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Bibliomania lautet der Titel der neuen großen Ausstellung in der Villa Zanders. Auf zwei Etagen zeigt das Kunstmuseum Werke aus den unterschiedlichsten Sparten der Kunst rund um das Buch. Herausgekommen ist ein Manifest des Buches, das Gestaltung, Haptik, Format und den Stellenwert dieses unverwüstlichen Kulturgutes als Wissensspeicher feiert. Anschaulich inszeniert, heiter, überraschend und ungeheuer vielseitig.

Text: Holger Crump. Fotos: Thomas Merkenich

Diese Ausstellung spannt ein Universum der Bücher auf. Sie liefert ein Manifest der Folianten, Druckwerke, Niederschriften. Der ungelesenen oder ungeschriebenen Werke und Kladden, der Lexika, der Kinder- und Kochbücher. Oder wie man das Buch auch immer nennen mag. Das Thema scheint unerschöpflich.

Anschaulich inszeniert nimmt Bibliomania den Betracher mit auf eine sinnliche Reise. Magie und Ausstrahlung des Buches sollen erforscht werden, heißt es in der Ankündigung. Und sie hält Wort.

Sie können jedes Foto durch einen Klick groß stellen und sich dann durch die Galerie bewegen. Am besten auf einem großen Bildschirm oder auf dem Handy im Querformat, dann erscheinen auch die Namen der Künstlerinnen und Künstler.

„Die Idee zur Ausstellung wurde aus der papiergeschichtlichen Sammlung des Kunstmuseums heraus entwickelt“, erklärt Petra Oelschlägel. Gemeinsam mit Sabine Elsa Müller und Pia Simon hat sie die Ausstellung „Bibliomania“ kuratiert.

Papier und Künstlerbücher sind in der Schau ein Thema, ja. Aber es geht weit darüber hinaus. Die Ausstellung zeigt, wie sich Künstlerinnen und Künstler mit dem jahrtausendealten Kulturgut „Buch“ in der Neuzeit auseinandersetzen.

Bibliomania – Das Buch in der Kunst
Malerei, Zeichnung, Fotografie, Film, Objekt, Installation
Kunstmuseum Villa Zanders
3. September 2022 bis 8. Januar 2023
Mit Unterstützung von WDR 3 Kulturpartner, Galerie + Schloss e.V., Landschaftverband Rheinland, Kultur- und Umweltstiftung der Kreissparkasse Köln

„Uns wurde in der Vorbereitung vieles an Exponaten angeboten“, macht Oelschlägel klar. Trotz der Beschränkung auf zentrale Werke ist die Schau üppig geraten, die Ausstellung dehnt sich über zwei Etagen.

Bibliomania eben – die übersteigerte Leidenschaft für das Sammeln des Buches. Weniger wäre zu wenig gewesen.

Vielseitig

Arbeiten von 1960 bis heute sind zu sehen, überwiegend Kunstwerke aus dem deutschsprachigen Raum. Untersucht wird das Buch aus verschiedensten Blickwinkeln. Am Ende ist klar: Von einer Krise des Buches kann angesichts der digitalen Revolution und ihren omnipräsenten Bildschirme und Pixel keine Rede sein.

Das Medium ist aktueller denn je. Es ist vielschichtig, haptisch erlebbar und – im wahrsten Sinne des Wortes – einfach „vielseitig“.

Zur Ausstellung erscheint ein bibliophiles Buch
Begleitende Essays, zahlreiche Abbildungen der Werke und Ausstellungsansichten
208 Seiten, Kettler-Verlag Dortmund
Museumspreis 35,- Euro
Buchvorstellung mit Performance der Künstlerin Takako Saito: 23. Oktober 2022, 15 Uhr

Wissensspeicher

Die Magie und Ausstrahlung des Buches spürbar zu machen, das gelingt dem Team um Petra Oelschlägel auf unterschiedliche Weise.

Ralf Caspers (rechts), Foto: Thomas Merkenich

Natürlich geht es um das Buch als Wissensspeicher: Etwa im großformatigen Werk von Ralf Caspers: Das Foto verleiht dem Standardwerk von Juristen – dem Schönfelder – eine Dimension und Schwere, die er auch im Alltag inne hat.

Andreas Gursky (rechts) und Kris Martin (links)

Oder Andreas Gurskys Fotografie einer Buchseite aus Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Hier wird die Speicherung von Wissen durch eine augenscheinlich nicht auszumachende Änderung des Texts hinterfragt.

Die monumentale Wucht und Schwere von Buch und Bildung wird mit dem prall gefüllten Bücherregal von Katharina Fritsch deutlich. Ikonisch, nicht zuletzt im Kontrast zur Leichtigkeit, die Timm Ulrichs Buchattrappen gleich daneben verströmen.

Katharina Fritsch (rechts), Foto: Thomas Merkenich

Werkstoff

Das Buch als Werkstoff künstlerischer Auseinandersetzung ist gleichfalls ein roter Faden in der Ausstellung. Zu sehen in Dieter Roths „Literaturwurst“, bestehend aus dem geschredderten Werk „Rendez-vous mit dem Tod“ sowie Fett und Gewürzen.

Oder die gefalteten Telefonbücher von Dietrich Helms. Sehr sinnlich auch Hubertus Gojowczyk, der den ausgestellten Büchern durch die Bearbeitung mit dem Skalpell eine ganz neue Tiefe verleiht und dem Besucher die Literatur in den Weg stellt, indem er eine Tür mit Büchern zumauert.

Und natürlich der Newspaper-Stand von Takako Saito. Zeitungspapier wird hier zu Knoblauchzöpfen transformiert, recyclet. Die Titel der populären Presse-Organe bleiben als leere Hüllen übrig. Wer mag kann hier die Uniformität der Medien hinein interpretieren.

Beteiligte Künstler:innen
Boris Becker
Anne Berning
Jonathan Callan
Hanne Darboven
Johan Deckmann
Julius Deutschbauer
Gerhild Ebel
Rolf Escher
Ralph Fleck
Katharina Fritsch
Lutz Fritsch
Hubertus Gojowczyk
Rainer Gross
Andreas Gursky
Thomas Hartmann
Dietrich Helms
Candida Höfer
Oskar Holweck
Ralf Kaspers
Annette Kelm
Kris Martin
Ulrich Meister
Salvador Menjibar
Marcus Neufanger
Katie Paterson
Dieter Roth
Gerhard Rühm
Georgia Russell
Takako Saito
Stefan Steiner
Curt Stenvert
Magnus von Stetten
Nadezda Stolpovskaja
Yoko Terauchi
Andrea Tippel
Jean-Philippe Toussaint
Timm Ulrichs
Christos Venetis
Cornelius Völker
Ulrich Wagner
Peter Wüthrich
Peter Zimmermann
u.a.

Bibliotheken

Das Sammeln und Archivieren von Büchern wird selbst zum Exponat. Die Fotos von Candida Höfer erzählen eindrucksvoll von der Faszination, die gerade historische Bibliotheken ausüben. Im Kontrast dazu Boris Beckers leerer Archivraum mit zusammengestürzten Regalen.

Dass diese Archive des Wissens und Erzählens durchaus eine Zukunft haben, macht die Ausstellung Bibliomania gleich anhand von vier Beispielen deutlich. Sie stellt ugewöhnliche Bibliotheksprojekte vor:

Bibliothek der ungelesenen Bücher von Julius Deutschbauer, Foto: Thomas Merkenich

So werden Besucher gleich zu Beginn mit der Bibliothek der ungelesenen Bücher von Julius Deutschbauer begrüßt. Sessel, Tisch, Regal – man mag sich gleich niederlassen und schmökern. Deutschbauer sammelt seit 1997 Bücher, die von ihren Besitzern (noch) nicht gelesen wurden und beleuchtet die Hintergründe in Interwies. Über 800 sind es bereits geworden. Vorschläge erwünscht! Die Bibliothek ist Teil des umfangreichen Begleitprogrammes.

Julius Deutschbauer. Foto: Thomas Merkenich

Spannend auch die Future Library, vorgestellt per Video. Die Künstlerin Katie Paterson ließ Nahe Olso einen Wald pflanzen, der in 100 Jahren gefällt wird, um daraus Papier zu machen. Jahr für Jahr liefern Autoren Texte, die in 100 Jahren auf dem gewonnen Papier gedruckt werden sollen. Eine Hommage an den Leser der Zukunft, aber auch an die Zukunftsfähigkeit des Buches.

Lutz Fritsch stellt seine Bibliothek im Eis vor – eine Sammlung gestifteter Bücher, die er seit 2005 in der Antarktis aufbaut und die für die Forscher vor Ort einen besonderen Kulturort in der Monotonie des ewigen Eises bilden.

Lutz Fritsch, Filmstill aus „Bibliothek im Eis“, 2006, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Und die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher von Andrea Tippel. Hier entfaltet selbst das leere, gemalte Buch eine Faszination, kündet von Weisheit, Vielfalt, Imagination, Muße.

Form, Inhalt

Das Wesen des Buches kann gleichwohl an formalen Aspekten untersucht werden: Gerhild Ebel präsentiert ein fiktives Layout, herausgearbeitet durch strengen Schnitt in ein unbedrucktes Buch, mit Betonung auf Zeile, Block und Bild. Wie ist Information gegliedert? Der Wandel durch das Digitale wird sichtbar.

Gerhild Ebel, Foto: Thomas Merkenich

Eine starke, kaum zu steigernde Reduktion dann in den Arbeiten „End Point“ von Kris Martin, der collagierte, letzte Zeichen – in der Regel ein Satzpunkt – berühmter Bücher ins Zentrum seiner kargen und doch so sinnlichen Blätter stellt.

Dass es die Bücher zu füllen gilt, und dass dies ein fordernder Prozess sein kann, macht Hanne Darboven mit ihrer Arbeit „Schreibzeit“ deutlich. Autobiografische Noitzen, die sich in endloser Schreibschrift durch die ausgestellten Kladden ziehen.

Begleitprogramm
Zur Ausstellung veranstaltet das Kunstmuseum ein umfangreiches Begleitprogramm mit Lesungen, Salongesprächen, einer Performance, Führungen, Workshops zum Buchbinden, Vorträgen. Auch Käpt‘n Book macht während des Rheinischen Lesefestes Halt in der Villa Zanders. Infos und Anmeldungen auf den Webseiten des Kunstmuseums.

Aktuell: Sonntag 4. September 2022, 18 Uhr
Lesung Jürgen Becker
Mit einer Einführung in die Bibliothek ungelesener Bücher durch Julius Deutschbauer
Eintritt 6 € / 3 € erm.

Die müssen aber auch gelesen werden. Jean-Philippe Toussaint ist mit einer Fotoserie vertreten, die den Akt der Informationsgewinnung aus dem Buch vergnügt inszeniert.

Sinnliches, geschichtliches

Peter Zimmermann, Foto: Thomas Merkenich

Der formalen Strenge setzt die Ausstellung aber auch gerne sinnliche Aspekte gegenüber. Wie die Polyglott-Reiseführer von Peter Zimmermann, die zugleich auf die Ikonografie der Buchgestatung verweisen.

Oder die entspannte Rauminstallation von Peter Wüthrich, der das Buch ins Reich der Ornithologie überführt. Kongenial in den schwierig zu bespielenden Raum am Aufzug eingebettet.

Peter Wüthrich, Foto: Thomas Merkenich

Annette Kelm greift in „100 Bücher“ Werke auf, die durch die Nationalsozialisten verbrannt werden sollten. Die Präsentation gibt nicht nur einst verfolgten und angefeindeten Autoren ihren Platz in der Öffentlichkeit zurück. Die Reihe liefert auch einen Einblick in Kunst und Buchgestaltung des vorherigen Jahrhunderts.

Annette Kelm, Foto: Thomas Merkenich

Heiter, überraschend

Diese und viele weitere Facetten greift Bibliomania im Kunstmuseum Villa Zanders auf. Die aktuelle Ausstellung hinterfragt das Sujet, stellt es bezüglich seiner Zukunftsfähigkeit auf die Probe, spielt mit den verschiedenen Qualitäten.

Das ist spannend, heiter, zuweilen auch überraschend. Denn jeder von uns hat eine Beziehung zum Buch. Und sei es zu einem ungelesenen!

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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Ich war am Sonntag zufällig und spontan in dieser Ausstellung und freue mich, durch diesen Beitrag noch zusätzliches Hintergrundwissen zu bekommen. Danke an den Autor und den Fotografen!