Foto: Symbolbild

Während der Flüchtlingswelle kamen viele Kinder und Jugendliche nach Bergisch Gladbach. Sie wurden auf die Schulen aufgeteilt. Wie hat sich die Situation seither entwickelt, sind die Flüchtlingskinder mittlerweile integriert? Wir fragen nach beim DBG.

Im Oktober 2016 ging es los: Die ersten drei jugendlichen Flüchtlinge kamen auf das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium (DBG). In den nächsten Monaten wuchs die Zahl der Neuzugänge um sechs Schüler, nach einem halben Jahr unterrichtete das Gymnasium 13 geflüchtete Kinder und Jugendliche.

„Alle anderen Schulen in der Umgebung waren bereits überfüllt. Und obwohl das DBG auf den Neuzuwachs nicht vorbereitet war, setzte sich die Schulleitung sofort für die bestmögliche Förderung ein,” berichtet Deutsch- und Chemielehrerin Susanne Scheel.

Es entstand eine Sprach-Förderklasse mit dem Ziel, die neuen Schülerinnen und Schüler möglichst schnell mit der deutschen Sprache vertraut zu machen. Die Klasse sei sehr gemischt gewesen, berichtet Scheel. „Zwischen 11 und 16 Jahren war jede Altersgruppe vertreten.”

Auch die Nationalitäten waren sehr unterschiedlich. Viele Kinder kamen aus dem Irak, Syrien, aus dem Iran, Tadschikistan, Aserbaidschan und Bosnien.

„Die Kommunikation war in den ersten Monaten eine Herausforderung”, erzählt Scheel. ,,Die Schüler konnten natürlich noch gar kein Deutsch, aber einige waren auch nicht mit der lateinischen Schrift vertraut und sprachen nur sehr schlecht Englisch.”

Vier Lehrer, gaben anfangs jeweils vier Stunden die Woche ihres regulären Unterrichtes ab, um mit den Flüchtlingskindern intensiv Deutsch zu lernen. Das sei eine wachsende Belastung für die Schule gewesen, da die immerhin 16 Stunden in der Woche von anderen Lehrern übernommen werden mussten.

Und zudem sei plötzlich die Kompetenz, Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten, am DBG gefragt gewesen. Daher wurden insbesondere Fremdsprachenlehrer angesprochen, deren reguläre Unterrichtstätigkeit ja das Einführen einer neuen Sprache ist. Zudem erklärte sich eine Kollegin bereit, an halbjährigen Fortbildungen teilzunehmen.

Ganz besonders wichtig sei auch die Arbeit im Klassenleitungsteam gewesen. Vertretungskräfte und Referendare unterstützten das Lehrerteam, das sich gerade mit der Alphabetisierung einiger Jugendlicher ganz neuen, ungewöhnlichen Herausforderungen gegenübergestellt sah.

Und nicht zuletzt unterstützten die Schüler des DBG die Flüchtlinge als Paten, um das Ankommen und die Orientierung in der neuen Schule zu erleichtern.

Die Bemühungen zeigten erste Erfolge: Schon einige Monate später war bei fast allen der Grundstock der deutschen Sprache gesetzt. Nun ging es ganz schnell. Am Anfang hatten sich die Geflüchteten zwar vereinzelt den Unterricht der anderen Klassen angeschaut, aber jetzt konnten viele schon aktiv am regulären Kunst-, Mathe- und Sportunterricht teilnehmen.

Soziale und kulturelle Integration

Die Sprachkenntnisse nahmen rasant zu, berichtet Scheel. SchülerInnen knüpften Kontakte in den anderen Klassen und meldeten sich sogar in Sportvereinen an. So kamen auch die Eltern in Kontakt, freut sich die Lehrerin: „Natürlich geht  es aber nicht nur um Sprachkenntnisse und Engagement, sondern es kommt auch auf dem Typ an”.

Zwei der jüngeren Kinder hätten sich sogar so gut gemacht, dass sie schon nach einem halben Jahr Deutschunterricht am DBGin die normale 5. und 6. Klasse kamen und damit auch das Abitur anstreben.

„Aber es kommt nicht nur darauf an, dass wir den Kindern und Jugendlichen unsere Sprache beibringen, sondern für eine gelingende Integration ist auch der kulturelle Faktor überaus wichtig”, betont Susanne Scheel. So behandele man auch Themen wie Schule, Hobbys, Sport und Freizeitgestaltung, Schüleraustausche, späteren Beruf, aber auch der Vergleich von Familie und Gesellschaft in der Heimat und in Deutschland. Eben all das, was deutsche Schüler auch beschäftigt.

Viele genießen die neuen Freiheiten und probieren Sachen aus, die sie früher nie durften, berichtet Scheel. Jedoch seien die traditionellen Rollenbilder bei manchen Schülern noch tief verankert. Ein Junge beispielsweise weigerte sich in der ersten Zeit, neben einem Mädchen zu sitzen. ,,Nach einiger Zeit Einzeltraining wurde das aber auch schnell besser,” sagt Scheel. Auch der Sportunterricht war für einige ein Problem, hier wurden viele Stunden geschwänzt.

Scheel berichtete von einem Gespräch mit einem ihrer Schüler, das ein ganz anderes Licht auf das Rollenverständnis wirft: „Er sagte, dass er überhaupt kein Problem damit habe, wenn seine potentielle zukünftige Ehefrau z.B. Auto fahren würde. Das einzige, was ihm zu schaffen mache, sei der soziale Druck unter Männern und Jungs, bei denen er sich rechtfertigen müsse und als schwach und nachgiebig” erscheinen würde.”

Schule als ,,Schonraum”

„Man darf nicht vergessen, was viele Kinder schon durchgemacht haben”, sagt Scheel. Schlimme Erfahrungen von Gewalt, Krieg, Flucht und Entbehrungen seien teilweise immer noch allgegenwärtig. Deshalb werden einige ihrer Schüler auch außerschulisch psychologisch betreut.

„Hier in der Schule reden wir so gut wie überhaupt nicht über solche Themen”, erklärt sie. Die Schule diene als eine Art geschützter Rückzugsraum oder Schonraum, „wo man sich über solche Dinge keine Sorgen machen muss.”

Die Lehrerin berichtet von einem Tag, als sie mitbekam, dass Familienangehörige einer Schülerin auf dem Mittelmeer ertrunken waren. Statt nach Hause zu gehen, wollte sie aber unbedingt der Schule bleiben und am liebsten gar nicht nach Hause.

„Besonders extrem war es, als ein Großteil der Kinder und Jugendlichen noch in Turnhallen oder in riesigen Flüchtlingsunterkünften untergebracht waren”. erinnert sich Scheel. Viele Schüler litten unter Schlafproblemen und waren froh in die Schule gehen zu können. Mittlerweile habe sich die Situation aber wieder deutlich gebessert und fast jede Familie hat ihre eigene kleine Wohnung.

Problemfälle

Jedoch sei nicht alles so erfreulich. Die Schule hatte eine Zeit lang  Probleme mit zwei Mädchen, die konsequent ein „undiszipliniertes, freches und unverschämtes” Verhalten gezeigt haben. „Sie wollten nicht nur ständig die Lehrer provozieren, sondern sie scheuten sich auch nicht, ihre eigenen Mitschüler zu beschimpfen und schlechtzumachen.” Außerdem schwänzten sie auch regelmäßig die Schule. ,„Die Schule konnte dieses Verhalten nicht hinnehmen, erst Recht, da auch ihre eigene Klasse massiv unter ihnen litt.

Nach einigen Beratungsgesprächen, auch mit den Eltern, stellte sich heraus, dass auch diese mit dem Verhalten ihrer Töchter überfordert waren. Beide Schülerinnen haben inzwischen die Schule verlassen.

Förderklasse wird aufgelöst

Denn die Regeln schreiben vor, dass die Geflüchteten spätestens nach zwei Jahren Deutschunterricht oder nachdem sie 16 werden, in das reguläre Schulsystem eingegliedert werden müssen. In der Praxis bedeutet das in der Regel, dass die 16-Jährigen ans Berufskolleg wechseln und die anderen jetzt nach zweieinhalb Jahren in andere Schulformen wechseln.

Am DBG sind von den  zeitweise 15 Flüchtlingen zwei in ihre Jahrgangsstufen eingegliedert worden. Von den anderen sind die meisten bereits ans Berufskolleg gewechselt, die übrigen gehen am Ende dieses Schuljahres auf ebenfalls aufs Berufskolleg oder die Realschule – und die Förderklasse wird aufgelöst.

Nach Angaben von Susanne Scheel entlässt das Lehrerteam die Schüler „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“:  Sie seien inzwischen gut integriert, man hat ein vertrauensvolles und sehr gutes Verhältnis in den Jahren aufgebaut, so dass der Abschied jetzt schmerze.

Scheel zieht eine positive Bilanz: Die Schüler hätte jetzt das Sprachniveau B1 bzw. teilweise B2 erreicht, man könne sich prima mit ihnen unterhalten: „Damit werden sie ihren Weg im deutschen Bildungssystem finden.“

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2 Kommentare

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  1. Ich freue mich das dies so gut funktioniert hat.
    Ich hoffe das wir weiterhin den Menschen helfen, die Hilfe benötigen.
    Ich wünsche niemanden in die Situation zu kommen, gegen seinen Willen seine Heimat und Familie verlassen zu müssen.

  2. Danke für den berührenden Bericht. Danke für das Engagement an unseren Schulen, das den Grund für den positiven Lebensweg mancher jungen Zuwanderin und manches jungen Zuwanderers legt!