Priv.-Doz. Dr. med. Fritz-Georg Lehnhardt, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach

Die Menschen agieren teils kurios: Einerseits ängstlich, andererseits sorglos. Wie ist das zu erklären? Der Chef-Psychiater des EVK liefert Erklärungsansätze, warnt vor einer Verharmlosung und verweist auf Tipps für die seelische Gesundheit während der Corona-Krise.

In der Corona-Krise war und ist das Verhalten mancher Zeitgenossen widersprüchlich. Einerseits neigen sie aus Angst zu Egoismus. Das äußert sich zum Beispiel in Hamsterkäufen. Andererseits demonstrierten sie besonders zu Beginn der Pandemie Sorglosigkeit. So verbrachten viele die „freie“ Zeit in der Stadt mit Geselligkeit.

Appelle aus Politik und Gesellschaft gegen das Hamstern und für weniger Sozialkontakte drangen nur mühsam durch. Gerade der vielzitierte „Abstand“ war die Nagelprobe für die Entscheidung, ob es nun eine Ausgangssperre, Ausgangsbeschränkung oder eine Kontaktsperre gibt.

Angst führt zu irrationalen Reaktionen

Wie passen aber Angst und Sorglosigkeit zusammen? Warum handeln manche Menschen widersprüchlich?

„Wenn das Gefühl der Angst unser Denken und Handeln bestimmt, können irrationale, überschießende Reaktionen die Folge sein. Das kann von Hamsterkäufen bis hin zu egoistisch erscheinenden, aggressiven Verhaltensweisen reichen“, erklärt Priv.-Doz. Dr. med. Fritz-Georg Lehnhardt. Er ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach.

„Ein Verdrängen und Verleugnen negativer Gefühle, das sich durch eine Sorglosigkeit im Umgang mit den Empfehlungen und Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise äußert, kann letztlich auch ein Zeichen unbewältigter Angst sein“, weiß Lehnhardt.

Hamsterkäufe sind eine irrationale, überschießende Reaktion – eine mögliche Folge, wenn Angst uns bestimmt.

„Deswegen ist es so wichtig, dass wir in dieser Krise unser seelisches Gleichgewicht behalten und unser Denken und Handeln nicht durch Angst und Besorgnis bestimmen lassen.“ Sprich: Belastbare Informationen helfen, die Lage einzuordnen und eventuelle Ängste abzubauen.

Jede:r Fünfte mit schwerer Erkrankung

Die Infektion ist quasi unsichtbar und verläuft oft harmlos oder kaum spürbar. Könnte dies eine Rolle bei der Bewertung durch die Menschen spielen? „Die Unsichtbarkeit der Gefahr und die subjektive Interpretation von Wahrscheinlichkeiten kann sicher dazu beitragen, dass die Verhältnismäßigkeit unserer Reaktionen so offensichtlich unterschiedlich ausfällt“, erklärt Lehnhardt.

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Zugleich schränkt er ein: „Nur wer die Berichte und Bilder aus Italien konsequent ausblendet, kann den Verlauf als harmlos und kaum spürbar für sich annehmen. Wenn vier von fünf durch Covid-19 betroffene Menschen einen leichten Krankheitsverlauf zeigen, ist es doch jede fünfte Person, bei der die Erkrankung schwerwiegend verläuft.“

Sein Appell: „Zählen wir nun unseren Freundes- und Angehörigenkreis einmal durch und machen uns darüber Gedanken, wenn wir den exponentiellen Anstieg der Infektionszahlen nur etwas weiter in die Zukunft denken.“

Tipps für die seelische Gesundheit

Der Psychiater verweist in diesem Zusammenhang auf die Deutsche Gesellschaft
für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, DGPPN. Dort finden sich Tipps, wie angesichts der Pandemie und der zunehmenden Isolation das seelische Gleichgewicht beibehalten werden kann.

Hier eine kurze Zusammenfassung, Details im Link:

  1. Informiert bleiben – aber richtig
  2. Alltag positiv gestalten
  3. Sich austauschen und einander helfen
  4. Negative Gefühle anerkennen, positive Gefühle stärken
  5. Bei Krisen: Professionelle Hilfe suchen

Quelle: www.dgppn.de

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Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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2 Kommentare

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  1. Mein Klo ist ungefähr einen Meter von der Dusche entfernt.
    Sollen sich die Bekloppten um Vorräte für zwei Jahre kloppen.
    Ich kriege meine Futt auch ohne Klopapier sauber,
    wie es die Menschen zehntausende Jahre vor der Erfindung des Klopapiers praktiziert haben.

    Meine türkischen und iranischen Freunde lachen da nur drüber, die haben Wasseranschluss in der Schüssel.

  2. Welche Gründe auch immer für das irrationale und asoziale Kaufverhalten einiger Menschen ausschlaggebend sind, gehören sie behördenseitig per Verordnung abgestellt. Ansonsten befürchte ich, dass sich das Verhalten analog des Coronaviruses immer weiter ausbreitet.