Am 12. und 13. April 1945 zogen die ersten US-Soldaten in Refrath und Bensberg ein. Vor allem dem Einsatz einiger mutiger Frauen ist zu verdanken, dass dabei niemand getötet wurde. Alles schien schon vorbei, als es an der Alten Kirche in Refrath doch noch zu einem dramatischen Zwischenfall kam.

Am 12. April 1945 erreichte die Front Refrath. An diesem Tag drangen amerikanische Panzerspitzen aus Dellbrück über die Brandroster zur Steinbreche vor, wo sie 40 deutsche Soldaten gefangen nahmen.

Bensberg war zu diesem Zeitpunkt noch in deutscher Hand und sollte nach dem Willen des zuständigen Hauptmannes Müller verteidigt werden. Er hatte kaum ein Dutzend Soldaten und die Männer des Volkssturmes waren kaum verteidigungsfähig.

Frauen ergreifen die Initiative

Die Bensberger befürchteten, dass der Ort zerstört würde, wenn es Widerstand gäbe. In dieser Situation ergriffen Frauen die Initiative. Sie versammelten sich morgens auf dem Marktplatz und bedrängten den Ortskommandanten, zu kapitulieren. Aber weder er noch Bürgermeister Schumacher ließen sich sprechen.

Am Nachmittag wiederholten noch mehr Frauen die Aktion – bis der Bürgermeister schließlich bereit war, zum Ortskommandanten zu gehen, aber nichts ausrichten konnte. Es hingen bereits weiße Betttücher in verschiedenen Fenstern. Da Kapitulation als „Wehrkraftzersetzung“ galt und mit dem Tode bestraft wurde, waren die Frauen in Lebensgefahr. 

Erst als sich Erna Klug anbot, das Übergabeschreiben selbst den Amerikanern zu bringen, kam es zu einem Gespräch mit dem Kommandanten und dem Führer des Volkssturmes. Nach diesem Gespräch stiegen der Kommandant und seine letzten neun Fallschirmjägern auf Fahrräder und verschwanden.

Die weiße Fahne auf dem Schloss

Am nächsten Morgen, am 13. April, stieß bei herrlichem Frühlingswetter eine starke Panzereinheit der Amerikaner auf der Lustheide vor. Bensberg lag unter Artilleriebeschuss. Endlich war Bürgermeister Schuhmacher bereit, dem Rat des Polizeimeisters Peter Krauß folgend, zu kapitulieren. Auf dem Schloss wurde die weiße Fahne gehisst. 

Krauß und Schumacher gingen in Begleitung des Dolmetschers Dr. Bauwens den heranrollenden amerikanischen Panzerspitzen entgegen, auf die sie an der Grenze zu Köln in Refrath trafen. Sie wurden zu der Gaststätte „Auerhäuschen“ geleitet, wo Dr. Bauwens die kampflose Übergabe Bensbergs erklärte und um Beendigung der Beschießung bat.

Sofort wurde die Meldung an eine höhere Kommandostelle weitergeleitet, woraufhin die deutschen Unterhändler zum Kommandeur der Panzereinheit nach „Beningsfeld“ gebracht wurden. Unter Beschuss ging es weiter bis nach Paffrath, wo sie in einem Keller erfuhren, dass Bensberg gegen 15 Uhr kampflos besetzt worden sei.

Brisante Situation im „Halben Morgen”

Von der unteren Lustheide fuhren nun amerikansiche Panzer in Richtung „Beningsfeld“, um die Flakstellung auszuschalten und verbliebene Soldaten gefangen zu nehmen. Sie kamen die „Brandroster“ hinauf.

Dort hätte es fast noch einen bösen Zwischenfall gegeben. Ein Panzer hatte sich im „Halben Morgen“, der damals noch Sackgasse war, festgefahren. Er wäre sicherlich durch das kleine Häuschen der Familie Koch gewalzt, wenn nicht eine Englisch sprechende Nachbarin den Amerikanern den Weg über die „Kaule“ gewiesen hätte.

Im Vürfels, im Haus Riehle, befanden sich noch einige Angehörige der Waffen-SS, die sich jedoch kampflos zurückzogen.

Oben im Siebenmorgen, im Holzlager der Niedenhofs, wo heute die Geschäftszeile mit der St. Johannis-Apotheke ist, hatten sich junge deutsche Soldaten mit Panzerfäusten verschanzt. Frau Niedenhof soll sie mit Essen versorgt und schließlich zum Rückzug veranlasst haben.

Mit dem Spaten auf die Amerikaner los

Um ein Haar hätte es dort doch noch einen Toten gegeben. Der alte Herr Bernhard grub gerade seinen Gemüsegarten um, denn es war ja ein sonniger Frühlingstag. Amerikanische Infanteristen marschierten schnurstracks durch den Garten und rissen dabei den Zaun nieder.

Der alte Herr bedrohte sie mit dem Spaten, nicht ahnend, wen er vor sich hatte. Auf den Zuruf „Das sind Amerikaner!“ ließ er erschreckt den Spaten fallen und riss die Arme hoch. Er überlebte.

Die von der oberen Lustheide kommenden Truppen marschierten teilweise durch die Vürfelser Kaule und die Wingertsheide, um sich an der Steinbreche mit denen, die die Brandroster hinauf gekommen waren, zu vereinigen. Vielfach wurden Wohnungen beschlagnahmt, u.a. im Vürfels, und in der Schulstraße (heute Wilhelm-Klein-Straße), die Bewohner einfach auf die Straße gesetzt. Nach zwei Tagen konnten sie wieder einziehen. Die Wohnungen waren ziemlich demoliert.

Letzte Hinrichtungen im „Polenlager”

Ein anderer Truppenteil wandte sich gegen die Panzerabwehrstellung oberhalb der heutigen Kreuzung an der Autobahnauffahrt. Die Panzer fuhren die Brüderstraße hinauf und befreiten dort, wo die Bahnlinie früher die Brüderstraße kreuzte, das sogenannte „Polenlager“ innerhalb des Munitionslagers.

Die Wachposten wurden gefangen genommen. Kurz zuvor waren offensichtlich noch fünf bis heute Unbekannte (vier Männer, eine Frau) durch Genickschüsse hingerichtet und ihre Leichen im Königsforst verscharrt worden.

Der damalige Refrather Totengräber Anton Klein bestätigte fünf Jahre später, diese fünf Leichen später auf Anordnung der Polizei in Reihengräbern auf dem Refrather Friedhof beerdigt zu haben. worden seien.

Konfrontation in Alt-Refrath

Am Nachmittag des 13. April rückte eine starke US-Einheit in Alt-Refrath ein, um dort die Nacht zu verbringen. Zahlreiche Einwohner der umliegenden Häuser wurden gezwungen, ihre Wohnungen zu verlassen und sich zur Alten Kirche zu begeben, wo sie zusammen mit zufällig vorbeikommenden Passanten, z. B. Arbeitern der Firma Zanders, eingesperrt wurden. Im Innern der kleinen Kirche ging es eng zu. Zwar hatten einige sich Decken mitgenommen, doch an Schlaf war kaum zu denken. 

Elisabeth Heidkamp, damals 24 Jahre alt, erinnert sich an diese Stunden quälender Ungewissheit:

„Eine Frau bekam eine Gallenkolik. Eine andere, die Gattin eines örtlichen Parteifunktionärs, hatte sich in ein schwarzes Tuch gehüllt, um nicht erkannt zu werden. Gegen Morgen schnitt sie sich aus Angst die Pulsadern auf. Als es endlich Tag geworden war, durften einige von uns das Gebäude verlassen, mussten sich aber auf dem Kirchhof aufhalten. Soldaten waren dabei, ihr Frühstück zuzubereiten. 

Plötzlich hörten wir ein merkwürdiges Geräusch, wie von einer vorbeifliegenden Kugel. Auf ein Kommando hin sprangen mehrere Soldaten über die Mauer. Wir wurden wieder in die Kirche getrieben, wo man uns nach Waffen durchsuchte. Nach einiger Zeit konnten wir erneut ins Freie. Die meist älteren Männer mussten sich neben der Kirchentür aufstellen und abzählen.

Ein amerikanischer Dolmetscher kam hinzu und sagte: „Wir haben den Mann gefunden, der geschossen hat. Wenn wir ihn nicht erwischt hätten, wäre das ganze Dorf vernichtet worden. Außerdem hätten wir zehn von Ihren Leuten erschossen. 

Gegen 7.30 Uhr sah ich eine Gruppe Soldaten mit Johann Will in der Mitte an der Kirchhofmauer vorbei zum Pastorat nebenan gehen. Will musste sich neben der Haustür mit dem Gesicht zur Wand aufstellen, dann wurde ein weißer Zettel auf seinem Rücken befestigt. Die Soldaten brachten ihre Gewehre in Anschlag und feuerten. Johann Will fiel tot zu Boden. 

Eine in der Nähe wohnende Frau, die Englisch sprach, hatte vergeblich versucht, den Militärs klarzumachen, dass der Verhaftete unschuldig sei. Will selber war wohl so erschrocken, dass er keine Wort herausbrachte. Bis Mittag mussten alle innerhalb der Kirchhofsmauer bleiben. Dann zogen die Amerikaner ab, und wir durften wir wieder unsere Häuser aufsuchen.“

Die Familie Will wohnte im Hause Stachelsgut Nr. 36, hatte aber die Nacht bei Nachbarn verbracht. Stephan, der damals 10-jährige Sohn, berichtete später:

„Am fraglichen Morgen waren wir in unser Haus gegangen, um zu frühstücken. Plötzlich stürmten ein amerikanischer Offizier und ein Soldat herein und befahlen meinem Vater mitzukommen. Draußen wurde er nach Waffen durchsucht und zu einem Stab in der jetzigen Golfplatzstraße geführt.“

Stephan hörte die Schüsse des Hinrichtungskommandos, ohne zu wissen, was mit seinem Vater geschehen war. Später fanden er und seine Mutter den Leichnam vor dem Pastorat am Kirchfeld. Der Tote wurde zunächst an der Kirche begraben und später zum Refrather Friedhof überführt.

Eine alte Waffe auf dem Dachboden

Wie konnte es zur Verhaftung und Hinrichtung eines Mannes kommen, der nie eine Uniform getragen hatte? Johann Will war 34 Jahre alt, als er sterben musste. Er war während des Krieges bei einer Kölner Firma als Schweißer beschäftigt und deshalb freigestellt.

Die Amerikaner waren auf der Suche nach dem Schützen der vermeintlichen Schussrichtung nachgegangen und hatten als erstes das der Kirche am nächsten liegende Haus Stachelsgut Nr. 38 durchsucht. Hier wohnten zwei alte Damen.

Als nächstes drangen sie bei Wills ein. Es gibt einen Hinweis, dass sie dort auf dem Dachboden eine alte Waffe fanden, von denen Wills nichts wussten, da sie in dieses Haus erst vor kurzen eingezogen waren.

Für die Soldaten wäre es sicherlich ein Leichtes gewesen festzustellen, ob eine vorgefundene Waffe kurz vorher benutzt worden war. Vielleicht musste unbedingt ein Schuldiger gefunden werden für einen Schuss, bei dem ein Amerikaner an der Hand verletzt worden war.

Elisabeth Heidkamp vermutete, dass einer der auf dem Kirchhof kampierenden Soldaten versehentlich einen Schuss ausgelöst hat. Dies erscheint umso plausibler, als nicht wenige Amerikaner unter dem Einfluss des offenbar reichlich genossenen Alkohols standen, den sie gegenüber in der Gaststätte „Erholung“ gefunden hatten.

Die Amerikaner zogen Richtung Bensberg weiter, die Anwohner blieben ohnmächtig wütend zurück, und ein Kind hatte plötzlich keinen Vater mehr. Es blieb der Namen des Opfers auf einer Gedenktafel an der Mauer neben der Einfahrt des alten Pastorates.

Der Zweite Weltkrieg hat Refrath insgesamt 233 Todesopfer gekostet, darunter mindestens sechs Männer und Frauen, die im Ort zu Tode kamen. Laut Entschädigungsliste vom 31. Oktober 1947 wurden in Refrath 41 Häuser zerstört oder beschädigt.

Hinweis der Redaktion: Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Bericht „Als der Krieg nach Refrath kam” unseres Autors. Dort finden Sie auch alle Quellenangaben. Den ganzen Bericht können Sie hier herunter laden:

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Hans Peter Müller

ist Lehrer im Ruhestand und war lange Jahre Vorsitzender des Bürger- und Heimatvereins Refrath. Als Heimatforscher und Autor arbeitet er die Geschichte des Ortsteils auf.

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