu Veranlassung hat. In meinem und in Edis Verhalten ihm gegenüber zeigen sich also zwei ganz unterschiedliche Erziehungskonzepte. Erziehung zur Selbständigkeit hier und patriarchalische Fürsorge da.

Als ich von meinen Erlebnissen auf dem Höverhof erzähle, erfahre ich den Spitznamen des Besitzers: „der Eiertollah“. Ein Bauer namens Kremer, der seit längerer Zeit alle Ländereien aufkauft, die es zu kaufen gibt, warum auch immer, und der in seinem Mühlenfachwerkhaus Eier verkauft. Deshalb Eiertollah. Der Anklang an Ajatollah lässt aber auch eine Portion Unbehaglichkeit und Unheimlichkeit sichtbar werden, die er bei den Leuten auslöst.

Bemerkenswert scheint mir zu sein, wie Fabi auf einmal minutenlang vor einem Gemälde im Flur stehen bleibt, das früher einen Ehrenplatz im Wohnzimmer hatte. Missbilligt er die neue Hängung dieses Bildes? Ist er wirklich in der Lage, die Qualität dieses Temperabildes in Primamalerei zu würdigen? Manchmal halte ich alles für möglich.

Dienstag

Heute ist die evangelische Runde dran. Sie dauert nicht ganz eine Stunde und ist für Fabi evangelisch problemlos, anders als die katholische Runde, bei der er immer etwas irritiert wirkt.

Bei der Begegnung mit einem Hund samt Anhang in Form von Frauchen wieder meine notorische Frage:

„Kennen die sich?“
„ Fabi?“

ist die Antwort. Meine Tochter, die Fabi sonst ausführt, wird mit keinem Wort erwähnt. Es geht wieder nur um den Hund.

„Im Sommer ist er doch sonst geschoren, oder?“
„Nein, nicht immer. Das war nur voriges Jahr so. Weil sie Urlaub an der Adria machten, in Kroatien. Das war wohl für seine Wolle zu heiß. Obwohl meine Oma auf dem Standpunkt stand:
‚Wat jot es fö de Kält, es och jot fö de Hetz.’“

Sie lacht, meint aber, das habe man damals wohl nur gesagt, wenn die Umstände eine Änderung nicht zuließen.

„Der Fatalismus der früheren Zeiten halt, nicht tiefere Einsichten in die menschliche Natur.“

Ihre Stimme klingt wie die einer Person aus befreiter Unterschicht, weil sie trotz eigentlicher Gehemmtheit, die die Zähne nicht auseinanderbringt, auf einmal die Schönheit der eigenen Zähne entdeckt hat und die nun beim Sprechen immer entblößen muss, wie Rudis Schwiegertochter,

Vorher ertönte zu Hause Fabis Jaulen punkt halb neun. Elisabeth meint:

„Weil er es gewohnt ist, dass sich zu diesem Zeitpunkt die Familie um ihn kümmert.“
„Nicht Fabi, jetzt denkst du an Christiane und an Judith und Luisa und an Peter?“

Das Nennen der Namen löst bei ihm das Schräglegen des Kopfes aus, als klinge jeder der genannten Namen für ihn süßer als alles andere. Wir merken in diesem Augenblick wieder:

Wir sind doch nur die 2. Wahl für ihn. Wie zum Trost will er mich wieder küssen, als ich auf der Treppe vor ihm sitze. Oder sieht er in diesem Moment Luisa in mir?

Im Wald begegnet uns ein Winzling. Sein Frauchen meint bescheiden zu Fabi, als der sich mit ihrem zerbrechlichen Schützling zu beschäftigen beginnt:

„Der ist doch viel zu klein!“

Als Kenner, zu dem ich mich mittlerweile zu entwickeln scheine, entgegne ich:

„Das spielt bei ihm keine Rolle, Hauptsache, die Chemie stimmt.“
„Da haben Sie Recht“,

meint die Frau und wirkt dabei ganz glücklich.

„Bei Menschen findet man ja auch oft merkwürdige Paarungen. Und bei diesen Paarungen handelt es sich nicht immer um den Lebenspartner. Da zeigt sich manchmal eine geheime Vorliebe für den Wilden, obwohl der eigene Partner ein Ausbund von Zahmheit ist. Den hat man aber vielleicht nur genommen, weil er mit dem Eigentlichen befreundet ist, bei dem man sich nicht getraut hatte, oder weil der Eigentliche schon vergeben war. Aber heute ergeben sich noch immer freudig gesträubte Nackenhaare, wenn einem so ein Wilder begegnet, und hat gleichzeitig Angst davor. Im eigenen Lachen und den eigenen krausen Haaren aber kommt der eigene Hang zur Wildheit zum Ausdruck.“

Was man da alles so nebenbei erfährt!

Als ich mit Fabi die Straße überqueren will, verweigert er sich kurz. Die Autofahrer schauen erstaunlich geduldig und fragen sich:

„Will er nun, oder will er nicht?“

Ich denke, das Frauchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite würde mich nun loben wegen meiner Vorsicht. Stattdessen gibt sie ein genüsslich grinsendes „Sie können nicht einfach machen, was Sie wollen“ von sich.

Wie Recht sie hat! Denn auch nach dem Alzheimer-Trick lässt Fabi mich nun erst einmal schmoren, gibt allerdings nach mehreren Wiederholungen des Tricks auf. Oder hat er wirklich Alzheimer?

Wieder ergibt sich – wie so oft in letzter Zeit-  ein zweites Kacken, und wieder in einer Garageneinfahrt. Ich finde das blöd. Er hatte doch gerade ein Bilderbuchhäufchen im Wald auf einen Aststumpf aufgespießt, wie ein Würstchen am Stockgrill. Dieses Mal habe ich aber die Tüte dabei und wische die Schande auf. Dabei stelle ich leider Löcher in der Tüte fest und meine Nase:

„Das stinkt ja infernalisch!“

Ihn rührt das alles nicht. Oder tut er nur so? Am nächsten Briefkasten überkommt mich die mich selbst überraschende Versuchung, alles loszuwerden. Oder will ich den Briefträger spüren lassen, was ich leide? Oder wäre eine fremde Mülltonne eine Möglichkeit? Als ich Fabi darauf anspreche, lacht er ungerührt, nach dem Motto:

„Gar nicht um kümmern!“

Dünne Wolken bedecken am Nachmittag den Himmel. Es herrscht eine Schwüle, die sowohl mich als auch Fabi nur so dahinschleichen lässt. Das Ergebnis ist ein lustloses Häufchen im Industriegebiet. Die mitgebrachte Tüte scheint seine Lust sowieso nicht zu erhöhen. Vielleicht will er aber auch nur der Hässlichkeit dieses Viertels eins auswischen.

Plötzlich werden wir beide wachgerüttelt durch ein heftiges Hecheln seiner langen Zunge in spitzer Collieschnauze und ein starkes Vorwärtsziehen, was sonst nie seine Art ist. Elisabeth hat sein vornehmes Zurückbleiben einmal als Merkmal eines Hütehunds bezeichnet, der die Seinen beisammen halten will. Doch scheint das nun alles vergessen. Ein heftiges Bellen als Begleitmusik, ununterbrochen, ein ganz neues Bild von Fabi. Ist sein Lieblingsrivale in der Nähe? Meine Vermutung wird durch ein fernes Bellen bestätigt. Mir wird wieder deutlich:

Welche Energien setzen Rivalen frei beziehungsweise Hasspersonen! Da muss es nicht mal um ein Weibchen gehen. Haben die Soziologen das eigentlich schon auf dem Schirm?

Mittwoch

Heute ist der Tag der großen Hitze. Vielleicht formiert sich deshalb der Hundefrauentreff im nahen Kackwald. Eines der Frauchen gehört zu Christianes Hundefrauen. Eine kaum gebremste Energie strahlt ihr aus allen Knopflöchern, selbst an diesem heißen Tag. Sie zwingt sich aber zu einem lethargisch ruhigen Reden, als sei allgemeines Desinteresse das große Lebensziel. Dabei wird deutlich: Konvention geht über alles.
„Geht es Fabi gut mit Ihnen?“

Ich erzähle von Fabis Sehnsuchtsjaulen bei der Nennung von Christianes Namen und denen ihrer Familie.
„Der tut nur so“, weiß sie sofort zu erklären.

Meint sie damit, dass auch Fabi, wie sie, großen Wert darauf legt, den Formen zu genügen, obwohl er in Wirklichkeit anders denkt und fühlt?

Sie nennt ihren Namen. Sie weiß auch, dass ich Christianes Vater bin. Dann will sie meinen Namen wissen. Da merke ich: Ich hatte vergessen, dass sie ihn ja nicht wissen konnte. Hinterher erst wird mir klar, dass ich da einen Fauxpas begangen, den Formen nicht genügt hatte.

Ihr weißer Pudel hat mittlerweile den Wald an mehreren Stellen mit kleinen Kötteln verziert. Als ich das feststelle, kommt mir das Wort „Korinthenkacker“ in den Sinn. Dabei denke ich an die Mentalität seines Frauchens. Bestehen nicht nur Ähnlichkeiten zwischen Hund und Besitzer, was das Aussehen, sondern vielleicht auch, was Verhalten und Charakter angeht?

Ich erzähle von Fabis Liebling Luna und der traurigen Tatsache, dass ihm der Rivale wichtiger zu sein scheint, als seine große Liebe. Sie hat Zweifel an meiner Deutung und meint:

„Wenn der könnte, wie er wollte, ….“

Meint sie damit einen kultürlich gebremsten, aber eigentlich urtümlich stürmischen Sexualtrieb?

„Aber da muss die Hündin doch auch heiß sein, oder?“ halte ich ihr entgegen.
„Das stimmt.“

Manchmal weiß man nicht so recht, ob die Hundehalter über sich oder über ihre Tiere reden.

Trotz allem meine ich: Für Fabi sind Rivalen wichtiger als die Liebhaberin. Aber wichtiger als alles: das Stöckchenwerfen. Was bedeutet das für ihn? Beutemachen? Aber die Beute wird für den Mächtigen gemacht. Für den Herrn. Also handelt es sich schlicht um ein Spiel der Unterwerfung. Unterwerfung scheint ihm das Allerwichtigste zu sein. Vielleicht machte mir das Hunde immer so unsympathisch. Sie sind heimliche Faschisten. Die letztlich nur den Führer anbeten. Katzen sind da völlig anders.

Donnerstag

An einer einsamen Pferdewiese und einem Pferdestall mitten im Wald vorbei gelangen wir ins Sumpfgebiet Richtung Schwarzbroich. Hier ist der Wald mit seinen hohen Kiefern, Eichen und Buchen von alten, tiefen Entwässerungsgräben und stillen Tümpeln durchzogen. Wir gelangen zurück auf den Reitweg, auf dem Reittiere verboten sind. Fabi wittert schon von weitem eine kleine Hündin. Sie beschnüffeln sich gegenseitig neugierig. Die Besitzerin fragt:

„Ist das ein Rüde?“
„Ja.“
„Die ist heiß gerade.“
„Ach so.“

Aber wieso ach so? Es heißt wohl, ich solle mich mit Fabi verziehen. Doch was heißt „heiß“ eigentlich? Dass es nur dann zur Paarung kommt, kommen kann? Ich nehme mir vor, das einmal im Internet zu recherchieren.

Die Hündin lässt sich trotzdem weiterziehen, ohne großes Theater. Fabi schaut ihr aber danach immer wieder sehnsuchtsvoll hinterher. Später an der Voiswinkeler Straße begibt er sich in einen Sitzstreik, lange Zeit. Immer wieder will er in eine andere Richtung als ich. Will er einfach auch mal bestimmen, oder zieht es ihn in den Stöckchenwald? Oder machte ihn die heiße Hündin darauf aufmerksam, dass er pubertiert? Hatte er das bis dahin nicht gewusst?

Insgesamt haben wir bisher eigentlich ungetrübte ruhige 14 Tage miteinander verlebt. Wer konnte denn ahnen, dass sich am letzten Tag noch ein Drama ergeben würde?

Alle waren immer von Fabi angetan.

„Was ein schöner Hund!“,

Und letztlich war er ja doch leicht zu händeln und meist sehr ruhig.

Heute war es ja den ganzen Tag heiß bis schwül, ging es mir durch den Kopf. Oder darf man mit Hunden einfach nicht in einen Eissalon gehen?

Ich will mich unverhofft Uli und Gretel als Hundehüter vorstellen, sie ein bisschen mit einer neuen Seite von mir schockieren. Sie sind offensichtlich froh, dass sie gerade wichtiges Anderes zu tun haben. Uli hat sich schon in Schale geworfen, um sich zum Skatspielen aufzumachen, Gretel ist vom Einkaufen so kaputt, dass sie mich nicht bei meiner Hunderunde begleiten will oder kann oder muss.

Deshalb drehe ich diese wie immer mit Fabi alleine, dieses Mal im Schlebuscher Seniorenparadies an der Dhünn entlang. Elisabeths Schwester Christel ist auch von der Hitze zu kaputt, um mich mit einem unbekannten und ungewohnten Hund empfangen zu können. Sie will auch nicht von mir in den Eissalon eingeladen werden.

Also betrete ich den berühmten Schlebuscher Eissalon in der Fußgängerzone alleine mit Fabi. Ich entdecke einen Einzeltisch im Schatten, an dem ich mich niederlasse. Am Tisch daneben sitzt ein Paar mit Hund, mit einem Pinscher, der gleich fürchterlich kläfft. Ich denke, das gibt sich gleich, was dann auch tatsächlich eintrifft. Die beiden Viecher beschnüffeln sich etwas, Fabi zeigt wenig Interesse, er setzt sich. Der Kleine lässt ihm aber keine Ruhe. Nun bellt auch wieder, rückt näher an Fabi heran.

„Beide sind ja an der Leine“, beruhige ich mich selber. Die dicke Besitzerin und ihr schmaler Begleiter scheinen ähnliche Gedanken zu haben. Nicht so Fabi. Plötzlich ist ihm die Zudringlichkeit des Kleinen offensichtlich zu viel, er beißt zu, in den Nacken, der Kleine jault auf. Ich bekomme einen Schreck.

„Ist er verletzt?“ frage ich mich und den schmalen Nachbarn.
„Nein“, ist seine beruhigende Antwort.

Der Kleine kläfft jedoch ununterbrochen weiter. Seine Besitzerin springt auf und verschwindet im nächsten Hauseingang. Um ihren Liebling zu beruhigen? Oder weil ihr das Bellen wegen der anderen Gäste peinlich ist?

Ihr schmaler Partner sagt zu mir:

„Er ist es ja selber schuld.“

Ich einige mich mit ihm darauf, dass es ähnlich wie in der Pause auf dem Schulhof ist. Ein Kleiner provoziert einen Größeren oder Stärkeren so lange, bis der das nicht mehr dulden kann und handgreiflich wird. Erwischt und bestraft wird dann immer nur der Stärkere.

Da kommt die dicke Besitzerin des Pinschers – jetzt sehr aufgeregt – zurück.

„Ist er verletzt?“
„Ja!“ Voller Empörung.
„Kann man das sehen?“
„Ja!!“

Mit einem wütenden Blick, als hätte ich sie gebissen.
Sie zeigt mir aber keine Verletzung, wird stattdessen immer aggressiver.

„Warum haben Sie sich hierhin gesetzt? Neben einen Hund!“
„Weil hier Schatten ist, und Sie hätten Ihren Hund ja auch zurückhalten können. Aber ich will mich nicht mit Ihnen streiten. Es ist nicht mein Hund. Setzen Sie sich mit den Besitzern auseinander!“

Ich gebe ihr die Adresse meiner Tochter.

Wahrheitsgemäß sage ich:

„Bei der Postleitzahl bin ich nicht ganz sicher. Aber wenn Sie Schildgen schreiben, kommt das wohl an. Sie können sie auch im Telefonbuch finden.“
„Haben die auch eine Telefonnummer?“
„Ja, aber die kenne ich nicht auswendig.“

Instinktiv und bewusst lüge ich nun. Was sich später als positiv herausstellt. Denn mein Verdacht, dass da nur Dampf abgelassen oder eine schnelle Mark verdient werden soll, soll sich dadurch bestätigen, dass sie nie wieder etwas von sich hören lassen würde.

Jetzt aber will sie auch meinen Namen haben. Den gebe ich ihr selbstverständlich, dazu wie gewünscht meine Telefonnummer. Bei der Vorwahl 02207 stutzt sie.

„Das ist doch nicht Bergisch Gladbach!“
„Doch, das ist Bärbroich. Das liegt hinter Herkenrath. Deshalb ist das eine Dürscheider Nummer.“

Da meldet sich spontan eine Frau an einem anderen Nachbartisch und meint zu mir:

„Sie können mich als Zeugin notieren, als Zeugin dafür, dass der Kleine Ihren Hund provoziert hat. Der hat uns mit seiner Bellerei schon die ganze Zeit genervt.“

Die Dicke steht nun da wie das HB-Männchen. Am liebsten würde sie alle in der Luft zerreißen. Als sich zusätzlich noch ein Mann an einem weiteren Tisch als Zeuge für mich zur Verfügung stellen will, läuft ihr endgültig die Galle über.

„Haben Sie auch einen Hund?“

bellt sie zu ihm hinüber. Sie will ihn wohl als Laien diskretitieren.

„Ja, zwei“, ist seine verblüffende Antwort.
„Wer’s glaubt, wird selig.“

Nun wird ihr Ton ordinär. Und damit hat sie endgültig verspielt.

Zuerst will ich das Angebot der beiden potentiellen Zeugen als unnötig ausschlagen. Dann gehe ich doch noch auf ihr Angebot ein, weil mich zwei Bemerkungen der Dicken misstrauisch machen.

„Mein Hund ist schon 12 Jahre alt.“

Warum sagt sie das? Dann geht es weiter:

„Er hatte schon einen Bandscheibenvorfall, und genau da hat Ihr Hund hineingebissen.“
„Das tut mir leid.“

Das überhört sie wohl. Und dann:

„Das wird teuer!“

Als sei sie gerade erst auf diese Idee gekommen.

Will sie sich die normalen Arztkosten bezahlen lassen?
Nun setzt sie noch eins drauf:

„Ihr Hund müsste bei seiner Größe eigentlich auch einen Maulkorb tragen!“

Stimmt das wirklich? Ich weiß es nicht. Immerhin hat er tatsächlich gebissen, und vielleicht spielt ja bei Hunden Provokation keine Rolle.

„Wenn Sie wussten, dass der beißt, hätten Sie sich nicht hierhin setzen dürfen.“
„Ich wusste nicht, dass er beißt, ich bin ja nicht der Besitzer, und ich habe aggressives Verhalten bei ihm bisher auch nicht festgestellt.“

Auf der Fahrt nach Hause ist Fabi wieder das reine Unschuldslamm. Fühlt er sich auch so?

Freitag

Heute gibt es nur eines zu berichten: Die Wiederkehr der Herrschaften. Die hatte ich mir allerdings anders vorgestellt. Er würde freudig bis ans Törchen laufen und in allen Tonlagen der Lust die wahren Besitzer mit lauter Stimme begrüßen, sich von ihnen streicheln lassen und versuchen, seine lange Zunge in ihre Gesichter hineinzuschlecken.

Und nun steht er da, das gegrillte Hähnchen aus weichem Plastik im Maul, um es seiner Herrschaft zum Werfen zu apportieren. Aber welcher Herrschaft? Man stelle sich vor, dass vor dem endlos treuen Diener plötzlich ein vervielfachtes Bild seines Herrn steht. Wem hat er zu dienen? Ratlosigkeit als Folge dieser Verwirrung? Oder ein pädagogisches Verhalten: die Bestrafung des Treulosen durch Missachtung. Ich kann mich nicht entscheiden, diese diffizile Frage zu beantworten.

Nachwort von Fabi:

Die Geschichte, die er da von Donnerstag erzählt, ist mal wieder typisch für Menschen. Viel Aufregung um nichts. Der Kleine war sich genau bewusst, was er tat. Entweder hat er seine Besitzerin ausgetrickst, weil er genau wusste, wie sie reagieren würde. Oder ihm war das anschließende Menschentheater selber peinlich.

Wir kennen unsere Konflikte, tragen sie aus, und dann ist wieder alles im Lot. Die aber beschäftigen sich nach meiner Kenntnis manchmal monatelang mit solchen Bagatellen und reiben sich dabei gegenseitig auf. Ein ganzer Berufsstand lebt angeblich von solchen Auseinandersetzungen.

Mir war von vorneherein klar, dass die Dicke sich niemals bei meinen Herrschaften melden würde. Dazu hätte sie schreiben müssen. Und das hätte ihr in den Pfoten wehgetan. Ich kenne solche Typen. Deshalb war es auch gut, dass mein Sitter ihr nicht die Telefonnummer meiner Herrschaften gab. Das hatte er instinktiv gespürt, dass das Verhalten der Dicken ein typisches Prollverhalten war.

Im Allgemeinen halten sie ja nicht viel von Instinktverhalten, werten es ab. Ich brauche nicht zu betonen, dass das ein Fehler ist, und dass sie in dieser Hinsicht viel von uns lernen könnten. Nun sind sie ja nicht allzu lernfähig, was die Übernahme von Erfahrungen anderer Arten angeht. Ihre Überheblichkeit hindert sie daran. Sogar ihren engsten Verwandten, den Menschenaffen gegenüber legen sie diese unglaubliche Überheblichkeit an den Tag. Und schlimmer noch. Sie vernichten sie gnadenlos. Als wären sie alleine die unsterblichen Götter der Evolution. Schade! Und traurig. Wenn nicht schrecklich.

Ich bin allerdings ein wenig erstaunt darüber, dass dieser Sitter, der sich selber in einem Anflug von Bescheidenheit als hundefern bezeichnet, in den zwei Wochen als entwicklungsfähig gezeigt hat.

Sicher sind seine Auslassungen über Alzheimer und Faschismus bei unsereins abartig fern von unserer Wirklichkeit. Man hat den Eindruck, als habe er von philosophischer Meditation und der Tugend der Treue noch nie etwas gehört. So sind sie eben, die Menschen: Sie hängen viele Eigenschaften und Tätigkeiten sehr hoch, denken aber im Zweifelsfalle nicht daran, sich an ihren eigenen Tugendsystemen zu orientieren.

Doch hat er an einigen Stellen ein erstaunliches Einfühlungsvermögen bewiesen, reduzierte seine bisherige Verachtung gegenüber unserer Art und brachte mir oft regelrechte Sympathie entgegen. Auch mein Verhalten bei der Rückkehr meiner untreuen Herrschaften hat er nahezu richtig interpretiert.

Seine Kenntnisse gehen natürlich nicht so weit, dass er auch nur ahnen könnte, wie wichtig meine strafende Nichtbeachtung meiner Herrschaften in Wahrheit ist, bildet sie doch die einzige Chance einer Verhaltensänderung bei ihnen. Nur die Nichtbeachtung kann sie nachhaltig und tief treffen.

Auch die Verteidigung in der Szene im Eissalon hat mir sehr imponiert. Da ist er wirklich über seinen eigenen Schatten gesprungen. Instinktiv hat er sich dort richtig verhalten, als er die Telefonnummer von Frauchen nicht herausgab. Bis heute erhielten wir von dieser Proll-Tussi keine Nachricht. Weil es gar keine sachliche Veranlassung dazu gab. Und natürlich war die Behauptung mit dem Maulkorb Unsinn. Schon mein Stolz als Rassehund hätte sich dagegen aufgebäumt.

Der Sitter und Schreiber dieser – teils rührenden, teils recht naiven- Zeilen hat sich insgesamt verdient gemacht mit seinen Bemühungen um meine Person. Seine unsentimentale Art scheint mir teilweise angemessener als die meiner eigentlichen Herrschaften.

Und erstaunlich finde ich, wie genau er meine Gefühle gegenüber dem Inhalt meines Fressnapfs erfasste. Da wünschte ich mir tatsächlich etwas mehr Sensibilität meiner Arbeitgeber. Insgesamt bewerte ich die 14 Tage als nicht völlig misslungenen Annäherungsversuch einer sonst hundefernen Seele.

Weitere Texte von Engelbert M. Müller finden Sie hier

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

Ein Kommentar zu “Gassi mit Fabi: Tagebuch einer hundefernen Seele”

  1. Werter Herr Müller,

    das Bürgerportal hatte scheinbar noch nicht die Zeit, sich Ihre seltsame Prosa anzusehen. Nach wenigen Absätzen hatte ich genug von Ihren ekeligen Wörtern und Sätzen. Die Hunde ganz allgemein können froh sein, wenn Sie nirgendwo das Herrchen spielen.

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