Auf diesem Grundstück unterhalb der Kirche St. Antonius Abbas in Herkenrath soll das Christlich-Ökologische Wohnprojekt gebaut werden. Foto: Stolzenbach

Auf einem Grundstück der Kirche in Herkenrath soll ein besonderer Neubau entstehen: Eine Genossenschaft von Familien und Alleinstehenden verwirklicht ihren Traum vom zukunftsfähigen Wohnen. Eine ökologische Bauweise und gemeinschaftliche Räume verbinden Klimaschutz mit sozialem Miteinander. Die Regionale fördert das innovative Projekt einer „Christlich-Ökologischen Wohngemeinschaft“.

Es mutet an wie eine Utopie: 18 Erwachsene und deren Kinder leben in einer Gemeinschaft, unterstützen einander im Alltag, teilen sich Garten, Fläche, Räume, Fahrzeuge. Sie bauen Gemüse an, kochen und feiern gemeinsam – dennoch können sie sich jederzeit in die eigenen vier Wände zurückziehen. Diese sind ressourcenschonend und nach höchsten ökologischen Standards errichtet worden.

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All das soll in absehbarer Zukunft in Herkenrath Wirklichkeit werden. „Wir hoffen, im zweiten Halbjahr dieses Jahres mit dem Bau zu beginnen und im Sommer 2026 einzuziehen“, sagt Christian Weingarten, Mitbegründer des Projekts „Christlich-Ökologische Wohngemeinschaft“.

Alles beginnt im September 2018 mit einem weißen Papier und der zukunftsträchtigen Frage: „Wie wollen wir wohnen?“ Fünf Menschen – zwei Paare und eine alleinstehende Person – sitzen um das leere Papier und füllen es mit ihren Ideen. 

Nachhaltig leben und gemeinschaftlich wohnen

Sie kennen sich aus dem Studium in Aachen, ihr Fächerspektrum reicht von Biologie über Maschinenbau, Materialwissenschaften und Umweltingenieurwissenschaften hin zu Theologie. Alle fünf befinden sich im Übergang zwischen Studium und Beruf. 

Schnell haben sich elementare Grundsätze herauskristallisiert: „Wir verfolgen alle einen ökologischen Lebensstil. Der lässt sich in Gemeinschaft leichter verwirklichen“, erinnert sich Weingarten, der aus Bergheim stammt und seit zweieinhalb Jahren mit Frau und drei kleinen Kindern in Herkenrath wohnt.

Zu den beiden Säulen nachhaltig leben und gemeinschaftlich wohnen drängt sich für die fünf Suchenden eine weitere regelrecht auf – die des christlichen Handelns: „Wir waren alle in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv, vier von uns waren Stipendiaten einer katholischen Studienstiftung“, sagt Weingarten, der in Maschinenbau promoviert hat. 

Christliche Werte in den Alltag integrieren

In einer Klausurphase verbrachte Weingarten zwei Wochen lang in einer temporären Wohngemeinschaft im Studienhaus der Stiftung und lernte die Alltagsspiritualität dort schätzen. „Wir möchten christliche Werte wie Nächstenliebe, Solidarität und Hilfsbereitschaft in unserem Alltag leben“, erklärt Weingarten.

Schnell sei für alle Beteiligten klar gewesen, dass sie nicht in einer Kommune oder klassischen Wohngemeinschaft leben, sondern jede Partei eine abgeschlossene Wohnung beziehen wolle. 

Mehr als sechs Jahre später sind aus den ersten Visionen längst konkrete Baupläne geworden, wird das Projekt von der Regionale gefördert.

Hintergrund: Die Regionale 2025

Die Regionale 2025 ist ein Strukturprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen. Der Projektraum Bergisches RheinLand umfasst 28 Kommunen im Oberbergischen Kreis, Rheinisch-Bergischen Kreis und im östlichen Rhein-Sieg-Kreis.

Zu den Aufgaben der Regionale 2025 gehören die Qualifizierung von Konzepten und Projekten, die Beratung der einzelnen Projektträger und die Kommunikation des Strukturprogramms.

Thematisch werden Projekte entlang der Zukunftsthemen „Weiter geht’s!“, „Alles Ressource!“, „Das Gute Leben selbst gemacht!““, „Neues Machen!“ sowie „Hin und weg!“ qualifiziert.

Zur Christlich-Ökologischen Wohngemeinschaft: „Ressourcenschonende Nutzung und genossenschaftliches Engagement: Das Projekt greift gleich zwei thematische Schwerpunkte der Regionale auf. Es schafft nachhaltige Wohnräume, stärkt den Zusammenhalt im Ortsteil und gestaltet gemeinschaftliches Wohnen zukunftsfähig in privater Trägerschaft. Ich freue mich deshalb sehr über den B-Status für das Vorhaben“, sagt Stephan Santelmann, Landrat des Rheinisch-Bergischen Kreises.

Doch bis dahin war es ein sehr langer Weg. „Es gab immer wieder Rückschläge, oft waren wir kurz davor aufzugeben“, resümiert Weingarten. Von den ursprünglich fünf Gründungsmitgliedern sind noch vier mit dabei. Neben Weingarten und seiner Frau sind das seine Schwester und sein Schwager.

Das Gründungsteam (von links): Rebecca, Christian, Simone und Philipp Weingarten (mit Greta und Felix). Foto: Weingarten

„Wir haben verdammt viel Zeit und Geld investiert. Aber das Projekt ist ein Traum von uns“, sagt Weingarten.  „Mein Schwager und ich kommen aus dem Maschinenbau und wir hatten vorher keine Ahnung von Wohnungsbau, Finanzierung oder Genossenschaftsrecht.“ Inzwischen haben die beiden eine Genossenschaft gegründet. „Wir haben viel gelernt, vor allem Geduld.“ 

Nach dem ersten Treffen feilten die Beteiligten ein halbes Jahr an einem Grundkonzept. 2019 fragten sie Kirchen und Kommunen im groben Umkreis von Köln nach passenden Flächen und Gebäuden. In Herkenrath wurde die Gruppe schließlich fündig.

„Die Kirchengemeinde war von unserer Vision begeistert und bot uns das Grundstück direkt an der Kirche St. Antonius Abbas an“, berichtet Weingarten, der als Umweltbeauftragter beim Erzbistum Köln unter anderem für energetisches Sanieren und Photovoltaikanlagen zuständig ist. „Hier sollte etwas Besonderes entstehen, bloß kein Wohnblock oder Hochhaus. Man sicherte uns das alleinige Recht zu planen zu – ganz ohne Zeitdruck.“ 

Wohnungen sind Holzmodule auf Stelzen

Auf dem 4500 Quadratmeter großen Grundstück plant die Gruppe mit dem Architekten Kay Künzel Wohneinheiten in Holzmodulbauweise. Da es sich um ein Hanggrundstück handelt, stehen die Module auf Stelzen. „Wir wollten den Boden nicht verändern. Bei Starkregen kann das Wasser unter den Häusern hindurchfließen“, erklärt Weingarten. 

Die Wohnmodule aus Holz sollen auf Stelzen stehen. Bauskizze: raum für architektur

Die Wohnanlage soll wie ein Dorf aufgebaut sein. Ein Fußweg führt von oben nach unten. Die einzelnen Module sind über Holzstege barrierefrei miteinander verbunden. Ganz unten stehen einige Parkplätze für gemeinsam genutzte Fahrzeuge bereit. Geplant sind zehn Module mit elf Wohneinheiten, davon sollen neun sozial gefördert sein. 

Die Privatwohnfläche ist verhältnismäßig klein; Singlewohnungen messen 40 Quadratmeter, einer fünfköpfigen Familie stehen rund 95 Quadratmeter zur Verfügung. Dafür nutzen die riesige Gartenfläche alle gemeinsam. Ebenso ein „Gemeinschaftsmodul“ mit Küche, Waschküche und einem Badezimmer mit Wanne – die übrigen Wohnungen sind nur mit Duschen ausgestattet – sowie einem großen Raum für Feiern, Meditationen und Gottesdienste.

„Die Module sind ähnlich aufgebaut, so dass eine Familie zum Beispiel ein Zimmer abgeben kann, wenn ein Kind auszieht. Der Raum kann dann wieder anders genutzt werden“, erklärt Weingarten. 

Privatsphäre innerhalb der Gemeinschaft

Die Privatsphäre spielt trotz der Gemeinschaft eine wichtige Rolle: „Die Wohnzimmer sind alle Richtung Norden und zum Hang hin ausgerichtet. Das ist die Privatseite, wo niemand reinschauen kann“, so Weingarten. Alle Haustüren hingegen sind nach Süden, zur „Gemeinschaftsseite“ ausgerichtet. So sollen zufällige Begegnungen geschaffen werden.

Alle Dächer werden begrünt und mit Photovoltaikanlagen ausgerüstet. Für die Gebäude werden hauptsächlich nachwachsende Rohstoffe und möglichst wenig Beton verwendet. Die Module werden im Werk vorgefertigt, was den Bau wetterunabhängig macht und beschleunigt. 

Mitte 2022 stellte die Gruppe eine Bauvoranfrage an die Stadt. Bis zum positiven Bescheid vergingen 20 Monate. Inzwischen hat die Genossenschaft den Erbpachtvertrag mit der Kirche abgeschlossen, den Bauantrag bei der Stadt eingereicht und einen Antrag auf sozial geförderten Wohnraum beim Land gestellt. Und sehr viele Erstgespräche mit Interessenten geführt, die dem Wohnprojekt beitreten möchten. 

Riesiges Interesse von Alleinstehenden

Aktuell zählt das Projekt zwölf Erwachsene und sechs Kinder, die sich regelmäßig treffen, um sich besser kennenzulernen und die nächsten Schritte zu besprechen. Sie kommen nicht nur aus der Region, auch eine Frau aus Hamburg ist darunter. Sechs weitere Erwachsene werden noch ausgewählt, bestenfalls sollen das drei Familien sein. 

„Anhand der Interessenten könnten wir ein eigenes Wohnprojekt für Alleinstehende gründen. Für diese Gruppe haben wir eine lange Warteliste“, sagt Weingarten. Vor allem Frauen über 60 seien darunter. 

Gruppe entscheidet gemeinsam

Die Kirche in Herkenrath zur blauen Stunde. Foto: Thomas Merkenich

Alle Erwachsenen werden Mitglieder der Genossenschaft, die Wohnungen gemietet. Sämtliche Entscheidungen werden von der Gruppe getroffen. Damit das gelingt, begleitet eine externe Mediatorin das Projekt. Dort üben die Mitglieder, Konflikte frühzeitig anzusprechen. „Damit die Gemeinschaft für alle gut funktioniert“, sagt Weingarten.

Langfristig möchte sich die christlich-ökologische Wohngemeinschaft der Kirchengemeinde und dem Quartier öffnen, Begegnungsstätte und Nachbarschaftshilfe für den Ort sein.

Dem Mitbegründer ist es wichtig zu betonen, dass es sich bei der Gemeinschaft um keine ausübende Kirche oder Religionsgemeinschaft handelt: „Wir leben christliche Grundwerte, dazu gehören für uns auch Umweltschutz und der Umgang mit der Erde. Aber hier muss niemand Mitglied einer Kirche sein.“

Mehr Infos und Kontaktmöglichkeiten finden Sie auf der Website: Christlich-ökologisches Wohnprojekt

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. Das ist echt eine erfreuliche Entwicklung :) ich würde das Projekt von Start bis Ende festhalten. Und später ein kleinen Film drehen. Oder eine Zeitleiste erstellen.
    Falls man auch Impulse nach außen geben möchte: Eigenen Social Media Kanal gründen.
    Wenn das Projekt gut läuft werden wir noch mehr davon hören. Denkbar wäre vielleicht auch da oben einen Imkerkurs oder einen Nachhaltigkeitstag zu machen und in der Zeit dann bei Kaffee& Kuchen den Bürgern und neuen Nachbarn sich vorstellen.
    :)

  2. Das ist wirklich großartig, dass ihr es umsetzen werdet und die Geduld dafür aufgebracht habt! Toll, meinen Respekt habt ihr.
    Ganz viel Erfolg weiterhin!

  3. Viel Erfolg bei der Umsetzung! Und Frieden in der Gemeinschaft, damit sie ein leuchtendes Vorbild für andere wird, die auch so ein Projekt umsetzen wollen.

  4. ❤️-lich willkommen in Herkenrath

    Denkt an ausreichenden Schallschutz beim Bau neben der Kirche