Unsere Buchtipps im Juni bieten die richtigen Schmöker für sonnige Gartentage: Ein Pressefotograf wird in einem Mordfall verwickelt, ein mexikanischer Junge hat eine besondere Begabung und eine Frau steht an einem Wendepunkt.

Bernhard Aichner: Dunkelkammer.
btb 2021, € 17,00.

Endlich wieder eine neue Krimireihe vom Ausnahmetalent Bernhard Aichner. Nach seiner erfolgreichen Totenfrau-Trilogie hat der Österreicher jetzt mit dem Pressefotografen David Bronski erneut eine interessante Hauptfigur mit einem ganz besonderen Hobby erschaffen.

Bronski ist immer ganz nah am Geschehen, kein Tatort und kein durch Fremdeinwirkung zu Tode Gekommener ist vor seiner Linse sicher. An einem kalten Wintertag bekommt er einen Anruf von einem früheren Kollegen. Dieser, inzwischen obdachlos, hat in einer verlassenen Wohnung eine kopflose mumifizierte Leiche gefunden.

Bronski wittert gleich eine große Story und eilt mit seiner Kollegin Svenja von Berlin in seine Heimatstadt Innsbruck, um exklusiv vom Tatort zu berichten. Dort erwartet ihn eine große Überraschung. In der Jackentasche der Toten findet er einen Hinweis, der mit ihm ganz persönlich zu tun hat.

Dies katapultiert ihn 20 Jahre zurück zu einem traumatischen Ereignis in seiner Vergangenheit. Erste Ermittlungen ergeben relativ schnell, dass es sich um die Leiche einer vor zwanzig Jahren spurlos verschwundenen Milliardärin handelt. Nur was hat Bronski damit zu tun?

Schon aus persönlichem Interesse taucht er in diesen Fall ein. Schützenhilfe bekommt er von zwei starken Frauen: Seiner Schwester Anna, einer privaten Ermittlerin, und von seiner Kollegin Svenja.

Interessant ist die Figurenzeichnung. Im Gegensatz zu den beiden eher offen wirkenden Frauen ist der Protagonist introvertiert und auf sich selbst fokussiert. Außerdem treibt ihn eine große Passion um, er fotografiert hauptsächlich tote Menschen. Seine durchaus künstlerischen Fotos entwickelt er selbst und so wird die Dunkelkammer zu seinem ganz persönlichen Rückzugsort.

Erst im Laufe des Buches wird klar, warum er so ist. Genau hier schließt sich der Kreis zu dem eigentlichen Kriminalfall, den aufzuklären für ihn immer mehr zur Obsession wird.

Aichner, früher selbst Pressefotograf, hat hier sicherlich eigene Erfahrungen mit eingebracht. Das macht das Buch auch so ungemein authentisch. Durch seinen sehr knappen Schreibstil mit viel wörtlicher Rede treibt er die Handlung unaufhaltsam voran. Die Spannung und das Grauen werden durch diese sehr minimalistische Erzählweise zusätzlich verstärkt und entwickeln einen ungeheuren Sog.

Wieder ist dem Autor ein literarischer Thriller gelungen. Wir fiebern der Fortsetzung „Gegenlicht“, die Ende Juli erscheint, schon erwartungsvoll entgegen!

(Sylvia Jongebloed)

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Sofia Segovia: Das Flüstern der Bienen.
List 2021, € 22,00.

Die mexikanische Autorin hat mit ihrem zweiten Roman einen Bestseller weit über die Landesgrenzen hinaus gelandet. Im lateinamerikanischen Raum wird sie zu Recht bereits als zweite Isabel Allende gehandelt.

Dies ist die wundersame Geschichte der Familie Morales und dem Findelkind Simonopio. Wir schreiben die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Zwischen Orangenhainen und Bienenvölkern liegt die Hazienda von Francisco Morales. Der wohlhabende und geachtete Großgrundbesitzer lebt dort mit seiner Frau, zwei Töchtern und dem Nachzügler Francisco junior. Eines Tages findet die alte Amme Nana Reja auf dem Feld inmitten von Bienen fast versteckt einen Säugling, den die Morales in ihre Familie aufnehmen.

Simonopio, der Bienenjunge, ist anders als andere Kinder. Die Dörfler beäugen ihn misstrauisch und vermuten, dass aufgrund einer gewissen Entstellung durch eine Hasenscharte der Teufel in ihn gefahren ist. Er ist ein ruhiges Kind, spricht kaum und lebt Zeit seines Lebens inmitten seiner geliebten Bienen.

Außerdem ist er mit zwei außergewöhnlichen Begabungen ausgestattet. Einmal kann er sich aufgrund seines ausgeprägten Einfühlungsvermögens gut in Menschen hineindenken, so dass er sehr schnell erkennt, von wem Gutes oder Schlechtes ausgeht.

Durch sein enges Verhältnis zu den Bienen wiederum ist er sofort sensibilisiert, wenn in der Natur Veränderungen stattfinden. So dient er sozusagen als Frühwarnsystem für die Morales und kann oft rechtzeitig vor Gefahren warnen, seien es Kriege, Naturkatastrophen oder Krankheiten wie die Spanische Grippe. Doch nicht alles kann er abwenden und so ändern sich die Zeiten allmählich bis ein Schicksalsschlag das Leben der Morales total verändert.

Atmosphärisch dicht, ohne Kitsch und Pathos sowie mit großer erzählerischer Kraft kommt dieser Roman daher. Literarisch ambitioniert mit einem Hauch von Mystik und Magie spricht er alle unsere Sinne an. Wir tauchen ein in eine unbekannte Welt und irgendwann mit großem Bedauern wieder auf, weil die Geschichte zu Ende erzählt ist, den Geschmack von süßen Orangen noch auf der Zunge und das Summen der Bienen in den Ohren!

(Sylvia Jongebloed)

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Judith Hermann: Daheim.
S. Fischer 2021, € 21,00.

Hermann ist hauptsächlich durch ihre preisgekrönten Erzählbände bekannt geworden. Für ihren aktuellen zweiten Roman wurde die Autorin für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Die Geschichte beginnt mit einer Rückblende. Ein drückend heißer Sommer in einer deutschen Großstadt vor 30 Jahren. Nach ihrer monotonen Arbeit in einer Zigarettenfabrik entspannt sich die noch junge Protagonistin abends auf dem Minibalkon ihrer Einraumwohnung. Beim Einkauf in der Tankstelle gegenüber lernt sie einen älteren Mann kennen, der sich als Zauberer herausstellt, der eine neue Assistentin zum „Zersägen“ sucht. Diese Chance, etwas völlig Neues zu wagen, lässt sie verstreichen und sagt ab.

Dreißig Jahre später: Die Protagonistin ist inzwischen Ende Vierzig, hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und eine erwachsene Tochter, die auf Weltreise ist. Sie ist von der Stadt in die Nähe ihres älteren Bruders nach Nordfriesland gezogen und hilft in seiner Strandkneipe aus.

Sie, die Großstädterin, lebt das erste Mal allein und abgeschieden in einem Haus in einer völlig anderen Umgebung als gewohnt. Da ist das Meer, die Weite der Küste und die raue Natur. Sie lernt einen vollkommen anderen Menschenschlag kennen, schließt neue Freundschaften und knüpft sogar zarte Liebesbande. Was wird sie aus diesem neuen Leben machen, wird sie bleiben oder wieder eine Chance zu einem Neuanfang verstreichen lassen wie in jungen Jahren?

Die Zerrissenheit der Heldin, ihre Versuche sich abzukapseln und ihre Ängste vor jeglicher Art von Einengung werden genau beschrieben. Philosophische Fragen blitzen zwischendurch auf: Wer bin ich, wer könnte ich sein und was hätte sein können.

Es ist ein leiser Roman mit sehr vielen Zwischentönen und gleichzeitig mit einer großen Kraft. Die lakonische Sprache verstärkt die Problematik noch zusätzlich. Der Autorin ist ein kleines Meisterwerk gelungen, süffig und herb wie ein guter Wein!

(Sylvia Jongebloed)

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Viel Spaß beim Lesen.

Ihre Birgit Lingmann und Pia Patt

Pia Patt und Birgit Lingmann führen die Buchhandlung Funk

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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