Entdeckt im Bücherwald: Ein Roman über Frauen in einer berüchtigten Pariser Nervenheilanstalt, ein subtiler 1000-Volt-Thriller aus Südkorea und die neuen Erzählungen von Schlink. 

Victoria Mas: Die Tanzenden. 
Piper 2020, € 20,00.

In ihrem mehrfach preisgekrönten Debütroman greift Victoria Mas eine lange in Frankreich verdrängte Thematik auf, die letztendlich überall in Europa Ende des 19. Jahrhunderts so oder ähnlich stattgefunden hat, aber über die man auch heute noch nicht gerne spricht.

Es geht um Frauen, die anders sind, unangepasst, mit eigener Meinung oder einfach nur sehr individualistisch. Als Hysterikerinnen abgestempelt werden sie weggesperrt in die berüchtigtste Nervenheilanstalt von Paris, die Salpêtrière. Hier behandeln männliche Ärzte ausschließlich Frauen und präsentieren die interessantesten Fälle einem ausgewählten männlichen Publikum in Vorlesungen wie auf einer Viehauktion.

Anhand der fiktiven Biographien dreier Frauen macht die Autorin auf die damaligen Missstände solcher Einrichtungen aufmerksam. Die Frauen werden regelrecht entsorgt, einmal hier gelandet, werden sie meistens vergessen, selbst von ihren Familien.

Einmal im Jahr zur Karnevalszeit sind sie allerdings im Focus des öffentlichen Interesses. Der Ball der Verrückten, so auch der französische Originaltitel, ist das gesellschaftliche Ereignis schlechthin. Hier gibt sich die Pariser Haute Volée einem gruseligen Vergnügen hin, nämlich dem Tanz der Verrückten zuzusehen. Dieser Ball ist zugleich das Herzstück des Romans. Die Handlung läuft stringent darauf zu und gipfelt in dem Fluchtversuch einer der Hauptfiguren.

So wachsen die Protagonistinnen dem Leser sehr schnell ans Herz, ungern schließt man das Buch am Ende. Man möchte einfach wissen, wie ihr Leben weiter verläuft. Überhaupt werden die verschiedenen Frauenfiguren sehr unterschiedlich in ihren Charakteren dargestellt und geben dadurch eine gute Vorstellung von den damals vorherrschenden Frauentypen ab.

Diesen Frauen gibt die Autorin eine Stimme, indem sie sie durch diesen Roman wieder zum Leben erweckt. Schonungslos werden die damaligen Zustände dargestellt. Das steht in einem scheinbaren Kontrast zu der Leichtigkeit, mit der diese Geschichte erzählt wird. Der Leser tanzt quasi von Seite zu Seite und fiebert mit den Frauen mit. Spannend und sehr einfühlsam erzählt führt uns der Roman in eine Zeit zurück, die erst 130 Jahre zurückliegt und immer noch eine offene Wunde ist. Ein wichtiges Buch, sehr empfehlenswert! (Sylvia Jongebloed)

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Mi-Ae Seo: Der rote Apfel. 
Heyne 2020, € 12,99.

Die südkoreanische Autorin Seo ist in ihrer Heimat längst ein Star in der Krimiszene. Ihre Bücher stehen regelmäßig ganz oben auf den Bestsellerlisten und die Verfilmung ihres aktuellen Thrillers  „Der rote Apfel“ ist in Vorbereitung. 

Eine Serie von Brandstiftungen erschüttert seit Monaten Seoul, ohne dass erkennbare Spuren ermittelt werden konnten. Beim sechsten Brand wird ein kleines Mädchen zwar körperlich unversehrt, aber schwer traumatisiert geborgen. Es stellt sich heraus, dass sie bei ihren Großeltern gelebt hat, die bei dem Brand ums Leben gekommen sind. Der Vater der Kleinen holt sie zu sich und seiner zweiten Frau, der Kriminalpsychologin Sonkyong.

Diese hat etwa zum gleichen Zeitpunkt einen verstörenden Anruf aus dem Gefängnis erhalten. Der verurteilte Serienmörder und Vergewaltiger von 13 Frauen, Byongdo, möchte mit ihr sprechen. Das kommt einer großen Sensation gleich, denn bislang hat er sich allen Gesprächen verweigert.

Die Behörden versprechen sich einerseits in Puncto Aufklärung der Verbrechen sehr viel davon, aber andererseits raten sie ihr auch davon ab, weil sie manipulative Aktionen des Inhaftierten erwarten. Sonkyong, von ihren Studenten bewundernd „Clarice“ genannt (nach der FBI-Ermittlerin in „Das Schweigen der Lämmer“), ist anfangs überhaupt nicht begeistert.

Sie kennt diesen „Dämon mit dem Engelsgesicht“ nur aus der Presse und fragt sich, warum will er unbedingt sie sprechen. Das erste Gespräch verläuft sehr überraschend und sie erfährt zwischen den Zeilen mehr über ihn, als die Akten hergeben. Zum Schluss bittet er sie beim nächsten Treffen einen saftigen roten Apfel mitzubringen.  

Erschöpft fährt sie nach Hause und findet auf dem Sofa ein kleines, etwa neunjähriges Mädchen vor, Hayong, die Tochter ihres Mannes aus erster Ehe. Auch dies ist das erste Treffen, hatte doch die verstorbene Mutter jeden Kontakt zum Kindsvater und seiner neuen Familie verboten. Die Welt von Sonkyong stellt sich von einem Tag auf den anderen auf den Kopf. Nichts ist mehr so wie es vorher war.

Die Autorin arbeitet in ihrem Thriller mit sehr viel Symbolik. Anspielungen auf den vorher genannten Film, ein relativ unbekannter Beatles-Song und nicht zuletzt der rote Apfel spielen eine große Rolle. Herausgekommen ist ein Thriller der Extraklasse mit einem nicht vorhersehbaren fulminanten Finale.

Aus verschiedenen Perspektiven erzählt in einer klaren, knappen Sprache, während das Grauen seinen Lauf nimmt. Subtil wird das Kopfkino des Lesers angeheizt und an der Spannungsschraube gedreht. Lassen Sie sich nicht durch das scheinbar harmlose Cover täuschen, dahinter verbirgt sich 1000 Volt Krimispannung. Unbedingt Lesen! (Sylvia Jongebloed)

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Bernhard Schlink: Abschiedsfarben.
Diogenes 2020, € 24,00.

In seinem neuen Erzählband ist Bernhard Schlink seinen großen Lebensthemen treu geblieben, nämlich der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Virtuos spielt er auf der Klaviatur der menschlichen Psyche und trifft mit seinen Geschichten mitten in die Abgründe der Seele.

Es geht um Abschiede jeglicher Art, nicht nur um den Verlust eines geliebten Menschen, sondern auch um Einsichten, die dazu führen, dass man sich von einem eingeschlagenen Weg oder einer Illusion verabschiedet. Ebenso spielt die Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit und die Erkenntnis um gemachte Fehler eine große Rolle. Das Thema Schuld wird dabei immer wieder thematisiert, und zwar Schuld, die man sowohl bewusst als auch unbewusst auf sich geladen hat.

Jede dieser neun Erzählungen ist ein kleines Meisterwerk für sich. Herausragend die Erzählung „Daniel, my Brother“, der Titel ist in Anlehnung an einen Song von Elton John gewählt. Hier ringt der Ich-Erzähler mit dem Schmerz um den Tod des älteren Bruders.

Dieser ist durch gemeinsamen Suizid mit seiner todkranken Frau aus dem Leben geschieden. Die große Frage warum und warum jetzt treibt ihn um. Verlorene Gemeinsamkeiten, verpasste Chancen, alles was man zusammen hätte machen können, warum die ursprünglich enge Beziehung scheinbar immer unterkühlter wurde, all diese Gedanken lassen ihn fast verzweifeln.

So rollt er vor seinem inneren Auge die gemeinsame Kindheit und sein Erwachsenenleben mit dem Bruder auf. Das macht ihn letztendlich nicht nur traurig, sondern auch wütend. Er, der lebenslang um die Zuneigung des Bruders gebuhlt hat, der scheinbar oft zurückgewiesene, geht jetzt hart mit ihm ins Gericht.

In der nächsten Phase übt er mehr Selbstkritik und versucht den Bruder besser zu verstehen, bis er ihn schließlich in einem ganzen anderen Licht sieht und versöhnt von ihm Abschied nehmen kann.

Ohne Pathos und ohne Kitsch kommen diese Geschichten daher, vielmehr in einer schnörkellosen, knappen Sprache, immer auf den Punkt kommend und oft genau den wunden Punkt treffend. So spiegeln sie das Leben wider und in einigen wird sich der Leser wiederfinden, so oder so ähnlich.

Man kann die Geschichten mehrmals lesen und entdeckt immer wieder ein entgangenes Detail.

Schlink ist mal wieder ein sehr lebenskluges Buch gelungen. Auf die Frage eines Journalisten, ob dies sein Alterswerk sei, soll er geantwortet haben: Wieso Alterswerk, ich schreibe schon an meinem nächsten Roman. Darauf freuen wir uns schon jetzt. Was wäre die deutsche Literaturlandschaft ohne ihn! (Sylvia Jongebloed)

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Viel Spaß beim Lesen.

Ihre Birgit Lingmann und Pia Patt

Birgit Lingmann und Pia Patt führen die Buchhandlung Funk

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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