Die geplante Öffnung der Grundschulen am 15. Juni trifft auf massive Kritik. Andreas Schmitz, Leiter der GGS Heidkamp und Kreisvorsitzender des Lehrerverbandes VBE, äußert Zweifel am Sachverstand der Ministerin. Der immense Aufwand, für wenige Tage die hart erarbeiteten Pläne erneut umzuschmeißen, stehe in keinem Verhältnis zum Nutzen.

Die Vorgeschichte: Am Freitag hatte das Ministerium für Schule und Bildung (MSB) die Rückkehr zum Regelbetrieb für alle Klassen der Grundschulen ab dem 15. Juni 2020 in NRW bekannt gegeben.

„Nach fast zehn Wochen eines eingestellten oder deutlich eingeschränkten Unterrichtsbetriebs ist es (…) von besonderer Bedeutung, gerade den Kindern der Primarstufe vor den anstehenden Sommerferien nochmals einen durchgehenden und geordneten Schulalltag zu ermöglichen” sagte Bildungsministerin Yvonne Gebauer.

Grundschullehrer und VBE im Rheinisch-Bergischen Kreis äußern massive Kritik an den Plänen von Bildungsministerin Yvonne Gebauer zum Regelbetrieb in den Grundschulen, Foto © MSB/ Susanne Klömpges

Man setze ab dem 15. Juni auf konstante Lerngruppen: Das bedeutet konkret dass die bisherigen, kleinen Lerngruppen durch den Unterricht im Klassenverband ersetzt würden. Zur Vermeidung einer „Durchmischung” der Lerngruppen solle es gestaffelte Anfangs- und Pausenzeiten geben. Die individuelle Abstandswahrung wird fallen gelassen. Man nimmt Abstand vom Abstand.

Andreas Schmitz

Andreas Schmitz, Leiter der GGS Heidkamp, beklagt eine katastrophale Kommunikationskultur: Der Vorgang habe bei den Kolleg:innen den Glauben an eine verantwortliche Führung des Schulministeriums endgültig erschüttert.

Aufwand – Nutzen unverhältnismäßig

Die Schulen hatten gerade die Zeit bis zum Start der Sommerferien am 29. Juni personell und organisatorisch durchgeplant. „Der immense organisatorische Aufwand, für wenige Tage die hart erarbeiteten Pläne erneut umzuschmeißen, steht in keinem Verhältnis zum Nutzen”, macht Andreas Schmitz deutlich.

Schmitz, der zugleich Kreisvorsitzender beim Verband Bildung und Erziehung (VBE) ist, wird in dieser Funktion noch deutlicher: „Die Kolleginnen sind fassungslos und verzweifeln gerade am Sachverstand ihrer Ministerin. In diversen Gesprächen der letzten Wochen haben sich übergreifend alle Lehrerverbände sowie Eltern- und Schülervertretungen gegen eine übereilte vollständige Öffnung der Grundschulen ausgesprochen.”

Statt in unverantwortlicher Weise Unruhe und Verwirrung zu stiften, solle das Ministerium die Zeit nutzen um grundlegendste Defizite der Schulausstattung zu beheben, die in der Corona-Krise besonders deutlich wurde, so Schmitz.

Der Heidkamper Schulleiter beklagt zudem, dass bei der geplanten Rückkehr zum Regelbetrieb keine Aussagen über Hygienemaßnahmen, Schutzausrüstung oder freiwillige Test-Möglichkeiten getroffen worden seien. „Hierzu gibt es keine Aussagen, geschweige denn einen Plan B, sollte die Infektionszahlen wieder ansteigen.”

Umfang OGS-Betrieb offen

Gleichwohl werde die GGS Heidkamp die Vorgaben umsetzen und wahrscheinlich einen Großteil des Stundenplans abdecken können. Das Abstandsgebot sei indes nicht mehr einzuhalten, man setze auf die “verantwortliche Entscheidung von Fachleuten und Ministerium”. In welchem Umfang der OGS-Betrieb gewährleistet werde, müssten die kommenden Tage zeigen.

GGS an der Strunde: Kraftakt, Ergebnis offen

Ob die Umsetzung der MSB-Pläne vollumfänglich gelingen kann? Florian Lambertz von der GGS An der Strunde ist noch ein wenig überfragt

Auch die GGS An der Strunde steht vor ambitionierten Planungen. „Es fehlen weiterhin Kollegen, so dass die Umsetzung des Stundenplans eher unrealistisch erscheint”, macht Florian Lambertz deutlich. Die OGS würden mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Organisatorisch sei dies ein Kraftakt inmitten der Zeugnisphase.

Die Lehrer:innen sind sauer: „Die Kolleg:innen sind es unendlich leid, für langfristige politische Versäumnisse verantwortlich gemacht zu werden, oder als Projektionsfläche für Wahlkampfinteressen missbraucht zu werden”, sagt Schulleiter und VBE-Vorsitzender Schmitz.

Weitere Informationen:
– zum geplanten Regelbetrieb in den Grundschulen: Schulmail des MSB vom 5. Juni 2020
– zur Kritik des VBE an der Öffnung der Grundschulen inklusive Positionspapier: “Lehrkräfte verzweifeln an ihrer Dienstherrin”

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

14 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Frohe Botschaft:

    In NRW ist das Coronavirus offenbar ausgerottet! Und/oder in NRW gibt es offenbar keine Ansteckung durch Aerosole!

    Es ist jetzt in NRW erstaunlicherweise offenbar nicht mehr nur völlig ungefährlich für KiTa-Kinder samt Erzieherinnen bzw. Grundschüler samt Lehrerinnen, ohne Abstand und Maske in engen Klassenzimmern zu sitzen: es ist auch völlig ungefährlich, wenn bis zu 100 Erwachsene ohne Abstand und Maske längere Zeit in einem geschlossenen Raum sitzen, z.B. im Kino, Theater, Konzert- oder Opernsaal. Das alles macht das Wunder Coronaschutzverordnung des Landes NRW in der ab dem 15. Juni geltenden Fassung möglich. Wer aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, lese hier nach:

    http://www.land.nrw/de/pressemitteilung/neue-fassung-der-corona-schutzverordnung-mit-weiteren-erleichterungen-gilt-ab

    Wie sagte der Bonner Virologe mit direktem Draht zu Armin Lasschet, der nicht Experte für Coronaviren ist, sondern für das AIDS-Virus, Prof. Streeck am Sonntag?: “Wir sollten mehr Mut im Sommer haben”. Sein Ziel: Im Sommer mehr Infektionen zulassen für schleichende Teil-Immunität in der Bevölkerung.

    Wo bleibt die offene Kommunikation der Landesregierung, in der der Bevölkerung klar gesagt wird, dass es im Dienst der Gesellschaft – nicht des Einzelnen – ist, dass sich wieder mehr Menschen in NRW infizieren?

    Wo bleibt die eindeutige Aufforderung an die Alten und die Vorerkrankten, bitte in den nächsten Monaten zu Hause zu bleiben und das Haus am besten nur zum Spazierengehen zu verlassen?

    Wo bleibt die Aufklärung (einschließlich aller Risiken und Nebenwirkungen) der Eltern, Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen über das medizinische Experiment namens “KiTas und Grundschulen im Betrieb ohne ausreichenden Schutz vor Aerosolinfektion” und die Einholung deren schriftlichen Einverständnisses zur Teilnahme an diesem Experiment? Wo bleibt für die Eltern, Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen dir für jedes medizinische Experiment vorgeschriebene FREIWILLIGKEIT? Keine Medikamentenstudie, keine Impfstudie würde von irgendeiner Ethikkommission in irgendeinem demokratischen Staat ohne die absolute Freiwilligkeit für die Teilnehmerinnen genehmigt. Die Nichtteilnahme oder der Abbruch der Teilnahme darf mit keinem Nachteil verbunden sein.

    Herr Laschet macht sich locker, Frau Gebauer und Herr Stamp folgen ihm gern.

  2. Das Bundesverfassungsgericht hat heute einen Eilantrag eines Elternpaars aus Bayern gegen die Schul- und Kita-Schließungen in der Corona-Krise abgewiesen. Sie begründen ihre Entscheidung so: Die Kläger wiesen zwar nachvollziehbar auf die erheblichen Belastungen ihres Familien- und Berufslebens hin, angesichts der Gefahren für Leib und Leben müssten die Interessen der betroffenen Eltern und Kinder aber zurücktreten. Der sofortige Wegfall sämtlicher Beschränkungen in KiTas und Schule würde die größeren Risiken bergen.

  3. Ich persönlich bin der Meinung, dass die Schulöffnung richtig und verantwortungsvoll ist. Wenn ich es richtig verstanden habe, gibt es seit 7 Tagen keine Neuinfektion in RheinBerg. Wenn die Schulen jetzt nicht geöffnet werden, wann dann? Aus meiner Sicht ist aktuell das Risiko eines Unfalls auf dem Schulweg höher, als das Risiko einer Coronainfektion. Die Abstandsmaßnahme wird entsprechend durch die Maßnahme der Begrenzung der Gruppe bzw. feste Gruppen ersetzt. Wenn die Infektionszahlen steigen, kann man jederzeit wieder in den bisherigen Betrieb zurückgehen. Ich denke, Kinder, die zu Hause nicht gut beschult werden können, profitieren sehr von diesen zwei Wochen und berufstätige Mütter/Väter können etwas durchschnaufen…

  4. Warum Experiment Grundschulklasse??? Das Experiment Kindergarten läuft doch schon längst für Kinder und Erzieher. Ganz ohne Maske, Gesichtsvisier und Abstand.

  5. Ich bin auch dabei! Aber mit Abstand und Maske.
    Ich weiß noch nicht, wie ich meinen Kindern erklären soll, dass man nun plötzlich als Versuchskaninchen zur Schule darf ohne Abstandsregeln. Gebe meinen Vorrednern Recht.
    Katastrophale Kommunikationskultur und unvernünftige Entscheidungen 2 Wochen vor den Ferien von der Politik. Verantwortungslos Lehrern und Kindern gegenüber!! Wir hatten die 2.höchsten Infektionszahlen nach Bayern und werden regiert wir Mecklenburg-Vorpommern. In anderen Bundesländern gehen Schüler 3x pro Woche zur Schule mit gleichen Maßnahmen wie hier und in NRW bisher 1x und nun plötzlich die komplette Klasse ohne Abstand.

  6. Hallo Herr Crump, organisieren Sie eine Demo vor dem Kultusministerium im Düsseldorf gegen Unvernunft und Amtsmissbrauch. Wir sind dabei.

  7. Da Herr Schmitz und andere Lehrkräfte nicht offen das sagen dürfen, was sie jetzt möglicherweise denken und empfinden, ergreife ich das Wort als Mutter dreier schulpflichtiger Kinder im Alter von 8 bis 15 Jahren.

    Ich finde es absolut zynisch , dass unserer Ministerin den Schutz unserer Kinder (“jeder Tag zählt”) anführt, um einen großen Feldversuch mit unseren Grundschulkindern zu unternehmen, deren Folgen sie aufgrund der dann beginnenden Ferien nicht direkt verantworten muss.

    Ob sie wohl weiß, dass sie auch eine Fürsorgefunktion als oberste Dienstherrin gegenüber ihren Angestellten und den Schüler*innen hat? Die Quittung für soviel Unvermögen können wir alle leider erst bei der nächsten Landtagswahl abgeben.

  8. Hallo Anna K., bei früheren Beiträgen zu Corona und Schule sind auch Schulleiterinnen zitiert worden. Dass in der jüngeren Berichterstattung keine Frauen zu Wort kommen muss nicht immer bedeuten, dass nur ausschließlich Männer befragt wurden. Die Veröffentlichung von Zitaten hängt auch davon ab ob die Redaktion auf Presseanfragen ein Feedback erhält.
    Mit freundlichen Grüßen, Holger Crump

  9. Jetzt haben wir Eltern und Lehrer den wißbegierigen Grundschulkindern monatelag erklärt, dass
    – dieses Virus sehr gefährlich ist
    – dass Kinder nicht in die Nähe anderer Kinder kommen dürfen, um sich nicht anzustecken oder die anderen Kinder anzustecken
    – dass das Virus auch im Freien gefährlich werden kann und sie deshalb nicht auf den Spielplatz dürfen
    – dass Abstand von mindestens 1,5 m, besser 2 m auch im Freien zwischen Kindern (und Erwachsenen) eingehalten werden muss
    – dass Kinder ab 6 Jahren eine Maske tragen müssen, wenn sie diesen Abstand zu anderen Kindern (und Erwachsenen) nicht einhalten können.

    Wie erklären wir denselben wißbegierigen Kindern jetzt, dass das alles plötzlich nicht mehr gilt, ohne jede Glaubwürdigkeit zu verlieren? Ohne einen massiven Vertrauensverlust der Kinder herbeizuführen?

    Ein kluges Grundschulkind wird verstanden haben, dass keinen Abstand zu anderen Kindern (und Lehrern) im Klassenzimmer (geschlossener Raum) einzuhalten gefährlich ist. Es wird fragen, ob das Virus weg ist, ob “Corona schon vorbei” ist.

    Es wird viele Kinder geben, die mit Angst zur Schule gehen: mit der täglichen Angst vor ihren Lehrern und Mitschülern, die sie anstecken könnten. Das Vorhandensein von Angst ist eine der schlechtesten Bedingungen für erfolgreiches Lernen.

    Die Kinder- und Jugendpsychotherapeuten werden viel Arbeit mit diesen unseren Coronageängstigten Kindern bekommen. Es ist absehbar, dass Angststörungen und Zwangsstörungen (ständiges extrem langes Händewaschen!) unter Kindern sehr verbreitet sein werden.

  10. Ich glaube sehr wohl, dass es ein organisatorischer Kraftakt ist, die Maßnahmen umsetzen. Nur ist das nicht der einzige Kraftakt, der in dem letzten Wochen vollzogen wurde, sprich, nicht nur die LehrerInnen haben es mit ungewohnten Bedingungen zu tun.

    Als Mutter zuhause plötzlich zwei Kinder zu unterrichten, den eigenen Job irgendwie auch noch im home-office zu stemmen, ganz abgesehen vom Kochen, Waschen, Putzen, ist auch nicht gerade ein Zustand, der – zumindest von mir – mal eben so mit links gewuppt wird.

    Und ehrlich gesagt habe ich es nach den ganzen Öffnungen der letzten Wochen und dem mitunter sehr bedenklichen Verhalten erwachsener Menschen nicht mehr verstanden, warum die Kinder nur einmal die Woche für 3 Stunden beschult werden können. Die, im Gegensatz zu vielen Erwachsenen, sehr wohl verstanden haben, dass man Abstand halten muss.

    Und was mir auch ein wenig an der Berichterstattung aufstößt ist die Tatsache, dass (wieder) nur Männer zu Wort kommen und das in einem Beruf, der immer noch zu 90 Prozent von Frauen ausgeübt wird – gibt es keine Lehrerin, die man zu dem Thema hätte befragen können?

  11. Auf zur fröhlichen täglichen Coronaparty in NRWs Grundschulklassenzimmern!

  12. Allein im Zusammenhang mit den Plänen von Bildungsministerin Yvonne Gebauer von Sachverstand zu reden ist aus meiner Sicht bereits absurd.
    Aber was teilweise bereits seit geraumer Zeit so entschieden- und geplant wird ist bereits so Bürger- und Praxis-Fremd, dass sich Frau Gebauer politisch gesehen in bester Gesellschaft befindet. Ich finde es schon erstaunlich, dass vieles dennoch immer noch irgendwie funktioniert. Dazu bedarf es schon einer riesen Portion Glück. Hoffentlich bleibt es uns hold.

  13. Herr Schmitz hat mit seiner Kritik völlig Recht. Die Politik entfernt sich immer mehr von der Praxis und vom Volk. Es endet in einer Katastrophe, wenn nur noch Entscheidungen am Schreibtisch ohne Beachtung von Aufwand-Nutzen-Verhältnissen getroffen werden. Wahnsinn.