Norbert Esser ist gelernter Fliesenleger, studierter Sonderpädagoge und Antiquitätenhändler. Jetzt schließt er sein Geschäft „ART DÉCO“ in der Gladbacher Fußgängerzone. Foto: Klaus Pehle

Seit 2009 verkauft Norbert Esser in seinem Geschäft „ART DÉCO“ in der Bergisch Gladbacher Fußgängerzone Möbel und Accessoires aus dem ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ende des Jahres schließt er sein Geschäft für immer, Anfang November startet der Räumungsverkauf. Die Lebensgeschichte des 78-Jährigen ist ein aufregender Blick in den Zeitgeist der letzten fünf Jahrzehnte.

Es ist Anfang der 70er Jahre. Die Sonne scheint über Köln und der Endzwanziger Norbert Esser setzt sich in seinen 2CV, um mit Freunden in der Ente zum Frühstück nach Paris zu fahren. Natürlich nicht ohne einen Abstecher zum Grab des 1971 verstorbenen Doors-Sänger Jim Morrison zu machen. Pflichtprogramm für junge Paris-Touristen damals.

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„Wir waren damals alle zwei Wochen in Paris“, erinnert sich Esser heute. Die frühen 70er sind schon eine besondere Zeit. Die Erinnerungen an die Studentenunruhen der 60er sind noch frisch und haben vor allem bei der jungen Generation deutliche Spuren hinterlassen. Auch bei Norbert Esser.

„Wir waren damals alle sehr politisch, protestierten gegen den Vietnamkrieg und das Pillenverbot des Papstes. Vor allem vor dem Hintergrund, dass Nigeria Krieg gegen Biafra führt und dort in der Folge Tausende Kinder verhungern. Verhüten tut dort zu dieser Zeit niemand, weil die dort lebenden Christen die Pille aufgrund des päpstlichen Erlasses nicht nehmen. „Das war aus unserer Sicht menschenverachtend“, blickt Esser zurück.

Fliesenleger, Sonderpädagoge, Antiquitätenhändler

Mit seinen Freunden diskutiert Esser damals nächtelang das Zeitgeschehen, engagiert sich bei den Jusos und arbeitet in einem für einen Mann in dieser Zeit ungewöhnlichen Job: „Ich war einer der ersten ausgebildeten Erzieher in ganz Deutschland.“

Nicht sein erster Job. Denn nach der Schule macht der in Köln geborene junge Mann zuerst eine Ausbildung zum Fliesenleger. Er gründet eine Familie, bekommt drei Kinder und klopft Überstunden. Der Verdienst kann sich sehen lassen, aber Esser strebt nach Anderem. Seinen sozialen Geist will er auch beruflich einsetzen.

Nach der Ausbildung zum Erzieher hängt er noch ein Studium zum Sonderpädagogen dran. Bis 2002 ist er Lehrer an einer Rösrather Schule für Körperbehinderte. Und er schafft etwas Neues: Erfolgreich kämpft er an der Schule für die Einrichtung einer Werkstatt und später sogar einer Disco. Zu dieser Zeit absolutes Neuland.

Genauso wie der Umstand, dass Esser damals alleinerziehender Vater dreier Kinder ist. „Der Freundeskreis war absolut intakt, wir haben uns sehr viel gegenseitig geholfen“, sagt er. Die Freunde passen auch auf die Kinder auf, wenn es ihn mal wieder juckt, einen Trip nach Paris zu machen.

Und in der Stadt der Liebe packt ihn diese dann auch selbst. Häufig schlendert er durch die Straßen von Montparnasse, dem Quartier Latin, sieht die wundervollen Jugendstilfassaden und blickt neugierig in die Schaufenster der Antiquitätengeschäfte.

Begeistert erzählt er davon, wie er sich in die Formenwelt des Art déco verliebt. „Ich habe gespürt, dass diese ausdrucksstarke Ästhetik etwas ganz Besonders für mich ist.“ Erst einmal ohne unternehmerischen Hintergrund kauft er sich Stühle, kleine Tischchen und auch ein Bett.

Seit 13 Jahren verkauft Norbert Esser auf zwei Etagen in der Poststraße Möbelstücke des Art Déco und Jugendstils. Foto: Klaus Pehle

Er beginnt, sich einzulesen in die Designwelt des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Defekte Sachen möbelt er auf, kauft sich Werkzeug zum Restaurieren. Jetzt kommt ihm die handwerkliche Ausbildung zugute und immer häufiger verkauft er Stücke aus seiner Sammlung. Besonders Lampen haben es ihm damals angetan. Er legt sich ein Lager an Ersatzteilen, Klemmen, Birnen und Kabeln zu.

Immer noch aber arbeitet er an der Rösrather Schule. Fünfzig ist er gerade geworden und die letzte lange von ihm betreute Klasse macht ihren Abschluss. Da spürt er, dass es auch für ihn Zeit wird, wieder etwas Neues anzufangen. Er nimmt sich ein Jahr Auszeit auf Ibiza.

„Jedes Wochenende war ich auf dem Künstlermarkt und habe dort meine Lyrik und eigene Bilder verkauft. Das hat funktioniert. Ich konnte davon leben.“ Auf Ibiza fällt dann auch sein Entschluss: In Deutschland wird er nicht zurück an die Schule gehen, sondern mit seinen Antiquitäten Geld verdienen. 

Vom Lampendoktor zum Bettenkönig 

Also eröffnet Esser in Köln-Dellbrück einen kleinen Laden für Möbel und Accessoires des Art déco. Das Lampengeschäft brummt nicht zuletzt so sehr, weil Esser jede noch so defekte Leuchte reparieren kann. In der Antiquitätenszene hat er daher schnell seinen Namen weg: „Die nannten mich den Lampendoktor“, schmunzelt er heute.

Dann schießen plötzlich die Verkaufszahlen bei Betten unter die Decke. Der Grund: Die Zeitschrift „Schöner Wohnen“ bringt 1997 eine mehrseitige Foto-Story über Esser und seine Art déco-Betten. „Schöner Wohnen“ ist damals Deutschlands führendes Magazin für Einrichtungen und Innenarchitektur.

Den Großteil der Betten hat Norbert Esser persönlich aus Paris geholt. Hier hat er sich auch vor Jahrzehnten in die Formensprache des Art Déco verliebt. Foto: Klaus Pehle

„Das war anschließend der absolute Boom“, erinnert sich Esser noch heute begeistert. Das Geschäft läuft über mehr als zehn Jahre richtig gut. Er mietet zusätzlich ein größeres Ladenlokal in Dellbrück an. 

Er kauft weitere Betten in Paris, in Spanien und in England. Er verlängert sie auf zwei Meter, verstärkt sie statisch, lässt die Schmuckstücke aber sonst originalgetreu. Er selbst bleibt seinen künstlerischen Hobbys treu: Gedichte und Malerei. 

Raue Finger, zarte Zeilen 

Wenn man seine von der Sonne gegerbten und von handwerklicher Arbeit geschundenen Hände ansieht, mag man es nicht glauben, was diese Finger für Zeilen hervorbringen. Es sind kurze, zarte, humorvolle, sanfte und vor allem dem Menschen an sich zugewandte Verse.

Esser ist ein Menschenfreund. Nach jeder Autofahrt notiert er sich seine Gedanken, eine unglaubliche Zahl an Fragmenten für seine Lyrik entsteht auf diese Weise. Schon vor der Ibiza-Zeit beginnt er, die Gedichte im Eigenverlag zu veröffentlichen. Und auch hier hat er plötzlich eine Boom-Zeit.

Vier Lyrikbände hat Norbert Esser mittlerweile im Eigenverlag veröffentlicht. In seiner eigenen Handschrift sind die kleinen Gedichte in den Büchern abgedruckt. Foto: Ivan Toscanelli

Einer seiner Texte wird „Gedicht der Woche“ im damals auflagenstarken Wochenmagazin „stern“. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, was danach los war“, ist er heute noch fassungslos. Die Anzahl der verkauften Bücher steigt, Esser muss ein Päckchen nach dem anderen schnüren und gibt kiloweise seine Lyrik zur Post. 

Das Besondere an seinen bis heute vier Lyrik-Bänden: Die Gedichte sind dort in seiner Handschrift aufs weiße Papier gedruckt. Die Bücher verkauft er anfangs auf Rundgängen durch die Kölner Kneipenszene und bis heute in seinen Antiquitätengeschäften. 

Soziales Gewissen meldet sich erneut

Doch die Lyrik bleibt Hobby, die Verkaufszahlen ebben schnell wieder ab und Esser verkauft weiter seine Antiquitäten. Seit 2009 dann auch in einem Geschäftslokal in Bergisch Gladbach. Auf zwei Etagen in der Poststraße, im Haus gegenüber der Rhein-Berg Galerie in der Fußgängerzone.

Schnell gewinnt er auch hier über die hochwertige Ware und seine außergewöhnliche Expertise neue Kunden. Außerdem wird das Ladenlokal zu einem Treffpunkt illustrer Menschen. Einen Kaffee gibt es auch für Nicht-Kunden, die samstäglichen Gesprächsrunden in der Art déco-Kulisse werden für viele Menschen zur Institution. Esser lernt bergische Künstler und Künstlerinnen kennen, veranstaltet Ausstellungen, es ist eine unbeschwerte Zeit.

Bis Esser sein soziales Gewissen einholt. 2011 beginnt der Syrienkrieg, Flüchtlingswellen kommen auch nach Deutschland und Esser ist sofort hellwach. „Wieder Krieg“, seufzt er in Erinnerung an seine politisch aktiveren Jahre. Er kann nicht untätig bleiben. Mit seiner Frau Sine engagiert er sich sofort in der Flüchtlingshilfe.

Durch ihre Journalistentätigkeit kann seine Frau Arabisch, gibt zu Hause in Dellbrück Deutschunterricht für geflüchtete Menschen, unterstützt die Menschen bei Behördengängen, organisiert ihnen Wohnungen und Alltagsgegenstände.

Esser selbst ruft mit Aushängen an seinem Gladbacher Geschäft dazu auf, ihm ausgediente Fahrräder zu spenden. Gemeinsam mit den Kindern der geflüchteten Familien macht er die Zweiräder fit, Dutzende Teens und heute Twens verdanken ihm eine neugewonnene Mobilität. 

Gute Kontakte zum Film

Doch da ist ja auch noch das Antiquitätengeschäft. Und auch hier ist Esser nicht untätig. Einer seiner mittlerweile erwachsenen Söhne ist beim Film und Esser gelingt es, sich über Jahre ein Netzwerk von Dekorateuren und Bühnenbildern zu schaffen. Er beginnt, seine Möbel zu vermieten. Und so sehen über die Jahre auch viele seine Art déco-Möbel, auch wenn sie niemals in seinem Geschäft waren.

Für die Kultserie „Babylon Berlin“ stattet er ein gesamtes Polizeibüro aus, Juliette Binoche sitzt in „Der englische Patient“ auf der Kante eines von Esser restaurierten Bettes. Das muss er allerdings vorher rabiat mit einem Gummihammer bearbeiten, damit es stimmig in das vom Krieg ramponierte Zimmer passte.

Und sogar Michelle Pfeiffer umgibt sich als Luxus-Kurtisane „Chéri“ im gleichnamigen Film mit Essers Edel-Ware der Belle Époque. Unterstützt durch seine Leihgaben erlangen einige Filme Auszeichnungen für Ausstattung und Bühnenbild. 

Räumungsverkauf im November

Heute ist Esser 78 Jahre alt und er möchte mehr Zeit in seinem kleinen Häuschen in Holland verbringen und auch noch das ein oder andere Gedicht schreiben. „Ich denke, es ist Zeit, das Geschäft aufzugeben“, sagt der Mann, der zwar längst über das Rentenalter hinaus ist, aber immer noch leidenschaftlich wie ein Jugendlicher diskutieren kann – wenn auch sicher mit weniger Vehemenz und Wut im Bauch als in den 60ern und 70ern.

Räumungsverkauf ART DÉCO
vom 2. November bis zum 24. Dezember
Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 11 bis 18 Uhr, samstags 10 bis 18 Uhr, samstags von 11 bis 14 Uhr für alle Besucher Lachsschnittchen und Sekt.
Poststraße 14, Bergisch Gladbach, Tel.: 0172/2477662

Aber er hat sich entschieden: Zum Ende des Jahres ist der Mietvertrag in Bergisch Gladbach gekündigt und das eröffnet Liebhabern des Art déco eine einzigartige Möglichkeit. Jetzt steht hier eine wohl einzigartige Sammlung an originalen Art déco- und Jugendstilmöbeln zum Verkauf. Über 50 Betten und mehr als 70 Möbelstücke sind dabei, rund 400 Decken-, Steh-, Tisch- und Wandlampen aus den 20er und 30er Jahren und jede Menge Curiosa wie Karaffen, Raucherutensilien und Bilderrahmen aus dieser Epoche.

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Klaus Pehle

Freier Journalist aus Bergisch Gladbach

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3 Kommentare

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  1. Sehr schöner und informativer Bericht , die Person Norbert Esser wird sehr gut beschrieben und der Leser erhält einen guten Einblick über seine spannende Vergangenheit. Alles Gute für Herrn Esser!

  2. Vielen Dank für den wunderschönen und informativen Artikel über Norbert Esser. Seit meiner Jugendzeit habe ich die Gedichtbände von ihm – einen noch vor ein paar Jahren nachgekauft – und hüte sie wie einen Schatz.
    Alles Gute für Herrn Esser, vielen Dank für sein Schaffen und viele schöne Zeiten in seinem Häuschen!