Für den November empfehlen die Expertinnen der Buchhandlung Funk drei besondere Bücher: Ein brillanter Gesellschaftsroman über die Schere zwischen Arm und Reich, ein Psychothriller mit gepflegter Gänsehautgarantie und ein epochales Familienepos.

Négar Djavadi: Die Arena

Die Autorin nimmt uns mit in ein Paris jenseits jeder Postkartenidylle. Sie entwirft das Panorama einer Metropole, die stellvertretend für andere europäische Großstädte steht, und besonders krass die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich darstellt. Sie steht ihrem Kollegen Michel Houellebecq in nichts nach, geht die Problematik nur aus einem anderen Blickwinkel an.

Wir brechen zusammen mit dem Protagonisten, Benjamin Grossman, in die Problemviertel auf, die nicht weit entfernt von den angesagten Stadtteilen und Touristenattraktionen liegen. Hier leben Migranten, illegale Flüchtlinge und andere sozial schwache Menschen. In diesem Moloch ist Grossman in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Aber er hat es geschafft. Aus dem einstigen Jungen aus der Vorstadt ist der Leiter eines amerikanischen Streaming-Dienstes für Europa geworden.

Nach einem der seltenen Besuche bei seiner Mutter kommt ihm sein Handy mit unersetzlichen Telefonnummern abhanden. Er läuft dem vermeintlichen Dieb, einem Jungen, hinterher und schubst ihn gegen einen Eisenzaun. Damit setzt er eine Kette von Ereignissen in Gang, die sich schnell wie ein Flächenbrand ausbreiten.

Am nächsten Morgen wird dieser Junge von drei Polizisten tot aufgefunden. Die junge Polizistin tritt ihn erst grob in die Seite, weil sie annimmt, er wäre im Alkohol- oder Drogenrausch. Eine Jugendliche filmt genau diese Szene mit ihrem Handy und setzt das Video ins Netz.

Was jetzt passiert, entbehrt jeglicher Vorstellungskraft. Es kommt zu einem Aufstand gegen Polizeigewalt, begleitet von verheerenden Unruhen mit Toten und Verletzten. Aber was ist wirklich passiert, wieso ist der Junge tot, was hat Grossman damit zu tun und wo ist das Handy mit dem brisanten Inhalt?

Die in einem dieser Problemviertel aufgewachsene, iranischstämmige Autorin entwirft ein authentisches und atmosphärisch dichtes Bild über die sich verstärkenden sozialen Gegensätze in unseren Großstädten. Ihr ist ein brillanter Gesellschaftsroman gelungen, der sich flott liest wie ein Krimi, aber so viel mehr ist als das.

Es wird nicht nur der Finger in die Wunde gelegt, sondern es werden auch existentiell wichtige Fragen gestellt. Wie soll das Zusammenleben einer so konträren Gesellschaft in der Zukunft aussehen? Wird es Wege zu einer friedlichen Lösung mit einem einträchtigen Miteinander geben? Ein Buch, das überzeugt, betroffen und süchtig macht!

Négar Djavadi: Die Arena. C.H. Beck 2022, € 26,00.

(Sylvia Jongebloed)

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Lucy Foley: Abendrot

Ein einsam gelegenes altes, elegantes Pariser Stadthaus am Ende einer schmalen verwinkelten Gasse in Montmartre.  Argwöhnische und distanzierte Bewohner, mysteriöse Vorkommnisse und Geheimnisse, die in der Luft liegen. Ein verschwundener Investigativjournalist und seine Schwester auf der Suche nach ihm. Hitchcock lässt grüßen!

Jess hat ihren alten Job in England an den Nagel gehängt und ist zu ihrem Bruder Ben nach Paris gereist, um sich eine kurze Auszeit zu nehmen. Mit zweistündiger Verspätung steht sie nun vor seinem Wohnhaus in Montmartre und ihr Bruder ist nicht da. Er reagiert weder auf ihr Klingeln noch auf Anrufe auf sein Handy.

Durch einen glücklichen Umstand gelangt sie nicht nur ins Haus, sondern auch in sein Appartement. Sie wird unsanft begrüßt von einer Katze mit einem derartig blutverschmierten Maul, dass es nicht von einem Tier stammen kann. Was ist hier los? Von ihm keine Spur, nur ein großer heller Fleck im Flur vor der Wohnungstür. Ein chemischer Geruch hängt im Raum. Bleiche? Ben ist ohne sein Portemonnaie, ohne Hausschlüssel und ohne seine Kette mit einem Glücksbringer verschwunden.

Je mehr Zeit vergeht, umso größere Sorgen macht sie sich. Sie beginnt die Nachbarn zu befragen und stößt nicht nur auf Ablehnung, sondern auch auf eine Mauer des Schweigens. Das Gefühl, beobachtet zu werden, steigert sich ins Unermessliche.

Durch Zufall entdeckt sie im Appartement eine geheime Tür, die in ein zweites Treppenhaus führt, wahrscheinlich früher die Dienstbotentreppe, und macht dort eine unglaubliche Entdeckung. Irgendetwas Schlimmes scheint in der Luft zu liegen. Was bedeutet das alles und wo ist Ben?

Foley ist nach ihren beiden vorangegangenen Bestsellern wieder ein großer Coup gelungen und sie hat sich nochmal gesteigert. So ist „Abendrot“ nicht nur ein Psychothriller vom Feinsten, sondern weist auch noch viele Mystery-Elemente auf mit gepflegter Gänsehautgarantie. Kurze knackige Kapitel, jeweils aus verschiedenen Perspektiven erzählt, komplettieren nach und nach ein schauriges Puzzle bis zum nicht vorhersehbaren, spektakulären Ende.

Dieser Thriller ist wie geschaffen für trübe Herbstabende bei Kerzenschein und mit einer Tasse dampfenden Tee, um die Dämonen zu vertreiben!

Lucy Foley: Abendrot, Penguin 2022, € 15,00.

(Sylvia Jongebloed)

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Daniela Raimondi: An den Ufern von Stellata

Die Autorin blättert in ihrem zum Teil auf Fakten basierenden Roman die Geschichte einer außergewöhnlichen Familie auf und erzählt zugleich 200 Jahre italienischer Zeitgeschichte. Wir begleiten die Familie Casadio über sieben Generationen durch Höhen und Tiefen.

In Stellata, einem kleinen Dorf in der Poebene, lebt die Bevölkerung von dem, was der Fluss ihnen bietet, von guten oder schlechten Ernten, mit Dürre oder Hochwasser. Hier lebt Giacomo Casadio Anfang des 19. Jahrhunderts. Er ist von Natur aus schwermütig, verträumt und ein Einzelgänger.

Als in dem verheerenden Winter des Jahres 1800 ein fahrendes Volk in das Dorf kommt, muss es dort länger als üblich verweilen. Dadurch lernt er auf dem alljährlichen Dorffest die schöne Zingara (Roma) Viollca kennen und lieben. Gegen den Willen ihrer Familie heiraten sie und bald darauf kommt der gemeinsame Sohn Dollaro zur Welt. Dies ist der Beginn einer Dynastie.

Viollca verfügt über eine besondere Gabe, sie kann Tarotkarten lesen und in die Zukunft sehen. Dieses hellseherische Talent vererbt sie an einige ihrer Nachkommen, die merkwürdigerweise wie sie schwarze Haare und dunkle Augen haben. Ihr Sohn Dollaro wiederum hat die magische Fähigkeit, mit den Toten sprechen zu können. So findet sich in jeder Generation der eine oder andere Nachfahre mit sehr speziellen Fähigkeiten.

Aber auch die schwermütige und pragmatische Veranlagung taucht in einigen meist blonden und blauäugigen Nachkommen wieder auf. Alle eint die harte Realität des Alltags. Bittere Armut und Überlebenskämpfe, Kriege und Aufstände, Naturkatastrophen aber auch gute Jahre, Liebe und Glück gehören zu ihrem Leben.  

Wunderbar sensibel geht die Autorin mit ihren Figuren um, mit ihren Gefühlen, Gedanken und Träumen. Dabei ist ihr das Kunststück gelungen, sehr viele Charaktere in ihrer Einzigartigkeit darzustellen. Jedes Kapitel ist einer anderen Generation gewidmet. Zum besseren Verständnis ist am Ende des Buches ein Stammbaum angehängt.

Die mystische Ader der Familie wird zwar thematisiert, entscheidend sind aber die historischen Eckpfeiler, die das Leben der einzelnen Personen beeinflussen und letztendlich zu einem Spiegelbild der Gesellschaft werden.

Ein epochales Familienepos, farbenprächtig und bunt wie der Einband des Buches, spannend und mitreißend erzählt sowie literarisch auf hohem Niveau. Ein großes Lesevergnügen für lange Winterabende und ein besonderes Highlight in diesem Jahr!   

Daniela Raimondi: An den Ufern von Stellata, Ullstein 2022, € 23,99.

(Sylvia Jongebloed)

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Viel Spaß beim Lesen,

Ihre Birgit Lingmann und Pia Patt

Pia Patt und Birgit Lingmann führen die Buchhandlung Funk

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Buchhandlung Funk

Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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