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Ab Sonntag ist Katharina Hinsberg mit einer großen Einzelausstellung im Kunstmuseum Villa Zanders zu sehen. Ausgehend von Linie und Schnitt erweitert die Künstlerin den Begriff der Zeichnung bis zur Rauminstallation. Verblüffend ist eine geschwungene, durchgehende Linie aus 830 schwarz-weißen Kugeln, die sich durch die Räume windet.

Text: Holger Crump. Fotos: Thomas Merkenich

Zentrales Thema von Katharina Hinsberg ist die Zeichnung, das Gestaltungsmittel ist die Linie. Mit Papierschnitten, mit der Perforation des Werkstoffs entwickelt sie daraus ihre Arbeiten auf findige und virtuose Weise. Oft in den Raum hinein.

Mit wenig Ausgangsmaterial spannt sie dennoch ein schier unerschöpfliches Experimentierfeld auf. Die Ausstellung zeigt die Kreativität, Sinnlichkeit und Neugierde einer zeitgenössischen Künstlerin. 

Der Umgang mit dem Werkstoff Papier ist eine spannende, wenn auch zufällige Parallele zur Ausstellung „Filament“ von Gesa Lange, die noch bis zum 6. März im 2. Obergeschoss der Villa Zanders zu sehen ist.

Hintergrund: Katharina Hinsberg lebt in Neuss, hat seit Anfang der 2000er Jahre ein Atelier auf Lebenszeit auf der Raketenstation Hombroich. An der Hochschule der Bildenden Künste Saarbrücken hält die Künstlerin eine Professur für konzeptuelle Malerei.

Ausführliche Einführung zu den Werken von Katharina Hinsberg auf den Webseiten der Galerie Bernhard Knaus Fine Arts und auf der Webseite der Künstlerin. 

Hinsbergs Arbeiten sind eine zarte Erfahrung, die gleichwohl eine enorme Präsenz entfalten. Da formen feine, mit Cutter in Papier geschnittene Linien komplexe organische Netzwerke. An Spitze erinnernde Stanzarbeiten sind zu sehen, denen Hinsberg zwölf Monate Entstehungszeit widmet. 

Mit Witz, Sinn für die Wahrnehmung und dezenter Farbgebung lässt sie fragile Teppiche – wie gewebt – entstehen, die mühelos eine dreidimensionale Illusion entfalten. Und bei näherer Betrachtung doch so viel von der Mühe berichten, welche Hinsberg bei der Produktion ihrer Arbeiten ausgesetzt ist.

Positiv und Negativ

„Still Lines“ – immer wieder Linien. Hinsberg widmet sich ausschließlich dem Grundelement menschlicher Kreativität.

Als Positiv, aus dem Papier herausgeschnitten, ausgestellt als fragiles Exponat. Oder als Negativ, als Schnitt durch das Papier: Wenn Hinsberg Zeichnungen von Strichen und Linien mit dem Cutter bearbeitet, die Linien zu Lücken werden lässt.

Katharina Hinsberg „Still Lines“
Kunstmuseum Villa Zanders
20. Februar bis 7. August 2022
Öffnungszeiten und weitere Infos auf den Webseiten der Villa Zanders

„Indem ich Linien ausschneide, der Zeichnung etwas wegnehme, verdoppele ich sie“, sagt die Künstlerin. „Auch wenn die ursprüngliche Zeichnung etwas verliert, wie den Duktus, Druck und Dicke der gezeichneten Linien.“

Was ist Zeichnung, fragt Heinsberg, welche Spuren bleiben bestehen? Was macht das Authentische noch aus, wenn das Ausgangsmaterial in der künstlerischen Auseinandersetzung transformiert wird? 

Rauminstallationen 

Oft untersucht Hinsberg den Bezug zum Raum. Im Kleinen und im Großen. Wie mit dem voluminösen Vorhang aus papierenen Fäden, den sie unter den Treppenaufgang zum 2. OG montiert hat. 

Die Installation ist eine der wenigen farbigen Akzente in der Ausstellung. „Rot, das ist die Farbe die wir sehen, wenn wir die Augen schließen“, sagt Hinsberg. Blau oder grün, das wäre ihr zu sehr mit Symbolik beladen.

Foto: Thomas Merkenich

Lässig, wie die Künstlerin bei dieser Arbeit mit wenig Ausgangsmaterial – dem Leichtgewicht Papier – doch eine monumentale Wucht der Installation entfaltet.  

Relevanz des Zwischenraumes

So auch bei der geschwungenen, durchgehenden Linie aus 830 schwarz-weißen Kugeln, die sich durch die Räume windet. Eine weitere große Installation der Schau, Titel „mitten“. Organisch, von einer selbstverständlichen Präsenz, als sei der Ausstellungsraum um sie herum gebaut worden. 

„Mit den Kugeln markiere ich nur. Der Blick des Betrachters stellt die Zusammenhänge her“, macht sie klar. Ergänze die Zwischenräume zwischen den Kugeln zu einer Linie.

Auf hierbei ist sie spartanisch in der Wahl der Mittel: „4 Kilogramm Knete für die Kugeln, fast nichts“, Hinsberg scheint selbst verblüfft.

Fokus auf Prozess

Am Ausgangs- oder Endpunkt der Linie – das bleibt offen – wird der Entstehungsprozess der Installation sichtbar. Katharina Hinsberg hat an der Wand des Museums die Höhenangaben zur Hängung der Kugeln mit Bleistift skizziert. Gemeinsam mit dem Verlauf, den sie auf dem Parkett aufgezeichnet hatte, ergaben sich so die Koordinaten der Linie im Raum. 

Die Kugeln wurden von Mitarbeiter:innen des Hauses geformt, die Hängung ein Gemeinschaftsprojekt, das sich über Tage zog.

Auch diese Installation zeigt: Der Entstehungsprozess wird zum künstlerischen Gestaltungselement. Ihm ordnet sich die Künstlerin unter, überantwortet – nach sorgfältiger Planung – den weiteren künstlerischen Prozess an den Raum, an die Helfer:innen, ein Stück weit an den Zufall.

Gleich dem Bauplan einer Symphonie, den Elementen einer Sonate: Das Konzept, Verfahren und Prozess werden in der Fokus der Kreation gerückt. 

Rahmenprogramm zur Ausstellung
Finissage mit Gespräch und Intervention der Künstlerin
So 7.8.2022, 17 Uhr

Öffentliche Führungen
Do 3.3. 18 Uhr / So 3.4. 11 Uhr / So 8.5. 11 Uhr / Do 2.6. 18 Uhr / So 10.7. 11: Uhr / Do 4.8. 18 Uhr. Weitere Führungen auf Anfrage

Salongespräche
On Line/s. Katharina Hinsberg
Di 17.5., 19:30 Uhr. Prof. Dr. Sabine Mainberger, Professorin für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Bonn

Von der Kunst zu leben – Zur wirtschaftlichen und sozialen Situation Bildender Künstlerinnen und Künstler
Di 19.07., 19:30 Uhr, Friederike van Duiven, Vorsitzende des Be­rufsverbandes der Bildenden Künstlerinnen und Künstler NRW

Meilenstein

Katharina Hinsberg war zuvor bereits mit Arbeiten in einer Sammelausstellung in der Villa Zanders zu sehen. Auflagenwerke befinden sich in der Sammlung des Kunstmuseums.

„Still Lines“ ist ihre erste Einzelausstellung vor Ort. Die Schau ist ein weiterer Meilenstein in der Arbeit des Teams um Direktorin Petra Oelschlägel in der thematischen Ausrichtung auf „Kunst aus Papier“.

Nicht nur, weil es Katharina Hinsberg aus einer „bewussten Selbstbeschränkung“ heraus gelingt, ein „offenbar unerschöpfliches Experimentierfeld“ zu öffnen. Sondern auch weil sie dies mit hoher künstlerischer Gestaltungskraft verbindet.

„Still Lines“ – immer nur/noch Linien? Oder vielmehr ruhige/ruhende Linien? Der Titel der Ausstellung bleibt wohltuend offen in der Interpretation. „Gerade dieses Hin- und Herdenken in den möglichen Deutungen entspricht dem Prozessualen im Werk der Künstlerin. Sie stößt etwas an und…“, sagt Petra Oelschlägel.


Entdecken Sie das Kunstmuseum Villa Zanders: In unserer Panoramatour durch Bergisch Gladbachs kulturelle Mitte stellt die Villa einen Höhepunkt da. Schauen Sie sich um, Das Haus ist bis unter das Dach voll mit Kunst. Mit einem Doppelklick öffnen Sie die Vollansicht. (Die Aufnahmen wurden im Sommer 2021 gemacht, zu sehen war damals die Ausstellung von Heide Bühl sowie im Kabinett die „Intuitionskisten“ von Joseph Beuys.)

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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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3 Kommentare

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  1. sehr geehrter Herr Pohl. bitte lesen Sie doch nochmals Ihren Kommentar und klären für sich. ob Sie ihn nicht doch besser zurück ziehen sollten.

  2. Irre Fotos, toller, spannender Text. So würde ich mir Kulturberichterstattung auch in den großen Zeitungen wünschen. Dort führen aber meist die Ausgesiebten das Wort – Leute, die selbst gerne zum „Kulturbetrieb“ (ein scheußliches Wort, aber ich habe gerade kein besseres) gehören würden, aber es halt nicht geschafft haben. Von absolut nichts eine Ahnung, versprühen aber ihr eifersüchtiges Gift in der Süddeutschen oder so! Da sind Crump und Merkenich tatsächlich bessere Kaliber. Ich werde mir die Ausstellung anschauen, inspiriert und angeleitet durch diesen Artikel.