Highlights zum Jahresende: Ein historischer Krimi über den Raub der Mona Lisa, Erzählungen über die russische Lebenswirklichkeit, und ein historischer Roman über den Tichborne-Prozess.

Tom Hillenbrand: Die Erfindung des Lächelns

Bekannt wurde der Autor durch seine kulinarischen Krimis. 2021 haben Sie ihn in einer Thriller-Online-Lesung unserer Buchhandlung erlebt. In seinem aktuellen Roman geht er ganz neue Wege. Er nimmt uns mit auf eine spannende Zeitreise ins Paris zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts und kommt einem Kunstskandal sondergleichen auf die Spur. 

1911: Paris ist zur kulturellen Hauptstadt Europas avanciert. Eine bunte Schar an Künstlern und Anarchisten bevölkern die Stadt. Das Goldene Zeitalter, die sogenannte Belle Epoque, hat ihren Zenit erreicht. Neue Kunstrichtungen wie der Jugendstil feiern große Erfolge. Aber auch alte Meister erfahren wieder große Aufmerksamkeit.

Im Fokus steht besonders die Renaissance und ihr Leitidol, die Mona Lisa. Als diese wegen schlampiger Sicherheitsmaßnahmen aus dem Louvre verschwindet, ist die ganze Welt im Aufruhr. Es folgt eine spektakuläre Suche nach dem Gemälde. 

Der Polizeipräfekt von Paris veranlasst die sofortige Sperrung der Grenzen und Häfen sowie die Überwachung der Bahnhöfe. Doch es scheint zu spät zu sein. All diese Vorsichtsmaßnahmen führen ins Leere.

Kommissar Lenoir wird mit der Leitung der Ermittlungen beauftragt und beginnt mit einer Jagd quer durch die Metropole. Bekannte Szeneviertel werden durchsucht. Dabei trifft er auf allerlei bekannte Künstler wie Picasso, den Dichter Apollinaire, die Tänzerin Isadora Duncan sowie die Musiker Debussy und Strawinsky. Angesagte Künstlertreffpunkte, das Umfeld der Oper und die berüchtigt dekadenten Feste im Bois de Boulogne werden durchleuchtet.

Auch die halbseidenen Etablissements und die letzte vor Absinth triefende Spelunke werden auf den Kopf gestellt. Nichts und niemand ist vor Lenoir und seinen Leuten sicher. Doch alles scheint schon erfolglos, als zwei Künstler in den Focus der Ermittlungen geraten. Und die Welt hält den Atem an.

Beim Lesen dieses prallgefüllten Buches halten auch wir den Atem an. Ein buntes Kaleidoskop von realen und fiktiven Personen und Ereignissen eingebettet in den Moloch einer dekadenten Gesellschaft schaffen Atmosphäre pur.

Tom Hillenbrand: Die Erfindung des Lächelns.
Kiepenheuer & Witsch 2023, € 25,00.
Das Buch in unserem Onlineshop

Wir tauchen ein in eine sinnenfrohe aber auch gefährliche Welt. Der Erste Weltkrieg streckt seine Fühler aus. Der Tanz auf dem Vulkan ist nicht mehr von langer Dauer. Komplex und hochspannend erzählt der Autor von einem Kunstraub, der wohl einmalig in der Geschichte Europas war und lässt ganz nebenbei eine der interessantesten Epochen des Zwanzigsten Jahrhunderts wiederauferstehen.

Eine Geschichte für alle, die historische Romane sowie Krimis und Kunst lieben. Ein tolles Buch!   

(Sylvia Jongebloed)

Sergej Lebedew: Titan oder die Gespenster der Vergangenheit

Sergej Lebedew (geb. 1981 in Moskau) ist eine der maßgeblichen Stimmen der russischen Gegenwartsliteratur, er lebt derzeit in Postdam. Der studierte Geologe hat in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung am 11.10.2021 zu seiner regimekritischen Haltung ausgeführt, die Geologie sei das Resultat eines Dramas, das sich vor Millionen von Jahren abgespielt habe. Es gäbe Schichtungen, Verschiebungen und Umformungen, genau das sei mit dem historischen Gedächtnis passiert.

Seine Helden seien Elektroden, zwischen denen sich die Spannungen entlüden. Die russische Gesellschaft weigere sich, Verantwortung für die Verbrechen der Vergangenheit zu übernehmen. Gewalt und Gesetzlosigkeit sind für Lebedew das Resultat dieser Verdrängung, an der die Perestroika und die demokratische Transformation gescheitert seien. 

Nach einigen Romanen hat Lebedew den Erzählband „Titan oder die Gespenster der Vergangenheit“ vorgelegt, der in elf Geschichten vielschichtig Einblicke in die poststalinistische Gesellschaft früherer Jahre und in die postsowjetische Gesellschaft gewährt.

Da ist der Richter, dem der Karrieresprung zum stellvertretenden Vorsitzenden am Obersten Gerichtshof sicher ist, nachdem er in einem spektakulären Fall, es geht um die Ansprüche von Nachfahren der Opfer von Katyn, die von ihm staatlicherseits erwartete Klageabweisung in rechtsbeugender Absicht elegant begründet hat.

Da ist der leidenschaftliche Sammler, den nach dem Erwerb einer Schatulle für Visitenkarten aus den Beständen der zaristischen Oberschicht ein tödliches Fieber ergreift.

Da ist der von einem Friedhofsgärtner gegen die Ordnung für sich selbst errichtete Obelisk auf einem Friedhof der Nomenklatura, den der zum Totengräber abgestiegene Enkel eines Zahnarztes zerstört, ob als Abgesang auf die Alte Ordnung oder zu dessen Wiederherstellung, bleibt offen.

Da sind sie, die Gegenstände, die über Jahrzehnte von Dörflern ergaunert und gestohlen, die Häuser stickig machen, und die geheimnisvolle alte Scheune, verschlossen und bewacht von einer Art Dorfschulze, der als Kind den Deutschen Beihilfe zum Judenmord geleistet hat, und der uneheliche Sohn einer Bewohnerin als Outlaw, der ein Tabu bricht.

Sergej Lebedew: Titan oder die Gespenster der Vergangenheit.
S. Fischer Verlag 2023, € 25,00.
Übersetzt von Franziska Zwerg
Das Buch in unserem Onlineshop

Da ist das kurze „i“ als erster Buchstabe der russischen Tastatur als Ausgangspunkt einer Reflexion über die Macht der Sprache, des Aufbegehrens und des Verrats.

Und da ist der „Titan“, ein kleiner schmächtiger Mann, den die Staatsmacht als für die öffentliche Ordnung gefährlichen Schriftsteller ausgemacht hat, dessen Lebenswerk sich auf einen nie veröffentlichten Liebesroman beschränkt, ein Wirken, das in keinem Verhältnis zu den absurden geheimdienstlichen Aktivitäten rund um seine Person steht.

Der Erzählband bietet einen interessanten Einblick in die russische Lebenswirklichkeit und die Gefährlichkeit von Verdrängungsprozessen und die damit verbundene Aggression nach innen und nach außen.

(Ein Buchtipp von unserem lieben Kunden Mario Jorberg)

Zadie Smith: Betrug

In ihrem ersten historischen Roman erzählt uns die Autorin eine wahrhaft haarsträubende Geschichte. Eigentlich unglaublich, aber die Ereignisse um den Tichborne-Fall haben sich tatsächlich so zugetragen. Spannend verwebt sie verbriefte geschichtliche Details mit Fiktion und spannt den Bogen bis zur heutigen Zeit, was das Buch aktueller denn je macht. 

Um 1854: Sir Roger Tichborne, potentieller Erbe des legendären Tichborne-Vermögens und aus altem englischen Adel stammend, verschwindet auf dem Seeweg nach Jamaika ohne jegliche Spuren zu hinterlassen. Die Suche nach ihm bleibt erfolglos.

Ungefähr 10 Jahre später meldet sich Arthur Orton, ein in Australien lebender Brite, zu Wort und behauptet, der Verschollene zu sein. Die verzweifelte Mutter, Lady Tichborne, glaubt ihm (oder will sie es glauben?), dass er ihr verlorener Sohn ist und setzt ihn als Erben ein.

Die offensichtlichen Tatsachen hingegen sprechen dagegen. Orton spricht kein Französisch. Er ist ein grobschlächtiger und fettleibiger Mensch, wohingegen der junge Tichborne ein androgyner Typ war. Kann sich ein Mensch derartig verändern? 

Zadie Smith: Betrug
Kiepenheuer & Witsch 2023, € 26,00.
Übersetzt von Tanja Handels
Das Buch in unserem Onlineshop

Um 1873, nach dem Tod von Lady Tichborne, strengt ihre Familie einen Prozess an. Dieser wird öffentlich gemacht und spaltet die Gesellschaft. Es entsteht ein wahrer Medienhype. Die Upper Class auf der einen Seite und die nicht so Privilegierten auf der anderen. Die Letzteren feiern Orton als Medienstar. Er wird für sie eine Art Heldenfigur. Unerwartet kommt ihm dann noch ein ehemaliger Sklave aus Jamaika,  Andrew Bogle, zur Hilfe. Er stützt die Aussage von Orton und wird zu einem Hauptzeugen des Prozesses. 

Die Hauptfigur der Autorin aber ist Eliza Touchet, klug, gebildet und unwissentlich eine frühe Vorreiterin der Emanzipation. Sie wohnt dem gesamten Prozess bei, führt uns durch die Geschichte und kommt letztendlich der Wahrheit (welcher Wahrheit?) sehr nahe. 

Zadie Smith bleibt in ihrem Roman ihren Herzensthemen treu, es geht um Rassismus und um eine bigotte und kapitalistisch orientierte Gesellschaft. Außerdem ist die Faszination für Fake News und charismatische Hochstapler, angestachelt durch die Medien, heute so aktuell wie damals.

Diese Story, die fast an Dickens’ Romane erinnert, kommt scheinbar wie ein praller Schmöker daher, aber ist äußerst vielschichtig mit einer allgegenwärtigen tiefernsten Aussage. Literatur vom Feinsten verpackt in eine spannende Geschichte, gewürzt mit viel Sozialkritik, einer Prise Humor und einer skurrilen Schar an Haupt- und Nebenfiguren. Das perfekte Weihnachtsgeschenk! 

(Sylvia Jongebloed)

Viel Spaß beim Lesen, Ihre Pia Patt und Birgit Lingmann

Pia Patt führt die Buchhandlung Funk inzwischen alleine, Birgit Lingmann gehört weiterhin zum Team

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen. Seit Sommer 2023 führt Pia Patt die Buchhandlung alleine. Birgit Lingmann hat sich aus gesundheitlichen Gründen ein Stück weit zurück gezogen, arbeitet aber weiterhin im „funky“-Team mit.

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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