In der 2. Folge der Krimiserie von Oliver Buslau fühlt Gero Gladberg dem feinen Herrn von Schwanenstein auf den Zahn. Ein Kenner von Max Bruch, aber auch ein Taschendieb, Einbrecher und Schwindler. Hören Sie es sich an, rätseln Sie mit und gewinnen Sie. 

Text: Oliver Buslau
Illustration: Antje Schlenker-Kortum
Sprecher und Produzent: Klaus Graf

„Kennen Sie den Komponisten Max Bruch?“, fragte Engelhard von Schwanenstein und nippte an seinem Rotweinglas. Gero Gladberg nickte. „Sicher“, sagte er. „Warum fragen Sie das? Hat es etwas mit Ihrem Alibi zu tun?“

Engelhard von Schwanenstein setzte das Glas ab, das mittlerweile fast halb leer war, starrte es eine Weile nachdenklich an und wiegte den Kopf hin und her. Er wirkte, als würde er über etwas nachdenken, und schwieg.

Gladberg spürte, wie ihn dieser Auftrag zu nerven begann. Vor gut einer Viertelstunde war er hier im Grandhotel Schloss Bensberg angekommen. Wie immer hatte er sein E-Bike genommen. Die elektrische Unterstützung des Fahrrads sorgte dafür, dass man nicht allzu viel Kraft aufwenden musste, um den Berg zu bewältigen, auf dem sich das Schloss befand. Vor allem die berühmte gepflasterte Strecke ganz am Ende, bevor man die Kadettenstraße erreichte, hatte es in sich.

Gladberg war es gelungen, unverschwitzt in den Schlosshof einzubiegen, sein Rad abzustellen und sich an den Treffpunkt zu begeben – die Hotelbar.

Dass es sich bei dem äußerlich so feinen Herrn von Schwanenstein um einen professionellen Taschendieb, Einbrecher und Schwindler handelte, hätte kaum jemand geglaubt, der ihm zum ersten Mal begegnete. Der Spross einer alten Adelsfamilie trug Maßanzug, goldene Manschettenknöpfe, feinste Schuhe und eine Brille mit goldenem Gestell.

Er wusste, dass Gladberg Privatdetektiv war, und dass der jeden Moment die Polizei holen konnte. Trotzdem hatte er die Ruhe weg.

„Nun, Herr Gladberg?“

Der Privatdetektiv unterdrückte einen Seufzer. Was sollte das mit Max Bruch? Na ja, von Schwanenstein mimte nicht nur den vornehmen Adligen, sondern auch den Kunstkenner. Davon hatte Gladberg schon gehört.

„Natürlich weiß ich, wer Max Bruch war, Herr von Schwanenstein. Er war ein Komponist der Klassischen Musik. Geboren in Köln, freundete er sich mit der Bergisch Gladbacher Familie Zanders an. Er hielt sich oft auf dem Igeler Hof auf, der ja ganz in der Nähe liegt. Dort hat er auch einige seiner bedeutendsten Werke komponiert. Ich glaube, er wurde 1837 geboren …“

„1838“, fiel ihm von Schwanenstein ins Wort. „Ansonsten haben Sie recht. Er ist ein großer Romantiker gewesen, den die Landschaft hier inspirierte.“ Er lehnte sich zurück und lächelte süffisant.

„Sie wissen Bescheid, Herr Gladberg. Das hätte ich bei einem Menschen Ihres Berufsstandes gar nicht erwartet. Ich bin seit gestern Abend zum ersten Mal in dieser Stadt. Wenn ich mich hier so umschaue, wenn ich das Schloss betrachte, die wunderschönen Fachwerkhäuser ansehe, von der Mauer des Schlosshofes aus die herrliche Aussicht nach Köln genieße … Da tut es mir geradezu weh, dass ich das alles nicht schon früher gesehen habe. Nun ja, lieber spät als nie.“

Gladberg war der Ansicht, dass es nach dieser Süßholzraspelei Zeit war, endlich zur Sache zu kommen.

„Sie sind ein Krimineller, Herr von Schwanenstein“, sagte er sachlich.

„Sie haben in Bonn, Köln, Düsseldorf und einigen anderen Städten unzählige Taschendiebstähle, Einbrüche und Betrügereien begangen. Sie haben mehrere Gefängnisstrafen abgesessen. Wegen Ihrer  Adelszugehörigkeit haben Zeitungen über Sie berichtet. Sie waren sogar schon in Talkshows. Und wohl deshalb hat Sie heute Vormittag jemand in Moitzfeld auf der Straße erkannt. Kurz nachdem dort ein Diebstahl stattgefunden hat. Einer älteren Dame wurde die Handtasche gestohlen. Sie hatte gerade mehrere hundert Euro am Geldautomaten abgehoben.“

Die bestohlene Dame war die Tante einer alten Freundin von Gladberg. Sofort hatte der Detektiv die Ermittlungen aufgenommen, obwohl er sich eigentlich heute wieder einmal seiner großen Leidenschaft hatte widmen wollen – dem Verfassen von Bergischen Krimis. Es war nur ein wenig Herumfragerei in Moitzfeld nötig gewesen, um von Schwanenstein auf die Spur zu kommen.

Ein paar Telefonate in Hotels – und schon wusste der Detektiv, dass sich der Gesuchte in der Stadt aufhielt. Jetzt ging es nur noch darum herauszufinden, wo er um kurz vor halb elf, also zum Zeitpunkt des Raubes, gewesen war.

„Herr Gladberg, Herr Gladberg …“, seufzte von Schwanenstein. „Ob Sie es glauben oder nicht: Ich bin noch nie in meinem Leben in Moitzfeld gewesen. Was soll ich auch da? Wissen Sie, ich bin ein Mann der Kultur. Ein Mann des Geistes. Ein Mann der Musik und der Literatur. Letztere interessiert Sie doch auch, oder nicht?“

Er verzog den Mund zu einem ironischen Lächeln. Gladberg fragte sich, woher von Schwanenstein von seiner Leidenschaft zum Schreiben wusste. Oder war das nur ein Schuss ins Blaue gewesen? Eins war klar: Der Mann hatte Talent, Menschen zu manipulieren. Der Detektiv nahm sich vor, eine solche Figur in seinem Roman auftreten zu lassen.

„Und weil wir etwas gemeinsam haben“, fuhr von Schwanenstein fort, „sage ich Ihnen, wo ich war. Ich habe an dem Denkmal in der Bergisch Gladbacher Fußgängerzone gesessen. Sie wissen schon – das kreisförmige Denkmal vor der Post, das örtliche Berühmtheiten zeigt. Neben Max Bruch und anderen ist dort auch Maria Zanders nachgebildet. Wenn man dort auf der Bank sitzt, die ja Teil des Denkmals ist, spürt man den Blick dieses großen Komponisten im Rücken, denn der Meister schaut einem direkt über die Schulter. Sie ist damit der ideale Ort, um selbst etwas Geistvolles zu Papier zu bringen, das der gewaltige Geist der Vergangenheit dann gewissermaßen mit strengen Augen mitliest.“

„Um wieviel Uhr war das?“, unterbrach ihn Gladberg.

„Gegen zehn Uhr dreißig. Etwa eine Stunde blieb ich dort auf der Bank, ließ mich inspirieren und schrieb unter dem Blick des Meisters etwas Lyrik auf. Soll ich Ihnen vorlesen, was ich schrieb?“

„Nein, danke.“

„Dann eben nicht … Anschließend ging ich die Hauptstraße bis zur Odenthaler Straße, in die ich einbog. Dann rechts den Berg hinan und an dem zweiten Max-Bruch-Denkmal vorbei. Sie wissen sicher, wo es steht. Es ist dort, wo der Höhenweg auf die Margaretenhöhe trifft. So wanderte ich weiter bis zum Igeler Hof, wo einst der Meister selbst wirkte. Und glauben Sie mir, mein Freund – es ist eine herrliche Erfahrung, auf den Spuren eines so großen Mannes zu wandeln, mitten durch die grünen Hügel. Dann nahm ich wieder Abschied, wandte mich dem Strundetal zu … Ach …“

Er seufzte wie berauscht von seinen eigenen Worten und trank sein Glas leer. „Sie sehen, ich bin unschuldig, Herr Detektiv.“

„Sie haben wirklich Talent zum Erzählen, Herr von Schwanenstein“, sagte Gladberg. „Trotzdem glaube ich Ihnen kein Wort. Die Zeuge in Moitzfeld hat sich bestimmt nicht geirrt. Wenn sich hier jemand geirrt hat, dann Sie.“

Jetzt sind Sie dran

Wie ist Gladberg dem Schwindler von Schwanstein auf die Schliche gekommen?

Schicken Sie uns Ihre Lösung per Mail und gewinnen Sie einen von sieben Preisen. Unter den richtigen Einsendungen verlosen wir

  • vier signierte Bücher von Oliver Buslau: „Wahn. Der 10. Fall für Remigius Rott”, „Schatten über Sanssouci” oder „111 Werke der klassischen Musik” 
  • drei Einladungen zu einem Werkstattgespräch mit Oliver Buslau, Illustratorin Antje Schlenker-Kortum und Sprecher Klaus Graf.

Der Einsendeschluss ist der 22. April, 23:59 Uhr.

Die Lösung können Sie ab dem 23. April hier abrufen. Oder Sie abonnieren unseren kostenlosen Newsletter „Der Tag in GL” – dann werden Sie über die Lösung informiert und verpassen keine Folge.

Den Podcast können Sie auf Spotify, auf iTunes, als RSS-Feed und viele andere Dienste abonnieren:

Zur Person: Oliver Buslau – bitte anklicken
lebt seit 1992 in Bergisch Gladbach. Schon als Schüler und Student schrieb er für Zeitungen und war als Komponist und Musiker tätig. Nach dem Studium in Köln und Wien arbeitete er bei EMI Classics, als Verlagsredakteur und freier Autor von Texten über klassische Musik.

Seit 1999 schreibt Buslau Kriminalromane. Bekannt wurde er mit der Serie um den Wuppertaler Privatdetektiv Remigius Rott. Seit 2015 steuert er Geschichten zur Serie „Cotton Reloaded“ und seit 2017 zur klassischen Jerry-Cotton-Heftromanreihe bei. Auch als Autor vom Kurzkrimis und Kurzgeschichten hat sich Buslau einen Namen gemacht.

Als Musiker ist er Bratschist in Amateurensembles – unter anderem im Sinfonieorchester Bergisch Gladbach und im Bergisch Gladbacher Kammerorchester „Concertino“.

In seinen Krimis und anderen Büchern schlägt er immer wieder die Brücke von der Musik zur Literatur: 2017 veröffentlichte er den populären Musikführer „111 Werke der klassischen Musik, die man kennen muss“.

Foto: Susanne Prothmann

Alle Bücher von Oliver Buslau finden Sie im Online-Shop der Buchhandlung Funk.

Mehr Informationen über Buslau finden Sie auf der Website und in diesen Beiträgen 

Oliver Buslau

spielt seit 2013 im Sinfonieorchester Bergisch Gladbach Bratsche. Der studierte Musikwissenschaftler arbeitete bei der Schallplattenfirma EMI Classics, und ist unter anderem Autor von zehn Bergischen Kriminalromanen. 2017 veröffentlichte er das Sachbuch „111 Werke der klassischen Musik, die man kennen...

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.