Der Charly-Vollmann-Platz liegt direkt neben dem Rathaus. Foto: Klaus Hansen

Zum 80. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert Klaus Hansen die Konzentrationsaußenlager hier in Bergisch Gladbach und an die Verbrechen in den letzten Tagen des Kriegs. Aber auch an die mutigen Frauen und Männer, die noch Schlimmeres verhinderten.

Am 16. März 1945 wurden in einem Steinbruch am Wapelsberg in Paffrath 17 Russen erschossen. Sie sollen geplündert haben. 

Die Leichen wurden an Ort und Stelle verscharrt. Nach dem Einmarsch der Amerikaner im April mussten Deutsche auf Geheiß der Besatzungstruppen die Körper ausgraben und auf dem Friedhof St. Laurentius beisetzen.

Bis heute sind einige Fragen zum Hintergrund der Erschießung unbeantwortet. Auch das umfangreiche Werk der Geschichte Bergisch Gladbachs bietet keine Antworten:

  • Wer waren die Zwangsarbeiter – Kriegsgefangene oder Verschleppte aus den von Deutschen besetzten Gebieten?
  • Wo und wie lebten sie?
  • Wie wurden sie von wem bis wann versorgt?
  • Wer hat sie erschossen? Soldaten, SS, SA? Polizei?
  • Haben möglicherweise Bürger Selbstjustiz geübt?
  • Wenn ja, sind die Täter bekannt?

Vor aller Augen

Es gab in Bergisch Gladbach und Bensberg sechs Konzentrationsaußenlager mit über 3.000 gefangenen Männern und Frauen als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern. Über 300 von ihnen starben in dieser Zeit. Die Unternehmen und landwirtschaftlichen Betriebe, in denen sie arbeiten mussten, sind bekannt. 

Diese geschundenen Menschen wurden offensichtlich beim Zusammenbruch des Reiches nicht mehr versorgt. Sie waren ausgezehrt sich selbst überlassen. Ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne medizinische Versorgung. Schon vorher hatten sie nur das Nötigste zum Überleben bekommen. 

Wahrscheinlich haben sie nach dem Zusammenbruch in ihrer Not geplündert. Genauso wie unzählige Deutsche, die alles verloren hatten, nach Augenzeugenberichten gnadenlos in dieser Phase der Auflösung über einander hergefallen sind.

Umstrittene Personen der Zeitgeschichte

Während in den meisten deutschen Städten und Gemeinden die nach umstrittenen Personen der Zeitgeschichte benannte Straßen und Plätze umbenannt worden sind, ist es hier bis heute nicht gelungen, ein Umdenken zu erreichen.

Das Beharren auf „Hindenburgplatz“ empfinde ich als ein Trauerspiel. Vielleicht gibt es nach der Kommunalwahl im Herbst unter einem neuen Bürgermeister und einem neuen Stadtparlament mehr Mut zur Lösung dieser historischen Fragwürdigkeit. 

Bei der Vergabe von Auszeichnungen als „Ehrenbürger“ sollte nach den gemachten Erfahrungen vielleicht künftig auch eher zurückhaltend gehandelt werden. Es stimmt mich nachdenklich, wenn neben dem Rathaus auf dem Charly-Vollmann-Plätzchen des zu Recht Geehrten – er hat durch seinen mutigen Einsatz am 13. April die mögliche Zerstörung Bergisch Gladbachs durch amerikanische Truppen verhindert – auch die Stele für einen „Ehrenbürger“ aufgestellt ist, der neben verdienstvoller Arbeit für unsere Stadt als Geschäftsführer auch an einem großen staatsbürgerlichen Steuerbetrug beteiligt war. Ein Vorbild? Aber für wen?

Die mutigen Bensberger Frauen, die in den letzten Kriegstagen 1945 die Sinnlosigkeit des „totalen Krieges“ erkannten und mit den fanatischen Nazis zur Aufgabe verhandelten, sind wenigstens mit dem Erna-Klug-Weg geehrt.

Der große Widerspruch

Gedenktage zwingen uns zum Nachdenken über unsere Vergangenheit. Wir können uns nicht nur den strahlenden Seiten der Geschichte zuwenden – es gibt zu viele dunkle Seiten.

Wir können uns als Gesellschaft nicht einerseits auf eine angeblich großartige „deutsche“ Geschichte bis zurück zu den (noch ziemlich) unerforschten Anfängen der Germanen berufen und andererseits den Teil des ungeheuren Zivilisations- und Kulturbruchs des „Tausendjährigen Reiches“ von 1933 bis 1945 (Alexander Gauland, AfD: „Vogelschiss der Geschichte“) ausklammern. Oder sogar am liebsten vergessen machen. 

Transparent vor dem Brandenburger Tor 2005. Foto: Klaus Hansen

Es kann nicht Schluss sein mit der Erinnerung an diese grauenvollen deutschen Verbrechen, denn sie gehören zu unserer Geschichte. Und auch kommende Generationen werden sich ihr stellen müssen. Der erste Bundespräsident – Theodor Heuss – sprach in den 50er-Jahren deswegen von der „Kollektivscham“.

Auch macht der Hinweis auf Kriegsverbrechen anderer Nationen die Verbrechen des eigenen Volkes nicht ungeschehen. Diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit aber können ein Engagement gegen Krieg, Gewalt und Verbrechen stärken. 

Vergessener Kolonialismus

Was noch fehlt in der Aufarbeitung: Auch die öffentliche Diskussion über die Verbrechen der Versklavung und Ausbeutung vieler Völker aus Jahrzehnten des Kolonialismus darf nicht weiter ausgeklammert werden, sondern muss zu unserer gelehrten und gelernten Erinnerung gehören. Und nicht nur in Sonntagsreden Erwähnung finden.


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ist Fotograf, Designer und Kommunikationsberater.

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  1. Danke für diesen Beitrag.

    Auch ich würde mir wünschen, dass der nächste Rat sich inhaltlich mit Deutschem und Hindenburg-Platz auseinandersetzt – und nicht nur mit der Parkverschönerung. Zweifellos war Hindenburg einer der wichtigsten Steigbügelhalter Hitlers und damit für die Nazi-Verbrechen mitverantwortlich. Aber ist eine Umbenennung wirklich der richtige Umgang damit – “aus den Augen, aus dem Sinn”? Wie Herr Hansen zurecht schreibt, müssen wir auch und gerade an die dunklen Seiten der Geschichte erinnern.

    Umbenennen würde ich eher den ‘Deutschen Platz’ – wirklich ein selten dämlicher Name (Gibt es in Gladbach etwa französische, russische oder vietnamesische Plätze?). Als Gegenpol zum Hindenburg-Platz könnte er nach einer/m Kämpfer:in gegen Krieg und Faschismus benannt werden. Wie wäre es mit Carl von Ossietzky, oder Bertolt Brecht?

    Dasselbe gilt für das potthässliche Kriegsdenkmal: Statt es abzureißen, sollte ein neues ‘Friedensdenkmal’ danebengestellt werden. Es ist (leider) nach wie vor notwendig, an die Schrecken des Krieges zu erinnern – aber bitte nicht in Form einer Glorifizierung des “Heldentods”!

  2. Sehr geehrter Herr Peters, als ehemaliger Geschichts- und Politiklehrer sehe ich die Person Hindenburgs ganz anders als Sie. Und so tun es heute die Geschichtswissenschaftler auch. Ich empfehle Ihnen die neuste Lektüre zu diesem Thema, die Sie auch in der Stadtbücherei ausleihen können: Wolfgang Niess “Schicksalsjahr 1925 Als Hindenburg Präsident wurde”. Wenn Sie mich unter masi@mamue.net anmailen, schicke ich Ihnen gerne meinen Änderungsvorschlag mit der entsprechenden Begründung. Er heißt “Wilhelm-Marx-Platz”. Der Stadtanzeiger berichtete schon darüber.

  3. Erinnerung ist gut, aber die Zeiten für Schuld und Scham sollten langsam beendet werden, denn diese versperren den Blick auf neue Formen des Antisemitismus, die sich z.B. neuerdings fahnenschwenkend auf unseren Straßen zeigen.

  4. Sehr geehrter Herr Hansen,

    Leider müssen wir Ihre Darstellung der Person Franz Heirich Krey korrigieren: Er war die treibende Kraft, die Leistung Charly Vollmanns angemessen zu würdigen und sein Andenken zu wahren. Auch war er ein Unterstützer des Staates Israel als Heimat der Jüdinnen und Juden und hat Israel bereist, um mit eindrucksvollen Erlebnissen nach Hause zurückzukehren.

    Ohne Franz Heinrich Krey hätten wir als Städtepartnerschaftsverein den Skulpturenaustausch mit unserer israelischen Partnerstadt Ganey Tikva finanziell nicht stemmen können.

    Da wir ihn noch persönlich kennengelernt und viele seiner Erzählungen aus dem Erleben deutscher Geschichte gehört haben, ist er trotz der Steuer-Angelenheit ein Vorbild für uns. Sein herausragendes Engagement für die Stadt wollte der Verschönerungsverein würdigen, indem seine Büste ganz bewusst am Charly-Vollmann-Platz errichtet wurde – mit Blick auf den Konrad-Adenauer-Platz dem Mittelpunkt “seiner” Stadt.

    Peter und Susanne Schlösser

    1. Korrigieren ist der falsche Ausdruck. Es ist ihre Meinung. Eine falsche Aussage ist ja nicht gemacht worden.

    2. Sie ergänzen Informationen, die durchaus relevant sind – das ändert aber nichts daran, dass es auch eine extrem negative Seite gibt. Eine “umstrittene Persönlichkeit”, wie es in solchen Fällen heißt.

  5. Ja, Erinnerung an das Böse als etwas Existentes ist für unsere Gesellschaft (über-)lebenswichtig.

    Leider setzt sich aber heute immer mehr ein quasi-manichäisches Denken durch, nach dem Motto: “Wir sind die Guten, wer uns ablehnt oder auch nur in Frage stellt ist böse”. Gerade deswegen ist es m.E. fraglich, den Hindenburg-Platz umzu-benennen. Hindenburg war nicht wie Hitler.

    Derbestehende Namen es Platzes motiviert u.a. zur Erweiterung wichtigen Wissens zur Person und dem 1. Weltkrieg.

    Der Name einer Stätte, einer Gestalt, die keine Fragen aufwirft, ist aber banal bis blöde (in dänischer Bedeutung).

    Und der guten Ordnung halber was das Gedenken in unserer Stadt angeht: Schüler des AMG Bensberg haben vor ca 20 Jahren in ihren Ferien die Biographie (Autorin: Frau Rosine DeDijn) einer jüdischen Frau ins Englische übersetzt. Diese, Frau Laja Menen, floh aus Deutschland in die Niederlande, wurde dann von dort nach Auschwitz deportiert und ermordet.

    Nur so erfuhren u.a. deren überlebende Nachkommen in den USA etwas von dem Schicksal ihrer Verwandten.

    Die Schüler gewannen für ihre Arbeit u.a. einen Bundespreis der Konrad-Adenauer-Stitung, einen Besuch im Europaparlament u. einen Flug nach Los Angeles. Die Schülerarbeit wurde dort wie auch in Yad Vashem hinterlegt.

  6. Lieber Klaus Hansen
    Danke für die Erinnerung an Geschehen in unserer Heimat.
    Wir müssen kämpfen dass es in unserem Land nie wieder geschieht dass Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gewinnt. Nie wieder ist jetzt. Ich habe alle Dinge gewusst die in unser Region geschehen sind. Bis auf die Erschießungen in Paffrath
    Danke für den guten Bericht.

  7. Danke, Herr Hansen, und vielleicht kann Ihr Artikel den Menschen ins Gewissen preschen, welchen Schaden sie mit der Wahl für die “afd” angerichtet haben. Leider müssen viele in mittleren und jungen Jahren dabei gewesen sein, die, hoffentlich nicht unbelehrbar, mit Artikeln wie diesem zum Nachdenken und anderen Handeln gebracht werden.

  8. Es fällt mir schwer diesen Artikel bis zum Schluss zu lesen, schwer zu ertragen was sich hier in meiner Wahlheimat zugetragen hat. Gut, dass Sie drauf aufmerksam machen. Und danke für das kritische Hinterfragen von vermeintlich Selbstverständlichen.

    1. Es ist erschreckend, wie wenig Raum dies in der Stadt einnimmt. Für mich ist keine wirklich Erinnerungskultur wahrnehmbar. Hier gäbe es noch großes Potential.