Unsere Buchtipps im Mai: Ein spannender psychologischer Debütroman, ein düsterer historischer Krimi und ein brillanter Email-Roman über die Reizthemen unserer Zeit.

Lisa Roy: Keine gute Geschichte

“Nicht zu wissen, was passiert ist, ist schlimmer als jede Wahrheit.”

In Lisa Roys Debütroman geht es um Arielle. Sie hat einiges hinter sich: Als sie sechs Jahre alt war, verschwand ihre Mutter. Deren Schicksal ist bis heute ungeklärt. Diesen Verlust und die Ungewissheit hat Arielle nie verwunden. Aufgewachsen war sie danach bei ihrer Großmutter in einem armen Stadtteil von Essen, und sie hat alles getan, um dieses Leben hinter sich zu lassen. Denn Liebe, Unterstützung und Fürsorge gab es hier nicht mehr für sie, seit ihre Mutter weg war. 

In ihrem neuen Leben ist sie erfolgreiche Social Media-Managerin mit einem selbstzerstörerischen Hang. Nach außen ist sie tough und nie um einen coolen Spruch verlegen, doch die Fassade bröckelt. Immer wieder haut eine Depression sie aus der Bahn, und vor kurzem gab es einen Zwischenfall, der sie in eine Klinik gebracht hatte. Frisch entlassen erreicht sie ein Anruf aus ihrer alten Heimat.

Eine Sozialarbeiterin bittet sie zurückzukehren, um ihre Großmutter Varuna nach einem Sturz im Alltag zu unterstützen. Widerwillig kehrt sie zurück. Alte Wunden werden aufgerissen, und das nicht nur durch die bitter vertraute Umgebung. Zufälligerweise ist zum Zeitpunkt ihrer Rückkehr nämlich erneut jemand verschwunden: Diesmal sind es zwei kleine Mädchen.

Schnell steckt Arielle wieder mittendrin im Viertel. Das düstere Lebensgefühl und die allgegenwärtige Trostlosigkeit erwischen sie hart. Sie erneuert alte Bekanntschaften, trifft neue Leute, beteiligt sich an der Suche nach den zwei Mädchen und öffnet sich schließlich ihrem größten Schmerz, der sie auf die Suche nach Antworten zu dem Verbleib ihrer Mutter führt.

Lisa Roy: Keine gute Geschichte.
Rowohlt 2023, € 22,00.
Das Buch in unserem Onlineshop

Das Buch ist großartig. Hin und wieder fand ich Wortwahl und diverse Beschreibungen zunächst etwas drastisch. Aber diese Sprache macht das Ganze dann auch authentisch. Die Leute sprechen nun einmal so, insofern passt das schon.

Wie Arielles beschädigte Seele langsam immer deutlicher zum Vorschein kommt, wie psychologisch fundiert die Autorin diese Beschädigungen und ihre Entwicklung darstellt, auf was für einem Niveau hier reflektiert wird und wie hier gesellschaftliche Missstände aufgezeigt werden, wie sehr man mitleidet und die fehlende Liebe und die krasse Einsamkeit nachempfinden kann – das alles ist ganz schön bewegend. Bei aller Traurigkeit ist das Buch aber auch erfrischend witzig und schräg.

Beim Lesen wird man immer wieder gefordert, Leerstellen im Erzählten selbst zu füllen. Dadurch packt einen das Buch, und man taucht tief ein in die starke Story. Ein Krimi ist es nicht, aber fast so spannend. Vor allem der Schluss hat es in sich, und weil ich ihn ungewollt (und unverzeihlich) schon bei meiner Kollegin gespoilert habe, werde ich dazu keine weitere Silbe verlieren. Dieses Buch hat alles, was man braucht und ich wünsche ihm viele Leser*innen. (Birgit Lingmann)

Jean-Christophe Grangé: Die marmornen Träume

Es ist immer spannend, wenn ein Autor bekanntes Terrain verlässt und ungewohnte Wege geht. So hat sich Grangé, bekannt durch seine erfolgreiche Krimireihe Die purpurnen Flüsse, mit seinem neuen Buch dem historischen Kriminalroman zugewandt. Zwar nicht zum ersten Mal, dennoch für seine Bücher ein eher unüblicher Schwerpunkt und der ist ihm ausgesprochen gut gelungen.

Berlin 1939: Die heimliche Hauptstadt Europas ist in jeder Beziehung tonangebend was Kunst, Kultur und Mode betrifft. Überschattet wird die Szenerie allerdings durch die ersten Vorboten des Zweiten Weltkriegs. Das Grauen hängt schon über allem wie ein Damoklesschwert. Allgemeine Dekadenz macht sich breit. Die Nazis amüsieren sich mit schönen Damen im Adlon, der Champagner fließt in Strömen. Es wird gefeiert als gäbe es kein Morgen.

Doch dann wird eine weibliche Leiche bestialisch ermordet aufgefunden.  Es stellt sich heraus, dass sie zum Kader der Nazis gehörte, und der Täter scheint  in ganz hohen Regierungskreisen zu finden sein.

Das ruft den bekannten Psychoanalytiker und Traumdeuter Simon Kraus auf den Plan. Er ist ein berüchtigter Frauenheld, der selbst vor den Frauen der Nazis nicht halt macht und auch vor Erpressung nicht zurückschreckt. Weil die Tote eine seiner Patientinnen war, sucht ihn der mit den Ermittlungen betraute, einflussreiche SS-Offizier Beewen auf und bittet ihn, seine weitverzweigten Kontakte spielen zu lassen, um den Täter zu finden.

Jean-Christophe Grangé : Die marmornen Träume
Tropen Verlag 2023, € 26,00.
Übersetzt von Ina Böhme
Das Buch in unserem Onlineshop

Immer mehr verstrickt sich Kraus in die Ränkespiele der Nazis. Darüber hinaus tauchen noch mehr Frauenleichen auf und die ganze Situation scheint gehörig aus dem Ruder zu laufen zu laufen.

Mit viel Fingerspitzengefühl für die damalige Zeit erschafft der Autor eine düstere Grundatmosphäre, die wie ein Schleier über allem liegt und der Handlung noch einen zusätzlichen Kick verschafft. Auch hier beweist er seine starke Erzählkraft, die wie ein Sog ist und die Leser*innen immer mehr in die Handlung zieht. Dadurch wird eine kontinuierliche Spannung erzeugt, die sich auch auf über 600 Seiten nicht abnutzt und nie langatmig wird. Ein opulenter historischer Thriller, gut recherchiert, atmosphärisch und besonders spannend. Gelungen! (Sylvia Jongebloed)

Virginie Despentes: Liebes Arschloch

Despentes, Enfant Terrible der französischen Literaturszene, behandelt in ihrem brillanten Email-Roman Reizthemen unser Zeit wie zum Beispiel MeToo, Feminismus, soziale Medien, Corona, Alkohol und Drogen. Sie ist bekannt für ihren tabu- und kompromisslosen Ton, aber auch für ihre nuancierte literarische Sprache.

Rebecca, einst erfolgreiche Schauspielerin und Idol einer ganzen Generation, jetzt mit Anfang Fünfzig eine verblühte und verlebte Schönheit, wird auf Instagram aufs Übelste beschimpft. Oskar, ein Schriftsteller ebenfalls mittleren Alters, lässt eine ganze Hasstirade auf sie herab und spart nicht mit bösen Kommentaren. Er bezeichnet sie nicht nur als Schlampe, sondern auch als alt und hässlich.

Rebecca kontert postwendend und beginnt ihre Antwort mit Liebes Arschloch. Dann wird sie sehr persönlich und äußerst drastisch. Oskar, überrascht über ihre nicht erwartete heftige Antwort, ist erst geschockt und dann aber amüsiert. Er antwortet ihr wesentlich versöhnlicher und outet sich als jüngster Bruder ihrer besten Freundin aus Kindheitstagen. Das besänftigt sie zwar gar nicht, aber es entspinnt sich ein Mailwechsel, zuerst noch in einem harschen Tonfall, später immer mehr psychologisierend und entspannter.

Doch Oskar hat noch ein anderes Problem. Denn da ist noch Zoe, unter dreißig, erfolgreiche Influencerin mit Followern im sechsstelligen Bereich. Früher war sie Verlagsassistentin und wurde von Oskar massiv sexuell bedrängt. Sie konnte vor Angst nicht schlafen und entwickelte Essstörungen, fühlte sich aber dazu verpflichtet, im Beruf stets professionell zu bleiben und sich nichts anmerken zu lassen. Bis zu ihrer Kündigung. Jetzt hat sie einen wahren MeToo-Shitstorm über ihn entladen, der hohe Wellen schlägt.

Virginie Despentes: Liebes Arschloch
Kiepenheuer & Witsch 2023 € 24,00.
Übersetzt von Ina Kronenberger und Tatjana Michaelis.
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Noch dieser Hinweis, lassen Sie sich nicht von dem deftigen Titel abschrecken. Die Autorin passt ihre Sprache lediglich den jeweiligen Themen an, was in den Kontexten auch ganz natürlich wirkt. Zuerst bewegt sich ihr Ton noch häufig unter der Gürtellinie, wird aber im Laufe des Buches zunehmend gemäßigter.

Despentes, die Aufmüpfige und radikale Feministin schlägt hier ganz andere Töne an als in ihren vorherigen Werken und setzt zunehmend auf den Dialog. Man muss anerkennend bemerken, diese neue, reife Seite steht ihr ausgesprochen gut. Ein bemerkenswerter Roman, der voll den Zeitgeist trifft, literarisch anspruchsvoll und zugleich sehr unterhaltsam. Ein echter Pageturner! (Sylvia Jongebloed)

Viel Spaß beim Lesen,

Ihre Pia Patt und Birgit Lingmann

Pia Patt und Birgit Lingmann führen die Buchhandlung Funk

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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