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Das Kunstmuseum würdigt den 100. Geburtstag von Joseph Beuys mit einer Ausstellung im Kabinett. Die Villa Zanders zeigt mit dem Werk „Intuition“ nur scheinbar leere Kisten des Düsseldorfer Kunstprofessors. Sie sind eine gewitzt gemachte Einladung an den Betrachter zur Reflexion. Das stellen der Kurator Hartmut Kraft und der Kunstlehrer Piet Beuys im Gespräch miteinander fest. Wir haben zugehört – und stellen die Ausstellung im #KulturKurier vor.

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Piet Beuys kommt mit dem Fahrrad zur Villa Zanders. Der Nachfahre von Joseph Beuys ist Kunstlehrer am Dietrich Bonhoeffer Gymnasium in Heidkamp. Im Fahrradanhänger liegt eine Kiste, mit der Aufschrift „Unverkäuflich“.

Verschlossen durch ein altes, kleines Fenster aus dem Haus seiner Großmutter, baumelt darin eine Postkarte von Joseph Beuys. Sie ist unterschrieben mit „Dein Jüppken“.

Die Karte sandte der Kunstprofessor einst an Piets Vater, es drehte sich dabei um politisches Engagement: „Es ist ja interessant, dass wir beide auf demselben Gebiet arbeiten“, ist zu lesen. Darüber ein Stempel der Grünen, bei denen sich Joseph Beuys engagierte.

Kistentreffen

Die selbst gebaute Kiste ist ein schöner Aufhänger für das Gespräch, zu dem Piet Beuys und Prof. Hartmut Kraft auf Einladung des Bürgerportals in der Villa verabredet sind. Hartmut Kraft ist Sammler und Psychoanalytiker. Er kuratierte die aktuelle Beuys-Ausstellung in der Villa Zanders unter dem Titel Leere Kisten als plastisches Thema bei Joseph Beuys. Im Fokus stehen dabei kleine Kisten aus Fichtenholz, die sogenannten Intuitions-Kisten. Einige Exemplare werden erstmals gezeigt.

Das Kunstmuseum Villa Zanders ist unter den Corona-Auflagen geschlossen. Die Ausstellung ist jedoch bis zum 8. August terminiert, so dass es noch Gelegenheit geben wird, sie zu besuchen.

Kraft sammelt die Exponate bereits sein Leben lang. „Meine erste Intuitions-Kiste von Beuys kaufte ich als Schüler“, erzählt Kraft. Es war sein Einstieg in eine stete Auseinandersetzung mit Beuys.

Und so trifft an diesem Nachmittag die selbst gebaute Kiste des Nachfahren Piet auf die in jahrzehntelanger Arbeit gestalteten Intuitions-Kisten seines Vorfahren Joseph. „Unverkäuflich“ – der Aufdruck auf Piets Kiste ist nicht zuletzt ein unbeabsichtigter und augenzwinkernder Hinweis in Richtung des Sammlers Kraft.

Denn in der Tat hat sich Hartmut Kraft für die Ausstellung auf die Suche nach weiteren Multiples aus der Intuitions-Serie gemacht – und wurde fündig. Zehn sehr verschiedene Exponate sind zu sehen. Auf den ersten Blick einander sehr ähnlich, wenig spektakulär. „Wenn man nicht so viel sieht schaut man genauer hin“, meint Kraft, und verweist unter anderem auf ausgestellte Variationen von Mauricio Kagel und Alfonso Hüppi.

Joseph Beuys (1921-1986) hat 557 so genannte Multiples geschaffen. Dabei handelt es sich um in Serie hergestellte Werke, die über Kataloge, in Warenhäusern oder gar bei Konzerten verkauft wurden. Beuys hegte den Wunsch, Kunst auf diesem Weg einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Die Intuitions-Kiste trägt im Werkverzeichnis die Nummer 7, im Laufe der Jahre wurde eine Stückzahl von rund 12.000 produziert. Beyus gestaltete die Innenseiten der Kisten handschriftlich mit der Aufschrift „Intuition“. Darunter zwei Längsstriche, der obere links und rechts begrenzt. Der untere Strich beginnt links kaum merklich, endet rechts ebenfalls mit einem senkrechten Strich. Der untere Strich ist länger als der obere.

Anregung und Vermarktung der Intuitionskiste erfolgte durch den Herausgeber Wolfgang Feelisch (VICE-Versand, Remscheid). Der anfängliche Verkaufspreis lag bei 8 DM. Heute werden für gut erhaltene Exemplare bis zu 3.000 Euro gezahlt.

Die Ausstellung in der Villa Zanders umfasst zwei Räume: Der erste Raum präsentiert die Intuitions-Kisten sowie Statements von Künstlern und Sammlern.

Hartmut Kraft bat um deren Sicht auf die Kiste. Und sie haben geantwortet: Unter anderem Verleger und Sammler Walther König, Sammler und Gründer der Marcel-Proust-Gesellschaft Reiner Speck, oder Publizist und Galerist Franz van der Grinten. „Die Kiste muss etwas mit den Menschen gemacht haben“, meint Kraft. Die Antworten umringen die Kisten, füllen sie mit Ideen.

Raum zwei verweist auf die Entstehung der Intuitions-Kisten. Beuys hat sich früh mit dem Thema „Kiste“ auseinandergesetzt. Kraft dokumentiert dies u.a. mit einer leeren Zinkkiste sowie Beuys berühmter Schwefelkiste.

Zu sehen sind zudem die Grafik „Der Schamane“ und Fotos von Beuys berühmtem mit Blei verkleidetem Schmerzraum. „Seine vielleicht größten Kiste“ merkt der Kurator an.

Hartmut Kraft (links) und Piet Beuys im Gespräch über die Intuitions-Kisten (am Bildrand links in der Vitrine)

Krise als Ausgangspunkt

Für Kraft stehen vor allem die Kisten in zentralem Zusammenhang mit Beuys Schaffenskrise in den 50er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts. Krafts Hypothese zufolge arbeitet Beuys damals mit der Kiste als „Raum für neue Ideen, als Rückzugsraum, als Möglichkeit zur Isolation, wo man auf sich selbst zurückgeworfen wird.“

Gleich einem Schamanen unterwirft Beuys sich in diesen Räumen einem Initiationsritus. Die Kiste steht für den Ort der Neubesinnung, für das ewige Thema von „Stirb und werde!“ Der spätere Bildhauer, Zeichner, Aktionskünstler findet darin symbolisch seinen Nullpunkt.

So sagte er über die „gummierte Kiste“, die 1957 inmitten seiner Krise entstand: Sie stehe zugleich für einen inneren, geistigen Raum und einen äußeren, realen Raum. In Zeiten des Umbruchs bedürfe es es solch eines Freiraums, um in Ruhe etwas Neues zu entwickeln.

Eben diese Erfahrung, die er mit „seinen“ Ur-Kisten gemacht hat, gibt er mit dem Multiple „Intuition“ an die Betrachter weiter.

Unsichtbare Plastik

Kraft erklärt: Mit dem Werk entstehe eine unsichtbare Plastik zwischen dem Künstler und dem Betrachter, zwischen Sender und Empfänger. Beuys fordere den Betrachter auf, seine eigene Intuition von der Leine zu lassen. „Konzentriert Euch, wie kann ich meiner Intuition folgen?“ beschreibt der Kurator die Botschaft des Werks, und sagt: „Die Menschen haben die Aufforderung verstanden.“

Die vielen Rückmeldungen, die der Psychoanalytiker im Ausstellungsraum sowie dem Katalog zugänglich macht, stehen sinnbildlich dafür.

Was kaum jemand weiß: Joseph Beuys verfasste auch Gedichte. In der Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemein Zeitung ist eine Rezension des Kurators Prof. Hartmut Kraft zu finden.

Der ursprüngliche Titel „Intuition … statt Kochbuch“ verweist auf das Spannungsfeld zwischen Rationalität einerseits und Gespür bzw. Intuition andererseits, das Beuys mit dieser Arbeit aufzeigt. Das Kochbuch mag für einen vorgegebenen Prozess stehen, für klares und strukturiertes Denken und Handeln. Mit definierten Zutaten und einem festen Ziel. Die obere Linie im Innenteil der Kiste mit klar gezeichnetem Anfang und Ende könnte als Verweis darauf gesehen werden.

Im Gegensatz dazu die Intuition, als „Kompass für den eigenen, neuen Weg“, symbolisiert durch die untere Linie, die aus dem Nichts erscheint und hinter der oberen Linie endet: „Wir wissen nicht, woher sie aus unserem Inneren auftaucht, können die Quelle in unserem Unterbewusstsein nicht benennen – aber das Ergebnis führt weiter (….)“, bringt ein Ausstellungstext das Wesen der Intuition auf den Punkt.

Joseph Beuys vor der Kunstakademie Düsseldorf bei der Arbeit an den Intuitionskisten. Joseph Beuys © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: Nino Barbierei, 1970er Jahre

Pandemie als transformative Krise

Für Piet Beuys passt das Werk gut in die Zeit. „Als Kunstlehrer weiß ich wie wichtig die Intuition ist. Viele Schüler werden einfach zu eng im System geführt“, so seine Überzeugung. Nehme die Ratio überhand, könne dies zu Ängsten und Unsicherheiten führen.

Er sieht in der Pandemie nicht zuletzt auch eine transformative Krise für die Gesellschaft. Mit dem Home Office als mögliche weitere Beuys’sche Kiste, die – trotz aller damit einhergehenden Probleme – dem Menschen eine Chance auf Rückbesinnung und Neuanfang biete.

Piet Beuys´ Kiste mit der Postkarte von Joseph Beuys (Die Kiste von Piet Beuys gehört nicht zu den Exponate der Ausstellung in der Villa Zanders)

Für den Kunstlehrer Piet ist Joseph Beuys besonders vor dem Hintergrund des Konzepts der sozialen Plastik von herausragender Bedeutung. Der Begriff aus der Kunsttheorie beschreibt Aktionen und Prozesse, mit denen Menschen gesellschaftliche Prozesse beeinflussen und formen wollen.

Joseph Beuys ist mit solchen Aktionen immer wieder an die Öffentlichkeit getreten. Sie verdeutlichen dem Einzelnen: „Ich bin handlungsfähig in der Gesellschaft.“ Jeder ist ein Künstler: Das Konzept der sozialen Plastik macht deutlich, was Beuys mit diesem Ausspruch wirklich meinte. Er versteht das Leben als Kunstwerk, als zu gestaltendes Werk insgesamt.

Und Piet knüpft daran an, arbeitet auf diese Weise auch mit seinen Schülern: „Wir haben am DBG einen symbolischen Graben als soziale Plastik ausgehoben, um auf die Bedeutung von Breitband für die Bildung hinzuweisen.“ Die Schule erhält demnächst Anschluss an das schnelle Internet.

Angst vor der Leere

Zurück zur Intuition, die Piet Beuys an seiner Schule gezielt zu fördern sucht. Gemeinsam mit seiner Kollegin Veronika Schoop fügt er Kunstunterricht und Mediation zusammen. Für ihn ist dies ein wichtiger Gegenpol zum Digitalen. Das Digitale, meint Piet Beuys, könne während der Pandemie zu einer Degeneration des Intuitiven führen. Man müsse die Intuition daher besonders fördern.

Dies unterstreicht Kraft vor allem als Psychoanalytiker: „Es geht nicht immer nur um das Digitale, die Krise macht die Grenzen des Digitalen sichtbar, meinen Weg finde ich nicht über einen Algorithmus.“ Und er berichtet von FOBO – der fear of being offline (Die Angt offline zu sein). Im Gegensatz dazu komme die Intuition aus einem selbst, dafür brauche es kein Internet.

So kann die Intuitions-Kiste in ihrer Unscheinbarkeit auch als ganz zeitgemäßes Symbol verstanden werden. Als Angst vor der Leere, als Mahnung vor dem Verlorengehen im Digitalen. Was tue ich hinein, womit fülle ich meine Kiste, wenn ich mal nicht connected bin? Unter diesem Gesichtspunkt ist Beuys Werk vielleicht aktueller denn je.

Weitere Ausstellungen in der Villa Zanders

Alle Ausgaben des KulturKuriers

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Toller Bericht zur aktuellen Ausstellung und zum Treffen von Kurator und Beuys-Nachfahre! Danke.

    PS: Im ersten Absatz unter „Angst vor der Leere“ ist aber wahrscheinlich eher das Zusammenfügen von Kunstunterricht und MediTation (nicht Mediation) als Gegenpol zum Digitalen gemeint?!